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In Memoriam: Clemens Krauss

Von
Walter Gluth
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 1961
Lesezeit ca.
Minuten

Die musikalische Welt verlor mit Clemens Krauss einen ihrer großen Orchesterleiter. Dieser „Grandseigneur des Taktstocks", ein ausgesprochener Weltmann mit hinreißendem Wiener Charme, war ein Vollblutmusiker und ein Theatermensch zugleich. Vielgereist, belesen und äußerst schlagfertig in der Replik, war er einer jener universell gebildeten Künstlernaturen. Der hünenhafte, vitale Dirigent wirkte ungemein eindrucksvoll durch die Kraft seiner Persönlichkeit.

Wenn man Clemens Krauss jenseits des Ozeans bei seinen zahlreichen Gastspieltourneen vielfach den „Gesandten deutscher Musik" genannt hat, so ist das mehr als ein bloßer Titel. Krauss fühlte sich zutiefst der lebendigen Tradition deutscher Musik verbunden. Doch noch mehr fühlte sich Krauss mit seinem ganzen Herzen als Wiener. Diese Stadt mit ihrem musikalischen Fluidum war für ihn der gegebene Wirkungskreis. So wurden auch Clemens Krauss und die Wiener Philharmoniker zum Begriff für höchste Musikkultur.

Eine innige Freundschaft verband ihn mit Richard Strauss. Die Vertrautheit mit dem Werk des großen Komponisten machten ihn zum authentischen Interpreten der Musik des Meisters. Eines der größten Erlebnisse in seinem Leben dürfte zweifellos die Uraufführung der Oper „Die Liebe der Danae" 1952 bei den Salzburger Festspielen gewesen sein. Das Libretto zu diesem Bühnenwerk wie auch das zu „Capriccio" stammt von Clemens Krauss.

Die DECCA-Schallplatte, für die Krauss viele Werke eingespielt hat, bewahrt als künstlerisches Vermächtnis einige Tondichtungen von Richard Strauss, so u. a. „Also sprach Zarathustra", „Der Bürger als Edelmann", „Don Quixote" sowie eine der großartigen Darstellungen der „Salome". Kammermusikalische Feinheit und Durchsichtigkeit zeichnen seine Strauss-Wiedergaben ebenso aus wie klangliche Delikatesse und farbige Schönheit. Neben Richard Strauss stehen Krauss auch die anderen „Sträuße" nahe. Mit den traditionellen Neujahrskonzerten der Wiener Philharmoniker, die auf eine Initiative des Dirigenten ins Leben gerufen wurden, bot Krauss eine der eindrucksvollsten Manifestationen seiner Musikalität. Davon legt besonders die Schallplatte „Clemens Krauss dirigiert sein letztes Neujahrskonzert" beredtes Zeugnis ab. Johann und Joseph Strauß, die Wiener Philharmoniker und Clemens Krauss vereinigen sich hier in wundervollem Zusammenklingen von feinsinnigem Charme, beseligender Süße und tanzfreudiger Anmut. Eine der letzten Arbeiten für die Schallplatte war die Strauß-Tondichtung „Aus Italien". Es ist sehr bedauerlich, dass diese Veröffentlichung schon seit einiger Zeit aus dem DECCA-Repertoire gestrichen worden ist. Das gleiche Los scheint auch die Aufnahme der „Sinfonia domestica" getroffen zu haben. Es erhebt sich die Frage, ob nicht in diesem Falle eine Neu Veröffentlichung angezeigt wäre. Wenigstens sollte man beide Darstellungen doch innerhalb der Club-As-Serie herausbringen können.

Clemens Krauss war aber nicht nur Dirigent. Sein Einfluss reichte weiter. Über das rein

Musikalische hinaus erstreckte er sich bis zur Regie, zur Kostümierung und zum Bühnenbild. Und man sagt ihm nach, dass er einer der einfühlsamsten Dirigenten der Opernbühne gewesen sei, der vor allem den Sängern Raum zur Entfaltung gab.

Wie sieht die Laufbahn dieses reich begabten Dirigenten aus? 1893 in Wien geboren, wird der junge Clemens Krauss Hofsängerknabe. Später studiert er an der Wiener Musikakademie unter Grädener und Heuberger. Über erste Engagements in Brunn, Riga, Nürnberg und Stettin führt ihn sein Weg im Jahre 1921 nach Graz. Mit 28 Jahren wird er dort Opernchef. Ein Jahr später beruft ihn Franz Schalk zum ersten Kapellmeister an die Wiener Staatsoper, wo der junge Dirigent Aufsehen erregt. Die besonderen pädagogischen Fähigkeiten verschafften dem 29jährigen außerdem die Leitung der Kapellmeisterklasse als Professor der Wiener Musikakademie. Frankfurt am Main wird von 1924 bis 1929 eine weitere Station auf seinem Lebensweg. Erst jetzt kehrt der Wiener in seine Heimatstadt zurück und wird zum Direktor der Staatsoper ernannt. 1934 geht Krauss in gleicher Position nach Berlin, I93S nach München. Damit war er nacheinander überragender Chef der drei bedeutendsten Opernbühnen im deutschen Sprachraum. 1942 übertrug man Krauss schließlich noch die Leitung der Salzburger Festspiele. Auch Bayreuth sah ihn 1953 bei einer Aufführung des „Parsifal".

Im Repertoire von Clemens Krauss nahm die Moderne, ebenso wie die alte Musik, keinen allzu großen Raum ein. Mehr und mehr war er zum Hüter der romantischen und klassischen Tradition geworden. Trotzdem hat er Honeggers „Johanna auf dem Seheiterhaufen" aufgeführt und damit vor allem in Südamerika Erfolge errungen.

Viele Jahre seines Lebens und Schaffens war Krauss mit den Wiener Philharmonikern in fruchtbarer Zusammenarbeit verbunden. Er fand zwar den Weg zum Konzert über die Oper. Doch seit seinem ersten Auftreten vor den Philharmonikern im Konzertsaal — das war im November 1929, als er für den erkrankten Furtwangler einsprang — wusste man, dass der Operndirigent Krauss auch im Konzertsaal seinen Mann zu stehen wusste. Der Künstler dirigierte damals ein Abonnementskonzert, in dem er statt des vorhergesehenen Programms Brahms „Dritte" und Richard Strauss „Ein Heldenleben" dirigierte. Stets waren seine Programme in den philharmonischen Konzerten diktiert von dem Bewusstsein, die ausgetretenen Pfade der üblichen Programmgestaltung zu verlassen und künstlerisches Neuland zu gewinnen.

Noch wenige Tage vor dem Fall Wiens stand Krauss am Pult der Philharmoniker. Er war es auch, der bei jenem denkwürdigen Konzert nach der Eroberung der Stadt durch die Russen zur Stelle war. Die Wiener haben ihm das nicht vergessen. Für sie war Clemens Krauss längst einer der Ihren.

An dieser Stelle darf nicht unerwähnt bleiben, welche wertvolle, erzieherische Arbeit Krauss bei den Dirigentenkursen in Salzburg geleistet hat. Er war nicht nur ein hervorragender Orchesterleiter, sondern auch ein ausgezeichneter Lehrmeister, der seinen Studenten die Grundlagen einer soliden technischen Ausbildung mit auf den Weg zu geben wusste. Aus allen Teilen Europas und der Welt strömten die Besten herbei, um bei ihm zu lernen.

Mitten in der Probenarbeit für ein Gastkonzert in Mexico-City ereilte am 16. Mai 1954 diesen Großen unter den Dirigenten 61-jährig viel zu früh der Tod. Ein reich erfülltes Leben losch aus, das dem Dienst an der Musik gewidmet war.

Die musikalische Welt verlor mit Clemens Krauss einen ihrer großen Orchesterleiter. Dieser „Grandseigneur des Taktstocks", ein ausgesprochener Weltmann mit hinreißendem Wiener Charme, war ein Vollblutmusiker und ein Theatermensch zugleich. Vielgereist, belesen und äußerst schlagfertig in der Replik, war er einer jener universell gebildeten Künstlernaturen. Der hünenhafte, vitale Dirigent wirkte ungemein eindrucksvoll durch die Kraft seiner Persönlichkeit.

Wenn man Clemens Krauss jenseits des Ozeans bei seinen zahlreichen Gastspieltourneen vielfach den „Gesandten deutscher Musik" genannt hat, so ist das mehr als ein bloßer Titel. Krauss fühlte sich zutiefst der lebendigen Tradition deutscher Musik verbunden. Doch noch mehr fühlte sich Krauss mit seinem ganzen Herzen als Wiener. Diese Stadt mit ihrem musikalischen Fluidum war für ihn der gegebene Wirkungskreis. So wurden auch Clemens Krauss und die Wiener Philharmoniker zum Begriff für höchste Musikkultur.

Eine innige Freundschaft verband ihn mit Richard Strauss. Die Vertrautheit mit dem Werk des großen Komponisten machten ihn zum authentischen Interpreten der Musik des Meisters. Eines der größten Erlebnisse in seinem Leben dürfte zweifellos die Uraufführung der Oper „Die Liebe der Danae" 1952 bei den Salzburger Festspielen gewesen sein. Das Libretto zu diesem Bühnenwerk wie auch das zu „Capriccio" stammt von Clemens Krauss.

Die DECCA-Schallplatte, für die Krauss viele Werke eingespielt hat, bewahrt als künstlerisches Vermächtnis einige Tondichtungen von Richard Strauss, so u. a. „Also sprach Zarathustra", „Der Bürger als Edelmann", „Don Quixote" sowie eine der großartigen Darstellungen der „Salome". Kammermusikalische Feinheit und Durchsichtigkeit zeichnen seine Strauss-Wiedergaben ebenso aus wie klangliche Delikatesse und farbige Schönheit. Neben Richard Strauss stehen Krauss auch die anderen „Sträuße" nahe. Mit den traditionellen Neujahrskonzerten der Wiener Philharmoniker, die auf eine Initiative des Dirigenten ins Leben gerufen wurden, bot Krauss eine der eindrucksvollsten Manifestationen seiner Musikalität. Davon legt besonders die Schallplatte „Clemens Krauss dirigiert sein letztes Neujahrskonzert" beredtes Zeugnis ab. Johann und Joseph Strauß, die Wiener Philharmoniker und Clemens Krauss vereinigen sich hier in wundervollem Zusammenklingen von feinsinnigem Charme, beseligender Süße und tanzfreudiger Anmut. Eine der letzten Arbeiten für die Schallplatte war die Strauß-Tondichtung „Aus Italien". Es ist sehr bedauerlich, dass diese Veröffentlichung schon seit einiger Zeit aus dem DECCA-Repertoire gestrichen worden ist. Das gleiche Los scheint auch die Aufnahme der „Sinfonia domestica" getroffen zu haben. Es erhebt sich die Frage, ob nicht in diesem Falle eine Neu Veröffentlichung angezeigt wäre. Wenigstens sollte man beide Darstellungen doch innerhalb der Club-As-Serie herausbringen können.

Clemens Krauss war aber nicht nur Dirigent. Sein Einfluss reichte weiter. Über das rein

Musikalische hinaus erstreckte er sich bis zur Regie, zur Kostümierung und zum Bühnenbild. Und man sagt ihm nach, dass er einer der einfühlsamsten Dirigenten der Opernbühne gewesen sei, der vor allem den Sängern Raum zur Entfaltung gab.

Wie sieht die Laufbahn dieses reich begabten Dirigenten aus? 1893 in Wien geboren, wird der junge Clemens Krauss Hofsängerknabe. Später studiert er an der Wiener Musikakademie unter Grädener und Heuberger. Über erste Engagements in Brunn, Riga, Nürnberg und Stettin führt ihn sein Weg im Jahre 1921 nach Graz. Mit 28 Jahren wird er dort Opernchef. Ein Jahr später beruft ihn Franz Schalk zum ersten Kapellmeister an die Wiener Staatsoper, wo der junge Dirigent Aufsehen erregt. Die besonderen pädagogischen Fähigkeiten verschafften dem 29jährigen außerdem die Leitung der Kapellmeisterklasse als Professor der Wiener Musikakademie. Frankfurt am Main wird von 1924 bis 1929 eine weitere Station auf seinem Lebensweg. Erst jetzt kehrt der Wiener in seine Heimatstadt zurück und wird zum Direktor der Staatsoper ernannt. 1934 geht Krauss in gleicher Position nach Berlin, I93S nach München. Damit war er nacheinander überragender Chef der drei bedeutendsten Opernbühnen im deutschen Sprachraum. 1942 übertrug man Krauss schließlich noch die Leitung der Salzburger Festspiele. Auch Bayreuth sah ihn 1953 bei einer Aufführung des „Parsifal".

Im Repertoire von Clemens Krauss nahm die Moderne, ebenso wie die alte Musik, keinen allzu großen Raum ein. Mehr und mehr war er zum Hüter der romantischen und klassischen Tradition geworden. Trotzdem hat er Honeggers „Johanna auf dem Seheiterhaufen" aufgeführt und damit vor allem in Südamerika Erfolge errungen.

Viele Jahre seines Lebens und Schaffens war Krauss mit den Wiener Philharmonikern in fruchtbarer Zusammenarbeit verbunden. Er fand zwar den Weg zum Konzert über die Oper. Doch seit seinem ersten Auftreten vor den Philharmonikern im Konzertsaal — das war im November 1929, als er für den erkrankten Furtwangler einsprang — wusste man, dass der Operndirigent Krauss auch im Konzertsaal seinen Mann zu stehen wusste. Der Künstler dirigierte damals ein Abonnementskonzert, in dem er statt des vorhergesehenen Programms Brahms „Dritte" und Richard Strauss „Ein Heldenleben" dirigierte. Stets waren seine Programme in den philharmonischen Konzerten diktiert von dem Bewusstsein, die ausgetretenen Pfade der üblichen Programmgestaltung zu verlassen und künstlerisches Neuland zu gewinnen.

Noch wenige Tage vor dem Fall Wiens stand Krauss am Pult der Philharmoniker. Er war es auch, der bei jenem denkwürdigen Konzert nach der Eroberung der Stadt durch die Russen zur Stelle war. Die Wiener haben ihm das nicht vergessen. Für sie war Clemens Krauss längst einer der Ihren.

An dieser Stelle darf nicht unerwähnt bleiben, welche wertvolle, erzieherische Arbeit Krauss bei den Dirigentenkursen in Salzburg geleistet hat. Er war nicht nur ein hervorragender Orchesterleiter, sondern auch ein ausgezeichneter Lehrmeister, der seinen Studenten die Grundlagen einer soliden technischen Ausbildung mit auf den Weg zu geben wusste. Aus allen Teilen Europas und der Welt strömten die Besten herbei, um bei ihm zu lernen.

Mitten in der Probenarbeit für ein Gastkonzert in Mexico-City ereilte am 16. Mai 1954 diesen Großen unter den Dirigenten 61-jährig viel zu früh der Tod. Ein reich erfülltes Leben losch aus, das dem Dienst an der Musik gewidmet war.