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Carl Schuricht

Von
Hortensia Weiher-Waege
Erschienen in der Printausgabe im
Juli 1960
Lesezeit ca.
Minuten

„Schuricht braucht beim Proben nie um Ruhe zu bitten", betonte erst kürzlich wieder ein Musiker aus einem der Spitzenorchester, die es sich zur Ehre anrechnen, unter dem Nestor der großen deutschen Dirigenten musizieren zu dürfen. Schon in jungen Jahren wurde sein glänzendes Proben gerühmt; Disziplin und konzentrierte Aufmerksamkeit des Orchesters (und des Publikums!) sind eine Selbstverständlichkeit bei diesem geborenen Herrscher, der sich ohne Zwang durchsetzen kann, weil seine künstlerische und menschliche Haltung überzeugt. Er selbst ist ein großartiges Beispiel für den Triumph des Willens über körperliche Beschwerden, die ihm seit einiger Zeit beim Gehen sichtlich Mühe und Pein bereiten, aber seine künstlerische Tätigkeit nicht beeinträchtigen; wenn er am Pult sitzt, wird der Eindruck von Mühsal und hohem Alter durch die Vitalität und geistige Überlegenheit seines Musizierens völlig verdrängt.

Seine Bitte an einen Bläser, etwa eine Phrase in Schuberts h-moll-Symphonie für ihn zu wiederholen, „damit er mit ihm atmen könne", zeigt deutlich seine Einstellung zum Kunstwerk: Für ihn ist eine Komposition weder Bauwerk noch Gemälde, erst recht keine Mathematikaufgabe, sondern ein lebender, atmender Organismus, dessen Pulsschlag vom Herzen ausgeht. Dabei lässt er sein starkes Gefühl und seinen ausgeprägten Klangsinn nie die Form überwuchern; geistige Zucht und klare Übersicht wahren die Geschlossenheit des Gesamteindrucks. Seine Gestaltung kennt straffe Energie und ruhiges Ausströmen, tragische Kämpfe und gelöste Heiterkeit, festlichen Aufschwung und tiefes Sinnen, aber niemals ein hemmungsloses Sichverlieren. Das gibt seiner Darstellung die Größe, Kraft und Würde, die ihn den Meisterdirigenten der Generation um Muck und seinen musikalischen Antipoden Nikisch in persönlich ausgeprägter Eigenart an die Seite stellt.

Wer in den letzten fünf, sechs Jahren das Glück hatte, Schuricht im Konzertsaal zu erleben, kann etwa eine späte Bruckner- Symphonie, Ouvertüren oder Symphonien von Beethoven, die Unvollendete, Brahms Vierte oder andere Meisterwerke der Klassik und Romantik von ihm gehört haben, die man in seiner vorbildlichen Wiedergabe jetzt wohl am meisten begehrt. Früher hat er mit „seinem" Wiesbadener Symphonie-Orchester auch ein umfassendes zeitgenössisches Repertoire gepflegt, ist konsequent für die damals Modernen Strauss, Mahler, Bruckner, Debussy, Reger, Pfitzner und viele andere, später auch für Schönberg, Strawinsky, Bartok und Hindemith eingetreten und hat sich bemüht, durch Einführungsvorträge das Verständnis für neue Werke zu erleichtern und zu vertiefen. In einer Festschrift zum fünfundsiebzigjährigen Bestehen des Orchesters berichtete ein alter Orchestermusiker, F. Danneberg, aus eigener Erfahrung von glanzvollen Musikfesten in der Kurstadt, von überragenden Aufführungen klassischer und neuer Oratorien, daneben auch von Jugendkonzerten, die Schuricht eingeführt hat.

Mehr als dreißig Jahre war der Dirigent dem Wiesbadener Orchester verbunden, ein zumal in heutigen Augen ganz ungewöhnlicher Fall. Der geborene Danziger, der väterlicherseits aus einer alten Danziger Orgelbauerfamilie stammt und auch durch seine Mutter, eine Sängerin, musikalisch „belastet" war, hatte schon einen Teil seiner Studienjahre in Wiesbaden verlebt (vorher in Berlin), dann als Korrepetitor an verschiedenen kleineren Theatern die Opernpraxis genau kennengelernt, als die Ernennung zum Städtischen Musikdirektor den Zweiunddreißigjährigen ganz für das Konzertpodium gewann. Neben seinem künstlerisch erfolgreichen Wirken in Wiesbaden konnte er noch eine ständig wachsende Zahl von Gastkonzerten im In- und Ausland durchführen. Aus politischen Gründen ging er 1944 in die Schweiz,- seine Gastspieltätigkeit hat er nach dem Krieg in der Bundesrepublik, den westeuropäischen Ländern und Amerika stetig fortgesetzt.

Auch für die Schallplattenaufnahmen hat man ihn gern geholt. Eine ausführlichere Würdigung seiner Platten kann hoffentlich auch seine jüngste Aufnahme aller neun Beethoven-Symphonien mit dem Pariser Conservatoire-Orchester bei Pathé mit einbeziehen. Ältere Aufnahmen der Ersten und Fünften von Beethoven, der Unvollendeten, gekoppelt mit Mozarts Haffner-Symphonie, Hegen bei Decca vor; mit gleichem Orchester, den Wiener Philharmonikern, hat er auch die besonders schöne Wiedergabe von Brahms B-dur-Konzert mit Backhaus und die des Brahms-Violinkonzerts mit Ferras eingespielt. Mit dem Pariser Conservatoire hat Decca noch die selten gespielten Symphonien in C-dur und Es-dur von Schumann sehr verdienstlich herausgebracht. Für die Deutsche Grammophon hat Schuricht früher viele 78er Platten dirigiert; Bernard Gavoty führt in seiner verständnisvollen Studie über Schuricht speziell die Dritte und Siebente von Beethoven und Bruckners Siebente und Neunte an. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn die Deutsche Grammophon einige dieser alten Platten für 33er auswerten würde; noch besser wäre eine Neuaufnahme weiterer Bruckner-Symphonien, die er so unvergleichlich gestaltet.

„Schuricht braucht beim Proben nie um Ruhe zu bitten", betonte erst kürzlich wieder ein Musiker aus einem der Spitzenorchester, die es sich zur Ehre anrechnen, unter dem Nestor der großen deutschen Dirigenten musizieren zu dürfen. Schon in jungen Jahren wurde sein glänzendes Proben gerühmt; Disziplin und konzentrierte Aufmerksamkeit des Orchesters (und des Publikums!) sind eine Selbstverständlichkeit bei diesem geborenen Herrscher, der sich ohne Zwang durchsetzen kann, weil seine künstlerische und menschliche Haltung überzeugt. Er selbst ist ein großartiges Beispiel für den Triumph des Willens über körperliche Beschwerden, die ihm seit einiger Zeit beim Gehen sichtlich Mühe und Pein bereiten, aber seine künstlerische Tätigkeit nicht beeinträchtigen; wenn er am Pult sitzt, wird der Eindruck von Mühsal und hohem Alter durch die Vitalität und geistige Überlegenheit seines Musizierens völlig verdrängt.

Seine Bitte an einen Bläser, etwa eine Phrase in Schuberts h-moll-Symphonie für ihn zu wiederholen, „damit er mit ihm atmen könne", zeigt deutlich seine Einstellung zum Kunstwerk: Für ihn ist eine Komposition weder Bauwerk noch Gemälde, erst recht keine Mathematikaufgabe, sondern ein lebender, atmender Organismus, dessen Pulsschlag vom Herzen ausgeht. Dabei lässt er sein starkes Gefühl und seinen ausgeprägten Klangsinn nie die Form überwuchern; geistige Zucht und klare Übersicht wahren die Geschlossenheit des Gesamteindrucks. Seine Gestaltung kennt straffe Energie und ruhiges Ausströmen, tragische Kämpfe und gelöste Heiterkeit, festlichen Aufschwung und tiefes Sinnen, aber niemals ein hemmungsloses Sichverlieren. Das gibt seiner Darstellung die Größe, Kraft und Würde, die ihn den Meisterdirigenten der Generation um Muck und seinen musikalischen Antipoden Nikisch in persönlich ausgeprägter Eigenart an die Seite stellt.

Wer in den letzten fünf, sechs Jahren das Glück hatte, Schuricht im Konzertsaal zu erleben, kann etwa eine späte Bruckner- Symphonie, Ouvertüren oder Symphonien von Beethoven, die Unvollendete, Brahms Vierte oder andere Meisterwerke der Klassik und Romantik von ihm gehört haben, die man in seiner vorbildlichen Wiedergabe jetzt wohl am meisten begehrt. Früher hat er mit „seinem" Wiesbadener Symphonie-Orchester auch ein umfassendes zeitgenössisches Repertoire gepflegt, ist konsequent für die damals Modernen Strauss, Mahler, Bruckner, Debussy, Reger, Pfitzner und viele andere, später auch für Schönberg, Strawinsky, Bartok und Hindemith eingetreten und hat sich bemüht, durch Einführungsvorträge das Verständnis für neue Werke zu erleichtern und zu vertiefen. In einer Festschrift zum fünfundsiebzigjährigen Bestehen des Orchesters berichtete ein alter Orchestermusiker, F. Danneberg, aus eigener Erfahrung von glanzvollen Musikfesten in der Kurstadt, von überragenden Aufführungen klassischer und neuer Oratorien, daneben auch von Jugendkonzerten, die Schuricht eingeführt hat.

Mehr als dreißig Jahre war der Dirigent dem Wiesbadener Orchester verbunden, ein zumal in heutigen Augen ganz ungewöhnlicher Fall. Der geborene Danziger, der väterlicherseits aus einer alten Danziger Orgelbauerfamilie stammt und auch durch seine Mutter, eine Sängerin, musikalisch „belastet" war, hatte schon einen Teil seiner Studienjahre in Wiesbaden verlebt (vorher in Berlin), dann als Korrepetitor an verschiedenen kleineren Theatern die Opernpraxis genau kennengelernt, als die Ernennung zum Städtischen Musikdirektor den Zweiunddreißigjährigen ganz für das Konzertpodium gewann. Neben seinem künstlerisch erfolgreichen Wirken in Wiesbaden konnte er noch eine ständig wachsende Zahl von Gastkonzerten im In- und Ausland durchführen. Aus politischen Gründen ging er 1944 in die Schweiz,- seine Gastspieltätigkeit hat er nach dem Krieg in der Bundesrepublik, den westeuropäischen Ländern und Amerika stetig fortgesetzt.

Auch für die Schallplattenaufnahmen hat man ihn gern geholt. Eine ausführlichere Würdigung seiner Platten kann hoffentlich auch seine jüngste Aufnahme aller neun Beethoven-Symphonien mit dem Pariser Conservatoire-Orchester bei Pathé mit einbeziehen. Ältere Aufnahmen der Ersten und Fünften von Beethoven, der Unvollendeten, gekoppelt mit Mozarts Haffner-Symphonie, Hegen bei Decca vor; mit gleichem Orchester, den Wiener Philharmonikern, hat er auch die besonders schöne Wiedergabe von Brahms B-dur-Konzert mit Backhaus und die des Brahms-Violinkonzerts mit Ferras eingespielt. Mit dem Pariser Conservatoire hat Decca noch die selten gespielten Symphonien in C-dur und Es-dur von Schumann sehr verdienstlich herausgebracht. Für die Deutsche Grammophon hat Schuricht früher viele 78er Platten dirigiert; Bernard Gavoty führt in seiner verständnisvollen Studie über Schuricht speziell die Dritte und Siebente von Beethoven und Bruckners Siebente und Neunte an. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn die Deutsche Grammophon einige dieser alten Platten für 33er auswerten würde; noch besser wäre eine Neuaufnahme weiterer Bruckner-Symphonien, die er so unvergleichlich gestaltet.