In Memoriam: Heinrich Schlusnus
Unter dem nebenstehenden Zeichen wird fono forum in Zukunft an verstorbene große Musiker und an ihre unvergessenen Leistungen erinnern.

Unter dem nebenstehenden Zeichen wird fono forum in Zukunft an verstorbene große Musiker und an ihre unvergessenen Leistungen erinnern. In vielen Fallen hat die Schallplatte ihre Wiedergaben als Dokumente künstlerischer Meisterschaft festhalten können, die ihre Kraft und Eindringlichkeit über den Tod dieser Interpreten hinaus bewahrt hat.
Fast genau zehn Jahre hegen zwischen dem letzten öffentlichen Auftreten des Sängers Heinrich Schlusnus und heute — ein Jahrzehnt, das einzig die Schallplatte zu überbrücken vermag — reiner und klarer als alle Erinnerung und alle schriftlichen Aussagen. Die Gunst des Schicksals und eine sorgfältige Pflege der überlieferten Aufnahmen haben ein reiches Erbe „historischer Schallplatten" hinterlassen.
Die Daten: Heinrich Schlusnus wurde am 6. April 1888 in Braubach am Rhein geboren; als achtes Kind einer Familie, in der der Vater, August Schlusnus, von einem masurischen Bauernhof in den Westen „verschlagen" worden war, die Mutter hingegen eine wirkliche Rheinländerin gewesen ist. „Der Sänger vom Rhein" trifft also, wie alle solche Epitheta, allenfalls etwa die halbe Wahrheit. In dem sangesfreudigen Heim, wo der Vater, Leiter der Braubacher Quartett-Vereinigung und selber stimmgewaltiger Bassist, den Grundton angab, galt der jüngste und etwas schwächliche Knabe im Wettstreit mit den Geschwistern durchaus nicht als der beste Sänger. Nach der mittleren Reife ging der Sechzehnjährige, da die geldlichen Mittel für eine weitere schulische Ausbildung nicht reichten, als Postgehilfe nach Koblenz.
Ein knappes halbes Jahr später siegte zwar nicht die Kunst, sondern das Heimweh über das Pflichtgefühl des angehenden Beamten: „Postgehilfe Schlusnus spurlos verschwunden. Kasse stimmt" — dieses denkwürdige Telegramm ging natürlich der Heimkehr des verschwundenen Sohnes voraus. Mütterlicher Zuspruch und die postalische Verzeihung leiteten die Rückkehr in den Dienst ein — allerdings nach Frankfurt, wo sich ihm die Möglichkeit bot, Gesangsstunden zu nehmen. Wo er im kunstliebenden Haus der Weinbergs verständnisvolle Mäzene fand, die ihm den Weg zu Bühne und Podium ebnen halfen — wo schließlich auch die Post dem reuigen „Sünder" einen Jahresurlaub für die Ausbildung seiner Stimme bewilligte. Die Einjährige-Dienstzeit machte 1913 den Vertrag für Magdeburg, der ausbrechende Krieg das Engagement nach Hamburg zunichte. Noch in den letzten Augusttagen 1914 in Frankreich schwer verwundet, kehrte der Genesene der Beamtenlaufbahn endgültig den Rücken und ging, allerdings nur für eine kurze, an Enttäuschungen freilich reiche Zeit nach Hamburg, um dann in Nürnberg den Grund für seine Karriere zu legen. Robert Heger — unter dessen Leitung später die einzige Gesamt-Aufnahme einer Oper mit Schlusmus entstand, die auf Schallplatten überliefert ist — und dessen zweiter Kapellmeister in Nürnberg Clemens Krauss, sagten dem jungen Künstler eine glänzende Zukunft voraus; sie hatten sich nicht getäuscht: Nach einem Probegastspiel verpflichtete ihn die Berliner Königliche Oper, zunächst für fünf Jahre. Mit der Partie des Wolfram in Wagners „Tannhäuser" begann noch im letzten Kriegsjahr der rasche Aufstieg zu Weltgeltung. Mitte April 1918 gab der Liedersänger Schlusnus sein Debüt. Fast drei volle Jahrzehnte, bis zum Ausgang des zweiten Weltkrieges, hat Heinrich Schlusmus dem Berliner Opernhaus angehört, sich mit den besten Sängern seiner Zeit in die Führung geteilt, ist daneben als Liedersänger von Erfolg zu Erfolg geeilt — und konnte 1948, als 60jähriger Rigoletto, diesmal als Mitglied der Frankfurter Oper, an die Reihe seiner früheren Erfolge anknüpfen. Ein rasch fortschreitendes Herzleiden setzte im Januar 1951 dem Opernsänger, im April dem Liedinterpreten ein Ziel. Ein gutes Jahr später, am Abend des 18. Juni 1952, erlöste ihn der Tod von seinem unheilbaren Leiden. Heinrich Schlusnus war 63 Jahre alt geworden.
Der Name des Liedersängers Heinrich Schlusnus steht am Beginn des modernen Liederabends, der noch lange nach den ersten Jahren seines Wirkens die gewohnten Züge eines gemischten Arien-Lied-Programms beibehielt.
Der Grundton der künstlerischen Persönlichkeit Heinrich Schlusnus' ist hier viel starker und reiner zu verspüren; die Vielseitigkeit seiner Liedprogramms, die über ein Jahrhundert Geschichte des Liedes von Beethoven bis zu Richard Strauss einschloss, täuscht darüber nicht hinweg: Heinrich Schlusnus war ein ausgesprochener lyrischer Sänger, der seiner Baritonstimme, diesem edel und hell getönten kostbaren Instrument und seinem biegsamen Klang alles anvertrauen konnte. Seine Liedkunst war vor allem Gesang, seelisch erfüllter, ausdrucksvoller Gesang, nicht so sehr Ausdruckskunst. So liegt über den kostbarsten Liedaufnahmen ein Schleier des Unangreifbaren, Umdunkelten — vielleicht auch ein Ahnen dessen, der um das Geheimnis des Sterbens weiß, weil er die Schönheit mit Augen gesehen hat. Die Schubertsche Lieddramatik — etwa des „Atlas" — bleibt bis gegen den Schluss reiner Gesang, ist bis zum letzten Aufschrei nur angedeutet — und erzielt gerade damit die stärkste Wirkung. Auch der Ausgang des Mörderischen Rezensenten-,,Abschieds" ist geheimnisvolles, privates Lächeln, das seltsam konsonant zum übermütigen Walzerschluss Wolfs klingt. Und doch gehöre Schlusnus zu den wenigen wirklich großen Gestaltern des Strauss-Liedes — weil hier auf die sinnliche Schönheit der Stimme ein farbiger Abglanz jener Welt fallt, der diese Gattung entstammt: der Oper. „Zueignung" und „Heimliche Aufforderung", diese all zu oft gesungenen Nummern, belegen dies im Vergleich.
Vollkommene Kunst ist ohne Widerspruch: In der gleichsam objektiven Liedkunst sind auch die Gesetze des Bühnengesanges beschlossen, wie sie für Heinrich Schlusnus galten. Die Schallplatte unterstreiche den Grundzug: Eine glanzvolle Stimme, der gleichwohl jedes Posieren, jedes Spiel mit dem Effekt versagt ist. Grenzen ihres „Fachs" rühren zugleich an die Grenzen der Persönlichen des Sängers: Im grobgefügten Bajazzo-Prolog oder in Rossinis Barbier-Parlando, nieversagenden Renommierstücken, fehlt ihnen ein Letztes, menschliche Wahrheit. Hier liegt der Schlüssel für den überragenden Erfolg des Verdi-Interpreten, der jedenfalls auf der Schallplatte mit dem „Rigolctto" seine geschlossenste und vielleicht auch größte Leistung hinterlassen hat. Dieser Rigoletto, noch in den Wirren der letzten Kriegswochen unter Hegers Leitung in Berlin als Rundfunkaufnahme entstanden und jüngste Schlusnus-Veröffentlichung, dürfte als ein künstlerisches Testament des Opernsängers Schlusnus anzusehen sein: Macht und Ohnmacht, Triumph und jäher Fall dieses innen und außen missgestalteten und verbildeten Menschen sind mit auch für Schlusnus seltener Intensität gezeichnet — wie ein Vergleich mit einer (wahrscheinlich früher entstandenen) Einzelaufnahme der Arie „Feile Sklaven" lehrt. Offenbart letztere noch einmal eine der schönsten und ausdrucksvollsten Stimmen, so ist jene ein Spiegel eines der größten Charakterdarsteller auf der Opernbühne, der in seinen letzten, reifen Jahren seine Rollen nicht nur beherrschte, sondern sie selber zu leben vermochte.
Unter dem nebenstehenden Zeichen wird fono forum in Zukunft an verstorbene große Musiker und an ihre unvergessenen Leistungen erinnern. In vielen Fallen hat die Schallplatte ihre Wiedergaben als Dokumente künstlerischer Meisterschaft festhalten können, die ihre Kraft und Eindringlichkeit über den Tod dieser Interpreten hinaus bewahrt hat.
Fast genau zehn Jahre hegen zwischen dem letzten öffentlichen Auftreten des Sängers Heinrich Schlusnus und heute — ein Jahrzehnt, das einzig die Schallplatte zu überbrücken vermag — reiner und klarer als alle Erinnerung und alle schriftlichen Aussagen. Die Gunst des Schicksals und eine sorgfältige Pflege der überlieferten Aufnahmen haben ein reiches Erbe „historischer Schallplatten" hinterlassen.
Die Daten: Heinrich Schlusnus wurde am 6. April 1888 in Braubach am Rhein geboren; als achtes Kind einer Familie, in der der Vater, August Schlusnus, von einem masurischen Bauernhof in den Westen „verschlagen" worden war, die Mutter hingegen eine wirkliche Rheinländerin gewesen ist. „Der Sänger vom Rhein" trifft also, wie alle solche Epitheta, allenfalls etwa die halbe Wahrheit. In dem sangesfreudigen Heim, wo der Vater, Leiter der Braubacher Quartett-Vereinigung und selber stimmgewaltiger Bassist, den Grundton angab, galt der jüngste und etwas schwächliche Knabe im Wettstreit mit den Geschwistern durchaus nicht als der beste Sänger. Nach der mittleren Reife ging der Sechzehnjährige, da die geldlichen Mittel für eine weitere schulische Ausbildung nicht reichten, als Postgehilfe nach Koblenz.
Ein knappes halbes Jahr später siegte zwar nicht die Kunst, sondern das Heimweh über das Pflichtgefühl des angehenden Beamten: „Postgehilfe Schlusnus spurlos verschwunden. Kasse stimmt" — dieses denkwürdige Telegramm ging natürlich der Heimkehr des verschwundenen Sohnes voraus. Mütterlicher Zuspruch und die postalische Verzeihung leiteten die Rückkehr in den Dienst ein — allerdings nach Frankfurt, wo sich ihm die Möglichkeit bot, Gesangsstunden zu nehmen. Wo er im kunstliebenden Haus der Weinbergs verständnisvolle Mäzene fand, die ihm den Weg zu Bühne und Podium ebnen halfen — wo schließlich auch die Post dem reuigen „Sünder" einen Jahresurlaub für die Ausbildung seiner Stimme bewilligte. Die Einjährige-Dienstzeit machte 1913 den Vertrag für Magdeburg, der ausbrechende Krieg das Engagement nach Hamburg zunichte. Noch in den letzten Augusttagen 1914 in Frankreich schwer verwundet, kehrte der Genesene der Beamtenlaufbahn endgültig den Rücken und ging, allerdings nur für eine kurze, an Enttäuschungen freilich reiche Zeit nach Hamburg, um dann in Nürnberg den Grund für seine Karriere zu legen. Robert Heger — unter dessen Leitung später die einzige Gesamt-Aufnahme einer Oper mit Schlusmus entstand, die auf Schallplatten überliefert ist — und dessen zweiter Kapellmeister in Nürnberg Clemens Krauss, sagten dem jungen Künstler eine glänzende Zukunft voraus; sie hatten sich nicht getäuscht: Nach einem Probegastspiel verpflichtete ihn die Berliner Königliche Oper, zunächst für fünf Jahre. Mit der Partie des Wolfram in Wagners „Tannhäuser" begann noch im letzten Kriegsjahr der rasche Aufstieg zu Weltgeltung. Mitte April 1918 gab der Liedersänger Schlusnus sein Debüt. Fast drei volle Jahrzehnte, bis zum Ausgang des zweiten Weltkrieges, hat Heinrich Schlusmus dem Berliner Opernhaus angehört, sich mit den besten Sängern seiner Zeit in die Führung geteilt, ist daneben als Liedersänger von Erfolg zu Erfolg geeilt — und konnte 1948, als 60jähriger Rigoletto, diesmal als Mitglied der Frankfurter Oper, an die Reihe seiner früheren Erfolge anknüpfen. Ein rasch fortschreitendes Herzleiden setzte im Januar 1951 dem Opernsänger, im April dem Liedinterpreten ein Ziel. Ein gutes Jahr später, am Abend des 18. Juni 1952, erlöste ihn der Tod von seinem unheilbaren Leiden. Heinrich Schlusnus war 63 Jahre alt geworden.
Der Name des Liedersängers Heinrich Schlusnus steht am Beginn des modernen Liederabends, der noch lange nach den ersten Jahren seines Wirkens die gewohnten Züge eines gemischten Arien-Lied-Programms beibehielt.
Der Grundton der künstlerischen Persönlichkeit Heinrich Schlusnus' ist hier viel starker und reiner zu verspüren; die Vielseitigkeit seiner Liedprogramms, die über ein Jahrhundert Geschichte des Liedes von Beethoven bis zu Richard Strauss einschloss, täuscht darüber nicht hinweg: Heinrich Schlusnus war ein ausgesprochener lyrischer Sänger, der seiner Baritonstimme, diesem edel und hell getönten kostbaren Instrument und seinem biegsamen Klang alles anvertrauen konnte. Seine Liedkunst war vor allem Gesang, seelisch erfüllter, ausdrucksvoller Gesang, nicht so sehr Ausdruckskunst. So liegt über den kostbarsten Liedaufnahmen ein Schleier des Unangreifbaren, Umdunkelten — vielleicht auch ein Ahnen dessen, der um das Geheimnis des Sterbens weiß, weil er die Schönheit mit Augen gesehen hat. Die Schubertsche Lieddramatik — etwa des „Atlas" — bleibt bis gegen den Schluss reiner Gesang, ist bis zum letzten Aufschrei nur angedeutet — und erzielt gerade damit die stärkste Wirkung. Auch der Ausgang des Mörderischen Rezensenten-,,Abschieds" ist geheimnisvolles, privates Lächeln, das seltsam konsonant zum übermütigen Walzerschluss Wolfs klingt. Und doch gehöre Schlusnus zu den wenigen wirklich großen Gestaltern des Strauss-Liedes — weil hier auf die sinnliche Schönheit der Stimme ein farbiger Abglanz jener Welt fallt, der diese Gattung entstammt: der Oper. „Zueignung" und „Heimliche Aufforderung", diese all zu oft gesungenen Nummern, belegen dies im Vergleich.
Vollkommene Kunst ist ohne Widerspruch: In der gleichsam objektiven Liedkunst sind auch die Gesetze des Bühnengesanges beschlossen, wie sie für Heinrich Schlusnus galten. Die Schallplatte unterstreiche den Grundzug: Eine glanzvolle Stimme, der gleichwohl jedes Posieren, jedes Spiel mit dem Effekt versagt ist. Grenzen ihres „Fachs" rühren zugleich an die Grenzen der Persönlichen des Sängers: Im grobgefügten Bajazzo-Prolog oder in Rossinis Barbier-Parlando, nieversagenden Renommierstücken, fehlt ihnen ein Letztes, menschliche Wahrheit. Hier liegt der Schlüssel für den überragenden Erfolg des Verdi-Interpreten, der jedenfalls auf der Schallplatte mit dem „Rigolctto" seine geschlossenste und vielleicht auch größte Leistung hinterlassen hat. Dieser Rigoletto, noch in den Wirren der letzten Kriegswochen unter Hegers Leitung in Berlin als Rundfunkaufnahme entstanden und jüngste Schlusnus-Veröffentlichung, dürfte als ein künstlerisches Testament des Opernsängers Schlusnus anzusehen sein: Macht und Ohnmacht, Triumph und jäher Fall dieses innen und außen missgestalteten und verbildeten Menschen sind mit auch für Schlusnus seltener Intensität gezeichnet — wie ein Vergleich mit einer (wahrscheinlich früher entstandenen) Einzelaufnahme der Arie „Feile Sklaven" lehrt. Offenbart letztere noch einmal eine der schönsten und ausdrucksvollsten Stimmen, so ist jene ein Spiegel eines der größten Charakterdarsteller auf der Opernbühne, der in seinen letzten, reifen Jahren seine Rollen nicht nur beherrschte, sondern sie selber zu leben vermochte.



