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Meister des Musicals – 3. Folge

Von
Marcel Prawy
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 1961
Lesezeit ca.
Minuten

Das europäische Publikum kennt Jerome Kern hauptsächlich als den Schöpfer zweier populärer Melodien: Zunächst von „OF Man River" — der, seit Jules Bledsoe im Jahre 1927 in Show Boat zum ersten Male diese Hymne auf den Mississippi gesungen hat, bei uns leider zum Grimassen verzerrten Reißer bei Bunten Abenden erniedrigt wurde — und von „Smoke gets in your eyes", einem sentimentalen Lied im Viervierteltakt mit originellen harmonischen Rückungen aus dem Jahre 1932.

Dem amerikanischen Publikum bedeutet der Name dieses Komponisten nicht nur die Erinnerung an eine Unzahl bezaubernder Melodien, die aus seiner Feder von 1905 bis 1945 kamen, sondern eine bedeutende Figur in der Geschichte des Musicals als Kunstgattung. Die alte amerikanische Operette war im Grunde das Produkt von drei großen Einwandererkomponisten, die ihre Hauptwerke in den ersten fünfundzwanzig Jahren unseres Jahrhunderts geschrieben haben: Es waren Victor Herbert, der Ire, Rudolf Friml, der Tscheche, Sigmund Romberg, der Ungar. Als nun die Operette in den zwanziger Jahren zum Musical umgestaltet wurde, da wurde die Einwanderergeneration durch eine Generation von in Amerika gebürtigen Komponisten abgelöst: Jerome Kern, geboren 1885, Cole Porter, geboren 1893, George Gershwin, geboren 1898. Jerome Kern war nicht nur der erste und älteste dieser Gruppe, sondern auch der Schöpfer jenes Werkes, in dem viele Historiker eigentlich das „Ur-Musical" überhaupt sehen: Show Boat.

Jerome Kern wurde am 27. Januar 1885 in New York als Sohn eines Geschäftsmannes geboren, dessen Firma einen Vertrag zur Bewässerung verschiedener Hauptstraßen der Stadt New York hatte. Bald aber übersiedelte die Familie nach Newark im Staate New Jersey, wo der Vater ein Geschäftshaus leitete. Jerome zeigte schon als Kind Spuren seines musikalischen Talents: Seine Mutter gab ihm Klavierstunden, und schon in der Untermittelschule komponierte er Musik für die alljährlichen Schulkonzerte. In den folgenden Jahren studierte er Musik am New York College of Music, aber sein Vater erlaubte ihm nicht, sich der Musik hauptberuflich zu widmen.

„Sally“ Marylin Miller und Leon Errol in der Premiere im New Yorker New Amsterdam Theatre 1920

Seit dem Jahre 1902 war der junge Jerome Kern Angestellter im Geschäftshaus seines Vaters. Erst als ihn sein Vater nach New York schickte, um dort zwei Klaviere einzukaufen, und er von einem Vertreter zur Unterschrift eines Kaufvertrages für zweihundert Klaviere überredet worden war, da sprach Papa Kern die erlösenden Worte: „Jerome, du taugst zu gar nichts. Studiere Musik . , ."

Im Jahre 1903 ging Jerome nach Europa, um zu studieren. Er fuhr zunächst nach Deutschland, dann nach London. In London schrieb er musikalische Einlagen für Revuen, die ein amerikanischer Producer dort aufführen ließ. Es waren meist die Eröffnungsnummern, die bedeutungslos waren und sein sollten, weil das englische Publikum gewohnt war, zu spät zu kommen. Manche dieser Nummern erschienen später auch in New Yorker Revuen. Die bedeutendste Bekanntschaft Jerome Kerns in seinen Londoner Jahren war aber der junge P. G. Wodehouse, der später in Amerika Autor entzückender humoristischer Novellen und ständiger dichterischer Mitarbeiter Kerns werden sollte.

Die Londoner Jahre hatten in Kern die Entscheidung reifen lassen, sich ausschließlich der populären Musik zu widmen. 1905 kam er zurück nach New York, entschlossen, sich den Broadway zu erobern. Er arbeitete als Arrangeur und Publicity Man für Verleger, komponierte und begleitete den damaligen Variete-Star Marie Dressier am Klavier. Seine Lieder erschienen zunächst als Einlagen in Revuen, deren Musik von anderen Komponisten geschrieben worden war. Solche Stücke waren The Rich Mr. Hoggenheimer (1905), The Earl And The Girl (1905), Mr. Wix Of Wickham (1910), La Belle Paree (produziert von den berühmten „Producer-Brüdern" Shubert im Winter Garden von New York, 1911) und The Red Petticoat, eine Operette aus dem Leben der Goldgräber von Nevada (1912), die von der Kritik als eine „Veroperettung" jener Puccinioper bezeichnet wurde, die 1910 In New York uraufgeführt worden war: Das Mädchen aus dem Goldenen Westen.

Der erste wirkliche Erfolg auf dem Broadway kam für Jerome Kern im Jahre 1914, als der oben erwähnte amerikanische Producer in London einen Erfolg hatte, den er nach New York brachte. Es war The Girl Of Utah mit Musik von dem „Geisha"-Komponisten Sidney Jones. Die Story betraf ein Mädchen aus Utah, das nach London durchgeht, um nicht eine der vielen Frauen eines Mormonen von Utah zu werden. Jerome Kern erhielt den Auftrag, neue Nummern als Einlage zu schreiben, und sein Lied „They Didn't Believe Me" wurde sofort zum Schlager, von dem bald 2 000 000 Noten verkauft wurden.

Nur war Jerome Kern ein Komponist geworden, dessen Name „zählte". In den Jahren 1915 bis 1918 war er unter Vertrag mit einem Producer, der die Idee hatte, in dem kleinen Princess Theatre (299 Plätze) kleine, intime musikalische Lustspiele spielen zu lassen. Sie standen in bewusstem Gegensatz zu den verschwenderisch ausgestatteten modischen Revuen der Producers Ziegfeld und Shubert. Es gab im Princess Theatre bei jedem Stück höchstens zwei Dekorationen, zehn Musiker im „Orchester", acht Mädchen im Chor und Ballett. Es kam zu vier sehr erfolgreichen Jerome-Kern-Premieren im Princess Theatre: Nobody Home, 1915, die Abenteuer eines Englishman in America, Very Good Eddie, 1915, die Abenteuer zweier Flitterwochenpaare auf einem Ausflugsdampfer am Hudson River, Oh Boy, 1917, das pikante Erlebnisse in einer Universitätsstadt schildert, und schließlich Oh Lady Lady aus dem Jahre 1917, in dem Vivienne Segal debütierte; 23 Jahre später sollte sie der Star von Pal Joey werden. Die Buchautoren waren ein Team, das später viel mit Kern zusammenarbeiten sollte: Guy Bolton und P. G. Wodehouse. Beide schrieben noch im selben, fruchtbaren Jahre 1917 für Kern Have A Heart und die sehr erfolgreiche Farce um Liebe und Baseball Leave It To Jane.

Jerome Kern, seine Textdichterin Dorothy Fields und George Gershwin

Die Princess Theatre Shows waren natürlich als eine Konkurrenz für den Revue-König New Yorks, Florence Ziegfeld, gedacht. Aber Ziegfeld hatte die allerbeste Idee, dieser Konkurrenz den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er engagierte den erfolgreichen Jerome Kern selbst für seine nächste Revue, die die reichste, größte und prunkvollste seines Lebens werden sollte. Sally wurde am 21. Dezember 1920 im New Amsterdam Theatre von New York uraufgeführt. Das Stück hatte auch etwas, das an eine „Handlung" erinnerte — eine kleine Kellnerin schwindelt sich in eine Millionärsparty ein und gibt sich so lange als Star des Russischen Balletts aus, bis sie wirklich als Tänzerin Karriere macht. Aber das Publikum war fasziniert von dem Debüt des kleinen Mädchens aus Ohio mit den akrobatischen Füßen, den naiven blauen Augen, dem strohblonden Haar und der kleinen, etwas heiseren Stimme. Seit Sally blieb Marilyn Miller der Liebling von New York. Ziegfeld hatte die Bühne des Theaters heben lassen, damit man die Füße „der Göttlichen11 besser sehen konnte — allerdings konnte er ihre Stimme nicht heben, der bereits das F vor dem Ende des großen Jerome-Kern-Schlagers „Look for the süver Iining" so schwerfiel, dass sie es statt piano im fortissimo nahm. Sally lief 570mal ensuite.

Ein Jahr später kam Good Morning, Dearie (1921), das im Chinesenviertel von New York spielte und in dem originellen „Blue Danube Blues" eine geistvolle Gegenüberstellung von Wiener mit amerikanischer Musik brachte. Stepping Stones aus dem Jahre 1923 war nur ein notdürftiges Gerüst für die Spaße der Komikerfamilie Stone: da war Papa Fred Stone, ein alter Veteran des Broadway, seine Frau Allene Stone, deren 17jährige Tochter Dorothy — und ein blendender Schlager von Jerome Kern: „Raggedy Ann".

Florence Ziegfeld gelang es im Jahre 1925 mit Sunny, wieder ein glänzendes Stück für seine Marilyn Miller zimmern zu lassen. Er zahlte ihr damals 3000 Dollar wöchentlich, was in jenen Vor-Tonfilm-Tagen einen absoluten Rekord darstellte. Marilyn Miller — die nicht die letzte Marilyn Miller des amerikanischen Show Business bleiben sollte — spielte in dem neuen Stück eine Zirkusreiterin, die sich in England in einen amerikanischen Soldaten verliebt. Sunny hatte eine Reihe ausgezeichneter Songs von Jerome Kern, von denen „Who" noch heute sehr populär ist. Die Show ist aber aus noch einem Grunde von besonderer historischer Bedeutung: Sie war, zwei Jahre vor Show Boat, die erste Zusammenarbeit mit dem Textdichter Oscar Hammerstein. Sunny lief 517rnal ensuite — sie lief noch, als 1926 eine weniger bedeutende Show von Kern uraufgeführt wurde: Chris Cross, wieder eine Farce für die unverwüstliche Familie Stone. Jerome Kerns Unsterblichkeit aber beruht auf seinem Meisterwerk Show Boat. Als sich am 27. Dezember 1927 der Vorhang bei der Premiere im Ziegfeld Theatre von New York hob, da erlebte man einen bereits historisch gewordenen Theaterabend. Es war der Revuekönig Florence Ziegfeld selbst, der erfasst hatte, dass die drohende Konkurrenz des neu aufkommenden Tonfilms das Theater der leichten Musik zwingen musste, neue Wege zu beschreiten. So wurde nun dieses „Ur-Musical" geboren. Ziegfeld erwarb die Rechte des neuen Romans von Edna Herber, „Show-Boat", der die Romantik des Theaterschiffs auf dem alten Mississippi zum Thema, hatte. Oscar Hammerstein wurde als Buchautor und Verfasser der Gesangtexte gewonnen und Jerome Kern als Komponist. Die Handlung des Werkes umfasst 40 Jahre — sie beginnt in den achtziger Jahren, führt zu der großen Kolumbianischen Weltausstellung in Chicago (1893) und endet in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts. Die Gestalten des Werkes sind jedem Amerikaner ans Herz gewachsen: Cap'n Andy, der gutmütig brummende Kapitän des Theaterschiffes „Cotton Blossom" („Baumwollblüte"}, seine Gattin, die zankende Parthy Ann, deren Tochter Magnolia mit ihrem Bräutigam, dem Spieler Gaylord Ravenal — und, vor allem Julia, die Halbblut-Schauspielerin auf dem Schiff, und der schwarze Heizer Joe. Die unendlich reizvolle Musik des Werkes enthält einen Reichtum von wundervollen melodischen Einfällen, und ihre Satzart ist so kunstvoll, dass man das Werk beinahe als eine Volks-Spicl-Oper bezeichnen könnte. Und niemals vorher ist das Theater der leichten Musik in die Tiefe der menschlichen Seele hinabgestiegen, wie in jenem Lied aus Show Boat, in dem der schwarze Mann seine Klage und seine Resignation angesichts der ewigen Wogen des Stromes zu einer unsterblichen Melodie geformt hat. Aus den tiefsten Tiefen steigt sie empor zu den Hohen der Bassstimme — OV Man River. Show Boat wurde dreimal verfilmt und oft neu inszeniert. Jules Bledsoe war der erste Joe, in den späteren Verfilmungen sangen Paul Robeson und William Warfield „OV Man River". Show Boat wurde als erstes Musical in den Spielplan der Städtischen Oper von New York aufgenommen (mit Kenneth Spencer als Joe) und entzückt noch heute allsommerlich das Publikum Amerikas. Show Boat wurde noch niemals in deutscher Sprache gespielt, und die Aufführungsrechte in deutscher Sprache sind noch immer gesperrt. Show Boat lief beinahe zwei Jahre ensuite nach der Premiere des Jahres 1927.

Die nächste Jerome-Kern-Show, Sweet Adeline aus dem Jahre 1929, war eine Komödie aus den sogenannten „Lustigen neunziger Jahren", die trotz ihrer reizenden Musik auf Grund des Börsenkrachs des Jahres 1929 zum Scheitern verurteilt war. Im Jahre 1931 brachte Jerome Kern das musikalische Lustspiel The Cat And The Fiddle — das in origineller Weise ernste und leichte Musik gegenüberstellt: die ernste symbolisiert durch einen symphonischen Komponisten, die leichte durch ein amerikanisches »Schlager-Fan-Mädchen". Es war eine entzückende Komödie — etwa im Stil der Lustspiele von Ralph Benatzky — ohne Chor, ohne Ballett, aber mit einem herrlichen Kern-Song „The Night Was Made For Love". Walter Slezaks Amerikadebut kam 1932 in Music In The Air von Jerome Kern unter der Regie von Oscar Hammerstein. Der Schauplatz ist die bayrische Bergstadt Edendorff und die Hauptrollen die des Musiklehrers Dr. Walter Lessing, seiner Tochter Sieglinde und ihres Bräutigams, des Schullehrers Karl Reder (Slezaks Rolle). Sie gaben eine Version von „Gemütlichkeit", made in USA. Für dieses „Musikalische Abenteuer", wie er das Werk nannte, schrieb Kern neben „Egern am Tegernsee" zwei seiner besten Lieder, „The Song Is You" und „I've Told Every Linie Star".

Jerome Kern nach einem Gemälde von George Gershwin

Jerome Kerns letzter Broadway-Erfolg war Roberta aus dem Jahre 1933. Die Story war eher unbedeutend — nicht viel mehr als der Anlass zu vielfachen Variationen einer Pariser Modenschau. Aber die Erinnerung an Roberta ist noch heute nicht erloschen: Ray Middleton, der spätere Hauptdarsteller von Annie Get Your Gun, machte hier sein Debüt, der berühmte Varietestar der neunziger Jahre Fay Templeton stand als alte Dame noch einmal auf der Bühne, und in einer kleinen Rolle gab es ein sensationelles Debüt: Bob Hope. Seit Show Boat war die Erfindungskraft Kerns nicht mehr so reich gewesen — da waren die Lieder „Yesterday" (Fay Templeton sang es), „You're Devastating" und insbesondere das ewige Evergreen „Smoke Gets In Your Eyes", das die junge Tamara im zweiten Akt kreierte. Die letzte Jerome-Kern-Show, Very Warm For May, kam 1939 heraus, im Jahre des europäischen Kriegsausbruchs; es war ein Misserfolg — mit Ausnahme eines großen Liedes, „All The Things You Are".

Jerome Kern hat viele Filme komponiert. Die bekanntesten sind Swing Time (mit Eleanor Powell), Cover Girl (mit Rita Hayworth) und Lady Be Good. Unter seinen vielen Einzelliedern wurde „The Last Time I Saw Paris", geschrieben nach einem Text von Oscar Hammerstein im Jahre des Falls von Paris (1940), besonders berühmt. Jerome Kerns Leben wurde unter dem Titel Till The Clouds Roll By 1948 verfilmt —, und der Film Look For The Silver Lining (Das Leben von Marilyn Miller) enthält viele Kern-Songs.

Im Jahre 1945 nahmen der Komponist Richard Rodgers und der Textdichter Oscar Hammerstein Meister Jerome Kern unter Vertrag, um die Musik für ein Musical zu schreiben, das Rodgers und Hammerstein produzieren wollten. Thema war ein Abenteuer aus der Welt des Zirkus von Buffalo Bill. Am 5. November 1945 erlitt Kern einen Schlaganfall auf der Park Avenue und starb sechs Tage später. Sein Kollege Irving Berlin übernahm die Komposition des Werkes, das sein größter Bühnenerfolg werden sollte — Annie Get Your Gun.

Das europäische Publikum kennt Jerome Kern hauptsächlich als den Schöpfer zweier populärer Melodien: Zunächst von „OF Man River" — der, seit Jules Bledsoe im Jahre 1927 in Show Boat zum ersten Male diese Hymne auf den Mississippi gesungen hat, bei uns leider zum Grimassen verzerrten Reißer bei Bunten Abenden erniedrigt wurde — und von „Smoke gets in your eyes", einem sentimentalen Lied im Viervierteltakt mit originellen harmonischen Rückungen aus dem Jahre 1932.

Dem amerikanischen Publikum bedeutet der Name dieses Komponisten nicht nur die Erinnerung an eine Unzahl bezaubernder Melodien, die aus seiner Feder von 1905 bis 1945 kamen, sondern eine bedeutende Figur in der Geschichte des Musicals als Kunstgattung. Die alte amerikanische Operette war im Grunde das Produkt von drei großen Einwandererkomponisten, die ihre Hauptwerke in den ersten fünfundzwanzig Jahren unseres Jahrhunderts geschrieben haben: Es waren Victor Herbert, der Ire, Rudolf Friml, der Tscheche, Sigmund Romberg, der Ungar. Als nun die Operette in den zwanziger Jahren zum Musical umgestaltet wurde, da wurde die Einwanderergeneration durch eine Generation von in Amerika gebürtigen Komponisten abgelöst: Jerome Kern, geboren 1885, Cole Porter, geboren 1893, George Gershwin, geboren 1898. Jerome Kern war nicht nur der erste und älteste dieser Gruppe, sondern auch der Schöpfer jenes Werkes, in dem viele Historiker eigentlich das „Ur-Musical" überhaupt sehen: Show Boat.

Jerome Kern wurde am 27. Januar 1885 in New York als Sohn eines Geschäftsmannes geboren, dessen Firma einen Vertrag zur Bewässerung verschiedener Hauptstraßen der Stadt New York hatte. Bald aber übersiedelte die Familie nach Newark im Staate New Jersey, wo der Vater ein Geschäftshaus leitete. Jerome zeigte schon als Kind Spuren seines musikalischen Talents: Seine Mutter gab ihm Klavierstunden, und schon in der Untermittelschule komponierte er Musik für die alljährlichen Schulkonzerte. In den folgenden Jahren studierte er Musik am New York College of Music, aber sein Vater erlaubte ihm nicht, sich der Musik hauptberuflich zu widmen.

„Sally“ Marylin Miller und Leon Errol in der Premiere im New Yorker New Amsterdam Theatre 1920

Seit dem Jahre 1902 war der junge Jerome Kern Angestellter im Geschäftshaus seines Vaters. Erst als ihn sein Vater nach New York schickte, um dort zwei Klaviere einzukaufen, und er von einem Vertreter zur Unterschrift eines Kaufvertrages für zweihundert Klaviere überredet worden war, da sprach Papa Kern die erlösenden Worte: „Jerome, du taugst zu gar nichts. Studiere Musik . , ."

Im Jahre 1903 ging Jerome nach Europa, um zu studieren. Er fuhr zunächst nach Deutschland, dann nach London. In London schrieb er musikalische Einlagen für Revuen, die ein amerikanischer Producer dort aufführen ließ. Es waren meist die Eröffnungsnummern, die bedeutungslos waren und sein sollten, weil das englische Publikum gewohnt war, zu spät zu kommen. Manche dieser Nummern erschienen später auch in New Yorker Revuen. Die bedeutendste Bekanntschaft Jerome Kerns in seinen Londoner Jahren war aber der junge P. G. Wodehouse, der später in Amerika Autor entzückender humoristischer Novellen und ständiger dichterischer Mitarbeiter Kerns werden sollte.

Die Londoner Jahre hatten in Kern die Entscheidung reifen lassen, sich ausschließlich der populären Musik zu widmen. 1905 kam er zurück nach New York, entschlossen, sich den Broadway zu erobern. Er arbeitete als Arrangeur und Publicity Man für Verleger, komponierte und begleitete den damaligen Variete-Star Marie Dressier am Klavier. Seine Lieder erschienen zunächst als Einlagen in Revuen, deren Musik von anderen Komponisten geschrieben worden war. Solche Stücke waren The Rich Mr. Hoggenheimer (1905), The Earl And The Girl (1905), Mr. Wix Of Wickham (1910), La Belle Paree (produziert von den berühmten „Producer-Brüdern" Shubert im Winter Garden von New York, 1911) und The Red Petticoat, eine Operette aus dem Leben der Goldgräber von Nevada (1912), die von der Kritik als eine „Veroperettung" jener Puccinioper bezeichnet wurde, die 1910 In New York uraufgeführt worden war: Das Mädchen aus dem Goldenen Westen.

Der erste wirkliche Erfolg auf dem Broadway kam für Jerome Kern im Jahre 1914, als der oben erwähnte amerikanische Producer in London einen Erfolg hatte, den er nach New York brachte. Es war The Girl Of Utah mit Musik von dem „Geisha"-Komponisten Sidney Jones. Die Story betraf ein Mädchen aus Utah, das nach London durchgeht, um nicht eine der vielen Frauen eines Mormonen von Utah zu werden. Jerome Kern erhielt den Auftrag, neue Nummern als Einlage zu schreiben, und sein Lied „They Didn't Believe Me" wurde sofort zum Schlager, von dem bald 2 000 000 Noten verkauft wurden.

Nur war Jerome Kern ein Komponist geworden, dessen Name „zählte". In den Jahren 1915 bis 1918 war er unter Vertrag mit einem Producer, der die Idee hatte, in dem kleinen Princess Theatre (299 Plätze) kleine, intime musikalische Lustspiele spielen zu lassen. Sie standen in bewusstem Gegensatz zu den verschwenderisch ausgestatteten modischen Revuen der Producers Ziegfeld und Shubert. Es gab im Princess Theatre bei jedem Stück höchstens zwei Dekorationen, zehn Musiker im „Orchester", acht Mädchen im Chor und Ballett. Es kam zu vier sehr erfolgreichen Jerome-Kern-Premieren im Princess Theatre: Nobody Home, 1915, die Abenteuer eines Englishman in America, Very Good Eddie, 1915, die Abenteuer zweier Flitterwochenpaare auf einem Ausflugsdampfer am Hudson River, Oh Boy, 1917, das pikante Erlebnisse in einer Universitätsstadt schildert, und schließlich Oh Lady Lady aus dem Jahre 1917, in dem Vivienne Segal debütierte; 23 Jahre später sollte sie der Star von Pal Joey werden. Die Buchautoren waren ein Team, das später viel mit Kern zusammenarbeiten sollte: Guy Bolton und P. G. Wodehouse. Beide schrieben noch im selben, fruchtbaren Jahre 1917 für Kern Have A Heart und die sehr erfolgreiche Farce um Liebe und Baseball Leave It To Jane.

Jerome Kern, seine Textdichterin Dorothy Fields und George Gershwin

Die Princess Theatre Shows waren natürlich als eine Konkurrenz für den Revue-König New Yorks, Florence Ziegfeld, gedacht. Aber Ziegfeld hatte die allerbeste Idee, dieser Konkurrenz den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er engagierte den erfolgreichen Jerome Kern selbst für seine nächste Revue, die die reichste, größte und prunkvollste seines Lebens werden sollte. Sally wurde am 21. Dezember 1920 im New Amsterdam Theatre von New York uraufgeführt. Das Stück hatte auch etwas, das an eine „Handlung" erinnerte — eine kleine Kellnerin schwindelt sich in eine Millionärsparty ein und gibt sich so lange als Star des Russischen Balletts aus, bis sie wirklich als Tänzerin Karriere macht. Aber das Publikum war fasziniert von dem Debüt des kleinen Mädchens aus Ohio mit den akrobatischen Füßen, den naiven blauen Augen, dem strohblonden Haar und der kleinen, etwas heiseren Stimme. Seit Sally blieb Marilyn Miller der Liebling von New York. Ziegfeld hatte die Bühne des Theaters heben lassen, damit man die Füße „der Göttlichen11 besser sehen konnte — allerdings konnte er ihre Stimme nicht heben, der bereits das F vor dem Ende des großen Jerome-Kern-Schlagers „Look for the süver Iining" so schwerfiel, dass sie es statt piano im fortissimo nahm. Sally lief 570mal ensuite.

Ein Jahr später kam Good Morning, Dearie (1921), das im Chinesenviertel von New York spielte und in dem originellen „Blue Danube Blues" eine geistvolle Gegenüberstellung von Wiener mit amerikanischer Musik brachte. Stepping Stones aus dem Jahre 1923 war nur ein notdürftiges Gerüst für die Spaße der Komikerfamilie Stone: da war Papa Fred Stone, ein alter Veteran des Broadway, seine Frau Allene Stone, deren 17jährige Tochter Dorothy — und ein blendender Schlager von Jerome Kern: „Raggedy Ann".

Florence Ziegfeld gelang es im Jahre 1925 mit Sunny, wieder ein glänzendes Stück für seine Marilyn Miller zimmern zu lassen. Er zahlte ihr damals 3000 Dollar wöchentlich, was in jenen Vor-Tonfilm-Tagen einen absoluten Rekord darstellte. Marilyn Miller — die nicht die letzte Marilyn Miller des amerikanischen Show Business bleiben sollte — spielte in dem neuen Stück eine Zirkusreiterin, die sich in England in einen amerikanischen Soldaten verliebt. Sunny hatte eine Reihe ausgezeichneter Songs von Jerome Kern, von denen „Who" noch heute sehr populär ist. Die Show ist aber aus noch einem Grunde von besonderer historischer Bedeutung: Sie war, zwei Jahre vor Show Boat, die erste Zusammenarbeit mit dem Textdichter Oscar Hammerstein. Sunny lief 517rnal ensuite — sie lief noch, als 1926 eine weniger bedeutende Show von Kern uraufgeführt wurde: Chris Cross, wieder eine Farce für die unverwüstliche Familie Stone. Jerome Kerns Unsterblichkeit aber beruht auf seinem Meisterwerk Show Boat. Als sich am 27. Dezember 1927 der Vorhang bei der Premiere im Ziegfeld Theatre von New York hob, da erlebte man einen bereits historisch gewordenen Theaterabend. Es war der Revuekönig Florence Ziegfeld selbst, der erfasst hatte, dass die drohende Konkurrenz des neu aufkommenden Tonfilms das Theater der leichten Musik zwingen musste, neue Wege zu beschreiten. So wurde nun dieses „Ur-Musical" geboren. Ziegfeld erwarb die Rechte des neuen Romans von Edna Herber, „Show-Boat", der die Romantik des Theaterschiffs auf dem alten Mississippi zum Thema, hatte. Oscar Hammerstein wurde als Buchautor und Verfasser der Gesangtexte gewonnen und Jerome Kern als Komponist. Die Handlung des Werkes umfasst 40 Jahre — sie beginnt in den achtziger Jahren, führt zu der großen Kolumbianischen Weltausstellung in Chicago (1893) und endet in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts. Die Gestalten des Werkes sind jedem Amerikaner ans Herz gewachsen: Cap'n Andy, der gutmütig brummende Kapitän des Theaterschiffes „Cotton Blossom" („Baumwollblüte"}, seine Gattin, die zankende Parthy Ann, deren Tochter Magnolia mit ihrem Bräutigam, dem Spieler Gaylord Ravenal — und, vor allem Julia, die Halbblut-Schauspielerin auf dem Schiff, und der schwarze Heizer Joe. Die unendlich reizvolle Musik des Werkes enthält einen Reichtum von wundervollen melodischen Einfällen, und ihre Satzart ist so kunstvoll, dass man das Werk beinahe als eine Volks-Spicl-Oper bezeichnen könnte. Und niemals vorher ist das Theater der leichten Musik in die Tiefe der menschlichen Seele hinabgestiegen, wie in jenem Lied aus Show Boat, in dem der schwarze Mann seine Klage und seine Resignation angesichts der ewigen Wogen des Stromes zu einer unsterblichen Melodie geformt hat. Aus den tiefsten Tiefen steigt sie empor zu den Hohen der Bassstimme — OV Man River. Show Boat wurde dreimal verfilmt und oft neu inszeniert. Jules Bledsoe war der erste Joe, in den späteren Verfilmungen sangen Paul Robeson und William Warfield „OV Man River". Show Boat wurde als erstes Musical in den Spielplan der Städtischen Oper von New York aufgenommen (mit Kenneth Spencer als Joe) und entzückt noch heute allsommerlich das Publikum Amerikas. Show Boat wurde noch niemals in deutscher Sprache gespielt, und die Aufführungsrechte in deutscher Sprache sind noch immer gesperrt. Show Boat lief beinahe zwei Jahre ensuite nach der Premiere des Jahres 1927.

Die nächste Jerome-Kern-Show, Sweet Adeline aus dem Jahre 1929, war eine Komödie aus den sogenannten „Lustigen neunziger Jahren", die trotz ihrer reizenden Musik auf Grund des Börsenkrachs des Jahres 1929 zum Scheitern verurteilt war. Im Jahre 1931 brachte Jerome Kern das musikalische Lustspiel The Cat And The Fiddle — das in origineller Weise ernste und leichte Musik gegenüberstellt: die ernste symbolisiert durch einen symphonischen Komponisten, die leichte durch ein amerikanisches »Schlager-Fan-Mädchen". Es war eine entzückende Komödie — etwa im Stil der Lustspiele von Ralph Benatzky — ohne Chor, ohne Ballett, aber mit einem herrlichen Kern-Song „The Night Was Made For Love". Walter Slezaks Amerikadebut kam 1932 in Music In The Air von Jerome Kern unter der Regie von Oscar Hammerstein. Der Schauplatz ist die bayrische Bergstadt Edendorff und die Hauptrollen die des Musiklehrers Dr. Walter Lessing, seiner Tochter Sieglinde und ihres Bräutigams, des Schullehrers Karl Reder (Slezaks Rolle). Sie gaben eine Version von „Gemütlichkeit", made in USA. Für dieses „Musikalische Abenteuer", wie er das Werk nannte, schrieb Kern neben „Egern am Tegernsee" zwei seiner besten Lieder, „The Song Is You" und „I've Told Every Linie Star".

Jerome Kern nach einem Gemälde von George Gershwin

Jerome Kerns letzter Broadway-Erfolg war Roberta aus dem Jahre 1933. Die Story war eher unbedeutend — nicht viel mehr als der Anlass zu vielfachen Variationen einer Pariser Modenschau. Aber die Erinnerung an Roberta ist noch heute nicht erloschen: Ray Middleton, der spätere Hauptdarsteller von Annie Get Your Gun, machte hier sein Debüt, der berühmte Varietestar der neunziger Jahre Fay Templeton stand als alte Dame noch einmal auf der Bühne, und in einer kleinen Rolle gab es ein sensationelles Debüt: Bob Hope. Seit Show Boat war die Erfindungskraft Kerns nicht mehr so reich gewesen — da waren die Lieder „Yesterday" (Fay Templeton sang es), „You're Devastating" und insbesondere das ewige Evergreen „Smoke Gets In Your Eyes", das die junge Tamara im zweiten Akt kreierte. Die letzte Jerome-Kern-Show, Very Warm For May, kam 1939 heraus, im Jahre des europäischen Kriegsausbruchs; es war ein Misserfolg — mit Ausnahme eines großen Liedes, „All The Things You Are".

Jerome Kern hat viele Filme komponiert. Die bekanntesten sind Swing Time (mit Eleanor Powell), Cover Girl (mit Rita Hayworth) und Lady Be Good. Unter seinen vielen Einzelliedern wurde „The Last Time I Saw Paris", geschrieben nach einem Text von Oscar Hammerstein im Jahre des Falls von Paris (1940), besonders berühmt. Jerome Kerns Leben wurde unter dem Titel Till The Clouds Roll By 1948 verfilmt —, und der Film Look For The Silver Lining (Das Leben von Marilyn Miller) enthält viele Kern-Songs.

Im Jahre 1945 nahmen der Komponist Richard Rodgers und der Textdichter Oscar Hammerstein Meister Jerome Kern unter Vertrag, um die Musik für ein Musical zu schreiben, das Rodgers und Hammerstein produzieren wollten. Thema war ein Abenteuer aus der Welt des Zirkus von Buffalo Bill. Am 5. November 1945 erlitt Kern einen Schlaganfall auf der Park Avenue und starb sechs Tage später. Sein Kollege Irving Berlin übernahm die Komposition des Werkes, das sein größter Bühnenerfolg werden sollte — Annie Get Your Gun.