Porträt: Helga Pilarczyk
Erschienen im FONO FORUM im Juli 1961

Ihre Kollegen nennen sie gern „die Bundes-Lulu", weil sie Alban Bergs Opernfragment nach Frank Wedekinds Tragödien „Erdgeist" und „Büchse der Pandora" überall singt, wo dieses Werk auf dem Spielplan steht, sei es in Hamburg, Wien oder Paris. Die Lulu ist ihre virtuos beherrschte Paraderolle, „eine Mordsaufgabe", wie sie es nennt, für die Helga Pilarczyk all das mitbringt, was man von der idealen Verkörperung dieser triebbesessenen Weibsperson erwartet: Eine außergewöhnliche stimmliche und darstellerische Meisterschaft und ein verführerisches Äußeres. Mit diesem „Dreiklang" hat Helga Pilarczyk neben der Lulu noch eine Reihe weiterer faszinierender Porträts komplizierter Frauengestalten geschaffen, beispielsweise die Salome von Strauss, die Renata in Prokofieffs „Der feurige Engel" und die Marie in Alban Bergs „Wozzeck".
Wie der Name Helga Pilarczyk bei den Opernbesuchern im besonderen mit der Vorstellung von einer Idealbesetzung dieser Rollen verbunden ist, so gilt die Wahl-Hamburgerin im allgemeinen dank ihrer überragenden Gesangstechnik, mit der sie selbst die schwierigsten Passagen scheinbar mühelos bewältigt, und ihrer für die Oper ungewöhnlichen komödiantischen Begabung als eine der führenden Interpretinnen moderner Musik. Ihr Repertoire reicht von Schönberg bis Berio und lasst nahezu keine Partie der modernen Opernliteratur aus. Sie sang, um nur einige Titel zu nennen, „Pallas Athene weint" von Krenek, „König Hirsch" von Henze, „Aniara" von Blomdahl, „Die Verlobung in St. Domingo" von Zillig und „Das Medium" von Menotti. Als ihr meistgesungenes Werk neben der Lulu taucht immer wieder Schönbergs Monodrama „Erwartung" auf. Ebenso begeisterte sie ihr Publikum mit Liedern von Mahler, Liebermann und Strawinsky wie auch mit Bergs Lulu-Suite, Kreneks Medea-Kurzfassung und Schönbergs Orchesterliedern. Doch Helga Pilarczyk ist durchaus nicht nur auf das moderne Repertoire spezialisiert. Sie singt auch die Titelrolle in „Die Krönung der Poppea" von Monteverdi, den Octavian im „Rosenkavalier", die Marina in „Dimitnj" von Dvoi-ak, die Georgette in „Der Mantel" von Puccini, die „Ariadne auf Naxos" wie die bereits erwähnte „Salome" von Strauss.
Am Anfang ihrer Karriere stand ebenfalls eine „klassische" Partie, nämlich die Irmentraud im „Waffenschmied". Dabei hatte die gebürtige Helmstedterin ursprünglich gar nicht die Absicht, zur Oper zu gehen. Sie wollte vielmehr Pianistin werden und nahm schon sehr früh Klavierunterricht. Als Ausgleich betrieb sie nebenbei noch rhythmischen Tanz. Seit 1948 besuchte sie die Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. „Mehr zum Spaß" sang sie hier auch im Schulchor mit, und so geschah es, dass der Direktor sie hörte und ihr riet, unbedingt ihre Stimme ausbilden zu lassen. Helga Pilarczyk folgte diesem Rat. Trotzdem aber dachte sie auch jetzt noch nicht daran, Sängerin zu werden. Sie strebte nun vielmehr als Ziel ihres Studiums dem Beruf einer Klavier- und Gesangspädagogin zu. Nach und nach aber erwachte dann doch die Liebe zur Bühne, und 1950 legte sie ihr Opernexamen als Spielalt ab. Ein Jahr später debütierte sie an der Braunschweiger Oper als Irmentraud. Es folgten die Annina im „Rosenkavalier", die Carmen und die Amneris in „Aida". Ausgerechnet aber in „Nachte von Schanghai" wurde sie von einem Talentsucher entdeckt und für die Hamburger Staatsoper verpflichtet. Von hier aus eroberte sie sich die Staatsopern Berlin und München, die Grande Opera und das Theatre des Nations in Paris, den Covent Garden und die Royal Festival Hall in London sowie die Edinburgher Festspiele, bei denen sie 1956 für ihre Salome mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet wurde. 1960 erhielt sie den Kritikerpreis des Theatre des Nations für ihre Lulu, und erst jetzt überreichte ihr die Pariser Academie des Disques Lyriques den Preis als beste Interpretin für ihre Schallplattenaufnahme der „Erwartung".
1954 sang Helga Pilarczyk zum ersten Mal Schönbergs Monodrama, und seitdem gilt sie als „Expertin" für moderne Partien. Aber ihr ständiger Einsatz in Werken von Krenek, Henze, Berg oder Prokofietf entspricht durchaus ihrem Verhältnis zur modernen Musik. „Ich finde, Kunst fesselt erst dann, wenn sie problematisch ist!", meint sie. „Tonale Musik ist schön, gewiss, aber bei den modernen Komponisten entdecke ich immer wieder Neues, selbst wenn ich das Werk schon zehnmal gesungen habe. Natürlich gibt es auch hier wie überall Gutes und Schlechtes, doch ich bin immer wieder erstaunt, mit wieviel Enthusiasmus, aber auch Sachkenntnis die moderne Musik vom Publikum aufgenommen wird!" Ende Mai nahm Helga Pilarczyk am „East West Music Encounter" in Tokio teil, wo sie in vier Konzerten moderner Musik mitwirkte und den „Wozzeck" sang. Gleich anschließend begann sie in Köln mit den Fernseharbeiten für „Der Mantel". Und was wird die Zukunft bringen? Vom 7. bis 14. Juli ist sie beim Holland-Festival dabei, in Paris wird sie neue Schallplatten aufnehmen und die „Carmen" singen und für 1962 hat sie eine Einladung, an der Metropolitan als Salome zu gastieren. In Hamburg wird sie zu Beginn der neuen Spielzeit als Jenny in „Mahagony" von Weill auf der Bühne stehen, und Luciano Berio arbeitet zur Zeit an einer Oper für sie, die noch in diesem Jahr unter der Regie von Federico Fellini ihre Uraufführung erleben soll. Vielleicht wird sich 1961 auch noch ein Wunsch für Helga Pilarczyk erfüllen, den sie schon lange hegt, nämlich einmal Liebermanns „Penelope" zu singen.
Ihre Kollegen nennen sie gern „die Bundes-Lulu", weil sie Alban Bergs Opernfragment nach Frank Wedekinds Tragödien „Erdgeist" und „Büchse der Pandora" überall singt, wo dieses Werk auf dem Spielplan steht, sei es in Hamburg, Wien oder Paris. Die Lulu ist ihre virtuos beherrschte Paraderolle, „eine Mordsaufgabe", wie sie es nennt, für die Helga Pilarczyk all das mitbringt, was man von der idealen Verkörperung dieser triebbesessenen Weibsperson erwartet: Eine außergewöhnliche stimmliche und darstellerische Meisterschaft und ein verführerisches Äußeres. Mit diesem „Dreiklang" hat Helga Pilarczyk neben der Lulu noch eine Reihe weiterer faszinierender Porträts komplizierter Frauengestalten geschaffen, beispielsweise die Salome von Strauss, die Renata in Prokofieffs „Der feurige Engel" und die Marie in Alban Bergs „Wozzeck".
Wie der Name Helga Pilarczyk bei den Opernbesuchern im besonderen mit der Vorstellung von einer Idealbesetzung dieser Rollen verbunden ist, so gilt die Wahl-Hamburgerin im allgemeinen dank ihrer überragenden Gesangstechnik, mit der sie selbst die schwierigsten Passagen scheinbar mühelos bewältigt, und ihrer für die Oper ungewöhnlichen komödiantischen Begabung als eine der führenden Interpretinnen moderner Musik. Ihr Repertoire reicht von Schönberg bis Berio und lasst nahezu keine Partie der modernen Opernliteratur aus. Sie sang, um nur einige Titel zu nennen, „Pallas Athene weint" von Krenek, „König Hirsch" von Henze, „Aniara" von Blomdahl, „Die Verlobung in St. Domingo" von Zillig und „Das Medium" von Menotti. Als ihr meistgesungenes Werk neben der Lulu taucht immer wieder Schönbergs Monodrama „Erwartung" auf. Ebenso begeisterte sie ihr Publikum mit Liedern von Mahler, Liebermann und Strawinsky wie auch mit Bergs Lulu-Suite, Kreneks Medea-Kurzfassung und Schönbergs Orchesterliedern. Doch Helga Pilarczyk ist durchaus nicht nur auf das moderne Repertoire spezialisiert. Sie singt auch die Titelrolle in „Die Krönung der Poppea" von Monteverdi, den Octavian im „Rosenkavalier", die Marina in „Dimitnj" von Dvoi-ak, die Georgette in „Der Mantel" von Puccini, die „Ariadne auf Naxos" wie die bereits erwähnte „Salome" von Strauss.
Am Anfang ihrer Karriere stand ebenfalls eine „klassische" Partie, nämlich die Irmentraud im „Waffenschmied". Dabei hatte die gebürtige Helmstedterin ursprünglich gar nicht die Absicht, zur Oper zu gehen. Sie wollte vielmehr Pianistin werden und nahm schon sehr früh Klavierunterricht. Als Ausgleich betrieb sie nebenbei noch rhythmischen Tanz. Seit 1948 besuchte sie die Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. „Mehr zum Spaß" sang sie hier auch im Schulchor mit, und so geschah es, dass der Direktor sie hörte und ihr riet, unbedingt ihre Stimme ausbilden zu lassen. Helga Pilarczyk folgte diesem Rat. Trotzdem aber dachte sie auch jetzt noch nicht daran, Sängerin zu werden. Sie strebte nun vielmehr als Ziel ihres Studiums dem Beruf einer Klavier- und Gesangspädagogin zu. Nach und nach aber erwachte dann doch die Liebe zur Bühne, und 1950 legte sie ihr Opernexamen als Spielalt ab. Ein Jahr später debütierte sie an der Braunschweiger Oper als Irmentraud. Es folgten die Annina im „Rosenkavalier", die Carmen und die Amneris in „Aida". Ausgerechnet aber in „Nachte von Schanghai" wurde sie von einem Talentsucher entdeckt und für die Hamburger Staatsoper verpflichtet. Von hier aus eroberte sie sich die Staatsopern Berlin und München, die Grande Opera und das Theatre des Nations in Paris, den Covent Garden und die Royal Festival Hall in London sowie die Edinburgher Festspiele, bei denen sie 1956 für ihre Salome mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet wurde. 1960 erhielt sie den Kritikerpreis des Theatre des Nations für ihre Lulu, und erst jetzt überreichte ihr die Pariser Academie des Disques Lyriques den Preis als beste Interpretin für ihre Schallplattenaufnahme der „Erwartung".
1954 sang Helga Pilarczyk zum ersten Mal Schönbergs Monodrama, und seitdem gilt sie als „Expertin" für moderne Partien. Aber ihr ständiger Einsatz in Werken von Krenek, Henze, Berg oder Prokofietf entspricht durchaus ihrem Verhältnis zur modernen Musik. „Ich finde, Kunst fesselt erst dann, wenn sie problematisch ist!", meint sie. „Tonale Musik ist schön, gewiss, aber bei den modernen Komponisten entdecke ich immer wieder Neues, selbst wenn ich das Werk schon zehnmal gesungen habe. Natürlich gibt es auch hier wie überall Gutes und Schlechtes, doch ich bin immer wieder erstaunt, mit wieviel Enthusiasmus, aber auch Sachkenntnis die moderne Musik vom Publikum aufgenommen wird!" Ende Mai nahm Helga Pilarczyk am „East West Music Encounter" in Tokio teil, wo sie in vier Konzerten moderner Musik mitwirkte und den „Wozzeck" sang. Gleich anschließend begann sie in Köln mit den Fernseharbeiten für „Der Mantel". Und was wird die Zukunft bringen? Vom 7. bis 14. Juli ist sie beim Holland-Festival dabei, in Paris wird sie neue Schallplatten aufnehmen und die „Carmen" singen und für 1962 hat sie eine Einladung, an der Metropolitan als Salome zu gastieren. In Hamburg wird sie zu Beginn der neuen Spielzeit als Jenny in „Mahagony" von Weill auf der Bühne stehen, und Luciano Berio arbeitet zur Zeit an einer Oper für sie, die noch in diesem Jahr unter der Regie von Federico Fellini ihre Uraufführung erleben soll. Vielleicht wird sich 1961 auch noch ein Wunsch für Helga Pilarczyk erfüllen, den sie schon lange hegt, nämlich einmal Liebermanns „Penelope" zu singen.



