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Meister des Musicals – 6. Folge

Von
Marcel Prawy
Erschienen in der Printausgabe im
November 1961
Lesezeit ca.
Minuten

Am 19. Januar 1961, dem Vorabend seiner Vereidigung, begab sich der dreiundvierzigjährige John F. Kennedy aus Massachusetts, der jüngste gewählte Präsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten, zu einem Festakt in die Constitution Hall, den größten Konzertsaal von Washington. Kennedy war um punkt zwanzig Uhr dreißig eingetroffen — und um punkt zwanzig Uhr einunddreißig begab sich der Dirigent auf das Podium.

Es war der dreiundvierzigjährige Leonard Bernstein aus Massachusetts, der jüngste Chefdirigent in der Geschichte der New Yorker Philharmonie, der als „Enfant terrible" des amerikanischen Kunstlebens der Öffentlichkeit so viele Überraschungen bereitet hatte. Die letzte Überraschung war im Herbst 1957 gekommen, als er mit dem vielleicht kühnsten Musical aller Zeiten Amerika fasziniert und schockiert hatte: Westside Story. Der ungewöhnliche Stoff war die Jugendkriminalität unter den Teenagern in New York. Die rhythmische und harmonische Kühnheit der Musik sprengte alle Konvention — und Jerome Robbins hatte als Regisseur und Choreograph den Kampf der jugendlichen „Gangs" gestaltet.

Den meisten Amerikanern war Leonard Bernstein erst seit dem 13. November 1943 ein Begriff. Der damalige Chefdirigent der New Yorker Philharmonie, Artur Rodzinski, hatte den Fünfundzwanzigjährigen eben zu seinem Assistenten gemacht, aber Bernstein hatte noch niemals ein Orchesterkonzert dirigiert. Nun erkrankte Bruno Walter zwölf Stunden vor seinem Gastkonzert im Sonntagnachmittag-Zyklus in Carnegie Hall. Leonard Bernstein sprang ohne Probe ein und hatte einen Sensationserfolg. Das Konzert wurde durch die National Broadcasting Company im Rundfunk übertragen und am nächsten Morgen lautete die Überschrift auf der Titelseite der „New York Times": Leonard Bernstein am Pult — Debüt eines Genies ... Bald dirigierte Bernstein alle führenden Orchester der Vereinigten Staaten in Programmen klassischer und moderner Musik.

Jerome Robbins gibt einer Tänzerin Anweisungen

Da hatte nun Amerika seinen neuen Liebling. Man blickte voll Bewunderung auf den mitteigroßen, schlanken, schwarzhaarigen jungen Mann mit seinen weitausladenden Gesten, seiner natürlichen Eleganz, seiner mitreißenden Vitalität. Und man freute sich mit nationalem Stolz, einmal die europäischen Klassiker von einem Mann interpretiert zu hören, der nicht in Deutschland, Wien oder Rom geboren war, sondern schlicht und einfach: bei Boston, am 25. August 1918.

Schon in seinen Volksschuljahren studierte er Klavier bei Helen Coates (die später als seine Sekretärin Berühmtheit erlangte), und während seiner Stundentenjahre an der Harvard-Universität — er promovierte 1939 — nahm er Unterricht bei dem berühmten Komponisten Walter Piston. Schon damals interessierte sich Dimitri Mitropoulos für Bernstein; über seinen Rat trat er in Fritz Reiners Dirigentenklasse am Curtis-Institut in Philadelphia ein. Bald wurde er im Berkshire Music Centre ein enger Mitarbeiter des Chefdirigenten der Boston Symphony, Serge Koussewitzky — dann kam die Berufung durch Artur Rodzinski nach New York. Er trat bald auch als Konzertpianist hervor und dirigierte oft Klavierkonzerte "von Mozart, Ravel und anderen vom Klavier.

Dann folgte Leonard Bernsteins zweites Debüt, als Komponist, und zwar mit seiner Ersten Symphonie, die er bereits 194Z geschrieben hatte. Sie beruht auf einem Bibel-Thema, dem Leben des Propheten Jeremias, und das Altsolo des Schlusssatzes ist in hebräischer Sprache geschrieben. Beinahe alle großen Symphonieorchester Amerikas haben dieses Werk gespielt. Und dann geschah die erste der Überraschungen, mit denen Lennie von nun an fast all fährlich aufwarten sollte. Am 18. April 1944 stand Leonard Bernstein am Pult der Metropolitan Opera — allerdings außerhalb der ernsten Opernsaison, und dirigierte ein Gastspiel des „Ballet Theatre" mit dem von ihm komponierten Jazzballett Fancy Free. Die Konservativen waren entrüstet über den entarteten „Harvard boy" — und die Fortschrittlichen schrien „bravo" und freuten sich über seine erste Zusammenarbeit mit dem genialen Choreographen Jerome Robbins. Der Erfolg

war großartig.

Noch im gleichen Jahre arbeiteten die Autoren den gleichen Stoff zu ihrem ersten Musical um. Die Premiere von On the Town fand am 28. Dezember 1944 im Adelphi Theatre in New York statt. Die Musik, die eine Weiterentwicklung von Gershwins symphonischem Jazz darstellt, rindet ihre stärksten Akzente für die Gefühle der Einsamkeit der Fremden im lärmenden Trubel des Lichtermeers am Times Square bei Nacht. Bernsteins erstes Musical steht bereits unter dem Motto aller seiner späteren Broadway- Erfolge: eine Huldigung an New York. On the Town wurde von George Abbott inszeniert, Jerome Robbins war Autor der Grundidee und Choreograph. Die Buchautoren Adolph Green und Betty Comden spielten auch auf der Bühne; von den Darstellern waren die Japanerin Sono Osato hervorragend, und auch Nancy Walker in der Rolle einer Anthropologie-Studentin. On the Town lief 463mal en suite.

Die Karriere Bernsteins entwickelte sich nun in beiden Richtungen und im Grunde hat keine der anderen geschadet. Von 1945 bis 1948 hatte er die Oberleitung der New York City Symphony — aber gleichzeitig ließ ihn der Gedanke nicht los, wie er beide Seiten seines Schaffens vereinigen könnte: ein ernstes Musical? Eine Jazz-Symphonie? Er beschritt den zweiten Weg zuerst. 1949 brachte die Boston Symphony unter Serge Koussewitzky seine Zweite Symphonie zur Uraufführung. Sie ist eigentlich ein Klavierkonzert mit Jazzelementen und beruht auf dem Gedicht von W. H. Auden The Age of Anxiety (»Das Zeitalter der Angst"). Bernstein nannte sein Werk eine „Autobiographie vor dem Spiegel" mit dem Klavier als autobiographischem Protagonisten.

Westside Story in einer Aufführung 1957 im Wintergarten-Theater New York

Nun hatte er als Dirigent bereits Weltruhm errungen, im Jahre 1953 dirigierte er als erster gebürtiger Amerikaner an der Scala in Mailand — und am 25. Februar 1953 erschien im Winter Garden von New York Bernsteins zweites Musical, das mit Rosalind Russell in einer Hauptrolle Furore machte und 556 Vorstellungen cn suite erreichte: Wonderful Town — „Wundervolle Stadt", natürlich wieder: New York. Die Musik ist laut, hart, sehr erfindungsreich und bringt eine modernisierte Version des Jazzstils der dreißiger Jahre, in denen das Stück spielt. Wonderful Town wurde in meiner deutschen Übertragung unter meiner Produktionsleitung von der Wiener Volksoper im Jahre 1956 in einer Meisterinszenierung des Regisseurs und Choreographen der Bayerischen Staatsoper, Heinz Rosen, herausgebracht. Leonard Bernstein hat unsere Einladung, die Schau zu dirigieren, abgelehnt — er hat noch niemals eines seiner Musicals dirigiert —, hat mir aber in der sehr schweren Produktion wertvolle Ratschläge gegeben. Bernstein liebt Jazz, und Jazz ist mehr als ein Hobby für ihn. Schon in der Mittelschulzeit hatte er Jazz gespielt, um damit seine Stunden bei Helen Coates zu finanzieren. Während seiner Harvard-Jahre komponierte er „Student Shows" mit Jazz. Und kurz vor seiner Berufung an die New Yorker Philharmonie arbeitete er in einem Verlag für Schlagermusik; für diesen Job hatte er seinen Namen wörtlich ins Englische übersetzt und nannte sieb Mr. Leonard Amber.

Bernstein gehört zu jenen Menschen, die so farbig und interessant sind, dass sie immer, wie es in Amerika heißt, „in the news" sind, zu deutsch: immer von der Öffentlichkeit beachtet werden. Er hat schon in jungen Jahren an der Brandeis University unterrichtet, auch im Berkshire Music Centre. Er ist ein glänzender Redner von faszinierender Suggestivität: es gibt auch Schallplatten, auf denen er z. B. den Aufbau einer Beethovensymphonie erklärt. Er ist sehr telegen und seine Erklärungen ernster Musik im Fernsehen sind ein pädagogisches Novum und haben viel zur Verbreiterung des Verständnisses für die Klassiker in Amerika beigetragen. Berühmt war eine Fernsehschau über Beethovens Fünfte Symphonie: Bernstein hatte eine gigantische Partitur aufgebaut — auf jeder Notenzeile stand ein lebendiger Spieler und man konnte das Spiel des Instrumentes mit den Noten verfolgen. Diese Schau hat Millionen Menschen in einer Stunde mehr gelehrt als Schulen in Monaten. Bernstein sprach im Fernsehen auch über Jazz. Bei den Jugendkonzerten der New Yorker Philharmonie erklärt er die Werke in kurzen Vorträgen vom Podium vor der Aufführung.

Bernsteins nächster Schritt auf dem Wege der Vereinigung seiner beiden Ichs musste ein ernstes Musical sein. Der gute alte Voltaire hat es sich sicher nicht träumen lassen, dass seine Novelle „Candide" einmal ein Broadway-Musical werden sollte. Lillian Hellman, eine führende Autorin Amerikas, hat den Stoff von der „besten aller möglichen Welten" nicht unoriginell gestaltet. Die Musik war sicherlich die kunstvollste Musik, die jemals für den Broadway geschrieben worden war. Sie beruhte auf Elementen von Rameau, Couperin und enthielt, wie ein Kritiker schrieb, viel pures Gold und etwas — Bernstein. Das Werk, das eine reizvolle artistische Spielerei darstellt (etwa eine „Ariadne" des Musical), erschien am 1. Dezember 1956 auf der Bühne des Martin Beck Theatre und verschwand nach einem künstlerisch bedeutenden, finanziell aber geringen Erfolg (73 Vorstellungen). Die Ouvertüre ist ein Meisterstück moderner Lustspielmusik und der Koloraturwalzer „Glitter and be gay", den Barbara Cook bei der Premiere blendend sang, könnte jeder Kammeroper zur Ehre gereichen.

Candide blieb ein Nebenwerk Bernsteins» wie seine ausgezeichnete Kammermusik, seine Kurzoper „Trouble in Tahiti", seine Violinserenade nach Piatos „Gastmahl" (von Isaac Stern gespielt) und seine originellen Lieder. Zu letzteren gehören „La Bonne Cuisine" und „I hate Music" („Ich hasse Musik"), ein Kinderlied mit der unsterblichen Definition des Kindes für Musik — „Music is a lot of folks in a big dark hall — where they really don't want to be at all".

Leonard Bernstein während einer Probe zu einem Klavierkonzert, in dem er als Solist auftritt

Bernstein ist mit der südamerikanischen Schauspielerin Felicia Montealegre verheiratet und hat 2 Kinder. Er ist gesellig und seine Hobbies sind Kreuzworträtsel und Schach.

1958 wurde Leonard Bernstein der Nachfolger von Mitropoulos als ständiger Leiter der New Yorker Philharmoniker, mit denen er 1959 und 1960 bei den Salzburger Festspielen, den Berliner Festwochen und in Italien konzertiert hat.

Von seinen Werken wurden „On the Town" und „Westside Story" verfilmt. Zu dem Film „On the Waterfront" (deutsch: „Die Faust im Nacken") mit Marion Brando hat er selbst eine packende Filmmusik geschrieben.

Leonard Bernsteins bedeutendstes Werk aber ist „Westside Story". Ich werde den packenden Eindruck der Uraufführung nie vergessen, der ich am 27. September 1957 im Winter Garden von New York beiwohnen durfte. Ich bedaure sehr, dass das deutsche Publikum dieses Werk lediglich in der Darstellung einer reisenden Truppe kennengelernt hat (in diesem Jahr), die wohl einen entfernten Eindruck von den Tänzen der Originalproduktion geboten hat, den musikalischen Ansprüchen aber in keiner Weise gerecht geworden ist — Bernsteins Show ist eine Schau von Teenagern, sie braucht die Stimmen mutierender Jugendlicher, aber sie braucht eben: Stimmen.

Jerome Robbins ist Autor, Regisseur und Choreograph der Show. An der Westseite von New York kämpfen zwei Banden von Teenagern — eine besteht aus puertoricanischen Einwanderern, eine aus Amerikanern. Ihr Kampf ist Tanz, Tanz im Schatten, Tanz vor den Warenhäusern zur Nacht, Tanz in verlassenen Winkeln der Großstadt: auch das ist Bernsteins New York. Die Schau basiert auf einem brennenden Tagesproblem der Stadt New York: der Kriminalität der puertoricanischen Einwanderer. Sie zeigt alle Bitterkeit, Neurotik und Erotik, alle Wildheit und Turbulenz der verwahrlosten Jugend der Großstadtstraßen. Und durch die Grausamkeit des Kampfes der „gangs“ blüht die Geschichte einer tragische Liebe über die Feindschaft der Gruppen hinweg, eines Romeo und einer Julia von heute. Hier wird das Ethos der Rassenversöhnung verklärt durch echte Poesie: wenn Tony zu Maria singt, dann steigen die beiden mutierenden Stimmen in der Aufwallung der ersten Leidenschaft immer höher empor. Von all dem hat das deutsche Publikum leider wenig gehört. Hier hat das Genie der Autoren und ein Ensemble namenloser und starloser Teenager dieses so „unkommerziell" konzipierte Werk zu einem Sieg ohne gleichen geführt. Darin liegen die Elemente, von denen unser Theaterbetrieb lernen müsste.

Am 19. Januar 1961, dem Vorabend seiner Vereidigung, begab sich der dreiundvierzigjährige John F. Kennedy aus Massachusetts, der jüngste gewählte Präsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten, zu einem Festakt in die Constitution Hall, den größten Konzertsaal von Washington. Kennedy war um punkt zwanzig Uhr dreißig eingetroffen — und um punkt zwanzig Uhr einunddreißig begab sich der Dirigent auf das Podium.

Es war der dreiundvierzigjährige Leonard Bernstein aus Massachusetts, der jüngste Chefdirigent in der Geschichte der New Yorker Philharmonie, der als „Enfant terrible" des amerikanischen Kunstlebens der Öffentlichkeit so viele Überraschungen bereitet hatte. Die letzte Überraschung war im Herbst 1957 gekommen, als er mit dem vielleicht kühnsten Musical aller Zeiten Amerika fasziniert und schockiert hatte: Westside Story. Der ungewöhnliche Stoff war die Jugendkriminalität unter den Teenagern in New York. Die rhythmische und harmonische Kühnheit der Musik sprengte alle Konvention — und Jerome Robbins hatte als Regisseur und Choreograph den Kampf der jugendlichen „Gangs" gestaltet.

Den meisten Amerikanern war Leonard Bernstein erst seit dem 13. November 1943 ein Begriff. Der damalige Chefdirigent der New Yorker Philharmonie, Artur Rodzinski, hatte den Fünfundzwanzigjährigen eben zu seinem Assistenten gemacht, aber Bernstein hatte noch niemals ein Orchesterkonzert dirigiert. Nun erkrankte Bruno Walter zwölf Stunden vor seinem Gastkonzert im Sonntagnachmittag-Zyklus in Carnegie Hall. Leonard Bernstein sprang ohne Probe ein und hatte einen Sensationserfolg. Das Konzert wurde durch die National Broadcasting Company im Rundfunk übertragen und am nächsten Morgen lautete die Überschrift auf der Titelseite der „New York Times": Leonard Bernstein am Pult — Debüt eines Genies ... Bald dirigierte Bernstein alle führenden Orchester der Vereinigten Staaten in Programmen klassischer und moderner Musik.

Jerome Robbins gibt einer Tänzerin Anweisungen

Da hatte nun Amerika seinen neuen Liebling. Man blickte voll Bewunderung auf den mitteigroßen, schlanken, schwarzhaarigen jungen Mann mit seinen weitausladenden Gesten, seiner natürlichen Eleganz, seiner mitreißenden Vitalität. Und man freute sich mit nationalem Stolz, einmal die europäischen Klassiker von einem Mann interpretiert zu hören, der nicht in Deutschland, Wien oder Rom geboren war, sondern schlicht und einfach: bei Boston, am 25. August 1918.

Schon in seinen Volksschuljahren studierte er Klavier bei Helen Coates (die später als seine Sekretärin Berühmtheit erlangte), und während seiner Stundentenjahre an der Harvard-Universität — er promovierte 1939 — nahm er Unterricht bei dem berühmten Komponisten Walter Piston. Schon damals interessierte sich Dimitri Mitropoulos für Bernstein; über seinen Rat trat er in Fritz Reiners Dirigentenklasse am Curtis-Institut in Philadelphia ein. Bald wurde er im Berkshire Music Centre ein enger Mitarbeiter des Chefdirigenten der Boston Symphony, Serge Koussewitzky — dann kam die Berufung durch Artur Rodzinski nach New York. Er trat bald auch als Konzertpianist hervor und dirigierte oft Klavierkonzerte "von Mozart, Ravel und anderen vom Klavier.

Dann folgte Leonard Bernsteins zweites Debüt, als Komponist, und zwar mit seiner Ersten Symphonie, die er bereits 194Z geschrieben hatte. Sie beruht auf einem Bibel-Thema, dem Leben des Propheten Jeremias, und das Altsolo des Schlusssatzes ist in hebräischer Sprache geschrieben. Beinahe alle großen Symphonieorchester Amerikas haben dieses Werk gespielt. Und dann geschah die erste der Überraschungen, mit denen Lennie von nun an fast all fährlich aufwarten sollte. Am 18. April 1944 stand Leonard Bernstein am Pult der Metropolitan Opera — allerdings außerhalb der ernsten Opernsaison, und dirigierte ein Gastspiel des „Ballet Theatre" mit dem von ihm komponierten Jazzballett Fancy Free. Die Konservativen waren entrüstet über den entarteten „Harvard boy" — und die Fortschrittlichen schrien „bravo" und freuten sich über seine erste Zusammenarbeit mit dem genialen Choreographen Jerome Robbins. Der Erfolg

war großartig.

Noch im gleichen Jahre arbeiteten die Autoren den gleichen Stoff zu ihrem ersten Musical um. Die Premiere von On the Town fand am 28. Dezember 1944 im Adelphi Theatre in New York statt. Die Musik, die eine Weiterentwicklung von Gershwins symphonischem Jazz darstellt, rindet ihre stärksten Akzente für die Gefühle der Einsamkeit der Fremden im lärmenden Trubel des Lichtermeers am Times Square bei Nacht. Bernsteins erstes Musical steht bereits unter dem Motto aller seiner späteren Broadway- Erfolge: eine Huldigung an New York. On the Town wurde von George Abbott inszeniert, Jerome Robbins war Autor der Grundidee und Choreograph. Die Buchautoren Adolph Green und Betty Comden spielten auch auf der Bühne; von den Darstellern waren die Japanerin Sono Osato hervorragend, und auch Nancy Walker in der Rolle einer Anthropologie-Studentin. On the Town lief 463mal en suite.

Die Karriere Bernsteins entwickelte sich nun in beiden Richtungen und im Grunde hat keine der anderen geschadet. Von 1945 bis 1948 hatte er die Oberleitung der New York City Symphony — aber gleichzeitig ließ ihn der Gedanke nicht los, wie er beide Seiten seines Schaffens vereinigen könnte: ein ernstes Musical? Eine Jazz-Symphonie? Er beschritt den zweiten Weg zuerst. 1949 brachte die Boston Symphony unter Serge Koussewitzky seine Zweite Symphonie zur Uraufführung. Sie ist eigentlich ein Klavierkonzert mit Jazzelementen und beruht auf dem Gedicht von W. H. Auden The Age of Anxiety (»Das Zeitalter der Angst"). Bernstein nannte sein Werk eine „Autobiographie vor dem Spiegel" mit dem Klavier als autobiographischem Protagonisten.

Westside Story in einer Aufführung 1957 im Wintergarten-Theater New York

Nun hatte er als Dirigent bereits Weltruhm errungen, im Jahre 1953 dirigierte er als erster gebürtiger Amerikaner an der Scala in Mailand — und am 25. Februar 1953 erschien im Winter Garden von New York Bernsteins zweites Musical, das mit Rosalind Russell in einer Hauptrolle Furore machte und 556 Vorstellungen cn suite erreichte: Wonderful Town — „Wundervolle Stadt", natürlich wieder: New York. Die Musik ist laut, hart, sehr erfindungsreich und bringt eine modernisierte Version des Jazzstils der dreißiger Jahre, in denen das Stück spielt. Wonderful Town wurde in meiner deutschen Übertragung unter meiner Produktionsleitung von der Wiener Volksoper im Jahre 1956 in einer Meisterinszenierung des Regisseurs und Choreographen der Bayerischen Staatsoper, Heinz Rosen, herausgebracht. Leonard Bernstein hat unsere Einladung, die Schau zu dirigieren, abgelehnt — er hat noch niemals eines seiner Musicals dirigiert —, hat mir aber in der sehr schweren Produktion wertvolle Ratschläge gegeben. Bernstein liebt Jazz, und Jazz ist mehr als ein Hobby für ihn. Schon in der Mittelschulzeit hatte er Jazz gespielt, um damit seine Stunden bei Helen Coates zu finanzieren. Während seiner Harvard-Jahre komponierte er „Student Shows" mit Jazz. Und kurz vor seiner Berufung an die New Yorker Philharmonie arbeitete er in einem Verlag für Schlagermusik; für diesen Job hatte er seinen Namen wörtlich ins Englische übersetzt und nannte sieb Mr. Leonard Amber.

Bernstein gehört zu jenen Menschen, die so farbig und interessant sind, dass sie immer, wie es in Amerika heißt, „in the news" sind, zu deutsch: immer von der Öffentlichkeit beachtet werden. Er hat schon in jungen Jahren an der Brandeis University unterrichtet, auch im Berkshire Music Centre. Er ist ein glänzender Redner von faszinierender Suggestivität: es gibt auch Schallplatten, auf denen er z. B. den Aufbau einer Beethovensymphonie erklärt. Er ist sehr telegen und seine Erklärungen ernster Musik im Fernsehen sind ein pädagogisches Novum und haben viel zur Verbreiterung des Verständnisses für die Klassiker in Amerika beigetragen. Berühmt war eine Fernsehschau über Beethovens Fünfte Symphonie: Bernstein hatte eine gigantische Partitur aufgebaut — auf jeder Notenzeile stand ein lebendiger Spieler und man konnte das Spiel des Instrumentes mit den Noten verfolgen. Diese Schau hat Millionen Menschen in einer Stunde mehr gelehrt als Schulen in Monaten. Bernstein sprach im Fernsehen auch über Jazz. Bei den Jugendkonzerten der New Yorker Philharmonie erklärt er die Werke in kurzen Vorträgen vom Podium vor der Aufführung.

Bernsteins nächster Schritt auf dem Wege der Vereinigung seiner beiden Ichs musste ein ernstes Musical sein. Der gute alte Voltaire hat es sich sicher nicht träumen lassen, dass seine Novelle „Candide" einmal ein Broadway-Musical werden sollte. Lillian Hellman, eine führende Autorin Amerikas, hat den Stoff von der „besten aller möglichen Welten" nicht unoriginell gestaltet. Die Musik war sicherlich die kunstvollste Musik, die jemals für den Broadway geschrieben worden war. Sie beruhte auf Elementen von Rameau, Couperin und enthielt, wie ein Kritiker schrieb, viel pures Gold und etwas — Bernstein. Das Werk, das eine reizvolle artistische Spielerei darstellt (etwa eine „Ariadne" des Musical), erschien am 1. Dezember 1956 auf der Bühne des Martin Beck Theatre und verschwand nach einem künstlerisch bedeutenden, finanziell aber geringen Erfolg (73 Vorstellungen). Die Ouvertüre ist ein Meisterstück moderner Lustspielmusik und der Koloraturwalzer „Glitter and be gay", den Barbara Cook bei der Premiere blendend sang, könnte jeder Kammeroper zur Ehre gereichen.

Candide blieb ein Nebenwerk Bernsteins» wie seine ausgezeichnete Kammermusik, seine Kurzoper „Trouble in Tahiti", seine Violinserenade nach Piatos „Gastmahl" (von Isaac Stern gespielt) und seine originellen Lieder. Zu letzteren gehören „La Bonne Cuisine" und „I hate Music" („Ich hasse Musik"), ein Kinderlied mit der unsterblichen Definition des Kindes für Musik — „Music is a lot of folks in a big dark hall — where they really don't want to be at all".

Leonard Bernstein während einer Probe zu einem Klavierkonzert, in dem er als Solist auftritt

Bernstein ist mit der südamerikanischen Schauspielerin Felicia Montealegre verheiratet und hat 2 Kinder. Er ist gesellig und seine Hobbies sind Kreuzworträtsel und Schach.

1958 wurde Leonard Bernstein der Nachfolger von Mitropoulos als ständiger Leiter der New Yorker Philharmoniker, mit denen er 1959 und 1960 bei den Salzburger Festspielen, den Berliner Festwochen und in Italien konzertiert hat.

Von seinen Werken wurden „On the Town" und „Westside Story" verfilmt. Zu dem Film „On the Waterfront" (deutsch: „Die Faust im Nacken") mit Marion Brando hat er selbst eine packende Filmmusik geschrieben.

Leonard Bernsteins bedeutendstes Werk aber ist „Westside Story". Ich werde den packenden Eindruck der Uraufführung nie vergessen, der ich am 27. September 1957 im Winter Garden von New York beiwohnen durfte. Ich bedaure sehr, dass das deutsche Publikum dieses Werk lediglich in der Darstellung einer reisenden Truppe kennengelernt hat (in diesem Jahr), die wohl einen entfernten Eindruck von den Tänzen der Originalproduktion geboten hat, den musikalischen Ansprüchen aber in keiner Weise gerecht geworden ist — Bernsteins Show ist eine Schau von Teenagern, sie braucht die Stimmen mutierender Jugendlicher, aber sie braucht eben: Stimmen.

Jerome Robbins ist Autor, Regisseur und Choreograph der Show. An der Westseite von New York kämpfen zwei Banden von Teenagern — eine besteht aus puertoricanischen Einwanderern, eine aus Amerikanern. Ihr Kampf ist Tanz, Tanz im Schatten, Tanz vor den Warenhäusern zur Nacht, Tanz in verlassenen Winkeln der Großstadt: auch das ist Bernsteins New York. Die Schau basiert auf einem brennenden Tagesproblem der Stadt New York: der Kriminalität der puertoricanischen Einwanderer. Sie zeigt alle Bitterkeit, Neurotik und Erotik, alle Wildheit und Turbulenz der verwahrlosten Jugend der Großstadtstraßen. Und durch die Grausamkeit des Kampfes der „gangs“ blüht die Geschichte einer tragische Liebe über die Feindschaft der Gruppen hinweg, eines Romeo und einer Julia von heute. Hier wird das Ethos der Rassenversöhnung verklärt durch echte Poesie: wenn Tony zu Maria singt, dann steigen die beiden mutierenden Stimmen in der Aufwallung der ersten Leidenschaft immer höher empor. Von all dem hat das deutsche Publikum leider wenig gehört. Hier hat das Genie der Autoren und ein Ensemble namenloser und starloser Teenager dieses so „unkommerziell" konzipierte Werk zu einem Sieg ohne gleichen geführt. Darin liegen die Elemente, von denen unser Theaterbetrieb lernen müsste.