Porträt: Andor Foldes
Erschienen im FONO FORUM im November 1960

Der Beitrag Ungarns zur Musikgeschichte findet in Béla Bartók und Zoltan Kodaly seinen lebendigen Ausdruck. Das besondere Musikverständnis der Ungarn zeigt sich aber vielleicht noch deutlicher an der stattlichen Zahl namhafter Interpreten, die dieses Land im Laufe der Zeit hervorgebracht hat. Seien es nun Meister des Klaviers, der Violine oder des Taktstocks. Denken wir nur an die Namen Franz Liszt, Jenö Hubay, Arthur Nikisch, Geza Anda, Georg Solti, Johanna Martzy, Ferenc Fricsay, Antal Dorati oder Andor Foldes. Der tiefere Grund für diese außerordentliche Fülle von hohen Musikbegabungen liegt ohne Zweifel im Volkscharakter der Ungarn begründet. Seit jeher spielt hier die Folklore eine entscheidende Rolle. Aus ihr schöpft letztlich auch Béla Bartók.
Andor Foldes, ein Freund des großen ungarischen Musikers Béla Bartók, bietet ein hervorragendes Beispiel für das musikalisch-künstlerische Weltbürgertum der Ungarn. 1913 in Budapest geboren, gab er bereits mit acht Jahren in einem Konzert der Budapester Philharmonie sein pianistisches Debüt mit dem B-dur Klavierkonzert KV 450 von Mozart. Ein Jahr später wagte sich der junge Pianist bereits an das C-dur Klavierkonzert von Beethoven! Seine musikalische Ausbildung erhielt Foldes an der berühmten Franz-Liszt-Akademie seiner Vaterstadt. Ernst von Dohnanyi zählte damals zu seinen Lehrern. Bereits mit 19 Jahren gewann er den ersten Preis beim Internationalen Wettbewerb um den Franz-Liszt-Preis. In diese Zeit fällt auch seine erste, wegweisende Begegnung mit Béla Bartók, für den sich der Künstler stets mit besonderer Liebe eingesetzt hat. Die Jahre 1933—1939 sehen Andor Foldes auf zahlreichen Gastspielreisen durch fast alle europäischen Länder. Ein Jahr später glückte dem 27jährigen der Sprung in die Neue Welt. Mit einem vielbeachteten Konzert über den amerikanischen Rundfunksender NBC legte er dann das Fundament für seine Karriere in den USA. Später spielte Foldes in der berühmten New Yorker Carnegie-Hall zum ersten Male das 2. Klavierkonzert und die Sonate seines Landsmannes Béla Bartók. Ausgedehnte Konzerttourneen führten den Künstler von Küste zu Küste der Vereinigten Staaten. Seit 1948 wurde der Name Andor Foldes auch in Europa wieder zu einem Begriff. Heute ist Deutschland, genauer gesagt Bad Homburg, die zweite Heimat des Künstlers. Der Professor der Musikhochschule in Saarbrücken, wo er als Nachfolger Walter Giesekings die Meisterklasse für Klavier leitet, ist auch ein ausgezeichneter Pädagoge. In seinem schmalen, aber gewichtigen Büchlein „Wege zum Klavier" (Limes-Verlag) verrät er der heranwachsenden musikalischen Jugend etwas aus dem reichen Schatz seiner Erfahrungen. „Nach jedem Konzert", so heißt es dort, „pflegt eine Handvoll junger strebsamer Klavierschüler in das Künstlerzimmer zu kommen. Es gehört viel mehr dazu, die vielfältigen Probleme des Klavierspiels zu klären, als eine kurze Unterhaltung nach dem Konzert vermag. Die ihrer Arbeit ernsthaft hingegebenen Klavierschüler wissen das und sind bereit, lange Jahre zu opfern, um sich in ihrem gewählten Beruf zu vervollkommnen."
Beweise seines hohen pianistischen Könnens stellen eine Reihe von Schallplattenaufnahmen dar, die Andor Foldes für die Deutsche Grammophon-Gesellschaft eingespielt hat. Wir denken dabei in erster Linie an seine Interpretation des Klavierwerks von Béla Bartók, die im Jahre 1957 mit dem „Grand Prix du Disque" ausgezeichnet wurde. Die Klarheit und Wärme seines Vortrags machen den Künstler auch zu einem hervorragenden Mozart-Spieler. Auch als Darsteller des Klavierwerks Franz Liszts darf sich Andor Foldes wegen seiner virtuosen technischen Fähigkeiten und seines farbigen, differenzierten Anschlags rühmen. Sein inniges Verhältnis zur deutschen Romantik, besonders zu Schumann, dokumentiert die Aufnahme der großen C-dur-Fantasie, die mit „Carnaval" op. 9 geschickt gekoppelt ist. In letzter Zeit tritt in den Konzertprogrammen des ungarischen Pianisten immer mehr der Name Beethoven auf. Seine Verdienste um den Wiederaufbau der Bonner Beethovenhalle, für die Foldes das Bundesverdienstkreuz erhielt, sind ein deutliches Anzeichen für seine Beethoven-Verehrung. Die Deutsche Grammophon-Gesellschaft legte erst kürzlich eine neue Beethoven-Interpretation mit Andor Foldes vor, die ein beredtes Zeugnis der Universalität seiner Künstlerpersönlichkeit darstellt. Das 1. Klavierkonzert und die späte As-dur-Sonate op. 110 finden hier einen überzeugenden Ausdruck. Vielleicht hat Foldes in diesem größten Klassiker des Klaviers das Ideal seines Stils am deutlichsten verwirklicht gefunden: Klarheit der Form und Tiefe des Gefühls, Kraft und Schönheit der musikalischen Gedanken. In dieser Hinwendung zu Beethoven zeigt sich auch etwas von hohem Maß geistiger Verantwortung, die diesen Künstler beseelt.
Wir sprachen mit Andor Foldes und gewannen ein äußerst lebendiges Bild von der starken Persönlichkeit dieses Musikers, der in den Konzertsälen der Welt zu Hause ist. Für diesen außergewöhnlich klugen und gebildeten Mann gibt es kaum eine geistige Problemstellung, die ihn nicht interessiert. Immer wieder taucht in der Unterhaltung der Gedanke der Parallelität von Dichtung, Malerei und Musik auf. Gerade in der modernen Musik, so meint Foldes, sei dies besonders einleuchtend. Und was sagt Foldes über den Interpreten? „Alle erwarten von ihm, dass er sie in das Wunderland Musik entführe und sie ihre Sorgen vergessen mache. Der Virtuose muss gleichzeitig Interpret, Erzähler und Hypnotiseur sein; und wenn er in seiner vielfältigen Aufgabe vor dem Publikum besteht und die Hörer bereit sind, ihm achtzig Minuten lang durch Licht und Dunkel der Musik zu folgen, dann kann er das Publikum mit der Überzeugung verlassen, dass er seine Aufgabe erfüllt hat. Es ist ihm gelungen, Herrn Meier Beethovens Gedanken nahezubringen."
Der Beitrag Ungarns zur Musikgeschichte findet in Béla Bartók und Zoltan Kodaly seinen lebendigen Ausdruck. Das besondere Musikverständnis der Ungarn zeigt sich aber vielleicht noch deutlicher an der stattlichen Zahl namhafter Interpreten, die dieses Land im Laufe der Zeit hervorgebracht hat. Seien es nun Meister des Klaviers, der Violine oder des Taktstocks. Denken wir nur an die Namen Franz Liszt, Jenö Hubay, Arthur Nikisch, Geza Anda, Georg Solti, Johanna Martzy, Ferenc Fricsay, Antal Dorati oder Andor Foldes. Der tiefere Grund für diese außerordentliche Fülle von hohen Musikbegabungen liegt ohne Zweifel im Volkscharakter der Ungarn begründet. Seit jeher spielt hier die Folklore eine entscheidende Rolle. Aus ihr schöpft letztlich auch Béla Bartók.
Andor Foldes, ein Freund des großen ungarischen Musikers Béla Bartók, bietet ein hervorragendes Beispiel für das musikalisch-künstlerische Weltbürgertum der Ungarn. 1913 in Budapest geboren, gab er bereits mit acht Jahren in einem Konzert der Budapester Philharmonie sein pianistisches Debüt mit dem B-dur Klavierkonzert KV 450 von Mozart. Ein Jahr später wagte sich der junge Pianist bereits an das C-dur Klavierkonzert von Beethoven! Seine musikalische Ausbildung erhielt Foldes an der berühmten Franz-Liszt-Akademie seiner Vaterstadt. Ernst von Dohnanyi zählte damals zu seinen Lehrern. Bereits mit 19 Jahren gewann er den ersten Preis beim Internationalen Wettbewerb um den Franz-Liszt-Preis. In diese Zeit fällt auch seine erste, wegweisende Begegnung mit Béla Bartók, für den sich der Künstler stets mit besonderer Liebe eingesetzt hat. Die Jahre 1933—1939 sehen Andor Foldes auf zahlreichen Gastspielreisen durch fast alle europäischen Länder. Ein Jahr später glückte dem 27jährigen der Sprung in die Neue Welt. Mit einem vielbeachteten Konzert über den amerikanischen Rundfunksender NBC legte er dann das Fundament für seine Karriere in den USA. Später spielte Foldes in der berühmten New Yorker Carnegie-Hall zum ersten Male das 2. Klavierkonzert und die Sonate seines Landsmannes Béla Bartók. Ausgedehnte Konzerttourneen führten den Künstler von Küste zu Küste der Vereinigten Staaten. Seit 1948 wurde der Name Andor Foldes auch in Europa wieder zu einem Begriff. Heute ist Deutschland, genauer gesagt Bad Homburg, die zweite Heimat des Künstlers. Der Professor der Musikhochschule in Saarbrücken, wo er als Nachfolger Walter Giesekings die Meisterklasse für Klavier leitet, ist auch ein ausgezeichneter Pädagoge. In seinem schmalen, aber gewichtigen Büchlein „Wege zum Klavier" (Limes-Verlag) verrät er der heranwachsenden musikalischen Jugend etwas aus dem reichen Schatz seiner Erfahrungen. „Nach jedem Konzert", so heißt es dort, „pflegt eine Handvoll junger strebsamer Klavierschüler in das Künstlerzimmer zu kommen. Es gehört viel mehr dazu, die vielfältigen Probleme des Klavierspiels zu klären, als eine kurze Unterhaltung nach dem Konzert vermag. Die ihrer Arbeit ernsthaft hingegebenen Klavierschüler wissen das und sind bereit, lange Jahre zu opfern, um sich in ihrem gewählten Beruf zu vervollkommnen."
Beweise seines hohen pianistischen Könnens stellen eine Reihe von Schallplattenaufnahmen dar, die Andor Foldes für die Deutsche Grammophon-Gesellschaft eingespielt hat. Wir denken dabei in erster Linie an seine Interpretation des Klavierwerks von Béla Bartók, die im Jahre 1957 mit dem „Grand Prix du Disque" ausgezeichnet wurde. Die Klarheit und Wärme seines Vortrags machen den Künstler auch zu einem hervorragenden Mozart-Spieler. Auch als Darsteller des Klavierwerks Franz Liszts darf sich Andor Foldes wegen seiner virtuosen technischen Fähigkeiten und seines farbigen, differenzierten Anschlags rühmen. Sein inniges Verhältnis zur deutschen Romantik, besonders zu Schumann, dokumentiert die Aufnahme der großen C-dur-Fantasie, die mit „Carnaval" op. 9 geschickt gekoppelt ist. In letzter Zeit tritt in den Konzertprogrammen des ungarischen Pianisten immer mehr der Name Beethoven auf. Seine Verdienste um den Wiederaufbau der Bonner Beethovenhalle, für die Foldes das Bundesverdienstkreuz erhielt, sind ein deutliches Anzeichen für seine Beethoven-Verehrung. Die Deutsche Grammophon-Gesellschaft legte erst kürzlich eine neue Beethoven-Interpretation mit Andor Foldes vor, die ein beredtes Zeugnis der Universalität seiner Künstlerpersönlichkeit darstellt. Das 1. Klavierkonzert und die späte As-dur-Sonate op. 110 finden hier einen überzeugenden Ausdruck. Vielleicht hat Foldes in diesem größten Klassiker des Klaviers das Ideal seines Stils am deutlichsten verwirklicht gefunden: Klarheit der Form und Tiefe des Gefühls, Kraft und Schönheit der musikalischen Gedanken. In dieser Hinwendung zu Beethoven zeigt sich auch etwas von hohem Maß geistiger Verantwortung, die diesen Künstler beseelt.
Wir sprachen mit Andor Foldes und gewannen ein äußerst lebendiges Bild von der starken Persönlichkeit dieses Musikers, der in den Konzertsälen der Welt zu Hause ist. Für diesen außergewöhnlich klugen und gebildeten Mann gibt es kaum eine geistige Problemstellung, die ihn nicht interessiert. Immer wieder taucht in der Unterhaltung der Gedanke der Parallelität von Dichtung, Malerei und Musik auf. Gerade in der modernen Musik, so meint Foldes, sei dies besonders einleuchtend. Und was sagt Foldes über den Interpreten? „Alle erwarten von ihm, dass er sie in das Wunderland Musik entführe und sie ihre Sorgen vergessen mache. Der Virtuose muss gleichzeitig Interpret, Erzähler und Hypnotiseur sein; und wenn er in seiner vielfältigen Aufgabe vor dem Publikum besteht und die Hörer bereit sind, ihm achtzig Minuten lang durch Licht und Dunkel der Musik zu folgen, dann kann er das Publikum mit der Überzeugung verlassen, dass er seine Aufgabe erfüllt hat. Es ist ihm gelungen, Herrn Meier Beethovens Gedanken nahezubringen."



