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Porträt: Karl Engel

Von
Wolfram Schwinger
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 1961
Lesezeit ca.
Minuten

Der Weg zum Domizil des Pianisten Karl Engel führt von Hannover aus eine halbe Autostunde nach Südwesten, dem Weserbergland entgegen. Eine Berufung an die Niedersächsische Hochschule für Musik hat den Schweizer Künstler vor fünf Jahren nach Norddeutschland verschlagen. Obwohl ihn diese Professur an seine neue Heimat bindet, ist es nicht ganz leicht, seiner habhaft zu werden; Konzertreisen führen ihn ständig durch halb Europa. Eben hat er das anstrengendste Pensum hinter sich, das es für einen Pianisten wohl gibt: den Zyklus sämtlicher Klaviersonaten Beethovens einschließlich der Diabelli-Variationen. Er spielte ihn nebeneinander in Hannover und Frankfurt an je neun Abenden. Diesmal allerdings gönnte sich Engel mitten in der strapaziösen Beethovenreihe, die ihn ständig zwischen Leine und Main hin- und herführte, eine „Erholung": Er fuhr schnell nach Wien und spielte an vier Abenden seinen berühmten Mozartzyklus, alle Klaviersonaten und einige Fantasien.

Natürlich ist Mozart für Engel weit mehr als nur eine Erholung. Er bekennt sich zu ihm als dem Zentrum seiner musikalischen Bemühungen. Ihn klavierspielend zu deuten, empfindet er als seine eigentliche Aufgabe. Mit freudiger Hingabe unterzieht er sich dieser „Lückenbüßer"-Tätigkeit; denn wer von den großen Pianisten spielt heute schon noch Mozarts Sonatenwerk? Engel bewahrt sich die Erinnerung an das Mozartspiel Clara Haskils als gültiges Vorbild. Seit 1948 musiziert er seinen Mozartzyklus mindestens einmal im Jahr. Besonders gern denkt er dabei an die Abende im Mozartatmosphäre atmenden Münchner Cuvilliés-Theater zurück, an Paris und natürlich an Wien, wo ihm die empfindlichsten und kritischsten Mozart hör er überschwänglich zustimmten. Die Wiener Presse bescheinigte ihm untrügliches Stilgefühl und nannte sein Mozartspiel authentisch. „An intuitivem Erfassen des spezifisch Mozartische dürfte ihm heute nicht so leicht jemand gleichkommen. Sein Spiel ist eine Synthese aus Brillanz, ritterlicher Eleganz und unschuldiger Naivität."

Naivität im allerbesten, schönsten Sinne gehört nicht nur zum Spiel, sondern überhaupt zur Frohnatur dieses ungemein sympathischen, herzlichen Künstlers. Er wurde 1923 in Basel geboren, besuchte dort das Gymnasium und trat als Abiturient in die dortige Musikakademie ein, um drei Jahre bei Paul Baumgartner zu studieren. Abgesehen von der Teilnahme an den pianistischen Meisterkursen bei Alfred Cortot in Paris (1947 1948) lebte er bis 1956 in seiner Vaterstadt. Dann kam der Ruf an die hannoversche Musikhochschule. Aber noch ein Wort zu Cortot: Engel verdankt diesem Poeten des Klaviers sein ungemein feines Klanggefühl, den Sinn für klares, tonlich schlankes Musizieren und den echt gallischen Wesenszug, die Dinge nicht zu ernst zu nehmen, das angeblich „zwischen den Noten Stehende" nicht überzubewerten. Das alles zusammen sind ideale Voraussetzungen für einen Pianisten, dem Mozart besonders ans Herz gewachsen ist.

Karl Engel ist immer primär musikalischen Dingen auf der Spur, ein Pianist, der eine unverhohlene Freude daran hat, Melodien singend auszubreiten, Klänge zu modellieren, thematische Zusammenhänge formal klarzustellen, rhythmische Impulse fortwirken zu lassen — kurzum: Er ist ein musikantischer Pianist, der das Helle, das Apollinische liebt, ohne dem Moll etwas aus dem Wege zu gehen (man höre nur, "wenn er Mozarts große c-molI-Fantasie spielt!). In dieser klaren, unprätentiösen Art ist Karl Engel der Typ des modernen, unserem Zeitempfinden nahestehenden Pianisten.

Der Erfolg stellte sich schnell ein. Auf dem schwierigsten internationalen Klavierwettbewerb, dem Brüsseler „Concours Reine Elisabeth", holte er sich 1952 den zweiten Preis (der amerikanische Schnabel-Schuler Leon Fleisher war damals erster). Seit 1949 — die Mikrorillen traten gerade ihren Siegeszug an — macht Engel Schallplattenaufnahmen. Konzertreisen führten ihn bald durch alle westeuropäischen Länder. Viel Ruhm brachte ihm die Kammermusik ein, ob er nun zusammen mit dem französischen Cellisten Paul Tortelier musizierte, mit Altmeister Pablo Casals (seit 1954 ist Engel ständig bei den Casals-Festspielen in Prades dabei) oder aber mit Dietrich Fischer- Dieskau, den er in Konzerten sehr oft begleitete, während er sich privatim mit dem großen Sänger an vierhändiger Klavierliteratur ergötzte („ich durfte oben spielen und das Pedal bedienen!").

Karl Engel spielte unter Dirigenten wie Cluytens, Karl Münchinger, Fritz Lehmann (Beethovens Es-dur-Konzert erstmalig in seinem Leben und das gleich in Paris!), Paul van Kempen, Paul Sacher und natürlich unter Hans Münch (einem Vetter von Charles Munch), „natürlich." nicht nur, weil er Basels Generalmusikdirektor, sondern weil er sein Schwiegervater ist. Auch Frau Engel ist also musikalischen Geblütes! Als „Schlossherrin" auf Bennigsen ist sie die Seele des großzügigen Künstlerhaushaltes, zu dem noch Till und Bettina, die 9 und 6 Jahre alten Kinder gehören. Souverän und mit viel Charme „dirigiert" sie die an Abwechslungen nicht gerade armen Tagesläufe im Hause Engel. Wenn sie ihren Mann auf seinen Konzertreisen begleitet, verfolgt sie sein Spiel vom Künstlerzimmer aus mit den Noten. Als er einmal nach den 33 Diabelli-Variationen ganz beglückt über das prächtige Gelingen ins Künstlerzimmer zurückkam, erfuhr er aus dem Munde seiner kritischen Frau, dass er drei Variationen vergessen hatte. Stehenden Fußes machte er kehrt, ging aufs Podium zurück und erklärte dem verehrten Publikum: „Ich spiele Ihnen jetzt als Zugaben die drei Variationen, die ich vorhin vergessen habe." So ehrlich, so unkonventionell ist Karl Engel. Den Neugierigen sei auch verraten, dass wir an unserem Plauderabend in Bennigsen zunächst lange nicht vom Fußballthema HSV gegen FC Barcelona loskamen und dass auch die etwa 200 Kriminalromane in den unteren Regalfächern der Bibliothek (Engel liest sie auf seinen Reisen) genügend Gesprächsstoff abgaben.

Zurück zum Pianisten Engel. Neben Mozart und Beethoven gibt er auch geschlossene Schubert- und Debussy-Abende. Und natürlich spielt er auch moderne Musik. Strawinskys Klavierkonzert mit Bläsern gehört zu den von ihm bevorzugten Stücken, vor allem aber das Concertino im klassischen Stil für Klavier und kleines Orchester des jungen Rumänen Dinu Lipatti, der es als 17-jähriger Kompositionsschüler von Strawinsky schrieb. Mehr noch als den Komponisten verehrt Engel aber den Pianisten Lipatti, der erst 33 Jahre alt war, als er 1950 in Genf starb. Unumwunden erklärt ihn Engel zu seinem Ideal. Viel von dem, was Engel Lipatti nachrühmt, zeichnet sein eigenes Klavierspiel aus: die brillante Virtuosität, der phänomenale Klangsinn, die tiefverwurzelte Musikalität, die Zurückhaltung im Pathos, die große Wärme im Ausdruck.

Der Weg zum Domizil des Pianisten Karl Engel führt von Hannover aus eine halbe Autostunde nach Südwesten, dem Weserbergland entgegen. Eine Berufung an die Niedersächsische Hochschule für Musik hat den Schweizer Künstler vor fünf Jahren nach Norddeutschland verschlagen. Obwohl ihn diese Professur an seine neue Heimat bindet, ist es nicht ganz leicht, seiner habhaft zu werden; Konzertreisen führen ihn ständig durch halb Europa. Eben hat er das anstrengendste Pensum hinter sich, das es für einen Pianisten wohl gibt: den Zyklus sämtlicher Klaviersonaten Beethovens einschließlich der Diabelli-Variationen. Er spielte ihn nebeneinander in Hannover und Frankfurt an je neun Abenden. Diesmal allerdings gönnte sich Engel mitten in der strapaziösen Beethovenreihe, die ihn ständig zwischen Leine und Main hin- und herführte, eine „Erholung": Er fuhr schnell nach Wien und spielte an vier Abenden seinen berühmten Mozartzyklus, alle Klaviersonaten und einige Fantasien.

Natürlich ist Mozart für Engel weit mehr als nur eine Erholung. Er bekennt sich zu ihm als dem Zentrum seiner musikalischen Bemühungen. Ihn klavierspielend zu deuten, empfindet er als seine eigentliche Aufgabe. Mit freudiger Hingabe unterzieht er sich dieser „Lückenbüßer"-Tätigkeit; denn wer von den großen Pianisten spielt heute schon noch Mozarts Sonatenwerk? Engel bewahrt sich die Erinnerung an das Mozartspiel Clara Haskils als gültiges Vorbild. Seit 1948 musiziert er seinen Mozartzyklus mindestens einmal im Jahr. Besonders gern denkt er dabei an die Abende im Mozartatmosphäre atmenden Münchner Cuvilliés-Theater zurück, an Paris und natürlich an Wien, wo ihm die empfindlichsten und kritischsten Mozart hör er überschwänglich zustimmten. Die Wiener Presse bescheinigte ihm untrügliches Stilgefühl und nannte sein Mozartspiel authentisch. „An intuitivem Erfassen des spezifisch Mozartische dürfte ihm heute nicht so leicht jemand gleichkommen. Sein Spiel ist eine Synthese aus Brillanz, ritterlicher Eleganz und unschuldiger Naivität."

Naivität im allerbesten, schönsten Sinne gehört nicht nur zum Spiel, sondern überhaupt zur Frohnatur dieses ungemein sympathischen, herzlichen Künstlers. Er wurde 1923 in Basel geboren, besuchte dort das Gymnasium und trat als Abiturient in die dortige Musikakademie ein, um drei Jahre bei Paul Baumgartner zu studieren. Abgesehen von der Teilnahme an den pianistischen Meisterkursen bei Alfred Cortot in Paris (1947 1948) lebte er bis 1956 in seiner Vaterstadt. Dann kam der Ruf an die hannoversche Musikhochschule. Aber noch ein Wort zu Cortot: Engel verdankt diesem Poeten des Klaviers sein ungemein feines Klanggefühl, den Sinn für klares, tonlich schlankes Musizieren und den echt gallischen Wesenszug, die Dinge nicht zu ernst zu nehmen, das angeblich „zwischen den Noten Stehende" nicht überzubewerten. Das alles zusammen sind ideale Voraussetzungen für einen Pianisten, dem Mozart besonders ans Herz gewachsen ist.

Karl Engel ist immer primär musikalischen Dingen auf der Spur, ein Pianist, der eine unverhohlene Freude daran hat, Melodien singend auszubreiten, Klänge zu modellieren, thematische Zusammenhänge formal klarzustellen, rhythmische Impulse fortwirken zu lassen — kurzum: Er ist ein musikantischer Pianist, der das Helle, das Apollinische liebt, ohne dem Moll etwas aus dem Wege zu gehen (man höre nur, "wenn er Mozarts große c-molI-Fantasie spielt!). In dieser klaren, unprätentiösen Art ist Karl Engel der Typ des modernen, unserem Zeitempfinden nahestehenden Pianisten.

Der Erfolg stellte sich schnell ein. Auf dem schwierigsten internationalen Klavierwettbewerb, dem Brüsseler „Concours Reine Elisabeth", holte er sich 1952 den zweiten Preis (der amerikanische Schnabel-Schuler Leon Fleisher war damals erster). Seit 1949 — die Mikrorillen traten gerade ihren Siegeszug an — macht Engel Schallplattenaufnahmen. Konzertreisen führten ihn bald durch alle westeuropäischen Länder. Viel Ruhm brachte ihm die Kammermusik ein, ob er nun zusammen mit dem französischen Cellisten Paul Tortelier musizierte, mit Altmeister Pablo Casals (seit 1954 ist Engel ständig bei den Casals-Festspielen in Prades dabei) oder aber mit Dietrich Fischer- Dieskau, den er in Konzerten sehr oft begleitete, während er sich privatim mit dem großen Sänger an vierhändiger Klavierliteratur ergötzte („ich durfte oben spielen und das Pedal bedienen!").

Karl Engel spielte unter Dirigenten wie Cluytens, Karl Münchinger, Fritz Lehmann (Beethovens Es-dur-Konzert erstmalig in seinem Leben und das gleich in Paris!), Paul van Kempen, Paul Sacher und natürlich unter Hans Münch (einem Vetter von Charles Munch), „natürlich." nicht nur, weil er Basels Generalmusikdirektor, sondern weil er sein Schwiegervater ist. Auch Frau Engel ist also musikalischen Geblütes! Als „Schlossherrin" auf Bennigsen ist sie die Seele des großzügigen Künstlerhaushaltes, zu dem noch Till und Bettina, die 9 und 6 Jahre alten Kinder gehören. Souverän und mit viel Charme „dirigiert" sie die an Abwechslungen nicht gerade armen Tagesläufe im Hause Engel. Wenn sie ihren Mann auf seinen Konzertreisen begleitet, verfolgt sie sein Spiel vom Künstlerzimmer aus mit den Noten. Als er einmal nach den 33 Diabelli-Variationen ganz beglückt über das prächtige Gelingen ins Künstlerzimmer zurückkam, erfuhr er aus dem Munde seiner kritischen Frau, dass er drei Variationen vergessen hatte. Stehenden Fußes machte er kehrt, ging aufs Podium zurück und erklärte dem verehrten Publikum: „Ich spiele Ihnen jetzt als Zugaben die drei Variationen, die ich vorhin vergessen habe." So ehrlich, so unkonventionell ist Karl Engel. Den Neugierigen sei auch verraten, dass wir an unserem Plauderabend in Bennigsen zunächst lange nicht vom Fußballthema HSV gegen FC Barcelona loskamen und dass auch die etwa 200 Kriminalromane in den unteren Regalfächern der Bibliothek (Engel liest sie auf seinen Reisen) genügend Gesprächsstoff abgaben.

Zurück zum Pianisten Engel. Neben Mozart und Beethoven gibt er auch geschlossene Schubert- und Debussy-Abende. Und natürlich spielt er auch moderne Musik. Strawinskys Klavierkonzert mit Bläsern gehört zu den von ihm bevorzugten Stücken, vor allem aber das Concertino im klassischen Stil für Klavier und kleines Orchester des jungen Rumänen Dinu Lipatti, der es als 17-jähriger Kompositionsschüler von Strawinsky schrieb. Mehr noch als den Komponisten verehrt Engel aber den Pianisten Lipatti, der erst 33 Jahre alt war, als er 1950 in Genf starb. Unumwunden erklärt ihn Engel zu seinem Ideal. Viel von dem, was Engel Lipatti nachrühmt, zeichnet sein eigenes Klavierspiel aus: die brillante Virtuosität, der phänomenale Klangsinn, die tiefverwurzelte Musikalität, die Zurückhaltung im Pathos, die große Wärme im Ausdruck.