Václav Talich
Diener der großen Meister

Subjektive und objektive Gründe gibt es für die Tatsache, dass der Name des großen tschechischen Dirigenten Vaclav Talich weder vor Jahren noch heute die internationale Berühmtheit genießt, die seinem Träger gebühren würde. Ohne Zweifel gehören aber die einmaligen künstlerischen Leistungen Talichs zu jener Spitzenkategorie bleibender Errungenschaften, die auf der Opernbühne und im "Konzertsaal das musikalische Antlitz Europas im zweiten Viertel unseres Jahrhunderts entscheidend geformt haben. Die Tschechische Philharmonie verdankt Talich ihren Aufstieg in die erste Klasse der Sinfonieorchester, und über das Präger Nationaltheater konnte Vaclav Talich auch dem europäischen Opernleben nachwirkende Impulse vermitteln. Selbstgewollte vorwiegende Beschränkung auf den heimatlichen Wirkungskreis hielt Tauch immer wieder von der lockenden internationalen Karriere des Stardirigenten ab. Seine grundlegende interpretatorische Beschäftigung mit der tschechischen Musik kommt für das Ausland verfrüht, Fährnisse und Krankheit schließen vorzeitig eine höchsten Zielen zustrebende Laufbahn ab.
Anfänge, Aufbau und Reifen
Eine nicht unwesentliche Zahl von Plattentaschen mit Talichs Namen mahnt daran, seines fruchtbaren Wirkens aufs neue zu gedenken und wenigstens kurz Leben und Werk zu skizzieren.
Aus altem Bauerngeschlecht im wenig fruchtbaren Grenzland zwischen Böhmen und Mähren stammt Vaclav Talich. Vom Vater erben alle vier Kinder die für ihren weiteren Lebensweg entscheidende musikalische Begabung, die bei dem am 28. Mai 1883 geborenen Vaclav am frühesten und stärksten kristallisiert. Im Kirchenchor in Klatovy und im Studentenorchester des dortigen Gymnasiums beginnt er seine musikalische Tätigkeit; hier trifft er auch zum ersten Male mit Antonin Dvofik und dem Geiger F. Ondříček zusammen. Als Geiger geht dann Talich ans Prager Konservatorium, wo ihn schließlich Otakar Sevcik selbst pädagogisch betreut. Als Geiger nimmt Václav Talich sein erstes Engagement an, das ihn an das erste Pult der Berliner Philharmoniker führt. Hier wird im Herbst des Jahres 1903 die Begegnung mit Arthur Nikisch entscheidend für Talichs weiteres Wirken, Stufenweise kommt er dann über Odessa, TifUs, Prag an die Theater in Laibach und Pilsen, wo er leitende Aufgaben zu erfüllen hat. Nochmals kehrt Tatich für kurze Zeit zu Nikisch nach Leipzig zurück und geht dann zur Erweiterung des Horizonts studienhalber nach Mailand. Die kurzfristige Übernahme eines von Kovafovic abgesagten Konzerts bringt ihn im Dezember 1917 zum ersten Male ans Dirigentenpult der Tschechischen Philharmonie.
Das Prager Orchester war gegen Ende des ersten Weltkriegs einer ernsten Krise verfallen. Da die Existenz der Philharmonie im neuen Staat aber besondere Bedeutung gewann, wurde auf eine radikale Lösung aller Schwierigkeiten gedrungen. Bald einigten sich alle interessierten Stellen auf Vaclav Talich, denn er schien der richtige Mann zu sein. Und er war es!
Talich und die Tschechische Philharmonie sind ein besonderes Kapitel des Prager Kulturlebens. Mehr als zwanzig Jahre widmete sich der Dirigent mit ganzer Kraft und größter Intensität dem Orchester. Er allein hat es aus Ebenen gediegenen Musikantentums zu Höhen künstlerischer Interpretation geführt. In minutiöser, für Talich typischer Kleinarbeit hat er Technik und Stilbewusstsein des Orchesters geschärft. Mit geradezu fanatischem Eifer führte er immer wieder die Spieler zur Erkenntnis des geistigen Gehalts der aufgeführten Kompositionen. Mit großer Konzeption hat Talich seinem Repertoire Weite gegeben, und besonders nachdrücklich hat er alles Zeitgenössische gefördert. Dabei hat er es nie verabsäumt, sein persönliches Credo auf der Linie Smetana — Dvofak — Suk — Novak — Janäcek einerseits und Bach — Mozart — Beethoven — Brahms — Strauss andererseits in seinen Programmen besonders herauszuarbeiten.
Natürlich beschränkte sich Talichs Tätigkeit nicht nur auf Prag und gelegentliche Reisen nach anderen tschechoslowakischen Städten. Er führte die Tschechische Philharmonie auf ihre ersten Auslandsreisen nach Italien, später auch nach England, Frankreich, Belgien, Deutschland, Österreich und Jugoslawien. An der Spitze hervorragender Örtlicher Orchester trat Talich in fast allen europäischen Staaten auf, am ausgiebigsten in Schweden, wo er sogar für zwei Jahre (1931 —1933) Chef des Stockholmer Konsertföreningen war. Überall wird Talichs feinfühlige Technik, die Musikalität seiner Auffassung, die Starke und Unmittelbarkeit seines Temperaments, seine Phantasie, aber auch Werktreue hervorgehoben.
Der Operndirigent
Im Jahre 1935 wird Vaclav Talich vor neue Aufgaben gestellt. Als Nachfolger des verstorbenen Otakar Ostrcil wird er unter Beibehaltung seiner Position in der Philharmonie zum Chef der Oper des Präger Nationaltheaters ernannt. Nicht ganz so glücklich wie in der Philharmonie entwickelte sich hier seine Tätigkeit. Die hohen Ansprüche, die Talich von der Arbeit mit seinem Orchester mitbrachte, konnte er hier nicht sofort und auch nicht ohne Widerstände verwirklichen. Die Wirren des Krieges und ihre Auswirkungen erschwerten bald jegliche Arbeit. Aber viele Aufführungen werden uns nie aus dem Gedächtnis schwinden.
Talich begann mit Dvofaks Rusalka und Smctanas Verkaufter Braut, denen er vor allem in der Beziehung Bühne — Orchester neue Wege wies. Es folgte ein Mozartabend im historischen Ständetheater mit Les perits riens und dem Theaterdirektor; dann nahm er sich mit dem ganzen Einsatz seiner Persönlichkeit und Energie als erster wieder des Schlauen Füchsleins von Janäeek an. Später gab Talich auch Katja Kabanowa und Jenufa ein neues Profil. Fibtch, Foerster und Noväk kamen an die Reihe, natürlich auch aufs Neue Smetana und Dvorak. Und immer wieder Mozart. Der Don Giovanni zur 150. Wiederkehr der Prager Premiere, die Zauberflöte, Figaros Hochzeit — alle diese Vorstellungen hätten es verdient, in Salzburg gezeigt zu werden, so vollkommen atmeten sie den Geist des Meisters. Zwei, in eifriger Probenarbeit weit geförderte Vorhaben wurden durch widrige Umstände vereitelt: Alban Bergs Lulu und Pellcas und Melisande von Debussy. Unvergessen bleibt die mutige Tat der Erstaufführung von Martinüs symbolisch-surrealistischer Oper Julietta.
Hatte Talich kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag die Leitung der Tschechischen Philharmonie an Rafael Kubehk abgegeben, so musste er seine Tätigkeit im Nationaltheater wegen am rücher Schließung des Theaters mit der Premiere von Beethovens Fidelio beenden. Nach dem Krieg kehrte Talich noch einmal auf seinen Posten zurück, doch zwang ihn schon nach kurzer Zeit eine schwere Krankheit, ihn definitiv aufzugeben.
Erzieherische Tätigkeit
Schon in der Tsehechisdien Philharmonie wurde Talichs pädagogische Begabung besonders geschätzt. Sie wirkte sich auch im Nationaltheater tiefergreifend und nachhaltig aus. Als Professor des Konservatoriums hat Talich frühzeitig viele jüngere Dirigenten ausgebildet. Nur zwei Namen möchte ich nennen, die heute an der Spitze der genannten Institutionen stehen und von hier aus internationale Bedeutung erlangt haben: es sind dies Jaroslav Krombholc und Karel Ancerl.
Nach dem Krieg erweiterte Vaclav Tauch seine pädagogische Tätigkeit auf besondere Weise. Zunächst nahm er sich des tschechischen Kammerorchesters, das von Absolventen des Konservatoriums unter Führung des jetzigen Leiters des Orchesters und Quartettprimarius Josef Vlach gegründet wurde, an. Er betreute selbstlos dessen Arbeit und dirigierte einige Konzerte des Orchesters, die höchstes Niveau hatten. Später stellte sich Talich für den Aufbau der Slowakischen Philharmonie in Bratislava zur Verfügung, wo er ebenfalls Gelegenheit nahm, einige Konzerte zu leiten. Sie brachten dem jungen Klangkörper unschätzbare Erfahrungen.
Auf Schallplatten
Zur Schallplatte hat Talich sehr früh gefunden, denn seine erste Aufnahme datiert bereits aus dem Jahre 1929. Sie galt Smetanas sinfonischem Zyklus Mein Vaterland für His Masters Voice / AN 386 / 395. Später folgten für die gleiche Firma vier Sinfonien von Dvorak, dessen Slawische Tänze und einige kleinere Werke des Komponisten, dann einige Kompositionen von Josef Suk, mit dem Talich eine besonders enge persönliche und künstlerische Freundschaft verband. Schließlich kam dreimal Tschaikowsky an die Reihe mit der IV. Sinfonie, dem Violinkonzert (W. Schneiderhan) und I. Klavierkonzert (Winfried Wulff).
Doch diese Platten gehören heute nur noch der Vergangenheit der Archive an, obwohl sie unschätzbare Dokumente für die Entwicklung von Talichs Auffassung verschiedener Standardwerke seines Repertoires bieten. Glücklicherweise konnte Supraphon für seine Langspielplattenproduktion ab etwa 1950 Vaclav Tauch für einige Aufnahmen gewinnen. Hier kehrte er endlich wieder zu seiner geliebten Tschechischen Philharmonie zurück und verwirklichte noch einmal, altersweise und bilanzziehend u. a. Smctanas Mein Vaterland, Dvofaks V. Sinfonie „Aus der Neuen Welt", das Stabat Mater, das Konzert für Violoncello und Orchester (mit M. Rostropovitch), die Ouvertüren op. 92 und als besonders willkommenes und geglücktes Geschenk die Serie der sinfonischen Dichtungen. Von Suks mächtiger sinfonischer Tetralogie konnte nur die erste Hälfte (Asrael, Das Reifen) aufgenommen werden. Mit der Serenade und der Märchensuitc des gleichen Autors sind sie Grundsteine einer Diskothek tschechischer Musik. Aber auch Ben da, Janacek und Noväk stehen neben Bach, Tschaikowsky und Mozart im Katalog. Sie alle legen Zeugnis ab von der suggestiven Kraft, mit der Tauch die geistige Welt seiner musikalischen Vorstellungen realisierte.
Sein fruchtbares Öffentliches Wirken schloss Vaclav Talich endgültig im Jahre 1954 ab. Zunächst mit zwei Konzerten des Prager Frühlings, in denen er noch einmal Smetana, Dvorak und Suk huldigte. Dann kam Mozart an die Reihe und Bach. Hier vereinte den Dirigenten ein gütiges Geschick mit einem anderen großen, wenn auch jüngeren Künstler des Jahrhunderts — mit Swjatoslaw Richter, dem genialen russischen Pianisten. Die Platte hat dem gemeinsamen Auftreten Dauer verliehen. Für den Herbst 1954 schrieb die Tschechische Philharmonie noch einmal einen Talichzyklus aus. Aber nur das erste Mozart gewidmete Programm konnte dreimal aufgeführt werden, dann zwang die unerbittliche Krankheit den Dirigenten zum endgültigen Verzicht. Ab und zu kam er noch von seinem unfernen Landsitz zu besonderen musikalischen Ereignissen in die Hauptstadt. In letzter Zeit musste er sich auch diese Zerstreuung versagen . ..
Als Talich an Smetanas siebzigstem Todestag zum letzten Male den Zyklus Mein Vaterland leitete, waren Orchester und Publikum fasziniert. Das vertraute Werk war neu erstanden unter den Händen eines Meisters, der sich noch einmal in seinen Strom versenkte, um sein Wesen zu offenbaren. Noch einmal ist Talich, wie er selbst immer wollte, zum Diener eines großen Schöpfers geworden. Aber mit ihm wurde er selbst zum Schöpfer wie so oft vorher, wenn er mit kühner, aber feinfühliger Hand die großen Formen meißelte und zu Klang werden ließ. Wenn er ihren Inhalt mit unwiderstehlicher Geste heraufbeschwor und festhielt. Wenn er zum Erlebnis werden ließ, was Erlebnis war. Wenn er im Licht, das er erweckte, verglühte als wirklicher Künstler, wie es nur wenige gab und gibt.
Subjektive und objektive Gründe gibt es für die Tatsache, dass der Name des großen tschechischen Dirigenten Vaclav Talich weder vor Jahren noch heute die internationale Berühmtheit genießt, die seinem Träger gebühren würde. Ohne Zweifel gehören aber die einmaligen künstlerischen Leistungen Talichs zu jener Spitzenkategorie bleibender Errungenschaften, die auf der Opernbühne und im "Konzertsaal das musikalische Antlitz Europas im zweiten Viertel unseres Jahrhunderts entscheidend geformt haben. Die Tschechische Philharmonie verdankt Talich ihren Aufstieg in die erste Klasse der Sinfonieorchester, und über das Präger Nationaltheater konnte Vaclav Talich auch dem europäischen Opernleben nachwirkende Impulse vermitteln. Selbstgewollte vorwiegende Beschränkung auf den heimatlichen Wirkungskreis hielt Tauch immer wieder von der lockenden internationalen Karriere des Stardirigenten ab. Seine grundlegende interpretatorische Beschäftigung mit der tschechischen Musik kommt für das Ausland verfrüht, Fährnisse und Krankheit schließen vorzeitig eine höchsten Zielen zustrebende Laufbahn ab.
Anfänge, Aufbau und Reifen
Eine nicht unwesentliche Zahl von Plattentaschen mit Talichs Namen mahnt daran, seines fruchtbaren Wirkens aufs neue zu gedenken und wenigstens kurz Leben und Werk zu skizzieren.
Aus altem Bauerngeschlecht im wenig fruchtbaren Grenzland zwischen Böhmen und Mähren stammt Vaclav Talich. Vom Vater erben alle vier Kinder die für ihren weiteren Lebensweg entscheidende musikalische Begabung, die bei dem am 28. Mai 1883 geborenen Vaclav am frühesten und stärksten kristallisiert. Im Kirchenchor in Klatovy und im Studentenorchester des dortigen Gymnasiums beginnt er seine musikalische Tätigkeit; hier trifft er auch zum ersten Male mit Antonin Dvofik und dem Geiger F. Ondříček zusammen. Als Geiger geht dann Talich ans Prager Konservatorium, wo ihn schließlich Otakar Sevcik selbst pädagogisch betreut. Als Geiger nimmt Václav Talich sein erstes Engagement an, das ihn an das erste Pult der Berliner Philharmoniker führt. Hier wird im Herbst des Jahres 1903 die Begegnung mit Arthur Nikisch entscheidend für Talichs weiteres Wirken, Stufenweise kommt er dann über Odessa, TifUs, Prag an die Theater in Laibach und Pilsen, wo er leitende Aufgaben zu erfüllen hat. Nochmals kehrt Tatich für kurze Zeit zu Nikisch nach Leipzig zurück und geht dann zur Erweiterung des Horizonts studienhalber nach Mailand. Die kurzfristige Übernahme eines von Kovafovic abgesagten Konzerts bringt ihn im Dezember 1917 zum ersten Male ans Dirigentenpult der Tschechischen Philharmonie.
Das Prager Orchester war gegen Ende des ersten Weltkriegs einer ernsten Krise verfallen. Da die Existenz der Philharmonie im neuen Staat aber besondere Bedeutung gewann, wurde auf eine radikale Lösung aller Schwierigkeiten gedrungen. Bald einigten sich alle interessierten Stellen auf Vaclav Talich, denn er schien der richtige Mann zu sein. Und er war es!
Talich und die Tschechische Philharmonie sind ein besonderes Kapitel des Prager Kulturlebens. Mehr als zwanzig Jahre widmete sich der Dirigent mit ganzer Kraft und größter Intensität dem Orchester. Er allein hat es aus Ebenen gediegenen Musikantentums zu Höhen künstlerischer Interpretation geführt. In minutiöser, für Talich typischer Kleinarbeit hat er Technik und Stilbewusstsein des Orchesters geschärft. Mit geradezu fanatischem Eifer führte er immer wieder die Spieler zur Erkenntnis des geistigen Gehalts der aufgeführten Kompositionen. Mit großer Konzeption hat Talich seinem Repertoire Weite gegeben, und besonders nachdrücklich hat er alles Zeitgenössische gefördert. Dabei hat er es nie verabsäumt, sein persönliches Credo auf der Linie Smetana — Dvofak — Suk — Novak — Janäcek einerseits und Bach — Mozart — Beethoven — Brahms — Strauss andererseits in seinen Programmen besonders herauszuarbeiten.
Natürlich beschränkte sich Talichs Tätigkeit nicht nur auf Prag und gelegentliche Reisen nach anderen tschechoslowakischen Städten. Er führte die Tschechische Philharmonie auf ihre ersten Auslandsreisen nach Italien, später auch nach England, Frankreich, Belgien, Deutschland, Österreich und Jugoslawien. An der Spitze hervorragender Örtlicher Orchester trat Talich in fast allen europäischen Staaten auf, am ausgiebigsten in Schweden, wo er sogar für zwei Jahre (1931 —1933) Chef des Stockholmer Konsertföreningen war. Überall wird Talichs feinfühlige Technik, die Musikalität seiner Auffassung, die Starke und Unmittelbarkeit seines Temperaments, seine Phantasie, aber auch Werktreue hervorgehoben.
Der Operndirigent
Im Jahre 1935 wird Vaclav Talich vor neue Aufgaben gestellt. Als Nachfolger des verstorbenen Otakar Ostrcil wird er unter Beibehaltung seiner Position in der Philharmonie zum Chef der Oper des Präger Nationaltheaters ernannt. Nicht ganz so glücklich wie in der Philharmonie entwickelte sich hier seine Tätigkeit. Die hohen Ansprüche, die Talich von der Arbeit mit seinem Orchester mitbrachte, konnte er hier nicht sofort und auch nicht ohne Widerstände verwirklichen. Die Wirren des Krieges und ihre Auswirkungen erschwerten bald jegliche Arbeit. Aber viele Aufführungen werden uns nie aus dem Gedächtnis schwinden.
Talich begann mit Dvofaks Rusalka und Smctanas Verkaufter Braut, denen er vor allem in der Beziehung Bühne — Orchester neue Wege wies. Es folgte ein Mozartabend im historischen Ständetheater mit Les perits riens und dem Theaterdirektor; dann nahm er sich mit dem ganzen Einsatz seiner Persönlichkeit und Energie als erster wieder des Schlauen Füchsleins von Janäeek an. Später gab Talich auch Katja Kabanowa und Jenufa ein neues Profil. Fibtch, Foerster und Noväk kamen an die Reihe, natürlich auch aufs Neue Smetana und Dvorak. Und immer wieder Mozart. Der Don Giovanni zur 150. Wiederkehr der Prager Premiere, die Zauberflöte, Figaros Hochzeit — alle diese Vorstellungen hätten es verdient, in Salzburg gezeigt zu werden, so vollkommen atmeten sie den Geist des Meisters. Zwei, in eifriger Probenarbeit weit geförderte Vorhaben wurden durch widrige Umstände vereitelt: Alban Bergs Lulu und Pellcas und Melisande von Debussy. Unvergessen bleibt die mutige Tat der Erstaufführung von Martinüs symbolisch-surrealistischer Oper Julietta.
Hatte Talich kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag die Leitung der Tschechischen Philharmonie an Rafael Kubehk abgegeben, so musste er seine Tätigkeit im Nationaltheater wegen am rücher Schließung des Theaters mit der Premiere von Beethovens Fidelio beenden. Nach dem Krieg kehrte Talich noch einmal auf seinen Posten zurück, doch zwang ihn schon nach kurzer Zeit eine schwere Krankheit, ihn definitiv aufzugeben.
Erzieherische Tätigkeit
Schon in der Tsehechisdien Philharmonie wurde Talichs pädagogische Begabung besonders geschätzt. Sie wirkte sich auch im Nationaltheater tiefergreifend und nachhaltig aus. Als Professor des Konservatoriums hat Talich frühzeitig viele jüngere Dirigenten ausgebildet. Nur zwei Namen möchte ich nennen, die heute an der Spitze der genannten Institutionen stehen und von hier aus internationale Bedeutung erlangt haben: es sind dies Jaroslav Krombholc und Karel Ancerl.
Nach dem Krieg erweiterte Vaclav Tauch seine pädagogische Tätigkeit auf besondere Weise. Zunächst nahm er sich des tschechischen Kammerorchesters, das von Absolventen des Konservatoriums unter Führung des jetzigen Leiters des Orchesters und Quartettprimarius Josef Vlach gegründet wurde, an. Er betreute selbstlos dessen Arbeit und dirigierte einige Konzerte des Orchesters, die höchstes Niveau hatten. Später stellte sich Talich für den Aufbau der Slowakischen Philharmonie in Bratislava zur Verfügung, wo er ebenfalls Gelegenheit nahm, einige Konzerte zu leiten. Sie brachten dem jungen Klangkörper unschätzbare Erfahrungen.
Auf Schallplatten
Zur Schallplatte hat Talich sehr früh gefunden, denn seine erste Aufnahme datiert bereits aus dem Jahre 1929. Sie galt Smetanas sinfonischem Zyklus Mein Vaterland für His Masters Voice / AN 386 / 395. Später folgten für die gleiche Firma vier Sinfonien von Dvorak, dessen Slawische Tänze und einige kleinere Werke des Komponisten, dann einige Kompositionen von Josef Suk, mit dem Talich eine besonders enge persönliche und künstlerische Freundschaft verband. Schließlich kam dreimal Tschaikowsky an die Reihe mit der IV. Sinfonie, dem Violinkonzert (W. Schneiderhan) und I. Klavierkonzert (Winfried Wulff).
Doch diese Platten gehören heute nur noch der Vergangenheit der Archive an, obwohl sie unschätzbare Dokumente für die Entwicklung von Talichs Auffassung verschiedener Standardwerke seines Repertoires bieten. Glücklicherweise konnte Supraphon für seine Langspielplattenproduktion ab etwa 1950 Vaclav Tauch für einige Aufnahmen gewinnen. Hier kehrte er endlich wieder zu seiner geliebten Tschechischen Philharmonie zurück und verwirklichte noch einmal, altersweise und bilanzziehend u. a. Smctanas Mein Vaterland, Dvofaks V. Sinfonie „Aus der Neuen Welt", das Stabat Mater, das Konzert für Violoncello und Orchester (mit M. Rostropovitch), die Ouvertüren op. 92 und als besonders willkommenes und geglücktes Geschenk die Serie der sinfonischen Dichtungen. Von Suks mächtiger sinfonischer Tetralogie konnte nur die erste Hälfte (Asrael, Das Reifen) aufgenommen werden. Mit der Serenade und der Märchensuitc des gleichen Autors sind sie Grundsteine einer Diskothek tschechischer Musik. Aber auch Ben da, Janacek und Noväk stehen neben Bach, Tschaikowsky und Mozart im Katalog. Sie alle legen Zeugnis ab von der suggestiven Kraft, mit der Tauch die geistige Welt seiner musikalischen Vorstellungen realisierte.
Sein fruchtbares Öffentliches Wirken schloss Vaclav Talich endgültig im Jahre 1954 ab. Zunächst mit zwei Konzerten des Prager Frühlings, in denen er noch einmal Smetana, Dvorak und Suk huldigte. Dann kam Mozart an die Reihe und Bach. Hier vereinte den Dirigenten ein gütiges Geschick mit einem anderen großen, wenn auch jüngeren Künstler des Jahrhunderts — mit Swjatoslaw Richter, dem genialen russischen Pianisten. Die Platte hat dem gemeinsamen Auftreten Dauer verliehen. Für den Herbst 1954 schrieb die Tschechische Philharmonie noch einmal einen Talichzyklus aus. Aber nur das erste Mozart gewidmete Programm konnte dreimal aufgeführt werden, dann zwang die unerbittliche Krankheit den Dirigenten zum endgültigen Verzicht. Ab und zu kam er noch von seinem unfernen Landsitz zu besonderen musikalischen Ereignissen in die Hauptstadt. In letzter Zeit musste er sich auch diese Zerstreuung versagen . ..
Als Talich an Smetanas siebzigstem Todestag zum letzten Male den Zyklus Mein Vaterland leitete, waren Orchester und Publikum fasziniert. Das vertraute Werk war neu erstanden unter den Händen eines Meisters, der sich noch einmal in seinen Strom versenkte, um sein Wesen zu offenbaren. Noch einmal ist Talich, wie er selbst immer wollte, zum Diener eines großen Schöpfers geworden. Aber mit ihm wurde er selbst zum Schöpfer wie so oft vorher, wenn er mit kühner, aber feinfühliger Hand die großen Formen meißelte und zu Klang werden ließ. Wenn er ihren Inhalt mit unwiderstehlicher Geste heraufbeschwor und festhielt. Wenn er zum Erlebnis werden ließ, was Erlebnis war. Wenn er im Licht, das er erweckte, verglühte als wirklicher Künstler, wie es nur wenige gab und gibt.



