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Gérard Souzay

Von
Hortensia Weiher-Waege
Erschienen in der Printausgabe im
März 1961
Lesezeit ca.
Minuten

Kurz nach dem zweiten Weltkrieg stieg, ähnlich wie Fischer-Dieskau in Deutschland, der junge französische Bariton Gerard Souzay in steiler Karriere zur internationalen Elite der Liedersänger auf. Schon 1945 konnte der Fünfundzwanzig jährige starten; vier Jahre später erhielt er bereits seinen ersten Grand Prix du Disque. 1950 unternahm er die erste der seither regelmäßigen Konzertreisen durch die USA, später sang er auch in Südamerika, Süd- und Nordafrika, Australien, Neuseeland, Indien und Japan. Dazwischen lagen ausgedehnte Tourneen durch europäische Länder und die Mitwirkung bei großen internationalen Festspielen in Salzburg und Prades, Edinburgh und Aix-en-Provence, Berlin und Helsinki, Tanglewood, Venedig usw. In Deutschland trat er 1954 zum ersten Male auf; im März dieses Jahres wird er wieder in mehreren Städten der Bundesrepublik konzertieren.

Neben dem weltberühmten, überall erfolgreichen Sänger Souzay (der übrigens einen Künstlernamen führt), bleibt der Privatmensch im Verborgenen und legt auf Publicity offenbar wenig Wert. Die Angaben zur Person sind knapp und könnten wohl nur bei direkter Begegnung ergänzt werden. Der Künstler wurde 1920 in Angers geboren, Kindheit und Jugendjahre verlebte er in der Tourainc und in Paris. Ein Freund der Eltern, der bedeutende Sänger Pierre Bernac, wurde auf das ungewöhnliche musikalische Talent des Jungen aufmerksam und erteilte dem Zehnjährigen den ersten Gesangsunterricht. Nachdem Souzay in Paris das Gymnasium absolviert hatte, wurde er am Pariser Conservatoirc in Gesang, Klavierspiel und Theorie ausgebildet; zu seinen Lehrmeistern zählten Ciaire Croiza und Vanni Marcoux. 1944 beendete er mit Auszeichnung sein Studium.

Damit sind die persönlichen Daten schon erschöpft; am Rande hört man noch von sportlicher Betätigung, Tennis, Schwimmen, Fußballspiel, für die jetzt allerdings kaum mehr Zeit bleibt, ferner von der Beschäftigung mit philosophischer Lektüre und mit Malerei, die Souzay als Liebhaber betreibt. Es heißt, dass sein Hauptinteresse sich dabei auf die Farbe konzentriert und dass er eine besondere Vorliebe für die Bilder der Impressionisten und der Fauves hat.

Über den Künstler geben die Schallplatten reichere Auskunft (als Bestätigung kommt für mich der bedeutende Eindruck einer Konzertaufführung, der „Winterreise" durch Souzay und Dalton Baldwin hinzu). Da ist zunächst die ungewöhnlich schone Stimme, ein dunkler, sehr männlich klingender Bariton von über zwei Oktaven Umfang. Das edle Material ist vorzüglich durchgebildet und spricht in allen Lagen gleichmäßig klar und voll an. Auch im stärksten Forte geht die Klangkultur nicht verloren. Geschmeidig meistert der Sänger das leichte Parlando, Koloraturen und Triller, vom Portamento macht er häufiger als seine deutschen Kollegen Gebrauch. Nur ganz selten klingt einmal ein Vibrato etwas zu stark oder ein Crescendo „aufgedreht", was auf nähme technische Ursachen haben mag. Sinnvolle Phrasierung, unterstützt durch vorbildliche Atemtechnik, dazu die saubere Intonation und der präzise, lebendige Rhythmus: darin verrät sich der ausgezeichnete Musiker. In seiner Gestaltung wirken Geist, poetisches Verständnis und sinnliche Klangfreude zusammen; der Ausdrucks reich turn ist ebenso frappierend wie das ausgeprägte Stilgefühl, das sich am rechten Ort eine schwelgerische Tongebung oder ein temperamentvolles Draufgängertum gestattet, ohne die Grenzen des Geschmacks zu verletzen, im Kunstlied dagegen die Person des Sängers ganz im Hintergrund lässt.

Als Konzertsänger ist Souzay vor allem dem Lied verbunden. Was ihm die französischen Romantiker, etwa Berhoz oder Gounod, in diesem Bereich bieten, ist bei uns kaum bekannt. Er selbst erblickt eine wichtige künstlerische Mission im pietätvollen Einsatz für die feine Lyrik Gabriel Faures. Eine neue, klangschöne Philips-Aufnahme mit dem berühmten Verlaine-Zyklus „La bonne Chanson" und neun weiteren Liedern von Faure zeigt die Möglichkeit strahlender Stimmentfaltung und zart differenzierten Ausdrucks, die Souzay diesen weichen Melodiebögen über durchsichtigem Klaviersatz abgewinnt. Ergiebiger und musikalisch aufregender ist die schillernde Liedkunst Ravels. Von ihr existieren mehrere Schallplatten, neuerdings auch in der Electrola-Sammlung „Für den Kenner". Lieder von Debussy werden im Repertoire des Künstlers natürlich nicht fehlen; nur die Platten Verzeichnisse verraten nichts davon. Dagegen war mir eine sehr reizvolle Decca-Aufnahme mit französischen Airs aus dem 17. Jahrhundert und alten Volksliedern zugänglich; sehr lebendig im anmutigen Wechsel von tänzerischer Prägnanz, Zärtlichkeit, Melancholie und Übermut. Noch kontrastreicher ist die Liederfolge „Songs of many Lands" in elf Sprachen. Sicher sind einige von diesen Texten nur phonetisch gelernt, aber auch die Sprachbegabung des Künstlers muss erstaunlich sein. Souzays Vortrag der Lieder von Schumann, Schubert und Hugo Wolf lässt keinen Zweifel darüber bestehen, dass der Künstler die Sprache vollkommen beherrscht und in ihrer dichterischen Eigenart bis ins Letzte erfasst hat. Es wäre interessant zu wissen, ob in Frankreich, dem Land der großen Schumann-Spieler, auch die Tradition deutschen Liedgesangs lebendig geblieben ist, oder ob Souzay sich an deutschen Vorbildern geschult hat. Sein Einfühlungsvermögen erscheint in jedem Fall bewunderungswürdig.

Ebenso wie mit dem romantischen deutschen Lied ist der Sänger mit dem Werk und Stil J. S. Bachs vertraut; das beweisen seine Kantaten- Aufnahmen und die Tatsache, dass er selbst schon Bach-Kantaten dirigiert hat. (Die Neigung zum Dirigieren teilt er übrigens mit dem berühmten elsassischen Sänger Julius Stockhausen, dem Freund von Brahms, der bekanntlich in Hamburg und später in Berlin als Dirigent gewirkt hat.) Über Souzays Oratorienpartien war Näheres nicht zu erfahren. Eine mir noch nicht bekannte Schallplatte mit Arien von Mozart, Scarlatti, Lully, Gluck und Rameau deutet auf sein Konzertrepertoire mit Orchester.

Operngastspiele scheinen bis jetzt Ausnahmefälle zu sein, doch weiß man von großen Bühnenerfolgen in Glucks „Orpheus", Cimarosas „Matrimonio segreto" (unter Rosbaud), Mozarts „Figaro", Berlioz' „Damnation de Faust" und Debussys „Pelleas et Melisande". Eine hervorragende Electrola- Aufnahme dieser Oper unter Cluytens, mit Victoria de los Angeles als Melisande, gibt von seiner dramatischen Gestaltung der tragischen Golaud-Partie einen klaren Begriff. (Eine ausführliche Würdigung erscheint später.) Lieder des Mephisto aus „Damnation de Faust" in sarkastisch trockenem Vortrag sind in einer Decca-Aufnahme von „Operatic Arias" zu hören, die außerdem mehrere prachtvoll gesungene Proben französischer Opernlyrik aus dem vorigen Jahrhundert enthält. Die französische Spieloper fehlt darunter, bietet sie ihm keine Aufgaben? Zweifellos hat Souzay sich auch mit der italienischen Oper des 19. und 20. Jahrhunderts beschäftigt; ob die Schallplatte Beweise dafür festgehalten hat, ist mir nicht bekannt. Souzays Einsatz für zeitgenössische Musik ist durch seine Mitwirkung bei der Uraufführung von Strawinskys „Canticum sacrum" in Venedig 1956 repräsentativ bezeugt. Gern würde man erfahren, wie weit der hochmusikalische und geistig bewegliche Künstler überhaupt an der neuen und neuesten Musik interessiert ist.

Kurz nach dem zweiten Weltkrieg stieg, ähnlich wie Fischer-Dieskau in Deutschland, der junge französische Bariton Gerard Souzay in steiler Karriere zur internationalen Elite der Liedersänger auf. Schon 1945 konnte der Fünfundzwanzig jährige starten; vier Jahre später erhielt er bereits seinen ersten Grand Prix du Disque. 1950 unternahm er die erste der seither regelmäßigen Konzertreisen durch die USA, später sang er auch in Südamerika, Süd- und Nordafrika, Australien, Neuseeland, Indien und Japan. Dazwischen lagen ausgedehnte Tourneen durch europäische Länder und die Mitwirkung bei großen internationalen Festspielen in Salzburg und Prades, Edinburgh und Aix-en-Provence, Berlin und Helsinki, Tanglewood, Venedig usw. In Deutschland trat er 1954 zum ersten Male auf; im März dieses Jahres wird er wieder in mehreren Städten der Bundesrepublik konzertieren.

Neben dem weltberühmten, überall erfolgreichen Sänger Souzay (der übrigens einen Künstlernamen führt), bleibt der Privatmensch im Verborgenen und legt auf Publicity offenbar wenig Wert. Die Angaben zur Person sind knapp und könnten wohl nur bei direkter Begegnung ergänzt werden. Der Künstler wurde 1920 in Angers geboren, Kindheit und Jugendjahre verlebte er in der Tourainc und in Paris. Ein Freund der Eltern, der bedeutende Sänger Pierre Bernac, wurde auf das ungewöhnliche musikalische Talent des Jungen aufmerksam und erteilte dem Zehnjährigen den ersten Gesangsunterricht. Nachdem Souzay in Paris das Gymnasium absolviert hatte, wurde er am Pariser Conservatoirc in Gesang, Klavierspiel und Theorie ausgebildet; zu seinen Lehrmeistern zählten Ciaire Croiza und Vanni Marcoux. 1944 beendete er mit Auszeichnung sein Studium.

Damit sind die persönlichen Daten schon erschöpft; am Rande hört man noch von sportlicher Betätigung, Tennis, Schwimmen, Fußballspiel, für die jetzt allerdings kaum mehr Zeit bleibt, ferner von der Beschäftigung mit philosophischer Lektüre und mit Malerei, die Souzay als Liebhaber betreibt. Es heißt, dass sein Hauptinteresse sich dabei auf die Farbe konzentriert und dass er eine besondere Vorliebe für die Bilder der Impressionisten und der Fauves hat.

Über den Künstler geben die Schallplatten reichere Auskunft (als Bestätigung kommt für mich der bedeutende Eindruck einer Konzertaufführung, der „Winterreise" durch Souzay und Dalton Baldwin hinzu). Da ist zunächst die ungewöhnlich schone Stimme, ein dunkler, sehr männlich klingender Bariton von über zwei Oktaven Umfang. Das edle Material ist vorzüglich durchgebildet und spricht in allen Lagen gleichmäßig klar und voll an. Auch im stärksten Forte geht die Klangkultur nicht verloren. Geschmeidig meistert der Sänger das leichte Parlando, Koloraturen und Triller, vom Portamento macht er häufiger als seine deutschen Kollegen Gebrauch. Nur ganz selten klingt einmal ein Vibrato etwas zu stark oder ein Crescendo „aufgedreht", was auf nähme technische Ursachen haben mag. Sinnvolle Phrasierung, unterstützt durch vorbildliche Atemtechnik, dazu die saubere Intonation und der präzise, lebendige Rhythmus: darin verrät sich der ausgezeichnete Musiker. In seiner Gestaltung wirken Geist, poetisches Verständnis und sinnliche Klangfreude zusammen; der Ausdrucks reich turn ist ebenso frappierend wie das ausgeprägte Stilgefühl, das sich am rechten Ort eine schwelgerische Tongebung oder ein temperamentvolles Draufgängertum gestattet, ohne die Grenzen des Geschmacks zu verletzen, im Kunstlied dagegen die Person des Sängers ganz im Hintergrund lässt.

Als Konzertsänger ist Souzay vor allem dem Lied verbunden. Was ihm die französischen Romantiker, etwa Berhoz oder Gounod, in diesem Bereich bieten, ist bei uns kaum bekannt. Er selbst erblickt eine wichtige künstlerische Mission im pietätvollen Einsatz für die feine Lyrik Gabriel Faures. Eine neue, klangschöne Philips-Aufnahme mit dem berühmten Verlaine-Zyklus „La bonne Chanson" und neun weiteren Liedern von Faure zeigt die Möglichkeit strahlender Stimmentfaltung und zart differenzierten Ausdrucks, die Souzay diesen weichen Melodiebögen über durchsichtigem Klaviersatz abgewinnt. Ergiebiger und musikalisch aufregender ist die schillernde Liedkunst Ravels. Von ihr existieren mehrere Schallplatten, neuerdings auch in der Electrola-Sammlung „Für den Kenner". Lieder von Debussy werden im Repertoire des Künstlers natürlich nicht fehlen; nur die Platten Verzeichnisse verraten nichts davon. Dagegen war mir eine sehr reizvolle Decca-Aufnahme mit französischen Airs aus dem 17. Jahrhundert und alten Volksliedern zugänglich; sehr lebendig im anmutigen Wechsel von tänzerischer Prägnanz, Zärtlichkeit, Melancholie und Übermut. Noch kontrastreicher ist die Liederfolge „Songs of many Lands" in elf Sprachen. Sicher sind einige von diesen Texten nur phonetisch gelernt, aber auch die Sprachbegabung des Künstlers muss erstaunlich sein. Souzays Vortrag der Lieder von Schumann, Schubert und Hugo Wolf lässt keinen Zweifel darüber bestehen, dass der Künstler die Sprache vollkommen beherrscht und in ihrer dichterischen Eigenart bis ins Letzte erfasst hat. Es wäre interessant zu wissen, ob in Frankreich, dem Land der großen Schumann-Spieler, auch die Tradition deutschen Liedgesangs lebendig geblieben ist, oder ob Souzay sich an deutschen Vorbildern geschult hat. Sein Einfühlungsvermögen erscheint in jedem Fall bewunderungswürdig.

Ebenso wie mit dem romantischen deutschen Lied ist der Sänger mit dem Werk und Stil J. S. Bachs vertraut; das beweisen seine Kantaten- Aufnahmen und die Tatsache, dass er selbst schon Bach-Kantaten dirigiert hat. (Die Neigung zum Dirigieren teilt er übrigens mit dem berühmten elsassischen Sänger Julius Stockhausen, dem Freund von Brahms, der bekanntlich in Hamburg und später in Berlin als Dirigent gewirkt hat.) Über Souzays Oratorienpartien war Näheres nicht zu erfahren. Eine mir noch nicht bekannte Schallplatte mit Arien von Mozart, Scarlatti, Lully, Gluck und Rameau deutet auf sein Konzertrepertoire mit Orchester.

Operngastspiele scheinen bis jetzt Ausnahmefälle zu sein, doch weiß man von großen Bühnenerfolgen in Glucks „Orpheus", Cimarosas „Matrimonio segreto" (unter Rosbaud), Mozarts „Figaro", Berlioz' „Damnation de Faust" und Debussys „Pelleas et Melisande". Eine hervorragende Electrola- Aufnahme dieser Oper unter Cluytens, mit Victoria de los Angeles als Melisande, gibt von seiner dramatischen Gestaltung der tragischen Golaud-Partie einen klaren Begriff. (Eine ausführliche Würdigung erscheint später.) Lieder des Mephisto aus „Damnation de Faust" in sarkastisch trockenem Vortrag sind in einer Decca-Aufnahme von „Operatic Arias" zu hören, die außerdem mehrere prachtvoll gesungene Proben französischer Opernlyrik aus dem vorigen Jahrhundert enthält. Die französische Spieloper fehlt darunter, bietet sie ihm keine Aufgaben? Zweifellos hat Souzay sich auch mit der italienischen Oper des 19. und 20. Jahrhunderts beschäftigt; ob die Schallplatte Beweise dafür festgehalten hat, ist mir nicht bekannt. Souzays Einsatz für zeitgenössische Musik ist durch seine Mitwirkung bei der Uraufführung von Strawinskys „Canticum sacrum" in Venedig 1956 repräsentativ bezeugt. Gern würde man erfahren, wie weit der hochmusikalische und geistig bewegliche Künstler überhaupt an der neuen und neuesten Musik interessiert ist.