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Meisters des Musicals – 2. Folge

Von
Marcel Prawy
Erschienen in der Printausgabe im
Mai 1961
Lesezeit ca.
Minuten
Richard Rodgers (links) und Oscar Hammerstein
Richard Rodgers (links) und Oscar Hammerstein

Europäische Besucher der Stadt New York empfinden das Musical „The Sound of Music", das seit dem 16. November 1959 im Lunt-Fontanne-Theatre vor ausverkauften Häusern gespielt wird, stets als ein besonderes Kuriosum. Auf der Bühne steht der populäre Broadwaystar Mary Martin in österreichischen — oder besser: pseudoösterreichischen Kostümen — und singt Lieder, die reizvoll und nicht unoriginell österreichischen Flavor mit amerikanischem Theateridiom mischen. Das Musical behandelt das Leben der österreichischen Auswanderin Maria von Trapp, die während des zweiten Weltkrieges in USA die berühmt gewordene „Singende Trapp-Familie" gegründet hat. Eine besondere Pointe des charmanten Werkes ist das Jodellied („made in USA-Lied"), das Mary Martin als Baronin Trapp im ersten Akt mit den Kindern vorträgt.

„The Sound of Music" ist das vorläufig letzte Werk des Komponisten Richard Rodgers und das endgültig letzte aus seiner sechzehnjährigen Zusammenarbeit mit dem Textdichter Oscar Hammerstein, der im Sommer 1960 einem langen Leiden erlegen ist. Der Begriff „Rodgers and Hammerstein" bedeutet für die Amerikaner ein Dioskurenpaar, dem es unvergessliche Abende des Broadway-Theaters verdankt. Es ist typisch für die Einstellung des Amerikaners zum Musical, bei dem das Wort eine der Musik mindestens gleichbedeutende Rolle spielt, dass man nicht, wie bei uns, sagt: „Die lustige Witwe ist von Lehar", sondern stets „Oklahoma ist von Rodgers und Hammerstein".

Richard Rodgers, der 1902 auf der Insel Long Island im Staate New York als Sohn eines Arztes geboren wurde, hat zeitlebens nur mit zwei Textdichtern gearbeitet: bis 1942 mit dem geistvoll-exzentrischen Lorenz Hart, seit 1943 mit dem volkstümlich-lyrischen Hammerstein.

Rodgers spielte Klavier mit 4 Jahren, erhielt seine ersten Musikstunden von seiner Mutter (die eine gute Pianistin war) und seiner Tante. Bereits in der Volksschule und in der Mittelschule trat er in Schülervorstellungen mit eigenen Kompositionen erfolgreich hervor. Er war ein leidenschaftlicher Bewunderer der neueren amerikanischen Operetten von Victor Herbert und Jerome Kern und es war sein Ziel, es ihnen gleichzutun. Er war sechzehn Jahre alt, als er den Schriftsteller Lorenz Hart kennenlernte, der sieben Jahre vor ihm in New York geboren war und an der Columbia University studierte, wo auch Rodgers — neben dem „Institute of Musical Art" — seine weitere Ausbildung bekommen sollte. Lorenz Hart übersetzte damals europäische Operetten für den Broadway, und so war gleich bei ihrer ersten Bekanntschaft eine bleibende Interessengemeinschaft geschaffen, die mit Studentenshows begann und später zur Marke „Rodgers and Hart" entwickelt wurde; sie sollte für die Geschichte des Musicals von großer Bedeutung werden.

Rodgers und Hart: „I’d rather be right” (1939) George M. Cohan als Präsident Rossevelt

Das New Yorker Publikum wurde zum ersten Maie auf Rodgers und Hart aufmerksam, als sie für die Producer-Gruppe „Theatre Guild" im Jahre 1925 und 1926 kleine, intime parodistische Revuen im Garrick Theatre herausbrachten. Die Satiren richteten sich bald gegen Missbräuche bei der New Yorker Polizei, bald gegen den modernen „Starkult" (besonders witzig war eine Parodie auf die berühmte Diseuse Ruth Draper), und auch lustige Szenen um Königin Elisabeth und General Washington sind noch daraus in Erinnerung. Zwei kleine Lieder aus diesen „Garrick Gaieties", wie die Revuen hießen, sind noch bis heute „Evergreens" geblieben: „Manhattan" und „Mountain Greenery". In denselben Jahren schrieb Rodgers noch die Show „Dearest Enemy" mit einem lustigen Stoff aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, und eine musikalische Komödie aus der Sportwelt unter dem Titel „The Girl Friend"; in letzterem Werk stand das erste Rodgers-Hart-Lied, das bis zum heutigen Tage in Europa beliebt gehoben ist und bei uns beinahe zum Symbol der Zwanzigerjahre geworden ist: „Blue Room".

Die nächsten beiden Werke der Zusammenarbeit von Richard Rodgers mit Lorenz Hart — letzterer schrieb stets die Gesangstexte, nicht immer das ganze Libretto — versuchten sich auf Wegen, die bisher vom musikalischen Unterhaltungstheater Amerikas noch nie beschritten worden waren. Im Jahre 1926 war es „Peggy-Ann", ein nicht sehr erfolgreicher Versuch, Psychoanalyse und Surrealismus in einer musikalischen Komödie zu vereinigen. Ein Markstein in der Geschichte des Musicals wurde aber ihr nächstes Werk „A Connecticut Yankee" aus dem Jahre 1927: eine geistvolle Doppelhandlung brachte einen modernen jungen Mann aus New York in König Arthurs Königreich Camelot aus dem sechsten Jahrhundert, wie es Mark Twain beschrieben hatte. Für Camelot, das nun zum ersten Male Radio und Telefon kennenlernt, fand Hart eine bezaubernde, zwischen alt und neu gemischte Sprache, und Rodgers Melodien, wie „My Heart Stood Still", die auch bei der Neuinszenierung des Jahres 1943 noch frisch und wirkungsvoll waren.

Nun brachte beinahe jedes Jahr eine neue Rodgers-Hart-Show: 1928 kam „Present Arms" mit der damals aufsehenerregenden Darstellung eines Schiffbruchs auf der Bühne, 1929 die nicht sehr gelungene Show „Spring is Here" mit dem "Weltschlager „With a song in my heart", 1930 erregte die berühmte Sängerin Ruth Etting in „Simple Simon" Entzücken mit dem Lied „Ten Cents a Dance" (eine Ballade im Stile Kurt Weill) und 1931 gab es eine aktuelle Parodie auf Tonfilm- Wunderland Hollywood in „America's Sweetheart".

Dieses Tonfilm-Wunderland wurde nun für einige Jahre die Heimat von Rodgers und Hart: aus diesen Hollywoodjahren der beiden Künstler ist insbesondere der Film „Love me Tonight" mit Jeanette MacDonald unvergessen, in welchem das berühmte Walzerlied „Lover" und das von Maurice Chevalier so unvergleichlich pointierte „Mimi" standen. Erst 1935 gab es wieder eine triumphale Rodgers-Hart-Show in New York. Billy Rose brachte am 16. November dieses Jahres im Hippodrome Jumbo — es war eine spektakuläre Mischung aus musikalischer Komödie, Zirkus und groteskem Karnevalsscherz. Die Spielfläche war in der Mitte des Hauses, und die Zuschauer saßen, wie im Zirkus, rund herum. Die Story war eine Konkurrenz zwischen zwei Zirkusunternehmungen — und zwischen Trapezakten, Gauklern, Clowns, Seiltänzern und Kunstreitern erschien der beliebte Komiker Jimmy Durante auf dem Rücken des Elefanten Jumbo, und Paul Whiteman ritt auf einem Schimmel durch die Manege. Und durch diese „Schau der tausend Tiere" klangen zwei der reizendsten und zartesten Liebeslieder von Rodgers: „My Romance" und „The most beautiful girl in the world". New Yorker Theaterhabitues denken noch heute mit Rührung an die Tage von „Jumbo" . . .

Der Gegensatz des klassischen Ballett-Tanzes und des „Modern Jazz Dancing" war der Stoff des Musicals „On your Toes" aus dem Jahre 1936, zu dem der berühmte Choreograph George Balanchine die Choreographie geschaffen hatte. Das Jazzballett „Slaughter on Tenth Avenue" („Mord auf der 10. Avenue"), das Ray Böiger und Tamara Geva getanzt haben, war das erste jener zahlreichen symphonischen Jazz-Ballette, die später zum eisernen Bestand des Broadwaytheaters gehören sollten.

Rodgers und Hammerstein: “South Pacific” (1949) Mary Martin und Ezio Pinza

Im nächsten Jahre, 1937, gab es zwei große Erfolge für Rodgers und Hart. Zunächst das reizende Musical „Babes in Arms", in dem Kinder von Variete-Schauspielern eine Schau als Konkurrenz für ihre Eltern produzierten. Alfred Drake, der spätere Hauptdarsteller von „Oklahoma!" und „Kiss me, Kate!" machte hier sein Debüt, und die große Rodgers-Nummer war das elegische „Where or when". Wenige Monate später gab es eine besondere Sensation in „l'd Rather be Right“' — es war gerade nach der Wiederwahl Franklin D. Roosevelts zu seiner zweiten Amtsperiode als Präsident, und auf der Bühne stand der alte George M. Cohan — in den Jahren nach der Jahrhundertwende als Schauspieler, Sänger, Autor und Regisseur der Liebling Nr. 1 der New Yorker — und gab eine gelungene Parodie auf den geliebten und gehassten Herrn im Weißen Haus.

Auch 1938 gab es wieder zwei Shows von Rodgers und Hart: „I Married an Angel" war ein modernes Märchen, das wieder Tänze von George Balanchine brachte. Die Gattin des Choreographen, die Tänzerin Vera Zorina, spielte die Hauptrolle, und Walter Slezak war ihr Partner. Balanchine schuf auch die Tänze für „The Boys from Syracuse", das auf Shakespeares „Komödie der Irrungen" brühte und so der direkte Vorläufer von Cole Porters „Kiss mc, Kate!" (1948) war. Das Walzerlied „Falling in love" wurde eine der beliebtesten Rodgers-Melodien.

1940 brachte zunächst „Higher and Higher", welches trotz des persönlich sehr erfolgreichen Broadway-Debüts von Marta Eggerth und der Clownerien des Seehundes Sharkey nicht lebensfähig war — dann aber, am Weihnachtstag, wieder eine der größten Werke von Rodgers und Hart, „Pal Joey". Im Rahmen der Story aus der Unterwelt Chicagos war Gene Kelly hinreißend, wenn er „I could write a book" tanzte und sang, und Vivienne Segal — als vergnügungssüchtige Dame in den besten Jahren — kreierte das wundervolle Lied „Bewitched, bothered and bewildered", das auch in der Neuinszenierung des Jahres 1952 und in der Verfilmung mit Rita Hayworth und Frank Sinatra der große Schlager blieb.

Im Laufe der Jahre hatte sich die Zusammenarbeit mit dem leicht erregbaren und dem Alkohol nicht abholden Lorenz Hart immer schwieriger gestaltet. Ihr letztes gemeinsames Werk war eine Offenbachiade aus der Antike „By Jupiter" (1942) mit Ray Böiger und Vera-Ellen. Als die Theatre Guild Rodgers aufforderte, nach dem Volksstück „Green Grow the Lilacs" von Lynn Riggs ein Musical aus dem Volksleben von Oklahoma zu schreiben, lehnte Lorenz Hart ab. Richard Rodgers wandte sich an Oscar Hammerstein, der 1895 in New York geboren war und, neben vielen anderen Texten, „Show Boat" für Jerome Kern mit dem herrlichen „OP Man River"-Lied geschrieben hatte. Am 31. März 1943 fand im St. James Theatre von New York die unvergessliche Premiere von „Oklahoma!" statt. Am 22. November 1943 starb Lorenz Hart im Doctor's Hospital von New York. Die Geschichte dieser Zusammenarbeit, die in 25 Jahren 27 Bühnenwerke erschaffen hatte, wurde unter dem Titel „Words and Music" mit Mickey Rooney als Hart und Tom Drake als Rodgers verfilmt.

Aber nun hieß es statt „Rodgers and Hart": „Rodgers and Hammerstein". Ihre erste gemeinsame Arbeit „Oklahoma!" wurde zu einem der größten Erfolge der Theatergeschichte — und das gegen die Voraussagen der Fachleute. Das alte Volksstück war ein Misserfolg gewesen, Stoffe aus dem Volksleben erschienen nicht „marktgängig", und Oscar Hammerstein hatte in den letzten Jahren wenig Erfolge gehabt. Die Finanzierung für die Produktion war nur sehr schwer zu finden — in den letzten Jahren hat man errechnet, dass Geldgeber, die seinerzeit 1500 Dollar in „Oklahoma!" investiert hatten, bis zum heutigen Tage dafür 50 000 Dollar einkassiert haben. Das Werk blieb gleich im ersten Lauf 2248 mal auf dem Spielplan, und anschließend bereiste die „National Company" zehn Jahre lang die Vereinigten Staaten.

„Oklahoma!" war schlicht, einfach, warmherzig und gerade dadurch so revolutionär neu. Es war ein Milieu, das jedem Amerikaner aus der Schulzeit bekannt war: das Leben in Oklahoma, das als letztes unabhängiges Indianerland vor der Jahrhundertwende ein Teil der USA geworden war. Wie im Schullesebuch fand er hier seine Cowboys und Farmer wieder, mit ihren Reibungen, ihren Problemen und ihren Kampf um die Frau. Rouben Marnoulian, der erste „Porgy and Bess"-Regisseur, hat das Werk inszeniert und Agnes DeMille schuf im zweiten Akt ihr großes Traumballett, das Theatergeschichte gemacht hat. Die Musik ist eine raffiniert gekonnte Volkslied-Imitation und die Hauptlieder, wie „Oklahoma", „People will say we're in love", „The surrey with the fringe on top" sind zu Volksliedern geworden. Mit „Oklahoma!" beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte des Musicals. Aus der Gesangs- und Tanzrevue war eine Kunstform der sinnvollen Einheit von Wort und Ton geworden.

Der Erfolg blieb dem Team auch bei ihrer nächsten Arbeit treu. Es war wieder ein kühner, ungewöhnlicher Stoff — Franz Molnars „Liliom", der nach Neu-England der Siebzigerjahre verlegt wurde und in der Form des zweiten Rodgers-Hammerstein- Musicals den Titel „Carousel" erhalten hatte. „Oklahoma!" lief noch, als „Carousel" am 19. April 1945 herauskam. Rouben Mamoutian war wieder der Regisseur und Billy's (= Liliom's) kleines Kind stand im zweiten Akt wieder im Mittelpunkt einer großen Ballett-Vision von Agnes DeMille. Auf die Premiere folgten 890 Ensuite-Vorstellungen. Ein sehr interessantes, wenn auch kommerziell weniger erfolgreiches Werk war „Allegro" (1947), in welchem eine psychologische Story des Gegensatzes von Stadt und Land im Rahmen einer (Pro-Bayreuth) Licht-Inszenierung ohne Dekorationen gezeigt wurde. Der große Publikumserfolg kam erst im April 1949 wieder für Rodgers und Hammerstein, als der beliebte Opernbass Ezio Pinza als französischer Farmer auf einer Südseeinsel sein bezauberndes „Some Enchanted Evening" in „South Pacific" sang. Auch dieses vierte Musical des neuen „R & H"-Teams, wie man in USA sagt, war ein Erfolg gegen die Prophezeiungen der Fachleute: Der große Ezio Pinza, der das Idol der Besucher der Metropolitan Opera als Don Giovanni war, aber kaum Englisch konnte und nicht mehr der Jüngste war, schien nicht der Geeignetste für einen Broadway-Helden und der Stoff mit dem Hintergrund des Krieges im pazifischen Ozean bedeutete auch ein Wagnis. Aber es kam anders — der alternde Ezio Pinza wurde das Idol der Teenager, Mary Martin war bezaubernd als Krankenschwester in Militäruniform und „South Pacific" lief 1925mal.

Rodgers und Hart: “Pal Joey” (1940) Gene Kelly und Leila Ernst

Noch während der Laufzeit von „South Pacific" erschien am 29. März 1951 in New York das vierte der triumphal erfolgreichen Rodgers-Hammerstein-Musicals. Es war „The King and I" und beruhte auf den historischen Versuchen einer englischen Lehrerin (dargestellt durch Gertrude Lawrence), in den 60er Jahren Reformen in Siani durchzuführen, wo sie die 66 Kinder des Königs unterrichtete. Yul Brynner war hinreißend in seiner Gestaltung des charmant- tyrannischen, halb-barbarischen, halbweisen Königs. Wenn Gertrude Lawrence mit ihm die Polka tanzte oder wenn sie die siamesischen Kinder unterrichtete, war das Publikum im Taumel des Entzückens. Diese große englische Schauspielerin erlag bald nach der Premiere einer tückischen Krankheit. Ein Höhepunkt des Werkes war das große Ballett des zweiten Aktes, nach „Onkel Toms Hütte", das Jerome Robbins geschaffen hatte. Im Jahre 1953 folgte eine etwas konventionellere „Theater auf dem Theater"-Story in „Me and Juliet", im Jahre 1955 „Pipe Dream" nach John Steinbeck mit dem Broadway-Debut der Wagnersängerin Helen Traube!, 1958 die ganz mit Orientalen besetzte Schau aus dem Chinesenviertel von San Franzisko „Flower Derum Song", und schließlich 1959 der eingangs erwähnte „Sound of Music".

Beinahe alle großen Shows von Rodgers wurden verfilmt und der Komponist wurde in Amerika durch zahlreiche Auszeichnungen von Universitäten geehrt, im Jahre 1955 sogar durch eine Ausstellung seines Lebenswerkes in der Kongressbibliothek von Washington.

Im April 1961 hat Richard Rodgers angekündigt, dass er sich nunmehr entschlossen habe, seine nächsten Shows mit dem Textdichter Alan Jay Lerner zu schreiben, der für den Komponisten Frederick Loewe die erfolgreichen Musicals „Brigadoon" und „My fair Lady" geschrieben hatte. Ihr erstes gemeinsames Werk soll „Chanel 5" heißen. Das Datum der Fertigstellung und Premiere steht noch nicht fest.

Europäische Besucher der Stadt New York empfinden das Musical „The Sound of Music", das seit dem 16. November 1959 im Lunt-Fontanne-Theatre vor ausverkauften Häusern gespielt wird, stets als ein besonderes Kuriosum. Auf der Bühne steht der populäre Broadwaystar Mary Martin in österreichischen — oder besser: pseudoösterreichischen Kostümen — und singt Lieder, die reizvoll und nicht unoriginell österreichischen Flavor mit amerikanischem Theateridiom mischen. Das Musical behandelt das Leben der österreichischen Auswanderin Maria von Trapp, die während des zweiten Weltkrieges in USA die berühmt gewordene „Singende Trapp-Familie" gegründet hat. Eine besondere Pointe des charmanten Werkes ist das Jodellied („made in USA-Lied"), das Mary Martin als Baronin Trapp im ersten Akt mit den Kindern vorträgt.

„The Sound of Music" ist das vorläufig letzte Werk des Komponisten Richard Rodgers und das endgültig letzte aus seiner sechzehnjährigen Zusammenarbeit mit dem Textdichter Oscar Hammerstein, der im Sommer 1960 einem langen Leiden erlegen ist. Der Begriff „Rodgers and Hammerstein" bedeutet für die Amerikaner ein Dioskurenpaar, dem es unvergessliche Abende des Broadway-Theaters verdankt. Es ist typisch für die Einstellung des Amerikaners zum Musical, bei dem das Wort eine der Musik mindestens gleichbedeutende Rolle spielt, dass man nicht, wie bei uns, sagt: „Die lustige Witwe ist von Lehar", sondern stets „Oklahoma ist von Rodgers und Hammerstein".

Richard Rodgers, der 1902 auf der Insel Long Island im Staate New York als Sohn eines Arztes geboren wurde, hat zeitlebens nur mit zwei Textdichtern gearbeitet: bis 1942 mit dem geistvoll-exzentrischen Lorenz Hart, seit 1943 mit dem volkstümlich-lyrischen Hammerstein.

Rodgers spielte Klavier mit 4 Jahren, erhielt seine ersten Musikstunden von seiner Mutter (die eine gute Pianistin war) und seiner Tante. Bereits in der Volksschule und in der Mittelschule trat er in Schülervorstellungen mit eigenen Kompositionen erfolgreich hervor. Er war ein leidenschaftlicher Bewunderer der neueren amerikanischen Operetten von Victor Herbert und Jerome Kern und es war sein Ziel, es ihnen gleichzutun. Er war sechzehn Jahre alt, als er den Schriftsteller Lorenz Hart kennenlernte, der sieben Jahre vor ihm in New York geboren war und an der Columbia University studierte, wo auch Rodgers — neben dem „Institute of Musical Art" — seine weitere Ausbildung bekommen sollte. Lorenz Hart übersetzte damals europäische Operetten für den Broadway, und so war gleich bei ihrer ersten Bekanntschaft eine bleibende Interessengemeinschaft geschaffen, die mit Studentenshows begann und später zur Marke „Rodgers and Hart" entwickelt wurde; sie sollte für die Geschichte des Musicals von großer Bedeutung werden.

Rodgers und Hart: „I’d rather be right” (1939) George M. Cohan als Präsident Rossevelt

Das New Yorker Publikum wurde zum ersten Maie auf Rodgers und Hart aufmerksam, als sie für die Producer-Gruppe „Theatre Guild" im Jahre 1925 und 1926 kleine, intime parodistische Revuen im Garrick Theatre herausbrachten. Die Satiren richteten sich bald gegen Missbräuche bei der New Yorker Polizei, bald gegen den modernen „Starkult" (besonders witzig war eine Parodie auf die berühmte Diseuse Ruth Draper), und auch lustige Szenen um Königin Elisabeth und General Washington sind noch daraus in Erinnerung. Zwei kleine Lieder aus diesen „Garrick Gaieties", wie die Revuen hießen, sind noch bis heute „Evergreens" geblieben: „Manhattan" und „Mountain Greenery". In denselben Jahren schrieb Rodgers noch die Show „Dearest Enemy" mit einem lustigen Stoff aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, und eine musikalische Komödie aus der Sportwelt unter dem Titel „The Girl Friend"; in letzterem Werk stand das erste Rodgers-Hart-Lied, das bis zum heutigen Tage in Europa beliebt gehoben ist und bei uns beinahe zum Symbol der Zwanzigerjahre geworden ist: „Blue Room".

Die nächsten beiden Werke der Zusammenarbeit von Richard Rodgers mit Lorenz Hart — letzterer schrieb stets die Gesangstexte, nicht immer das ganze Libretto — versuchten sich auf Wegen, die bisher vom musikalischen Unterhaltungstheater Amerikas noch nie beschritten worden waren. Im Jahre 1926 war es „Peggy-Ann", ein nicht sehr erfolgreicher Versuch, Psychoanalyse und Surrealismus in einer musikalischen Komödie zu vereinigen. Ein Markstein in der Geschichte des Musicals wurde aber ihr nächstes Werk „A Connecticut Yankee" aus dem Jahre 1927: eine geistvolle Doppelhandlung brachte einen modernen jungen Mann aus New York in König Arthurs Königreich Camelot aus dem sechsten Jahrhundert, wie es Mark Twain beschrieben hatte. Für Camelot, das nun zum ersten Male Radio und Telefon kennenlernt, fand Hart eine bezaubernde, zwischen alt und neu gemischte Sprache, und Rodgers Melodien, wie „My Heart Stood Still", die auch bei der Neuinszenierung des Jahres 1943 noch frisch und wirkungsvoll waren.

Nun brachte beinahe jedes Jahr eine neue Rodgers-Hart-Show: 1928 kam „Present Arms" mit der damals aufsehenerregenden Darstellung eines Schiffbruchs auf der Bühne, 1929 die nicht sehr gelungene Show „Spring is Here" mit dem "Weltschlager „With a song in my heart", 1930 erregte die berühmte Sängerin Ruth Etting in „Simple Simon" Entzücken mit dem Lied „Ten Cents a Dance" (eine Ballade im Stile Kurt Weill) und 1931 gab es eine aktuelle Parodie auf Tonfilm- Wunderland Hollywood in „America's Sweetheart".

Dieses Tonfilm-Wunderland wurde nun für einige Jahre die Heimat von Rodgers und Hart: aus diesen Hollywoodjahren der beiden Künstler ist insbesondere der Film „Love me Tonight" mit Jeanette MacDonald unvergessen, in welchem das berühmte Walzerlied „Lover" und das von Maurice Chevalier so unvergleichlich pointierte „Mimi" standen. Erst 1935 gab es wieder eine triumphale Rodgers-Hart-Show in New York. Billy Rose brachte am 16. November dieses Jahres im Hippodrome Jumbo — es war eine spektakuläre Mischung aus musikalischer Komödie, Zirkus und groteskem Karnevalsscherz. Die Spielfläche war in der Mitte des Hauses, und die Zuschauer saßen, wie im Zirkus, rund herum. Die Story war eine Konkurrenz zwischen zwei Zirkusunternehmungen — und zwischen Trapezakten, Gauklern, Clowns, Seiltänzern und Kunstreitern erschien der beliebte Komiker Jimmy Durante auf dem Rücken des Elefanten Jumbo, und Paul Whiteman ritt auf einem Schimmel durch die Manege. Und durch diese „Schau der tausend Tiere" klangen zwei der reizendsten und zartesten Liebeslieder von Rodgers: „My Romance" und „The most beautiful girl in the world". New Yorker Theaterhabitues denken noch heute mit Rührung an die Tage von „Jumbo" . . .

Der Gegensatz des klassischen Ballett-Tanzes und des „Modern Jazz Dancing" war der Stoff des Musicals „On your Toes" aus dem Jahre 1936, zu dem der berühmte Choreograph George Balanchine die Choreographie geschaffen hatte. Das Jazzballett „Slaughter on Tenth Avenue" („Mord auf der 10. Avenue"), das Ray Böiger und Tamara Geva getanzt haben, war das erste jener zahlreichen symphonischen Jazz-Ballette, die später zum eisernen Bestand des Broadwaytheaters gehören sollten.

Rodgers und Hammerstein: “South Pacific” (1949) Mary Martin und Ezio Pinza

Im nächsten Jahre, 1937, gab es zwei große Erfolge für Rodgers und Hart. Zunächst das reizende Musical „Babes in Arms", in dem Kinder von Variete-Schauspielern eine Schau als Konkurrenz für ihre Eltern produzierten. Alfred Drake, der spätere Hauptdarsteller von „Oklahoma!" und „Kiss me, Kate!" machte hier sein Debüt, und die große Rodgers-Nummer war das elegische „Where or when". Wenige Monate später gab es eine besondere Sensation in „l'd Rather be Right“' — es war gerade nach der Wiederwahl Franklin D. Roosevelts zu seiner zweiten Amtsperiode als Präsident, und auf der Bühne stand der alte George M. Cohan — in den Jahren nach der Jahrhundertwende als Schauspieler, Sänger, Autor und Regisseur der Liebling Nr. 1 der New Yorker — und gab eine gelungene Parodie auf den geliebten und gehassten Herrn im Weißen Haus.

Auch 1938 gab es wieder zwei Shows von Rodgers und Hart: „I Married an Angel" war ein modernes Märchen, das wieder Tänze von George Balanchine brachte. Die Gattin des Choreographen, die Tänzerin Vera Zorina, spielte die Hauptrolle, und Walter Slezak war ihr Partner. Balanchine schuf auch die Tänze für „The Boys from Syracuse", das auf Shakespeares „Komödie der Irrungen" brühte und so der direkte Vorläufer von Cole Porters „Kiss mc, Kate!" (1948) war. Das Walzerlied „Falling in love" wurde eine der beliebtesten Rodgers-Melodien.

1940 brachte zunächst „Higher and Higher", welches trotz des persönlich sehr erfolgreichen Broadway-Debüts von Marta Eggerth und der Clownerien des Seehundes Sharkey nicht lebensfähig war — dann aber, am Weihnachtstag, wieder eine der größten Werke von Rodgers und Hart, „Pal Joey". Im Rahmen der Story aus der Unterwelt Chicagos war Gene Kelly hinreißend, wenn er „I could write a book" tanzte und sang, und Vivienne Segal — als vergnügungssüchtige Dame in den besten Jahren — kreierte das wundervolle Lied „Bewitched, bothered and bewildered", das auch in der Neuinszenierung des Jahres 1952 und in der Verfilmung mit Rita Hayworth und Frank Sinatra der große Schlager blieb.

Im Laufe der Jahre hatte sich die Zusammenarbeit mit dem leicht erregbaren und dem Alkohol nicht abholden Lorenz Hart immer schwieriger gestaltet. Ihr letztes gemeinsames Werk war eine Offenbachiade aus der Antike „By Jupiter" (1942) mit Ray Böiger und Vera-Ellen. Als die Theatre Guild Rodgers aufforderte, nach dem Volksstück „Green Grow the Lilacs" von Lynn Riggs ein Musical aus dem Volksleben von Oklahoma zu schreiben, lehnte Lorenz Hart ab. Richard Rodgers wandte sich an Oscar Hammerstein, der 1895 in New York geboren war und, neben vielen anderen Texten, „Show Boat" für Jerome Kern mit dem herrlichen „OP Man River"-Lied geschrieben hatte. Am 31. März 1943 fand im St. James Theatre von New York die unvergessliche Premiere von „Oklahoma!" statt. Am 22. November 1943 starb Lorenz Hart im Doctor's Hospital von New York. Die Geschichte dieser Zusammenarbeit, die in 25 Jahren 27 Bühnenwerke erschaffen hatte, wurde unter dem Titel „Words and Music" mit Mickey Rooney als Hart und Tom Drake als Rodgers verfilmt.

Aber nun hieß es statt „Rodgers and Hart": „Rodgers and Hammerstein". Ihre erste gemeinsame Arbeit „Oklahoma!" wurde zu einem der größten Erfolge der Theatergeschichte — und das gegen die Voraussagen der Fachleute. Das alte Volksstück war ein Misserfolg gewesen, Stoffe aus dem Volksleben erschienen nicht „marktgängig", und Oscar Hammerstein hatte in den letzten Jahren wenig Erfolge gehabt. Die Finanzierung für die Produktion war nur sehr schwer zu finden — in den letzten Jahren hat man errechnet, dass Geldgeber, die seinerzeit 1500 Dollar in „Oklahoma!" investiert hatten, bis zum heutigen Tage dafür 50 000 Dollar einkassiert haben. Das Werk blieb gleich im ersten Lauf 2248 mal auf dem Spielplan, und anschließend bereiste die „National Company" zehn Jahre lang die Vereinigten Staaten.

„Oklahoma!" war schlicht, einfach, warmherzig und gerade dadurch so revolutionär neu. Es war ein Milieu, das jedem Amerikaner aus der Schulzeit bekannt war: das Leben in Oklahoma, das als letztes unabhängiges Indianerland vor der Jahrhundertwende ein Teil der USA geworden war. Wie im Schullesebuch fand er hier seine Cowboys und Farmer wieder, mit ihren Reibungen, ihren Problemen und ihren Kampf um die Frau. Rouben Marnoulian, der erste „Porgy and Bess"-Regisseur, hat das Werk inszeniert und Agnes DeMille schuf im zweiten Akt ihr großes Traumballett, das Theatergeschichte gemacht hat. Die Musik ist eine raffiniert gekonnte Volkslied-Imitation und die Hauptlieder, wie „Oklahoma", „People will say we're in love", „The surrey with the fringe on top" sind zu Volksliedern geworden. Mit „Oklahoma!" beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte des Musicals. Aus der Gesangs- und Tanzrevue war eine Kunstform der sinnvollen Einheit von Wort und Ton geworden.

Der Erfolg blieb dem Team auch bei ihrer nächsten Arbeit treu. Es war wieder ein kühner, ungewöhnlicher Stoff — Franz Molnars „Liliom", der nach Neu-England der Siebzigerjahre verlegt wurde und in der Form des zweiten Rodgers-Hammerstein- Musicals den Titel „Carousel" erhalten hatte. „Oklahoma!" lief noch, als „Carousel" am 19. April 1945 herauskam. Rouben Mamoutian war wieder der Regisseur und Billy's (= Liliom's) kleines Kind stand im zweiten Akt wieder im Mittelpunkt einer großen Ballett-Vision von Agnes DeMille. Auf die Premiere folgten 890 Ensuite-Vorstellungen. Ein sehr interessantes, wenn auch kommerziell weniger erfolgreiches Werk war „Allegro" (1947), in welchem eine psychologische Story des Gegensatzes von Stadt und Land im Rahmen einer (Pro-Bayreuth) Licht-Inszenierung ohne Dekorationen gezeigt wurde. Der große Publikumserfolg kam erst im April 1949 wieder für Rodgers und Hammerstein, als der beliebte Opernbass Ezio Pinza als französischer Farmer auf einer Südseeinsel sein bezauberndes „Some Enchanted Evening" in „South Pacific" sang. Auch dieses vierte Musical des neuen „R & H"-Teams, wie man in USA sagt, war ein Erfolg gegen die Prophezeiungen der Fachleute: Der große Ezio Pinza, der das Idol der Besucher der Metropolitan Opera als Don Giovanni war, aber kaum Englisch konnte und nicht mehr der Jüngste war, schien nicht der Geeignetste für einen Broadway-Helden und der Stoff mit dem Hintergrund des Krieges im pazifischen Ozean bedeutete auch ein Wagnis. Aber es kam anders — der alternde Ezio Pinza wurde das Idol der Teenager, Mary Martin war bezaubernd als Krankenschwester in Militäruniform und „South Pacific" lief 1925mal.

Rodgers und Hart: “Pal Joey” (1940) Gene Kelly und Leila Ernst

Noch während der Laufzeit von „South Pacific" erschien am 29. März 1951 in New York das vierte der triumphal erfolgreichen Rodgers-Hammerstein-Musicals. Es war „The King and I" und beruhte auf den historischen Versuchen einer englischen Lehrerin (dargestellt durch Gertrude Lawrence), in den 60er Jahren Reformen in Siani durchzuführen, wo sie die 66 Kinder des Königs unterrichtete. Yul Brynner war hinreißend in seiner Gestaltung des charmant- tyrannischen, halb-barbarischen, halbweisen Königs. Wenn Gertrude Lawrence mit ihm die Polka tanzte oder wenn sie die siamesischen Kinder unterrichtete, war das Publikum im Taumel des Entzückens. Diese große englische Schauspielerin erlag bald nach der Premiere einer tückischen Krankheit. Ein Höhepunkt des Werkes war das große Ballett des zweiten Aktes, nach „Onkel Toms Hütte", das Jerome Robbins geschaffen hatte. Im Jahre 1953 folgte eine etwas konventionellere „Theater auf dem Theater"-Story in „Me and Juliet", im Jahre 1955 „Pipe Dream" nach John Steinbeck mit dem Broadway-Debut der Wagnersängerin Helen Traube!, 1958 die ganz mit Orientalen besetzte Schau aus dem Chinesenviertel von San Franzisko „Flower Derum Song", und schließlich 1959 der eingangs erwähnte „Sound of Music".

Beinahe alle großen Shows von Rodgers wurden verfilmt und der Komponist wurde in Amerika durch zahlreiche Auszeichnungen von Universitäten geehrt, im Jahre 1955 sogar durch eine Ausstellung seines Lebenswerkes in der Kongressbibliothek von Washington.

Im April 1961 hat Richard Rodgers angekündigt, dass er sich nunmehr entschlossen habe, seine nächsten Shows mit dem Textdichter Alan Jay Lerner zu schreiben, der für den Komponisten Frederick Loewe die erfolgreichen Musicals „Brigadoon" und „My fair Lady" geschrieben hatte. Ihr erstes gemeinsames Werk soll „Chanel 5" heißen. Das Datum der Fertigstellung und Premiere steht noch nicht fest.