Porträt: Herrmann Prey
Erschienen im FONO FORUM im August 1960

Hermann Prey ist als Naturtalent ohne erkennbare musische „Belastung" durch die Vorfahren zur Musik gekommen. Er ist der erste Fall von künstlerischer Begabung in der Familie. Der für sein Singen charakteristische Zug von ursprünglicher Frische und natürlicher Wärme der Empfindung wird dadurch vielleicht zum Teil erklärt. Ausgangspunkt seines Musizierens scheint der Ton, nicht das Wort zu sein; er besitzt aber zugleich die Gabe, die ausgeglichene Gesangslinie durch reichen Gefühlsinhalt zu vertiefen.
Den Weg, den seine ungewöhnlich schöne Stimme und starke Musikalität ihm wiesen, hat der junge Berliner trotz mancher Widerstände unbeirrt verfolgt. Schlusnus war sein bewundertes Vorbild; seine ausgezeichnete gesangliche Schulung verdankt er in erster Linie dem Privatunterricht von Harry Gottschalk. Daneben studierte er an der Musikhochschule seiner Vaterstadt; besonders wertvoll war für ihn dort der Besuch der Opernklasse Jaro Prohaskas und die Beschäftigung mit Nebenfächern wie Klavier, Theorie und Musikgeschichte. Die Mittel zum Studium musste er zum Teil selbst aufbringen, durch Unterhaltungsmusik und später durch die Leitung eines Kinderchors. Die Erfolge bei einem öffentlichen Preissingen in Berlin und bei einem Nürnberger Sänger-Wettbewerb führten zu einer Konzerttournee nach den USA und zum ersten Opernengagement des Dreiundzwanzigjährigen in Wiesbaden.
Schon ein Jahr später, 1953, holte Günter Rennert den vielversprechenden jungen Bariton mit einem langjährigen Vertrag an die Hamburgische Staatsoper. Damals lag ihm das Konzertpodium offenbar noch näher als die Bühne; im Bereich des Liedes besaß er bereits eine erstaunliche Literaturkenntnis. Erstes großes Aufsehen erregte er auch in Hamburg im Konzertsaal, als er bei einer Aufführung von Händels „Samson" die Partie des greisen Manoah klanglich und expressiv überzeugend gestaltete. Noch in der gleichen Spielzeit wurde er als Solist für die konzertante Uraufführung von Schönbergs „Moses und Aaron" in Hamburg herangezogen. Mehr und mehr verwuchs er daneben mit seinen dramatischen Aufgaben, die ihm heute genau so lieb und wichtig sind wie Lied und Oratorienpartien. Auf der Bühne konnte man ihm in diesen ersten Hamburger Jahren unter anderem den Don Carlos in Verdis „Macht des Schicksals", den jungen Pazifisten Meton in Kreneks Zwölftonoper „Pallas Athene weint" und eine der Hauptrollen in Honeggers Operette „König Pausole" anvertrauen. Trotzdem sehnte sich der junge Sänger nach einem größeren Wirkungskreis und war glücklich und dankbar, als der neue Intendant Tietjen dafür Verständnis zeigte und ihn vorzeitig aus seinem Vertrag entließ.
Rasch vollzog sich nun Preys Aufstieg; er sang in Berlin, an den Staatsopern Wien und München, bei den Salzburger Festspielen, wurde für Festivals in Holland und Edinburgh verpflichtet und reiste wiederholt in die USA. Die Verbindung mit Hamburg riss nicht ganz ab; so übernahm er in Wieland Wagners Hamburger Tannhäuser-Inszenierung die Partie des Wolfram, für die er geradezu prädestiniert ist. (Künftigen Winter wird er sie an der Met singen.) Als krönende Aufgabe für reifere Jahre wünscht er sich den Hans Sachs. Auf seiner Wunschliste stehen neben Papageno und dem Minister in „Fidelio", die er bald zu singen hofft, für später noch Mandryka und Jochanaan. Seine Planung ist klar und zielbewusst; sein ehrgeiziges Streben und seine nüchterne Selbstkritik berühren dabei ebenso sympathisch wie die ehrliche Bewunderung für bedeutende Kolleginnen und Kollegen, nicht nur der älteren Jahrgänge.
Gluck, Mozart und Richard Strauss stellen gegenwärtig das Hauptkontingent seiner Operngestalten. Italienische Partien liegen jetzt mehr am Rande, wenngleich Prey zum Beispiel den Barbier von Sevilla hin und wieder sehr gern singt. Gerade an dieser Partie konnte man im vorigen Jahr bei einer Fernseh-Übertragung aus dem Münchner Residenztheater den großen Gewinn an darstellerischer Beweglichkeit erkennen. Eine wichtige neue Stufe bedeutete sein Don Giovanni, den er innerhalb weniger Wochen in den zwei prinzipiell entgegengesetzten Inszenierungen von Schuh in Köln und Rennert in Hamburg zu spielen hatte. Schweren Herzens hat er wegen einer Erkrankung kurz vor der Uraufführung auf die vom Komponisten eigens für ihn bestimmte Partie des Prinzen von Homburg in Henzes gleichnamiger Oper verzichten müssen; er hofft, sie bald an einem andern Theater gestalten zu können. Durch Gastspielverträge ist er ständig mit mehreren großen Bühnen verbunden; etwa die Hälfte seiner Zeit und künstlerischen Arbeit gehört stets dem Konzert und Oratorium, auch im Rundfunk ist er öfter mit eindrucksvollen Liedsendungen (Schöne Müllerin, Ferne Geliebte) zu hören. Zu seinen bedeutendsten Leistungen auf oratorischem Gebiet zählen die groß aufgefassten Christus- Gestalten der beiden Bach-Passionen und das Baritonsolo im Brahms-Requiem. Als hervorragender Liedersänger von zunehmend persönlicher Prägung behauptet er sich konzessionslos mit wertvollen, auch wohl eigenwilligen Programmen aus den Werken der großen Romantiker, hat sich auch dem zeitgenössischen Schaffen eines Henze, Fortner, Höller, von Einem, Poser nicht verschlossen. Für den kommenden Winter hat er beim neuen Werk des NDR die Uraufführung von Nabokoffs „Schiwago"-Gesängen übernommen; im Mai 1961 wird er in Tokio beim Internationalen Kongress für moderne östliche und westliche Musik für deutsches Liedschaffen eintreten.
Schallplattenaufnahmen, Opernpartien, Konzerttermine — auch Preys Leben steht im Zeichen dieser für heutige Künstler wohl unvermeidlichen Hetzjagd. Als starkes Gegengewicht hat er die Familie, seine liebenswürdige junge Frau und zwei reizende Kinder. In seinem schönen Friesenhaus auf einer Nordseeinsel erholt Prey sich von beruflichen Strapazen. Übrigens sind er und seine Frau auch passionierte Wanderer und freuen sich, dass ihr jetziges Hauptquartier, die hübsche Villenstadt Reinbek bei Hamburg, noch so viele lohnende Wanderwege in erreichbarer Nähe hat. Prey ist für die Schönheiten des Hochgebirges und des Südens gewiss aufgeschlossen, aber am wohlsten fühlt er wie seine gleichfalls aus Berlin gebürtige Frau sich immer wieder in der Weite der stillen norddeutschen Landschaft, der er wohl auch künstlerisch im Tiefsten verbunden ist.
Hermann Prey ist als Naturtalent ohne erkennbare musische „Belastung" durch die Vorfahren zur Musik gekommen. Er ist der erste Fall von künstlerischer Begabung in der Familie. Der für sein Singen charakteristische Zug von ursprünglicher Frische und natürlicher Wärme der Empfindung wird dadurch vielleicht zum Teil erklärt. Ausgangspunkt seines Musizierens scheint der Ton, nicht das Wort zu sein; er besitzt aber zugleich die Gabe, die ausgeglichene Gesangslinie durch reichen Gefühlsinhalt zu vertiefen.
Den Weg, den seine ungewöhnlich schöne Stimme und starke Musikalität ihm wiesen, hat der junge Berliner trotz mancher Widerstände unbeirrt verfolgt. Schlusnus war sein bewundertes Vorbild; seine ausgezeichnete gesangliche Schulung verdankt er in erster Linie dem Privatunterricht von Harry Gottschalk. Daneben studierte er an der Musikhochschule seiner Vaterstadt; besonders wertvoll war für ihn dort der Besuch der Opernklasse Jaro Prohaskas und die Beschäftigung mit Nebenfächern wie Klavier, Theorie und Musikgeschichte. Die Mittel zum Studium musste er zum Teil selbst aufbringen, durch Unterhaltungsmusik und später durch die Leitung eines Kinderchors. Die Erfolge bei einem öffentlichen Preissingen in Berlin und bei einem Nürnberger Sänger-Wettbewerb führten zu einer Konzerttournee nach den USA und zum ersten Opernengagement des Dreiundzwanzigjährigen in Wiesbaden.
Schon ein Jahr später, 1953, holte Günter Rennert den vielversprechenden jungen Bariton mit einem langjährigen Vertrag an die Hamburgische Staatsoper. Damals lag ihm das Konzertpodium offenbar noch näher als die Bühne; im Bereich des Liedes besaß er bereits eine erstaunliche Literaturkenntnis. Erstes großes Aufsehen erregte er auch in Hamburg im Konzertsaal, als er bei einer Aufführung von Händels „Samson" die Partie des greisen Manoah klanglich und expressiv überzeugend gestaltete. Noch in der gleichen Spielzeit wurde er als Solist für die konzertante Uraufführung von Schönbergs „Moses und Aaron" in Hamburg herangezogen. Mehr und mehr verwuchs er daneben mit seinen dramatischen Aufgaben, die ihm heute genau so lieb und wichtig sind wie Lied und Oratorienpartien. Auf der Bühne konnte man ihm in diesen ersten Hamburger Jahren unter anderem den Don Carlos in Verdis „Macht des Schicksals", den jungen Pazifisten Meton in Kreneks Zwölftonoper „Pallas Athene weint" und eine der Hauptrollen in Honeggers Operette „König Pausole" anvertrauen. Trotzdem sehnte sich der junge Sänger nach einem größeren Wirkungskreis und war glücklich und dankbar, als der neue Intendant Tietjen dafür Verständnis zeigte und ihn vorzeitig aus seinem Vertrag entließ.
Rasch vollzog sich nun Preys Aufstieg; er sang in Berlin, an den Staatsopern Wien und München, bei den Salzburger Festspielen, wurde für Festivals in Holland und Edinburgh verpflichtet und reiste wiederholt in die USA. Die Verbindung mit Hamburg riss nicht ganz ab; so übernahm er in Wieland Wagners Hamburger Tannhäuser-Inszenierung die Partie des Wolfram, für die er geradezu prädestiniert ist. (Künftigen Winter wird er sie an der Met singen.) Als krönende Aufgabe für reifere Jahre wünscht er sich den Hans Sachs. Auf seiner Wunschliste stehen neben Papageno und dem Minister in „Fidelio", die er bald zu singen hofft, für später noch Mandryka und Jochanaan. Seine Planung ist klar und zielbewusst; sein ehrgeiziges Streben und seine nüchterne Selbstkritik berühren dabei ebenso sympathisch wie die ehrliche Bewunderung für bedeutende Kolleginnen und Kollegen, nicht nur der älteren Jahrgänge.
Gluck, Mozart und Richard Strauss stellen gegenwärtig das Hauptkontingent seiner Operngestalten. Italienische Partien liegen jetzt mehr am Rande, wenngleich Prey zum Beispiel den Barbier von Sevilla hin und wieder sehr gern singt. Gerade an dieser Partie konnte man im vorigen Jahr bei einer Fernseh-Übertragung aus dem Münchner Residenztheater den großen Gewinn an darstellerischer Beweglichkeit erkennen. Eine wichtige neue Stufe bedeutete sein Don Giovanni, den er innerhalb weniger Wochen in den zwei prinzipiell entgegengesetzten Inszenierungen von Schuh in Köln und Rennert in Hamburg zu spielen hatte. Schweren Herzens hat er wegen einer Erkrankung kurz vor der Uraufführung auf die vom Komponisten eigens für ihn bestimmte Partie des Prinzen von Homburg in Henzes gleichnamiger Oper verzichten müssen; er hofft, sie bald an einem andern Theater gestalten zu können. Durch Gastspielverträge ist er ständig mit mehreren großen Bühnen verbunden; etwa die Hälfte seiner Zeit und künstlerischen Arbeit gehört stets dem Konzert und Oratorium, auch im Rundfunk ist er öfter mit eindrucksvollen Liedsendungen (Schöne Müllerin, Ferne Geliebte) zu hören. Zu seinen bedeutendsten Leistungen auf oratorischem Gebiet zählen die groß aufgefassten Christus- Gestalten der beiden Bach-Passionen und das Baritonsolo im Brahms-Requiem. Als hervorragender Liedersänger von zunehmend persönlicher Prägung behauptet er sich konzessionslos mit wertvollen, auch wohl eigenwilligen Programmen aus den Werken der großen Romantiker, hat sich auch dem zeitgenössischen Schaffen eines Henze, Fortner, Höller, von Einem, Poser nicht verschlossen. Für den kommenden Winter hat er beim neuen Werk des NDR die Uraufführung von Nabokoffs „Schiwago"-Gesängen übernommen; im Mai 1961 wird er in Tokio beim Internationalen Kongress für moderne östliche und westliche Musik für deutsches Liedschaffen eintreten.
Schallplattenaufnahmen, Opernpartien, Konzerttermine — auch Preys Leben steht im Zeichen dieser für heutige Künstler wohl unvermeidlichen Hetzjagd. Als starkes Gegengewicht hat er die Familie, seine liebenswürdige junge Frau und zwei reizende Kinder. In seinem schönen Friesenhaus auf einer Nordseeinsel erholt Prey sich von beruflichen Strapazen. Übrigens sind er und seine Frau auch passionierte Wanderer und freuen sich, dass ihr jetziges Hauptquartier, die hübsche Villenstadt Reinbek bei Hamburg, noch so viele lohnende Wanderwege in erreichbarer Nähe hat. Prey ist für die Schönheiten des Hochgebirges und des Südens gewiss aufgeschlossen, aber am wohlsten fühlt er wie seine gleichfalls aus Berlin gebürtige Frau sich immer wieder in der Weite der stillen norddeutschen Landschaft, der er wohl auch künstlerisch im Tiefsten verbunden ist.



