Zwischen Feuer und Überlegung
Der Aufstieg des Dirigenten Wolfgang Sawallisch

„Aus dem wird etwas!", wohlwollend und stolz begutachtete vor einem runden Jahrzehnt das Augsburger Musikpublikum den jungen Solorepetitor Wolfgang Sawallisch, dem der Intendant dann und wann eine Aufführung von „Hansel und Gretel", eine Operetten-Einstudierung oder gar ein Symphoniekonzert anvertraute. Im Behelfstheater des Ludwigsbaus und auf der Freilichtbühne am Roten Tor konnte man den vielversprechenden Anfänger am Pult sehen: auffallend energisch und straff, mit einer mächtigen Hornbrille im schmalen Gesicht und einem schnurgeraden Scheitel, den auch das wildeste Furioso nicht verstrubbelte. Im Rufe, eine Nachwuchshoffnung zu sein, hatte Sawallisch schon während seiner Studien an der Münchner Musikhochschule und während seiner Assistentenzeit bei Igor Markevitch gestanden; damals sah es so aus, als würde er sich dem Klavier verschreiben, weil er als Begleiter des gleichaltrigen Geigers Gerhard Seitz schon manchen Preis eingeheimst hatte. Bezeichnenderweise nahm seine Vaterstadt München — Wolfgang Sawallisch kam dort am 26. August 1923 als Sohn eines Versicherungsdirektors zur Welt — nur zögernd von dem aufstrebenden Talent Notiz; erst Jahre später, als Sawallisch 1953 aus sechzig Bewerbern zum Generalmusikdirektor der Stadt Aachen gewählt worden war und als sich Bayreuth für ihn interessierte, wurde er als „Kronprinz" für die Bayerische Staatsoper in Erwägung gezogen. Zu engeren Bindungen zwischen Sawallisch und der Isarstadt, deren Mundart er immer noch unverfälscht spricht, kam es jedoch nie. Von Sawallisch lässt sich eigentlich nicht sagen, dass er sich aus gärenden Anfängen und tolldreisten Experimenten langsam entwickelt habe. Er stand von Anfang an als klar umrissene Dirigentenpersönlichkeit da, die sich allenfalls vorübergehend der modischen „Sachlichkeit", dem unterkühlten, allzu technisch exakten Musizieren verschrieb. Feuer und Überlegung, Temperament und Formgefühl, Elan und Spiritualität, Klangsinnlichkeit und Disziplin: die Tugenden des Dirigenten Sawallisch blieben sich über die Jahre hinweg ebenso gleich wie seine sprichwörtlich klare Schlagtechnik, seine unmissverständlichen, federnden Einsätze, seine von keinem Lampenfieber getrübte Ruhe am Opernpult und sein eminenter Sinn für das organische Begleiten von Sängern und Instrumentalisten. Die Stationen Aachen und Wiesbaden, die der Augsburger Anfängerzeit folgten und der Berufung nach Köln und zum Chefdirigenten der Wiener Symphoniker vorausgingen, dienten Sawallisch nicht dazu, sich im herkömmlichen Sinne zu „entwickeln", denn er war von Anfang an seiner Fähigkeiten und seiner Ziele sicher, sie dienten ihm hauptsächlich dafür, das Repertoire zu vergrößern und alle Standardwerke in den Griff zu bekommen.
Sawallisch ist kein Spezialist. Mit der gleichen Klarheit dirigiert er Barockmusik und Verdi, Orff und Wagner, Mozart und Bruckner, Beethoven und Dvorak, Strauss und Strawinsky. Er ist bei den Bayreuther Festspielen der Dirigent einer ebenso impulsiven wie exakt gegliederten, durchsichtigen „Tristan"-Aufführung und der Dirigent eines in jugendlich- romantischem Ungestüm vorbeijagenden „Fliegenden Holländers". Der Ernst, den Sawallisch für eine Tschaikowsky-Partitur aufwendet, steht dem Ernst nicht nach, mit dem er an eine Bruckner-Messe herantritt; das i eingliedrige Gewebe von Verdis „Falstaff" durchleuchtet er genauso gründlich wie die Schlagzeug-Mystik von Orffs „Antigonae" oder wie die formale Struktur einer klassischen Symphonie. Er hat den Röntgen- Blick der Dirigenten, die nach Objektivität, Werktreue und Präzision streben, aber er verbindet diese objektivierenden Tendenzen mit einem gesunden Musiziertemperament, einer natürlichen Freude am Wohlklang und einer disziplinierten Vitalität. In Wien, Berlin, Prag, Salzburg, Bayreuth, München, wohin immer der Pultstar der jungen Generation kam, er sah sich als legitimer Platzhalter der deutschen Dirigentengeneration gefeiert.
Die Schallplatte hat Wolfgang Sawallisch rasch für sich entdeckt. Wer Ökonomie, Klarheit und Präzision noch im rauschenden Prestissimo walten zu lassen weiß, ist prädestiniert für phonographische Aufzeichnungen. Bei Electrola erschienen schon früh Sawallischs Deutungen der vierten Symphonie und des Scherzo capriccioso von Dvorak: Muster temperamentvoll beschwingten Stiles, doch gezügelt von einem differenzierten Kunstverstand, der in dem großen Böhmen nicht einen symphonisch gesteigerten Tanzbodenmusikanten, sondern einen ernstzunehmenden, um Form und Klangschönheit bemühten Romantiker sieht. Sawallischs Fähigkeit, ein Klangbild artistisch auszuarbeiten und bis ins kleinste Detail zu zerlegen, spricht überzeugend aus der Aufnahme von Straussens Suite „Der Bürger als Edelmann". Welch ein wendiger, sensibler und präziser Operndirigent Sawallisch ist, macht die Gesamtaufnahme des „Capriccio" von Richard Strauss deutlich. Das Erstaunliche an der vielgerühmten Aufnahme ist, wie ein junger Dirigent den kühlen Rezitativ-Stil des „Konversationsstücks für Musik" und die lyrisch-schwelgerischen Episoden der Erinnerung an „Rosenkavalier"- und „Arabella"-Zeiten auf einen Nenner bringt.
Carl Orff, gefürchtet als überkritischer Beurteiler seiner Interpreten, hat die von Sawallisch geleiteten Gesamtaufnahmen seiner Bühnenwerke „Der Mond" und „Die Kluge" rühmend für authentisch erklärt. Die Feilarbeit an der sängerischen Pointierung und am orchestralen Detail ist hier genau bis zu jenem Punkte vorgetrieben, wo sie Perfektionismus wird. An den Orff-Auf nahmen unter Sawallisch lässt sich ein Problem erkennen, das bei den zahllosen Betrachtungen des Werkes Carl Orffs im Hintergrund gewesen ist: die Frage der musikalischen Form und Eigenständigkeit dieser vornehmlich für das Theater konzipierten Musik. Bei wenigen Orff-Aufführungen wird man der klanglichen und formalen Ausgewogenheit der Orffschen Tonsprache so überzeugend gewahr wie bei den Opernaufnahmen, die Wolfgang Sawallisch geleitet hat. Sie sind schlechthin die Visitenkarte des Dirigenten Wolfgang Sawallisch: Feuer und Überlegung, Temperament und Disziplin, Klarheit und Leidenschaft.
„Aus dem wird etwas!", wohlwollend und stolz begutachtete vor einem runden Jahrzehnt das Augsburger Musikpublikum den jungen Solorepetitor Wolfgang Sawallisch, dem der Intendant dann und wann eine Aufführung von „Hansel und Gretel", eine Operetten-Einstudierung oder gar ein Symphoniekonzert anvertraute. Im Behelfstheater des Ludwigsbaus und auf der Freilichtbühne am Roten Tor konnte man den vielversprechenden Anfänger am Pult sehen: auffallend energisch und straff, mit einer mächtigen Hornbrille im schmalen Gesicht und einem schnurgeraden Scheitel, den auch das wildeste Furioso nicht verstrubbelte. Im Rufe, eine Nachwuchshoffnung zu sein, hatte Sawallisch schon während seiner Studien an der Münchner Musikhochschule und während seiner Assistentenzeit bei Igor Markevitch gestanden; damals sah es so aus, als würde er sich dem Klavier verschreiben, weil er als Begleiter des gleichaltrigen Geigers Gerhard Seitz schon manchen Preis eingeheimst hatte. Bezeichnenderweise nahm seine Vaterstadt München — Wolfgang Sawallisch kam dort am 26. August 1923 als Sohn eines Versicherungsdirektors zur Welt — nur zögernd von dem aufstrebenden Talent Notiz; erst Jahre später, als Sawallisch 1953 aus sechzig Bewerbern zum Generalmusikdirektor der Stadt Aachen gewählt worden war und als sich Bayreuth für ihn interessierte, wurde er als „Kronprinz" für die Bayerische Staatsoper in Erwägung gezogen. Zu engeren Bindungen zwischen Sawallisch und der Isarstadt, deren Mundart er immer noch unverfälscht spricht, kam es jedoch nie. Von Sawallisch lässt sich eigentlich nicht sagen, dass er sich aus gärenden Anfängen und tolldreisten Experimenten langsam entwickelt habe. Er stand von Anfang an als klar umrissene Dirigentenpersönlichkeit da, die sich allenfalls vorübergehend der modischen „Sachlichkeit", dem unterkühlten, allzu technisch exakten Musizieren verschrieb. Feuer und Überlegung, Temperament und Formgefühl, Elan und Spiritualität, Klangsinnlichkeit und Disziplin: die Tugenden des Dirigenten Sawallisch blieben sich über die Jahre hinweg ebenso gleich wie seine sprichwörtlich klare Schlagtechnik, seine unmissverständlichen, federnden Einsätze, seine von keinem Lampenfieber getrübte Ruhe am Opernpult und sein eminenter Sinn für das organische Begleiten von Sängern und Instrumentalisten. Die Stationen Aachen und Wiesbaden, die der Augsburger Anfängerzeit folgten und der Berufung nach Köln und zum Chefdirigenten der Wiener Symphoniker vorausgingen, dienten Sawallisch nicht dazu, sich im herkömmlichen Sinne zu „entwickeln", denn er war von Anfang an seiner Fähigkeiten und seiner Ziele sicher, sie dienten ihm hauptsächlich dafür, das Repertoire zu vergrößern und alle Standardwerke in den Griff zu bekommen.
Sawallisch ist kein Spezialist. Mit der gleichen Klarheit dirigiert er Barockmusik und Verdi, Orff und Wagner, Mozart und Bruckner, Beethoven und Dvorak, Strauss und Strawinsky. Er ist bei den Bayreuther Festspielen der Dirigent einer ebenso impulsiven wie exakt gegliederten, durchsichtigen „Tristan"-Aufführung und der Dirigent eines in jugendlich- romantischem Ungestüm vorbeijagenden „Fliegenden Holländers". Der Ernst, den Sawallisch für eine Tschaikowsky-Partitur aufwendet, steht dem Ernst nicht nach, mit dem er an eine Bruckner-Messe herantritt; das i eingliedrige Gewebe von Verdis „Falstaff" durchleuchtet er genauso gründlich wie die Schlagzeug-Mystik von Orffs „Antigonae" oder wie die formale Struktur einer klassischen Symphonie. Er hat den Röntgen- Blick der Dirigenten, die nach Objektivität, Werktreue und Präzision streben, aber er verbindet diese objektivierenden Tendenzen mit einem gesunden Musiziertemperament, einer natürlichen Freude am Wohlklang und einer disziplinierten Vitalität. In Wien, Berlin, Prag, Salzburg, Bayreuth, München, wohin immer der Pultstar der jungen Generation kam, er sah sich als legitimer Platzhalter der deutschen Dirigentengeneration gefeiert.
Die Schallplatte hat Wolfgang Sawallisch rasch für sich entdeckt. Wer Ökonomie, Klarheit und Präzision noch im rauschenden Prestissimo walten zu lassen weiß, ist prädestiniert für phonographische Aufzeichnungen. Bei Electrola erschienen schon früh Sawallischs Deutungen der vierten Symphonie und des Scherzo capriccioso von Dvorak: Muster temperamentvoll beschwingten Stiles, doch gezügelt von einem differenzierten Kunstverstand, der in dem großen Böhmen nicht einen symphonisch gesteigerten Tanzbodenmusikanten, sondern einen ernstzunehmenden, um Form und Klangschönheit bemühten Romantiker sieht. Sawallischs Fähigkeit, ein Klangbild artistisch auszuarbeiten und bis ins kleinste Detail zu zerlegen, spricht überzeugend aus der Aufnahme von Straussens Suite „Der Bürger als Edelmann". Welch ein wendiger, sensibler und präziser Operndirigent Sawallisch ist, macht die Gesamtaufnahme des „Capriccio" von Richard Strauss deutlich. Das Erstaunliche an der vielgerühmten Aufnahme ist, wie ein junger Dirigent den kühlen Rezitativ-Stil des „Konversationsstücks für Musik" und die lyrisch-schwelgerischen Episoden der Erinnerung an „Rosenkavalier"- und „Arabella"-Zeiten auf einen Nenner bringt.
Carl Orff, gefürchtet als überkritischer Beurteiler seiner Interpreten, hat die von Sawallisch geleiteten Gesamtaufnahmen seiner Bühnenwerke „Der Mond" und „Die Kluge" rühmend für authentisch erklärt. Die Feilarbeit an der sängerischen Pointierung und am orchestralen Detail ist hier genau bis zu jenem Punkte vorgetrieben, wo sie Perfektionismus wird. An den Orff-Auf nahmen unter Sawallisch lässt sich ein Problem erkennen, das bei den zahllosen Betrachtungen des Werkes Carl Orffs im Hintergrund gewesen ist: die Frage der musikalischen Form und Eigenständigkeit dieser vornehmlich für das Theater konzipierten Musik. Bei wenigen Orff-Aufführungen wird man der klanglichen und formalen Ausgewogenheit der Orffschen Tonsprache so überzeugend gewahr wie bei den Opernaufnahmen, die Wolfgang Sawallisch geleitet hat. Sie sind schlechthin die Visitenkarte des Dirigenten Wolfgang Sawallisch: Feuer und Überlegung, Temperament und Disziplin, Klarheit und Leidenschaft.



