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Porträt: Ingrid Haebler

Von
Hans Otto Spingel
Erschienen in der Printausgabe im
Juli 1960
Lesezeit ca.
Minuten

Der spontane Beifall der Hamburger Großen Musikhalle verebbte nur langsam. Der große Erfolg, den die junge österreichische Pianistin Ingrid Haebler mit Mozarts Krönungskonzert feiern konnte, war für mich kein Wunder, sondern nur die Bestätigung meines schon vor Jahren gefällten Urteils: Diese Künstlerin gehört eindeutig zur Weltklasse. Was damals noch nicht viele voraussahen, hat sich mittlerweile bestätigt. Ingrid Haebler hat sich in die erste Garnitur der internationalen Prominenz hineingespielt, und das vorzugsweise auf einem Gebiet, auf dem eine junge Künstlerin vielleicht am schwersten die Lorbeeren des Ruhmes erwirbt: der Wiener Klassik. Mozart, Haydn und Schubert sind ihre Götter. Ihnen gilt ihr stetes und intensives Bemühen um Vervollkommnung. Ihre Interpretation der Werke dieses Dreigestirns ist trotz ihrer Jugend heute schon von einer großartigen Reife. Bei der Kraft und der Konsequenz ihrer Gestaltung drängt sich nicht von ungefähr der Vergleich mit der zwingenden Gestaltung einer Lilli Kraus, einer Clara Haskil, einer Annie Fischer auf, an deren auf faszinierende Art persönlich gefärbte Interpretation das Spiel Ingrid Haeblers denken lässt: Auf derselben höchsten Stufe perfekter Technik und erfüllter Musikalität wird eine Stufe gleichsam gewaltloser Verschmelzung zwischen Interpret und Werk erreicht, die völlige Einheit der Musik mit dem sie realisierenden Gehirn und Herz. Nach den ersten Tönen wird das Kennzeichen des großen Künstlers erkennbar: Das Interesse an der Person erlischt — man hört nur noch Musik. Das Paradoxon tritt ein, dass es einem gleichgültig ist, wer da vorn sitzt und traumhaft sicher die Hände bewegt, und dass es doch im Augenblick, da sie musiziert, nur so und nicht anders sein kann — so bezwingend ist ihre Persönlichkeit und so sehr tritt sie zurück.

Ingrid Haebler wurde in Wien geboren und verlebte ihre Kindheit in Polen. Musikalisch „belastet" ist sie durch ihre Mutter, die eine ausgezeichnete Pianistin war. Sechsjährig erhielt ihre Tochter den ersten Unterricht von ihr. Ein Jahr später folgten erste Kompositionsversuche und Unterricht in musiktheoretischen Fächern. Schon in dieser frühen Jugend erhielt sie bleibende und prägende Eindrücke durch die Persönlichkeiten von Künstlern wie Robert Casadesus, Claudio Arrau und Bronislav Huberman, die im musikbegeisterten Haus ihrer Eltern oft zu Gast waren. Als der zweite Weltkrieg ausbrach, übersiedelte die Familie nach Salzburg. Mit 11 Jahren trat das hochbegabte Kind dort zum ersten Mal in einem Konzert auf, in dem sie Werke von Mozart und eigene Kompositionen spielte. Sie studierte nun am Salzburger Mozarteum und konzentrierte sich ganz auf das Klavierspiel. In Wien arbeitete sie anschließend an der Musikakademie bei Paul Weingarten, der ihre Entwicklung entscheidend beeinflusste. 1947 gewann sie dort ihren ersten Preis. Kurz darauf starb ihr Lehrer und sie kehrte nach Salzburg zurück. Das glänzende Resultat ihrer Abschlussprüfung am Mozarteum war die Zuerkennung der Lotte-Lehmann-Medaille durch die Internationale Mozarteum-Gesellschaft. 1950 wurde in Genf Nikita Magaloff ihr Lehrer. Bei ihm schloss sie ihre Studien ab, die sie zu der perfekten und brillanten Pianistin machten, die man noch im kleinsten und unscheinbarsten Musikstück spürt, das man von ihr hört. Die Krönung dieser Ausbildung war der „Prix du virtuosite avec distinetion". Preise in Genf und Bozen folgten, 1954 der erste Preis im Schubert-Wettbewerb und der erste Preis im Internationalen Wettbewerb der Rundfunkanstalten in München. 1957 wurde sie mit der Beethoven-Medaille der Harriet-Cohen-Gesellschaft in London ausgezeichnet, 1958 mit dem Grand Prix du disque in Paris für die Schallplattenaufnahme zweier Mozartkonzerte. Das ironische Bonmot des scharfzüngigen Hellmesberger „je preiser gekrönt, desto durcher gefallen" hat bei dieser großartigen Künstlerin keine Berechtigung. Ihre instrumentale Perfektion und musikalische Reife drückt sich nicht nur in diesen Auszeichnungen aus, sondern auch in den wachsenden Konzertverpflichtungen. Seit 1954 spielt sie in jedem Jahr bei den Salzburger Festspielen und hat mittlerweile mit größtem Erfolg in ganz Europa, dem Orient, Australien und Amerika konzertiert. Die großen Orchester der Welt sahen sie als Gast, sie spielte mit dem Concertgebouworkest, den Wiener Sinfonikern, dem Royal Philharmonie Orchestra London, dem Orchester Lamoureux Paris, den Bamberger Symphonikern, dem Stuttgarter Kammerorchester usw. Bis jetzt liegen bei Fontana drei Schallplatten vor, die die musikalische Ausprägung und technische Perfektion der jungen Künstlerin hervorragend dokumentieren (s. Diskographie).

Die wohlverdienten Ferien werden für Ingrid Haebler nur kurz sein. Bei den Salzburger Festspielen wird sie konzertieren und im Rahmen des Holland-Festivals mit dem Niederländischen Kammerorchester in Amsterdam und Scheveningen spielen. Für die nächste Saison sehen die Pläne u. a. Konzerte in England, Irland, Belgien, Deutschland und der Schweiz vor. Außerdem Rundfunkaufnahmen, weitere Schallplatten — Arbeit in Hülle und Fülle!

Toi-toi-toi zum guten Gelingen all dieser Aufgaben — uns wünschen wir ein baldiges Wiedersehen und -hören!

Der spontane Beifall der Hamburger Großen Musikhalle verebbte nur langsam. Der große Erfolg, den die junge österreichische Pianistin Ingrid Haebler mit Mozarts Krönungskonzert feiern konnte, war für mich kein Wunder, sondern nur die Bestätigung meines schon vor Jahren gefällten Urteils: Diese Künstlerin gehört eindeutig zur Weltklasse. Was damals noch nicht viele voraussahen, hat sich mittlerweile bestätigt. Ingrid Haebler hat sich in die erste Garnitur der internationalen Prominenz hineingespielt, und das vorzugsweise auf einem Gebiet, auf dem eine junge Künstlerin vielleicht am schwersten die Lorbeeren des Ruhmes erwirbt: der Wiener Klassik. Mozart, Haydn und Schubert sind ihre Götter. Ihnen gilt ihr stetes und intensives Bemühen um Vervollkommnung. Ihre Interpretation der Werke dieses Dreigestirns ist trotz ihrer Jugend heute schon von einer großartigen Reife. Bei der Kraft und der Konsequenz ihrer Gestaltung drängt sich nicht von ungefähr der Vergleich mit der zwingenden Gestaltung einer Lilli Kraus, einer Clara Haskil, einer Annie Fischer auf, an deren auf faszinierende Art persönlich gefärbte Interpretation das Spiel Ingrid Haeblers denken lässt: Auf derselben höchsten Stufe perfekter Technik und erfüllter Musikalität wird eine Stufe gleichsam gewaltloser Verschmelzung zwischen Interpret und Werk erreicht, die völlige Einheit der Musik mit dem sie realisierenden Gehirn und Herz. Nach den ersten Tönen wird das Kennzeichen des großen Künstlers erkennbar: Das Interesse an der Person erlischt — man hört nur noch Musik. Das Paradoxon tritt ein, dass es einem gleichgültig ist, wer da vorn sitzt und traumhaft sicher die Hände bewegt, und dass es doch im Augenblick, da sie musiziert, nur so und nicht anders sein kann — so bezwingend ist ihre Persönlichkeit und so sehr tritt sie zurück.

Ingrid Haebler wurde in Wien geboren und verlebte ihre Kindheit in Polen. Musikalisch „belastet" ist sie durch ihre Mutter, die eine ausgezeichnete Pianistin war. Sechsjährig erhielt ihre Tochter den ersten Unterricht von ihr. Ein Jahr später folgten erste Kompositionsversuche und Unterricht in musiktheoretischen Fächern. Schon in dieser frühen Jugend erhielt sie bleibende und prägende Eindrücke durch die Persönlichkeiten von Künstlern wie Robert Casadesus, Claudio Arrau und Bronislav Huberman, die im musikbegeisterten Haus ihrer Eltern oft zu Gast waren. Als der zweite Weltkrieg ausbrach, übersiedelte die Familie nach Salzburg. Mit 11 Jahren trat das hochbegabte Kind dort zum ersten Mal in einem Konzert auf, in dem sie Werke von Mozart und eigene Kompositionen spielte. Sie studierte nun am Salzburger Mozarteum und konzentrierte sich ganz auf das Klavierspiel. In Wien arbeitete sie anschließend an der Musikakademie bei Paul Weingarten, der ihre Entwicklung entscheidend beeinflusste. 1947 gewann sie dort ihren ersten Preis. Kurz darauf starb ihr Lehrer und sie kehrte nach Salzburg zurück. Das glänzende Resultat ihrer Abschlussprüfung am Mozarteum war die Zuerkennung der Lotte-Lehmann-Medaille durch die Internationale Mozarteum-Gesellschaft. 1950 wurde in Genf Nikita Magaloff ihr Lehrer. Bei ihm schloss sie ihre Studien ab, die sie zu der perfekten und brillanten Pianistin machten, die man noch im kleinsten und unscheinbarsten Musikstück spürt, das man von ihr hört. Die Krönung dieser Ausbildung war der „Prix du virtuosite avec distinetion". Preise in Genf und Bozen folgten, 1954 der erste Preis im Schubert-Wettbewerb und der erste Preis im Internationalen Wettbewerb der Rundfunkanstalten in München. 1957 wurde sie mit der Beethoven-Medaille der Harriet-Cohen-Gesellschaft in London ausgezeichnet, 1958 mit dem Grand Prix du disque in Paris für die Schallplattenaufnahme zweier Mozartkonzerte. Das ironische Bonmot des scharfzüngigen Hellmesberger „je preiser gekrönt, desto durcher gefallen" hat bei dieser großartigen Künstlerin keine Berechtigung. Ihre instrumentale Perfektion und musikalische Reife drückt sich nicht nur in diesen Auszeichnungen aus, sondern auch in den wachsenden Konzertverpflichtungen. Seit 1954 spielt sie in jedem Jahr bei den Salzburger Festspielen und hat mittlerweile mit größtem Erfolg in ganz Europa, dem Orient, Australien und Amerika konzertiert. Die großen Orchester der Welt sahen sie als Gast, sie spielte mit dem Concertgebouworkest, den Wiener Sinfonikern, dem Royal Philharmonie Orchestra London, dem Orchester Lamoureux Paris, den Bamberger Symphonikern, dem Stuttgarter Kammerorchester usw. Bis jetzt liegen bei Fontana drei Schallplatten vor, die die musikalische Ausprägung und technische Perfektion der jungen Künstlerin hervorragend dokumentieren (s. Diskographie).

Die wohlverdienten Ferien werden für Ingrid Haebler nur kurz sein. Bei den Salzburger Festspielen wird sie konzertieren und im Rahmen des Holland-Festivals mit dem Niederländischen Kammerorchester in Amsterdam und Scheveningen spielen. Für die nächste Saison sehen die Pläne u. a. Konzerte in England, Irland, Belgien, Deutschland und der Schweiz vor. Außerdem Rundfunkaufnahmen, weitere Schallplatten — Arbeit in Hülle und Fülle!

Toi-toi-toi zum guten Gelingen all dieser Aufgaben — uns wünschen wir ein baldiges Wiedersehen und -hören!