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Rudolf Schock

Von
Friedrich Herzfeld
Erschienen in der Printausgabe im
Mai 1961
Lesezeit ca.
Minuten

Es wäre unsinnig, ergründen zu wollen, woher einer die Begabung zum Singen hat. Jedenfalls bekommt unter Hunderten nur einer eine schöne Stimme mit auf seinen Lebensweg, und unter Tausenden wird einer ein Sänger, unter Hunderttausenden ein großer Sänger.

Dass Rudolf Schock zu diesen wenigen gehört, konnte nach seinem Debüt niemand ahnen.

Schocks Mutter kam als Putz- und Garderobefrau ans Duisburger Stadttheater; ihr hatte es Rudolf zu verdanken, dass er den Knabenchor in Lortzings Wildschütz mitsingen durfte. Es trug ihm ein Honorar von 50 Pfennigen für die Probe und 1,50 Mark für die Aufführung ein. Wahrscheinlich hat Schock später nie wieder ein Honorar mit solchem Stolz empfangen wie diese ersten Groschen. Mit sechzehn Jahren wurde er Mitglied eines Männergesangvereins, was im Rheinland allerdings nichts Besonderes ist.

Das nächste Debüt endete wieder betrüblich. Mutter Schock schickte zwei ihrer Kinder zum Probesingen für freigewordene Stellen im Chor des Duisburger Stadttheaters. Elfriede schaffte es, aber Rudolf fiel wieder durch.

Beim zweiten Versuch glückte es jedoch. Diesmal hatten Mutter und Schwester gemeinsam nachgeholfen. Als Probestück wurde ihm der Einzugschor aus dem Tannhäuser vorgelegt: Freudig begrüßen wir die edle Halle. Mit diesem schmetternden Chor zog Rudolf Schock nun also ins Duisburger Stadttheater ein. Die 90 Mark Monatsgage erschienen ihm als ein riesenhaftes Vermögen. Nun hatte er es also geschafft.

Der Sprung vom Chorsingen zu Soloaufgaben ist schwerer als die meisten glauben. Schöne Stimmen haben im Chor fast alle. Aber als Solist hervorzutreten und die tausend Opernbesucher allein anzusingen, das ist eine andere Sache. Rudolf Schock begann mit der klassischen Anfängeraufgabe, dem ersten Gefangenen im Fidelio. Bald folgten andere. Mit 21 Jahren sang Schock zum ersten Mal im Bayreuther Festspielchor. Ein Versuch, die Solisten lauf bahn in Ulm zu beginnen, schlug fehl. Aber in Braunschweig glückte er mit der bekannten Arie aus dem Postillon von Longjumeau, die bekanntlich über das hohe Tenor-c bis zum d geht.

Mit 25 Jahren wäre der große Durchbruch gekommen, der bei begabtem Bürinennachwuchs nie ausbleibt, wenn nicht der Krieg einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Anstatt das nach einem Gastspiel als Tamino glücklich eingefädelte Engagement in Wien antreten zu können, musste Schock erst einmal als Nebelwerfer nach Russland. Während eines kurzen Urlaubes trat Schock zum ersten Mal in Berlin auf, das ihn bereits fest verpflichtet hatte. An die Aufführung von Don Pasquale unter Rennerts Regie werden sich gewiss manche noch erinnern. Aber dann kam neuer Frontdienst und Gefangenschaft. Erst im Juni 1945 kam er zurück. Vorerst waren die Opernensembles in alle Winde zerstreut. Schock ging nach seiner Entlassung in den Harz, wo seine Frau mit den beiden Töchtern ein Unterkommen gefunden hatte. Um die erste Not zu meistern, griff Schock rüstig zur Heugabel. Jetzt wäre Gelegenheit gegeben, einen „vernünftigen" Beruf zu ergreifen. Aber da fand sich wieder ein Schubert-Album, ein klappriges Klavier und ein Begleiter. So blieb es also beim Singen. Der Weg von Braunschweig nach Hannover war nicht weit, und von dort ging es schnell an die Berliner Staatsoper weiter.

Schocks Gastspiele können im einzelnen gar nicht aufgezählt werden. In lebhafter Erinnerung ist sein Hamburger Don Jose geblieben, weil Wieland Wagner mit ihm und mit Kerstin Meyer eine neue Auffassung von Bizets Meisterwerk durchzusetzen versuchte. Bei Wolfgang Sawallisch und Oscar Fritz Schuh sang Schock die Titelrolle in Hoffmanns Erzählungen. Die Städtische Oper in Berlin hat eigens für ihn eine reizende Märchenoper „Wenn ich König war'" herausgebracht. So reiht sich eine schöne Aufgabe an die andere.

Schock gehört nicht zu den Sängern, die die heitere Muse verachten. Er trägt den Zylinder mit jenem Schick, den die Frauen lieben. Kein Wunder, dass er sich in den Jagdgründen der Operette bestens auskennt. Wir können ihn als Schubert im Dreimäderlhaus, aber auch in den Operetten von Suppe und Johann Strauß erleben. Gegen Strauß wird kein Vernünftiger auch nur das Geringste einwenden, und auch Leo Fall und Franz Lehär wollen gesungen sein.

Schock ist dabei allerdings nicht stehengeblieben, sondern hat sich einige Male dem Film verschrieben. Ihn als sonnigen Helden auf Breitwand erleben zu müssen, mutet den Freunden der Oper schon etwas mehr zu. Die Schnulzen und Heimatfilme mit schmetterndem Tenorklang auf Hochglanz zu bringen, geht vielen gegen den Strich. Aber Benjamino Gigli hat es nicht anders gehalten, von Mario Lanza ganz zu schweigen. Mario del Monaco wird weiterhin in allen Musikmetropolen gastieren, obwohl auch er ein bald tränenreicher, bald sieghafter Filniheld geworden ist.

Jedenfalls hat Schock immer wieder zurückgefunden, was, wie Erfahrungen lehren, keineswegs selbstverständlich ist. Seine Schlagersingerei und Filmabenteuer haben den Höhepunkt seiner Laufbahn nicht verhindert: 1959 sang Schock den Walter Stolzing in Bayreuth. Wieland Wagner wollte endlich einmal einen jungen Stolzing haben, und wirklich hat Schock alle Erwartungen in dieser Hinsicht aufs Schönste befriedigt. Dass hier seine Grenzen deutlich wurden, spricht nicht zu seinen Ungunsten. Wagners Ritter aus Franken ist nun einmal ein schwerer Heldentenor, und Schock ist ein typisch lyrischer Tenor. Nicht zufällig singt er leidenschaftlich gern schmachtende Lieder.

Der Sänger in Oper und Konzert nimmt aber nur einen Teil von Schocks Arbeitskraft in Anspruch. Dass er sich zu einem Volkstenor entwickelt hat, wie wir heute kaum einen zweiten besitzen, beruht nicht zuletzt auf seinen Schall platten. Drei Millionen Stück hat die Electrola bisher von ihm vertrieben. Man darf übrigens seine Platten mit der sogenannten ernsten Musik nicht allzu streng von denen mit leichter Muse trennen. Weil sich Schock mit beschwingter Stimme eine Riesen-Anhängerschaft erworben hat, kann er es wagen, auch schwerere Kompositionen anzubieten, z. B. hier und dort Schubertlieder vor einem Publikum singen, das sonst nur für zartgesponnene Romanzen empfänglich ist.

Hier triumphiert der sieghafte Ton in Schocks Stimme. Sie enthält jene Prise sinnlichen Beiklangs, der der Menge getaut. Was Schock auch singt, immer scheint er zu sagen, die Welt sei wunderschön und das Leben ein einziges Freudental. Solche Optimisten tun bei der allgemeinen Düsternis der künstlerischen Aussagen wohl.

Die Tenöre hat uns die Vorsehung nicht geschenkt, um zu zeigen, wie die Welt wirklich ist, sondern wie wir sie uns wünschen. Schock bereitet uns mit seiner Stimme und seinem Wesen diesen holden Traum. Das dankt ihm die Menge mit rührender Anhänglichkeit, und darum sind seine Schallplatten Bestseller geworden.

Es wäre unsinnig, ergründen zu wollen, woher einer die Begabung zum Singen hat. Jedenfalls bekommt unter Hunderten nur einer eine schöne Stimme mit auf seinen Lebensweg, und unter Tausenden wird einer ein Sänger, unter Hunderttausenden ein großer Sänger.

Dass Rudolf Schock zu diesen wenigen gehört, konnte nach seinem Debüt niemand ahnen.

Schocks Mutter kam als Putz- und Garderobefrau ans Duisburger Stadttheater; ihr hatte es Rudolf zu verdanken, dass er den Knabenchor in Lortzings Wildschütz mitsingen durfte. Es trug ihm ein Honorar von 50 Pfennigen für die Probe und 1,50 Mark für die Aufführung ein. Wahrscheinlich hat Schock später nie wieder ein Honorar mit solchem Stolz empfangen wie diese ersten Groschen. Mit sechzehn Jahren wurde er Mitglied eines Männergesangvereins, was im Rheinland allerdings nichts Besonderes ist.

Das nächste Debüt endete wieder betrüblich. Mutter Schock schickte zwei ihrer Kinder zum Probesingen für freigewordene Stellen im Chor des Duisburger Stadttheaters. Elfriede schaffte es, aber Rudolf fiel wieder durch.

Beim zweiten Versuch glückte es jedoch. Diesmal hatten Mutter und Schwester gemeinsam nachgeholfen. Als Probestück wurde ihm der Einzugschor aus dem Tannhäuser vorgelegt: Freudig begrüßen wir die edle Halle. Mit diesem schmetternden Chor zog Rudolf Schock nun also ins Duisburger Stadttheater ein. Die 90 Mark Monatsgage erschienen ihm als ein riesenhaftes Vermögen. Nun hatte er es also geschafft.

Der Sprung vom Chorsingen zu Soloaufgaben ist schwerer als die meisten glauben. Schöne Stimmen haben im Chor fast alle. Aber als Solist hervorzutreten und die tausend Opernbesucher allein anzusingen, das ist eine andere Sache. Rudolf Schock begann mit der klassischen Anfängeraufgabe, dem ersten Gefangenen im Fidelio. Bald folgten andere. Mit 21 Jahren sang Schock zum ersten Mal im Bayreuther Festspielchor. Ein Versuch, die Solisten lauf bahn in Ulm zu beginnen, schlug fehl. Aber in Braunschweig glückte er mit der bekannten Arie aus dem Postillon von Longjumeau, die bekanntlich über das hohe Tenor-c bis zum d geht.

Mit 25 Jahren wäre der große Durchbruch gekommen, der bei begabtem Bürinennachwuchs nie ausbleibt, wenn nicht der Krieg einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Anstatt das nach einem Gastspiel als Tamino glücklich eingefädelte Engagement in Wien antreten zu können, musste Schock erst einmal als Nebelwerfer nach Russland. Während eines kurzen Urlaubes trat Schock zum ersten Mal in Berlin auf, das ihn bereits fest verpflichtet hatte. An die Aufführung von Don Pasquale unter Rennerts Regie werden sich gewiss manche noch erinnern. Aber dann kam neuer Frontdienst und Gefangenschaft. Erst im Juni 1945 kam er zurück. Vorerst waren die Opernensembles in alle Winde zerstreut. Schock ging nach seiner Entlassung in den Harz, wo seine Frau mit den beiden Töchtern ein Unterkommen gefunden hatte. Um die erste Not zu meistern, griff Schock rüstig zur Heugabel. Jetzt wäre Gelegenheit gegeben, einen „vernünftigen" Beruf zu ergreifen. Aber da fand sich wieder ein Schubert-Album, ein klappriges Klavier und ein Begleiter. So blieb es also beim Singen. Der Weg von Braunschweig nach Hannover war nicht weit, und von dort ging es schnell an die Berliner Staatsoper weiter.

Schocks Gastspiele können im einzelnen gar nicht aufgezählt werden. In lebhafter Erinnerung ist sein Hamburger Don Jose geblieben, weil Wieland Wagner mit ihm und mit Kerstin Meyer eine neue Auffassung von Bizets Meisterwerk durchzusetzen versuchte. Bei Wolfgang Sawallisch und Oscar Fritz Schuh sang Schock die Titelrolle in Hoffmanns Erzählungen. Die Städtische Oper in Berlin hat eigens für ihn eine reizende Märchenoper „Wenn ich König war'" herausgebracht. So reiht sich eine schöne Aufgabe an die andere.

Schock gehört nicht zu den Sängern, die die heitere Muse verachten. Er trägt den Zylinder mit jenem Schick, den die Frauen lieben. Kein Wunder, dass er sich in den Jagdgründen der Operette bestens auskennt. Wir können ihn als Schubert im Dreimäderlhaus, aber auch in den Operetten von Suppe und Johann Strauß erleben. Gegen Strauß wird kein Vernünftiger auch nur das Geringste einwenden, und auch Leo Fall und Franz Lehär wollen gesungen sein.

Schock ist dabei allerdings nicht stehengeblieben, sondern hat sich einige Male dem Film verschrieben. Ihn als sonnigen Helden auf Breitwand erleben zu müssen, mutet den Freunden der Oper schon etwas mehr zu. Die Schnulzen und Heimatfilme mit schmetterndem Tenorklang auf Hochglanz zu bringen, geht vielen gegen den Strich. Aber Benjamino Gigli hat es nicht anders gehalten, von Mario Lanza ganz zu schweigen. Mario del Monaco wird weiterhin in allen Musikmetropolen gastieren, obwohl auch er ein bald tränenreicher, bald sieghafter Filniheld geworden ist.

Jedenfalls hat Schock immer wieder zurückgefunden, was, wie Erfahrungen lehren, keineswegs selbstverständlich ist. Seine Schlagersingerei und Filmabenteuer haben den Höhepunkt seiner Laufbahn nicht verhindert: 1959 sang Schock den Walter Stolzing in Bayreuth. Wieland Wagner wollte endlich einmal einen jungen Stolzing haben, und wirklich hat Schock alle Erwartungen in dieser Hinsicht aufs Schönste befriedigt. Dass hier seine Grenzen deutlich wurden, spricht nicht zu seinen Ungunsten. Wagners Ritter aus Franken ist nun einmal ein schwerer Heldentenor, und Schock ist ein typisch lyrischer Tenor. Nicht zufällig singt er leidenschaftlich gern schmachtende Lieder.

Der Sänger in Oper und Konzert nimmt aber nur einen Teil von Schocks Arbeitskraft in Anspruch. Dass er sich zu einem Volkstenor entwickelt hat, wie wir heute kaum einen zweiten besitzen, beruht nicht zuletzt auf seinen Schall platten. Drei Millionen Stück hat die Electrola bisher von ihm vertrieben. Man darf übrigens seine Platten mit der sogenannten ernsten Musik nicht allzu streng von denen mit leichter Muse trennen. Weil sich Schock mit beschwingter Stimme eine Riesen-Anhängerschaft erworben hat, kann er es wagen, auch schwerere Kompositionen anzubieten, z. B. hier und dort Schubertlieder vor einem Publikum singen, das sonst nur für zartgesponnene Romanzen empfänglich ist.

Hier triumphiert der sieghafte Ton in Schocks Stimme. Sie enthält jene Prise sinnlichen Beiklangs, der der Menge getaut. Was Schock auch singt, immer scheint er zu sagen, die Welt sei wunderschön und das Leben ein einziges Freudental. Solche Optimisten tun bei der allgemeinen Düsternis der künstlerischen Aussagen wohl.

Die Tenöre hat uns die Vorsehung nicht geschenkt, um zu zeigen, wie die Welt wirklich ist, sondern wie wir sie uns wünschen. Schock bereitet uns mit seiner Stimme und seinem Wesen diesen holden Traum. Das dankt ihm die Menge mit rührender Anhänglichkeit, und darum sind seine Schallplatten Bestseller geworden.