Porträt: Elisabeth Grümmer
Erschienen im FONO FORUM im September 1960

„Die echte Bescheidenheit, nicht das Exaltierte ist das Fundament eines jeden künstlerischen Schaffens!", sagt Elisabeth Grümmer, und in diesem Bekenntnis offenbart sich vieles vom Wesen dieser Frau. Sie ist von einer liebenswerten Zurückhaltung und einer ungekünstelt-warmherzigen Art, die jeden sofort in ihren Bann zieht. Bewundernswert ist auch ihre Aufrichtigkeit gegen ihren Beruf wie gegen die Kunst. „Das Entscheidende ist nicht der Erfolg, sondern die Freude an der Arbeit und der Zwang, sich steigern und an den Besten ausrichten zu müssen!", betont sie.
Die Künstlerin ist in jeder ihrer Rollen voll und ganz mit dem Herzen dabei. Wenn sie auf der Bühne steht, dann ist sie nicht mehr Elisabeth Grümmer, sondern nur noch die Gestalt, die sie verkörpert — sei es nun die Agathe, die Elsa, die Pamina, die Gräfin oder die Marschallin — nur noch „Medium", wie sie es nennt. Und mit der Reife und Ausdrucksstärke ihrer Stimme und Darstellung, mit ihrer künstlerischen Intensität und Kraft verzaubert sie immer wieder ihre Zuhörer. „Erstaunt bin ich stets aufs neue, wie die Menschen, denen man so gerne fehlende Innerlichkeit nachsagt, auf das Leise reagieren!", erzählt sie. „Und beglückend finde ich die Sekunden der Stille nach einer Aufführung, die für den Künstler oft ein größerer Lohn und Dank sind als jeder noch so frenetische Beifall, der mit dem letzten Ton aufbraust!"
Die Stille der Ergriffenheit und enthusiastischer Beifall haben Elisabeth Grümmer auf allen Stationen ihrer Karriere begleitet. Geboren in Lothringen, fand sie im thüringischen Meiningen, wo sie aufwuchs, den ersten Kontakt zur Kunst. Hier wirkte sie in Schüleraufführungen mit, hier nahm sie drei Jahre Schauspielunterricht, und hier erhielt sie auch ihr erstes Theaterengagement, und zwar als Schauspielerin. Nach ihrer Vermählung mit dem Konzertmeister der Meininger Oper zog sie nach Aachen, wohin ihr Gatte verpflichtet worden war, und in dieser Stadt an der Westgrenze Deutschlands erschloss sich ihr eigentlich erst so recht die Welt der Musik. Schuld daran waren einmal die hervorragenden Aufführungen der Aachener Oper mit den hervorragenden Solisten und zum anderen ihre Aufnahme in einen Kreis von Menschen, in dem sehr viel musiziert wurde. Diesem Freundeskreis gehörten auch Herbert von Karajan an, der damals in Aachen wirkte, und Irmgard Seefried. Auf Drängen ihres Gatten ließ Elisabeth Grümmer, die schon immer „mehr aus Spaß" sehr viel gesungen hatte, ihre Stimme ausbilden, und dann ging eigentlich alles sehr schnell. Mit der Bemerkung: „Sie sind doch ein Bühnenmensch!" bot Karajan ihr die Rolle des Blumenmädchens in einer Parsifal-Inszenierung an, und bereits in der nächsten Spielzeit sang sie den „Rosenkavalier". 1942 wurde Elisabeth Grümmer als erste lyrische Sopranistin nach Duisburg verpflichtet, und 1946 holte man sie an die Städtische Oper Berlin, wo sie noch heute unter Vertrag steht. Als Lehrerin an der Berliner Hochschule für Musik vermittelt sie jungen Menschen vieles von ihrem Können und ihrer reichen Erfahrung, und diese pädagogische Aufgabe macht ihr ebenso viel Freude wie ihr Leben als „Bühnenmensch".
Reich ist die Skala der Erfolge und Partien, die Elisabeth Grümmer in den bald zwanzig Jahren ihres künstlerischen Schaffens zusammengetragen hat. Mit Ausnahme Spaniens gastierte sie bereits in allen europäischen Ländern. Sie sang an der Mailänder Scala, am Londoner Covent Garden, in Florenz, Glyndebourne, Zürich und Stockholm. Sie gehört mit zu den tragenden Kräften von Salzburg und Bayreuth, und sie hat Gastverträge mit den Opernhäusern von Hamburg und Köln. Lässt man die von ihr gesungenen Partien Revue passieren, so steht der „Rosenkavalier" als meistgesungene an der Spitze. Ihre liebsten Rollen aber sind die Gräfin in Mozarts „Figaro", die Donna Anna in „Don Giovanni", die Pamina in der „Zauberflöte", die Desdemona in „Othello", die Agathe im „Freischütz" und die drei „Wagnerschen E's": die Eva, die Elsa und die Elisabeth. Und jetzt verkörpert sie mit ganz besonderer Liebe die Marschallin im „Rosenkavalier", eine Rolle, die zu singen jahrelang ihr Wunschtraum war. „Es ist nicht allein der musikalische Gehalt dieser Partie, der mich so fasziniert!", erklärt sie. „Die Marschallin ist für mich die menschlichste von allen Frauengestalten der Musikliteratur. In jedem Frauenleben werden einmal Dinge angerührt, die in dieser Rolle zur Sprache kommen!"
Neben dem lyrischen Opernrepertoire aber hat sich Elisabeth Grümmer auch dem Lied, dem Requiem und dem Oratorium verschrieben, ein Gebiet, auf dem sie, wie sie sagt, immer wieder beglückendes Neuland entdeckt. Erst jetzt hat sie mit dem Leipziger Thomaner-Chor Kantaten von Bach gesungen, eine Aufgabe, die ihr unendlich viel Freude machte. Neben den alten Meistern aber singt sie auch Werke moderner Komponisten, beispielsweise in „Peter Grimes" von Britten, in „Dantons Tod" von Gottfried von Einem, in „Das Medium" von Menotti sowie Lieder von Alban Berg. Elisabeth Grümmer macht keinen Unterschied zwischen Alt und Neu. Ihr geht es nur um die gute Musik, um das echt Empfundene und die musikalische Reife.
Etwa zwei Dutzend Schallplatten hat Elisabeth Grümmer bisher aufgenommen — Opernausschnitte, Gesamtaufnahmen und Arien —, und jede dieser Aufnahmen hat ihren Ruhm bestätigt, eine unserer Besten zu sein. „Wissen Sie, eine Schallplatte braucht gar nicht zweihundertprozentig vollendet zu sein im Gebotenen!", meint sie. „Aber sie muss eine Atmosphäre ausstrahlen, die die Zuhörer bannt und fesselt!" Auch das ist bezeichnend für Elisabeth Grümmer: Für sie ist wahre Kunst nicht seelenlos-kalte Perfektion, sondern ein Weg zum Herzen der Menschen.
„Die echte Bescheidenheit, nicht das Exaltierte ist das Fundament eines jeden künstlerischen Schaffens!", sagt Elisabeth Grümmer, und in diesem Bekenntnis offenbart sich vieles vom Wesen dieser Frau. Sie ist von einer liebenswerten Zurückhaltung und einer ungekünstelt-warmherzigen Art, die jeden sofort in ihren Bann zieht. Bewundernswert ist auch ihre Aufrichtigkeit gegen ihren Beruf wie gegen die Kunst. „Das Entscheidende ist nicht der Erfolg, sondern die Freude an der Arbeit und der Zwang, sich steigern und an den Besten ausrichten zu müssen!", betont sie.
Die Künstlerin ist in jeder ihrer Rollen voll und ganz mit dem Herzen dabei. Wenn sie auf der Bühne steht, dann ist sie nicht mehr Elisabeth Grümmer, sondern nur noch die Gestalt, die sie verkörpert — sei es nun die Agathe, die Elsa, die Pamina, die Gräfin oder die Marschallin — nur noch „Medium", wie sie es nennt. Und mit der Reife und Ausdrucksstärke ihrer Stimme und Darstellung, mit ihrer künstlerischen Intensität und Kraft verzaubert sie immer wieder ihre Zuhörer. „Erstaunt bin ich stets aufs neue, wie die Menschen, denen man so gerne fehlende Innerlichkeit nachsagt, auf das Leise reagieren!", erzählt sie. „Und beglückend finde ich die Sekunden der Stille nach einer Aufführung, die für den Künstler oft ein größerer Lohn und Dank sind als jeder noch so frenetische Beifall, der mit dem letzten Ton aufbraust!"
Die Stille der Ergriffenheit und enthusiastischer Beifall haben Elisabeth Grümmer auf allen Stationen ihrer Karriere begleitet. Geboren in Lothringen, fand sie im thüringischen Meiningen, wo sie aufwuchs, den ersten Kontakt zur Kunst. Hier wirkte sie in Schüleraufführungen mit, hier nahm sie drei Jahre Schauspielunterricht, und hier erhielt sie auch ihr erstes Theaterengagement, und zwar als Schauspielerin. Nach ihrer Vermählung mit dem Konzertmeister der Meininger Oper zog sie nach Aachen, wohin ihr Gatte verpflichtet worden war, und in dieser Stadt an der Westgrenze Deutschlands erschloss sich ihr eigentlich erst so recht die Welt der Musik. Schuld daran waren einmal die hervorragenden Aufführungen der Aachener Oper mit den hervorragenden Solisten und zum anderen ihre Aufnahme in einen Kreis von Menschen, in dem sehr viel musiziert wurde. Diesem Freundeskreis gehörten auch Herbert von Karajan an, der damals in Aachen wirkte, und Irmgard Seefried. Auf Drängen ihres Gatten ließ Elisabeth Grümmer, die schon immer „mehr aus Spaß" sehr viel gesungen hatte, ihre Stimme ausbilden, und dann ging eigentlich alles sehr schnell. Mit der Bemerkung: „Sie sind doch ein Bühnenmensch!" bot Karajan ihr die Rolle des Blumenmädchens in einer Parsifal-Inszenierung an, und bereits in der nächsten Spielzeit sang sie den „Rosenkavalier". 1942 wurde Elisabeth Grümmer als erste lyrische Sopranistin nach Duisburg verpflichtet, und 1946 holte man sie an die Städtische Oper Berlin, wo sie noch heute unter Vertrag steht. Als Lehrerin an der Berliner Hochschule für Musik vermittelt sie jungen Menschen vieles von ihrem Können und ihrer reichen Erfahrung, und diese pädagogische Aufgabe macht ihr ebenso viel Freude wie ihr Leben als „Bühnenmensch".
Reich ist die Skala der Erfolge und Partien, die Elisabeth Grümmer in den bald zwanzig Jahren ihres künstlerischen Schaffens zusammengetragen hat. Mit Ausnahme Spaniens gastierte sie bereits in allen europäischen Ländern. Sie sang an der Mailänder Scala, am Londoner Covent Garden, in Florenz, Glyndebourne, Zürich und Stockholm. Sie gehört mit zu den tragenden Kräften von Salzburg und Bayreuth, und sie hat Gastverträge mit den Opernhäusern von Hamburg und Köln. Lässt man die von ihr gesungenen Partien Revue passieren, so steht der „Rosenkavalier" als meistgesungene an der Spitze. Ihre liebsten Rollen aber sind die Gräfin in Mozarts „Figaro", die Donna Anna in „Don Giovanni", die Pamina in der „Zauberflöte", die Desdemona in „Othello", die Agathe im „Freischütz" und die drei „Wagnerschen E's": die Eva, die Elsa und die Elisabeth. Und jetzt verkörpert sie mit ganz besonderer Liebe die Marschallin im „Rosenkavalier", eine Rolle, die zu singen jahrelang ihr Wunschtraum war. „Es ist nicht allein der musikalische Gehalt dieser Partie, der mich so fasziniert!", erklärt sie. „Die Marschallin ist für mich die menschlichste von allen Frauengestalten der Musikliteratur. In jedem Frauenleben werden einmal Dinge angerührt, die in dieser Rolle zur Sprache kommen!"
Neben dem lyrischen Opernrepertoire aber hat sich Elisabeth Grümmer auch dem Lied, dem Requiem und dem Oratorium verschrieben, ein Gebiet, auf dem sie, wie sie sagt, immer wieder beglückendes Neuland entdeckt. Erst jetzt hat sie mit dem Leipziger Thomaner-Chor Kantaten von Bach gesungen, eine Aufgabe, die ihr unendlich viel Freude machte. Neben den alten Meistern aber singt sie auch Werke moderner Komponisten, beispielsweise in „Peter Grimes" von Britten, in „Dantons Tod" von Gottfried von Einem, in „Das Medium" von Menotti sowie Lieder von Alban Berg. Elisabeth Grümmer macht keinen Unterschied zwischen Alt und Neu. Ihr geht es nur um die gute Musik, um das echt Empfundene und die musikalische Reife.
Etwa zwei Dutzend Schallplatten hat Elisabeth Grümmer bisher aufgenommen — Opernausschnitte, Gesamtaufnahmen und Arien —, und jede dieser Aufnahmen hat ihren Ruhm bestätigt, eine unserer Besten zu sein. „Wissen Sie, eine Schallplatte braucht gar nicht zweihundertprozentig vollendet zu sein im Gebotenen!", meint sie. „Aber sie muss eine Atmosphäre ausstrahlen, die die Zuhörer bannt und fesselt!" Auch das ist bezeichnend für Elisabeth Grümmer: Für sie ist wahre Kunst nicht seelenlos-kalte Perfektion, sondern ein Weg zum Herzen der Menschen.



