Porträt: Machael Rabin
Erschienen im FONO FORUM im Mai 1961

Märchen pflegen mit den Worten „Es war einmal" zu beginnen, Berichte einer geigerischen Karriere hingegen zitieren meist den enthusiastischen Ausruf eines Zuhörers oder Kritikers: „Ein neuer Paganini!".
Obwohl dies nicht der geeignete Anlass sein mag, Wert oder Richtigkeit dieser Äußerung in Frage zu stellen, möchte ich doch am Rande vermerken, dass meiner Meinung nach der italienische Hexenmeister — könnte er sich heute noch produzieren — angesichts der technischen Kapazität eines Heifetz, Stern, Oistrach, Kogan oder Francsescatti neidvoll erblassen müsste. Im Bewusstsein der musikalischen Öffentlichkeit jedoch, das lässt sich nicht leugnen, ist der Name Paganini gleichbedeutend mit dem Inbegriff romantischen Künstlertums und geigerischer Virtuosität.
So wollte es wohl auch jener begeisterte Musikfreund verstanden wissen, der — laut Capitol-Pressedienst — vor einigen Jahren nach einer faszinierenden Interpretation von Paganinis op. 6 dem jungen Solisten Michael Rabin zugerufen haben soll: „We have another Paganini! God bless you!" Jedoch kann sich Rabin auch auf seriöse und kompetente Empfehlungen stützen. Etwa auf den großen Dirigenten Dimitri Mitropoulos, der als Leiter der New Yorker Philharmoniker meinte: „Rabin ist ein kommendes Genie seines Faches, ausgerüstet mit allem, was ein Künstler braucht. Er ist ein begnadeter und bereits ganz von seiner Berufung erfüllter Junge." Oder auf George Szell, den Chef des Cleverland-Orchesters, der Rabin für das größte geigerische Talent erklärte, das ihm in den letzten drei Jahrzehnten begegnet sei.
Michael Rabins instrumentale und musikalische Begabung kommt nicht von ungefähr. Sem Vater, George Rabin, spielte mehr als dreißig Jahre lang im Philharmonischen Sinfonie-Orchester New York und seine Mutter war lange Zeit als Pianistin im Lehrkörper der berühmten Juilliard School of Music tätig. Mike — so nennen ihn Freunde und Bewunderer — wurde am 2. Mai 1936 in New York City geboren. Bereits als Sechsjähriger begann er, bei seiner Mutter Klavierunterricht zu nehmen. Etwa ein Jahr später erhielt Mike von einem Freund der Familie eine Kindergeige geschenkt. Stolzerfüllt brachte der Junge diesen kostbaren Schatz mit nach Hause und ließ nicht eher locker, bis auch der Vater einwilligte, ihm Stunden zu geben. Schon nach kurzer Zeit konnte kein Zweifel mehr bestehen, dass Mike ein echtes Wunderkind mit einer geradezu phänomenalen Begabung für das Violinspiel war. In der Absicht, ihm die bestmögliche Ausbildung angedeihen zu lassen, schickte George Rabin seinen Sohn zu Ivan Galamian, einen der bekanntesten Pädagogen der Juilliard School. Mit diesem Lehrer arbeitet Rabin noch heute, soweit es seine zahlreichen Konzertverpflichtungen im In- und Ausland, bei Funk und Fernsehen, der Schallplatten-Industrie und sogar dem Film („Rhapsody" mit Elizabeth Taylor) zulassen.
Schon wenige Jahre nach Beginn seiner Ausbildung begann Mike, in öffentlichen Konzerten aufzutreten. Nervosität oder Angst vor solchen Ereignissen kannte er nicht. Im Gegenteil — je größer der Zuhörerkreis war, desto mehr Spaß machte es ihm, sich zu produzieren. Er schien für eine solistische Karriere geradezu prädestiniert zu sein. Als Zwölfjähriger erspielte er sich ein vielbegehrtes Stipendium (Edgar Stillman, Kelley Scholarship) und trat erstmals in einer der populärsten Rundfunksendungen, der Bell Telephone Hour, auf. In Kuba führte er mit Artur Rodzinski am Pult das fis-moll-Violinkonzert von Wieniawski auf, ein wegen seiner exorbitanten technischen Schwierigkeiten von allen Geigern geflissentlich gemiedenes Werk. Rodzinski hielt mit seiner Anerkennung nicht zurück. Sein Kommentar: „Ein phantastisches Talent mit einer enormen Zukunft. Rabin ist auf den Spuren von Kreisler, Heifetz und Szigeti."
Am 24. November 1950 findet das New Yorker Solo-Debut des vierzehnjährigen Wunderkindes statt. Der Erfolg ist sensationell und füllt Mikes Terminkalender für die kommenden Jahre. Im Sommer 1952 startet er zu einer Mammut-Tournee nach Australien. Alle Konzerte dieser insgesamt 31000 Luftmeilen umfassenden Reise werden von der australischen Rundfunkgesellschaft übertragen oder aufgenommen. Die erste Europa-Tournee in der Saison 1954/55 wird ebenfalls zu einem Siegeszug für den inzwischen neunzehnjährigen Rabin. Er besucht Norwegen, Schweden, Dänemark, spielt innerhalb von achtzehn Tagen vierzehn Konzerte in italienischen Städten und tritt anschließend in Belgien, Portugal, Frankreich und England auf. Nach seinem Konzert in der überfüllten Albert-Hall wird auch die Schallplattenindustrie auf ihn aufmerksam. Es folgen Exklusiv-Verträge mit Angel (1955) und Capitol (1959). Die Kette der Verpflichtungen und Erfolge reißt von nun an nicht mehr ab. Rabin führt die internationale junge Geiger-Elite an. Wer seine Schallplattenaufnahmen der Konzerte von Paganini und Glasunow kennt, wird dieser Meinung ohne Zögern beipflichten. Und wer bisher der Ansicht war, Kogans Version des Paganini-Konzertes stelle das non plus ultra geigerischer Virtuosität dar, wird durch Rabins Aufnahme eines Besseren belehrt.
1957 kam Rabin für ein einziges Engagement in die Bundesrepublik. Am 28. Januar spielte er im großen Sendesaal des Kölner Funkhauses Prokofjews op. 63. Ich hatte damals Gelegenheit, ihn wenige Tage vor dem Konzert persönlich kennenzulernen. Von dem selbstbewussten und mitunter etwas schwierig zu behandelnden Star, als den man mir Rabin beschrieben hatte, war nicht viel zu verspüren. Freundlich und aufgeschlossen erzählte Rabin von seiner Arbeit, seinen Reisen, und zeigte mir stolzerfüllt seine beiden größten Schätze: eine 225 Jahre alte Guarneri del Gesù („my fiddle") und eine 16-mm-Bolex-Kamera. „Fotografieren ist ein Riesenspaß'', meinte er, „aber leider bleibt mir bei" sechs bis achtstündigem Üben pro Tag nicht mehr viel Zeit, auf Motivsuche zu gehen." Rabins Fotos, möchte ich hinzufügen, haben durchaus professionelles Format. Kaum hatte ich nach unserem kurzen Gespräch das Zimmer verlassen, hörte ich hinter mir auch schon das markante Doppelgriff-Thema, mit dem der dritte Satz des g-moIl-Konzerts von Prokofieff beginnt. Ich musste an eine Bemerkung Rabins denken: „Wir Solisten sind allesamt Sklaven unseres Instrumentes." „Ein neuer Paganini?". Nein, zweifellos mehr: ein Musiker mit Intelligenz, Geschmack und jenem technischen Rüstzeug, das in unserer Zeit den echten Solisten von der beängstigenden Fülle mittelmäßiger Talente unterscheidet.
Märchen pflegen mit den Worten „Es war einmal" zu beginnen, Berichte einer geigerischen Karriere hingegen zitieren meist den enthusiastischen Ausruf eines Zuhörers oder Kritikers: „Ein neuer Paganini!".
Obwohl dies nicht der geeignete Anlass sein mag, Wert oder Richtigkeit dieser Äußerung in Frage zu stellen, möchte ich doch am Rande vermerken, dass meiner Meinung nach der italienische Hexenmeister — könnte er sich heute noch produzieren — angesichts der technischen Kapazität eines Heifetz, Stern, Oistrach, Kogan oder Francsescatti neidvoll erblassen müsste. Im Bewusstsein der musikalischen Öffentlichkeit jedoch, das lässt sich nicht leugnen, ist der Name Paganini gleichbedeutend mit dem Inbegriff romantischen Künstlertums und geigerischer Virtuosität.
So wollte es wohl auch jener begeisterte Musikfreund verstanden wissen, der — laut Capitol-Pressedienst — vor einigen Jahren nach einer faszinierenden Interpretation von Paganinis op. 6 dem jungen Solisten Michael Rabin zugerufen haben soll: „We have another Paganini! God bless you!" Jedoch kann sich Rabin auch auf seriöse und kompetente Empfehlungen stützen. Etwa auf den großen Dirigenten Dimitri Mitropoulos, der als Leiter der New Yorker Philharmoniker meinte: „Rabin ist ein kommendes Genie seines Faches, ausgerüstet mit allem, was ein Künstler braucht. Er ist ein begnadeter und bereits ganz von seiner Berufung erfüllter Junge." Oder auf George Szell, den Chef des Cleverland-Orchesters, der Rabin für das größte geigerische Talent erklärte, das ihm in den letzten drei Jahrzehnten begegnet sei.
Michael Rabins instrumentale und musikalische Begabung kommt nicht von ungefähr. Sem Vater, George Rabin, spielte mehr als dreißig Jahre lang im Philharmonischen Sinfonie-Orchester New York und seine Mutter war lange Zeit als Pianistin im Lehrkörper der berühmten Juilliard School of Music tätig. Mike — so nennen ihn Freunde und Bewunderer — wurde am 2. Mai 1936 in New York City geboren. Bereits als Sechsjähriger begann er, bei seiner Mutter Klavierunterricht zu nehmen. Etwa ein Jahr später erhielt Mike von einem Freund der Familie eine Kindergeige geschenkt. Stolzerfüllt brachte der Junge diesen kostbaren Schatz mit nach Hause und ließ nicht eher locker, bis auch der Vater einwilligte, ihm Stunden zu geben. Schon nach kurzer Zeit konnte kein Zweifel mehr bestehen, dass Mike ein echtes Wunderkind mit einer geradezu phänomenalen Begabung für das Violinspiel war. In der Absicht, ihm die bestmögliche Ausbildung angedeihen zu lassen, schickte George Rabin seinen Sohn zu Ivan Galamian, einen der bekanntesten Pädagogen der Juilliard School. Mit diesem Lehrer arbeitet Rabin noch heute, soweit es seine zahlreichen Konzertverpflichtungen im In- und Ausland, bei Funk und Fernsehen, der Schallplatten-Industrie und sogar dem Film („Rhapsody" mit Elizabeth Taylor) zulassen.
Schon wenige Jahre nach Beginn seiner Ausbildung begann Mike, in öffentlichen Konzerten aufzutreten. Nervosität oder Angst vor solchen Ereignissen kannte er nicht. Im Gegenteil — je größer der Zuhörerkreis war, desto mehr Spaß machte es ihm, sich zu produzieren. Er schien für eine solistische Karriere geradezu prädestiniert zu sein. Als Zwölfjähriger erspielte er sich ein vielbegehrtes Stipendium (Edgar Stillman, Kelley Scholarship) und trat erstmals in einer der populärsten Rundfunksendungen, der Bell Telephone Hour, auf. In Kuba führte er mit Artur Rodzinski am Pult das fis-moll-Violinkonzert von Wieniawski auf, ein wegen seiner exorbitanten technischen Schwierigkeiten von allen Geigern geflissentlich gemiedenes Werk. Rodzinski hielt mit seiner Anerkennung nicht zurück. Sein Kommentar: „Ein phantastisches Talent mit einer enormen Zukunft. Rabin ist auf den Spuren von Kreisler, Heifetz und Szigeti."
Am 24. November 1950 findet das New Yorker Solo-Debut des vierzehnjährigen Wunderkindes statt. Der Erfolg ist sensationell und füllt Mikes Terminkalender für die kommenden Jahre. Im Sommer 1952 startet er zu einer Mammut-Tournee nach Australien. Alle Konzerte dieser insgesamt 31000 Luftmeilen umfassenden Reise werden von der australischen Rundfunkgesellschaft übertragen oder aufgenommen. Die erste Europa-Tournee in der Saison 1954/55 wird ebenfalls zu einem Siegeszug für den inzwischen neunzehnjährigen Rabin. Er besucht Norwegen, Schweden, Dänemark, spielt innerhalb von achtzehn Tagen vierzehn Konzerte in italienischen Städten und tritt anschließend in Belgien, Portugal, Frankreich und England auf. Nach seinem Konzert in der überfüllten Albert-Hall wird auch die Schallplattenindustrie auf ihn aufmerksam. Es folgen Exklusiv-Verträge mit Angel (1955) und Capitol (1959). Die Kette der Verpflichtungen und Erfolge reißt von nun an nicht mehr ab. Rabin führt die internationale junge Geiger-Elite an. Wer seine Schallplattenaufnahmen der Konzerte von Paganini und Glasunow kennt, wird dieser Meinung ohne Zögern beipflichten. Und wer bisher der Ansicht war, Kogans Version des Paganini-Konzertes stelle das non plus ultra geigerischer Virtuosität dar, wird durch Rabins Aufnahme eines Besseren belehrt.
1957 kam Rabin für ein einziges Engagement in die Bundesrepublik. Am 28. Januar spielte er im großen Sendesaal des Kölner Funkhauses Prokofjews op. 63. Ich hatte damals Gelegenheit, ihn wenige Tage vor dem Konzert persönlich kennenzulernen. Von dem selbstbewussten und mitunter etwas schwierig zu behandelnden Star, als den man mir Rabin beschrieben hatte, war nicht viel zu verspüren. Freundlich und aufgeschlossen erzählte Rabin von seiner Arbeit, seinen Reisen, und zeigte mir stolzerfüllt seine beiden größten Schätze: eine 225 Jahre alte Guarneri del Gesù („my fiddle") und eine 16-mm-Bolex-Kamera. „Fotografieren ist ein Riesenspaß'', meinte er, „aber leider bleibt mir bei" sechs bis achtstündigem Üben pro Tag nicht mehr viel Zeit, auf Motivsuche zu gehen." Rabins Fotos, möchte ich hinzufügen, haben durchaus professionelles Format. Kaum hatte ich nach unserem kurzen Gespräch das Zimmer verlassen, hörte ich hinter mir auch schon das markante Doppelgriff-Thema, mit dem der dritte Satz des g-moIl-Konzerts von Prokofieff beginnt. Ich musste an eine Bemerkung Rabins denken: „Wir Solisten sind allesamt Sklaven unseres Instrumentes." „Ein neuer Paganini?". Nein, zweifellos mehr: ein Musiker mit Intelligenz, Geschmack und jenem technischen Rüstzeug, das in unserer Zeit den echten Solisten von der beängstigenden Fülle mittelmäßiger Talente unterscheidet.



