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Porträt: Joan Field

Von
Antonio Mingotti
Erschienen in der Printausgabe im
Februar 1961
Lesezeit ca.
Minuten

Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zog der irische Klavierspieler John Field von England aus quer durch den Kontinent bis Petersburg und entzückte die musikalische Welt durch seine feinsinnigen Nocturnes, neuartig empfindungsvolle Klavierstücke, die sich wenige Jahre später Chopin zum Vorbild nahm.

John Field ist ein Vorfahr der Geigerin Joan Field, die 1959 zum ersten Mal aus Amerika nach Deutschland kam und im Laufe eines Jahres nicht weniger als vier Violinkonzerte (Spohrs Gesangsszene, Bruchs g-moll-Konzert sowie die Konzerte von Mozart A-dur, Mendelssohn) bei Telefunken-Decca auf Platten spielte. In einigen Städten ist sie auch als Solistin mit außerordentlichem Erfolg aufgetreten. Ihr Spiel enthält Glanz und Gediegenheit in gleichem Maße und ist bei allem Stilgefühl doch von so ausgeprägtem persönlichem Charakter, dass es verlockt, einen Überblick über Laufbahn und Wesen der ausgezeichneten Künstlerin zu tun.

Als Joan Field kaum vierjährig mehr zum kindlichen Spiel als zum Studium eine kleine Geige bekam, erwies sich sehr bald ihre erstaunliche Begabung für Musik im allgemeinen und die Violine im besonderen. Ihr Vater, ein bekannter Historiker, brachte sie zu Kneisel, dem Primarius des damals berühmtesten amerikanischen Streich-Quartetts in New York, der zwar das außergewöhnliche Talent des Kindes erkannte, einen Unterricht aber mit der Bemerkung ablehnte, dass er keine musikalische Amme sei. Doch Albert Spalding, der zu dieser Zeit bedeutendste Geiger Amerikas, übernahm den Unterricht der kleinen Joan, die er in erstaunlich kurzer Zeit so weit geigerisch förderte, dass er bei seiner Übersiedlung nach Paris den Eltern vorschlug, das Kind zur weiteren Ausbildung mitreisen zu lassen. In Paris genoss Joan Field auch noch die Unterweisung Jacques Thibeuts und George Enescos mit solchem Erfolg, dass sie bereits als Vierzehnjährige eine technisch vollkommen ausgereifte Geigerin war.

Alle Vorschläge, die junge Geigenkünstlerin nunmehr als Wunderkind reisen zu lassen, wiesen die Eltern mit Bestimmtheit zurück. Sie forderten sie vielmehr auf, nach Hause zu kommen, um Joans Allgemeinbildung zu fördern und ihr Zeit zu lassen, sich künstlerisch zu entwickeln. In dieser Zeit war Michel Piastro, der Konzertmeister der New Yorker Philharmoniker, ein Schüler Aucrs und ein ebenso glänzender Geiger wie Musiker, ihr künstlerischer Mentor. Mit ihm studierte Joan Field alle bedeutenden Violinkonzerte. Piastro zog sie auch zum Quartettspiel heran und erweckte in ihr die Begeisterung für die Kammermusik.

Die bisher mit Hingabe gepflegte Virtuosität wird nun in den Dienst plastischer Gestaltung und vertiefter Empfindung gestellt, das neugewonnene Gebiet mit Begeisterung und künstlerischer Entdeckerfreude durchstreift. Achtzehn jährig spricht Joan Field allsonntäglich im amerikanischen Rundfunk über die Geige, ihre Literatur und deren Interpretation, spielt die besprochenen Werke und lädt bedeutende Musiker wie Leonard Bernstein, Arthur Rodzinski oder Olin Downs zu Diskussionen ein. Unter dem Druck stets neuer Anforderungen erringt Joan Field große stilistische und technische Kenntnisse der gesamten Violinliteratur vom frühen Barock über die Wiener Klassik, die Romantik und den Impressionismus bis zur Moderne. Besonders aber lockt das Neue, Gegenwärtige, auch Abseitige oder unverdient Vergessene. Solcher Werke nimmt sich Joan Field mit intensivstem Interesse an. Die Violinkonzerte von Dello Joio und Paul Crestons werden von ihr uraufgeführt. Sie entdeckt die in einer Bibliothek verschollene erste Violinsonate von Charles Ives, Amerikas genialem Avantgardisten, die noch nie gespielt wurde. Werk und Interpretation durch Joan Field erregen in Amerika gleichermaßen Aufsehen. Als Joan Field den greisen Komponisten aufsucht, um ihm seine Sonate vorzuspielen, kann er sich zwar nicht mehr erinnern, sie komponiert zu haben, ist aber vom Spiel der Geigerin entzückt.

Es gibt kein bedeutendes amerikanisches Orchester, mit dem Joan Field nicht als Solistin unter hervorragenden Dirigenten gespielt hat.

Ihr Repertoire ist enorm. Abgesehen von zahllosen Solostücken spielt sie 35 Konzerte aus dem Gedächtnis. Die außerordentlich gediegene und zuverlässige Technik beider Hände in Verbindung mit ihrer hohen Musikalität ermöglichen ihr, ein neues Werk in kürzester Zeit zu beherrschen. Meistens spielt Joan Field ihre eigenen Kadenzen, die ebenso seil- wie wirkungsvoll sind. Ein Musterbeispiel dafür ist die geschmackvolle Kadenz zu Spohrs „Gesangsszene", gegen die sich sogar die Originalkadenz ziemlich akademisch ausnimmt.

Ein besonderes Anliegen sind Joan Field die Besuche der amerikanischen Musik-Campings, deren Orchestern sich die bedeutendsten Dirigenten und Solisten zur Verfügung stellen. Eifrig nützt sie die geringe Freizeit zwischen ihren zahlreichen Konzertverpflichtungen, um die Musikstudenten unmittelbar mit der Geigenliteratur bekanntzumachen und den Fortgeschrittenen vorbildlichen Violinunterricht zu erteilen. Als sie bei einer solchen Gelegenheit Beethovens Violinkonzert spielte, entdeckte sie überraschend an der Pauke ihren zwölfjährigen Sohn, der bereits mehrere Instrumente spielt.

Erfüllt von Musik, besessen von ihrem Instrument — sie besitzt eine herrliche Stradivarius-Geige, die einst Joseph Joachim gehörte— ist Joan Field eine vielseitig gebildete Künstlerin mit lebhaftem Sinn für alle Schwesterkünste. Als Persönlichkeit von starker Empfindung hat sie viel Humor und ist voll neidloser Kameradschaftlichkeit zu ihren Kunstkollegen. Durchaus ihrer bedeutenden Künstlerschaft bewusst, ist sie doch von jener schönen Bescheidenheit, die das unentwegte Streben des wahren Künstlers nach Vollendung verrät.

Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zog der irische Klavierspieler John Field von England aus quer durch den Kontinent bis Petersburg und entzückte die musikalische Welt durch seine feinsinnigen Nocturnes, neuartig empfindungsvolle Klavierstücke, die sich wenige Jahre später Chopin zum Vorbild nahm.

John Field ist ein Vorfahr der Geigerin Joan Field, die 1959 zum ersten Mal aus Amerika nach Deutschland kam und im Laufe eines Jahres nicht weniger als vier Violinkonzerte (Spohrs Gesangsszene, Bruchs g-moll-Konzert sowie die Konzerte von Mozart A-dur, Mendelssohn) bei Telefunken-Decca auf Platten spielte. In einigen Städten ist sie auch als Solistin mit außerordentlichem Erfolg aufgetreten. Ihr Spiel enthält Glanz und Gediegenheit in gleichem Maße und ist bei allem Stilgefühl doch von so ausgeprägtem persönlichem Charakter, dass es verlockt, einen Überblick über Laufbahn und Wesen der ausgezeichneten Künstlerin zu tun.

Als Joan Field kaum vierjährig mehr zum kindlichen Spiel als zum Studium eine kleine Geige bekam, erwies sich sehr bald ihre erstaunliche Begabung für Musik im allgemeinen und die Violine im besonderen. Ihr Vater, ein bekannter Historiker, brachte sie zu Kneisel, dem Primarius des damals berühmtesten amerikanischen Streich-Quartetts in New York, der zwar das außergewöhnliche Talent des Kindes erkannte, einen Unterricht aber mit der Bemerkung ablehnte, dass er keine musikalische Amme sei. Doch Albert Spalding, der zu dieser Zeit bedeutendste Geiger Amerikas, übernahm den Unterricht der kleinen Joan, die er in erstaunlich kurzer Zeit so weit geigerisch förderte, dass er bei seiner Übersiedlung nach Paris den Eltern vorschlug, das Kind zur weiteren Ausbildung mitreisen zu lassen. In Paris genoss Joan Field auch noch die Unterweisung Jacques Thibeuts und George Enescos mit solchem Erfolg, dass sie bereits als Vierzehnjährige eine technisch vollkommen ausgereifte Geigerin war.

Alle Vorschläge, die junge Geigenkünstlerin nunmehr als Wunderkind reisen zu lassen, wiesen die Eltern mit Bestimmtheit zurück. Sie forderten sie vielmehr auf, nach Hause zu kommen, um Joans Allgemeinbildung zu fördern und ihr Zeit zu lassen, sich künstlerisch zu entwickeln. In dieser Zeit war Michel Piastro, der Konzertmeister der New Yorker Philharmoniker, ein Schüler Aucrs und ein ebenso glänzender Geiger wie Musiker, ihr künstlerischer Mentor. Mit ihm studierte Joan Field alle bedeutenden Violinkonzerte. Piastro zog sie auch zum Quartettspiel heran und erweckte in ihr die Begeisterung für die Kammermusik.

Die bisher mit Hingabe gepflegte Virtuosität wird nun in den Dienst plastischer Gestaltung und vertiefter Empfindung gestellt, das neugewonnene Gebiet mit Begeisterung und künstlerischer Entdeckerfreude durchstreift. Achtzehn jährig spricht Joan Field allsonntäglich im amerikanischen Rundfunk über die Geige, ihre Literatur und deren Interpretation, spielt die besprochenen Werke und lädt bedeutende Musiker wie Leonard Bernstein, Arthur Rodzinski oder Olin Downs zu Diskussionen ein. Unter dem Druck stets neuer Anforderungen erringt Joan Field große stilistische und technische Kenntnisse der gesamten Violinliteratur vom frühen Barock über die Wiener Klassik, die Romantik und den Impressionismus bis zur Moderne. Besonders aber lockt das Neue, Gegenwärtige, auch Abseitige oder unverdient Vergessene. Solcher Werke nimmt sich Joan Field mit intensivstem Interesse an. Die Violinkonzerte von Dello Joio und Paul Crestons werden von ihr uraufgeführt. Sie entdeckt die in einer Bibliothek verschollene erste Violinsonate von Charles Ives, Amerikas genialem Avantgardisten, die noch nie gespielt wurde. Werk und Interpretation durch Joan Field erregen in Amerika gleichermaßen Aufsehen. Als Joan Field den greisen Komponisten aufsucht, um ihm seine Sonate vorzuspielen, kann er sich zwar nicht mehr erinnern, sie komponiert zu haben, ist aber vom Spiel der Geigerin entzückt.

Es gibt kein bedeutendes amerikanisches Orchester, mit dem Joan Field nicht als Solistin unter hervorragenden Dirigenten gespielt hat.

Ihr Repertoire ist enorm. Abgesehen von zahllosen Solostücken spielt sie 35 Konzerte aus dem Gedächtnis. Die außerordentlich gediegene und zuverlässige Technik beider Hände in Verbindung mit ihrer hohen Musikalität ermöglichen ihr, ein neues Werk in kürzester Zeit zu beherrschen. Meistens spielt Joan Field ihre eigenen Kadenzen, die ebenso seil- wie wirkungsvoll sind. Ein Musterbeispiel dafür ist die geschmackvolle Kadenz zu Spohrs „Gesangsszene", gegen die sich sogar die Originalkadenz ziemlich akademisch ausnimmt.

Ein besonderes Anliegen sind Joan Field die Besuche der amerikanischen Musik-Campings, deren Orchestern sich die bedeutendsten Dirigenten und Solisten zur Verfügung stellen. Eifrig nützt sie die geringe Freizeit zwischen ihren zahlreichen Konzertverpflichtungen, um die Musikstudenten unmittelbar mit der Geigenliteratur bekanntzumachen und den Fortgeschrittenen vorbildlichen Violinunterricht zu erteilen. Als sie bei einer solchen Gelegenheit Beethovens Violinkonzert spielte, entdeckte sie überraschend an der Pauke ihren zwölfjährigen Sohn, der bereits mehrere Instrumente spielt.

Erfüllt von Musik, besessen von ihrem Instrument — sie besitzt eine herrliche Stradivarius-Geige, die einst Joseph Joachim gehörte— ist Joan Field eine vielseitig gebildete Künstlerin mit lebhaftem Sinn für alle Schwesterkünste. Als Persönlichkeit von starker Empfindung hat sie viel Humor und ist voll neidloser Kameradschaftlichkeit zu ihren Kunstkollegen. Durchaus ihrer bedeutenden Künstlerschaft bewusst, ist sie doch von jener schönen Bescheidenheit, die das unentwegte Streben des wahren Künstlers nach Vollendung verrät.