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Josef Traxel

Von
Otto Knödler
Erschienen in der Printausgabe im
August 1961
Lesezeit ca.
Minuten

Ihn auf seinem „Olymp", wie Kammersänger Josef Traxel scherzhaft sein Häusle auf dem Stuttgarter Killesberg nennt, anzutreffen, ist reine Glücksache wie ein Volltreffer im Toto oder Lotto. Dabei ist Josef Traxel absolut kein Künstler, der nicht „nein" sagen kann, und die Liste der Absagen ist oft größer als die der eingegangenen Verpflichtungen. Hier sind es vornehmlich seine festen Bindungen an die Opernbühnen in Stuttgart, Düsseldorf und Berlin und seine alljährliche Mitwirkung als „Evangelist" bei den festlichen Aufführungen der Matthäus- und Johannes-Passion in Paris, Amsterdam und Hilversum. Man müsste Bayreuth, Salzburg, Wien und Edinburgh nennen, die unlöslich mit dem Namen Traxels verbunden sind, man müsste eine Reihe europäischer und überseeischer Länder aufzählen, die ständig um neue Gastspiele bitten, und man muss vor allem Südamerika erwähnen, das den Stuttgarter Tenor als eine „Offenbarung" feierte und vor allem seine „Metamorphose" bewunderte, seine unglaubliche Wandlungsfähigkeit von einem heute bezaubernd gesungenen „Belmonte" in Mozarts „Entführung" zu einem morgen ebenso überzeugenden „Siegmund" m Wagners „Walküre“. Mit einem westdeutschen Ensemble wird Traxel im nächsten Jahr wieder eine zweimonatige Tournee durch Südamerika unternehmen und Brasilien, Uruguay und Chile mit ..Lohengrin", „Zauberflöte" und „Fidelio" erfreuen. Begeisternde Stimmen aus Japan haben die Auslandsabteilung der Elcctrola veranlasst, dass gleich Amerika auch Asien mit TraxeI-Aufnahmen versorgt wird.

Auf der Bühne erleben wir den Sänger als „Maske", auf der Schallplatte bewundern wir seine Stimme, aber wie ist nun der Mensch, der sich hinter all diesen Rollen verbirgt? Nach einer Carmen-Aufführung erhielt Traxel einmal einen Brief, in dem es u. a. hieß, wer so singen kann, muss seine Mutter wirklich von Herzen geliebt haben. Die einfache Briefschreiberin hat damit etwas vom Wesen eines Menschen und Künstlers angedeutet, für den Singen gleichzusetzen ist mit Erleben und Fühlen. Was Traxel nicht empfinden kann, das singt er nicht, da lehnt er selbst gegen hohe Honorare ab, und damit distanziert er sich klar und eindeutig von manchen Tenören der Gegenwart, denen „Publicity" und Publikumsbeliebtheit über alles geht. Nun, wer im Lebensbuche Traxels blättert, dem wird klar, warum er jedes Startum ablehnt, und findet erneut eine Bestätigung darin, dass Leid und Bitternis Seele und Geist am tiefsten zu durchformen vermögen.

Schon gleich der ersehnte Start auf die Bühne nach einem sehr umfangreichen Studium blieb ihm versagt. Das düstere Schicksalsjahr 1939 rief ihn wie so viele Deutsche zu den Waffen. Weder das soeben abgeschlossene Gesangstudium noch das Examen als Dirigent und Musiklehrer konnten daran etwas ändern. Erst seine 1942 erlittene Verwundung auf den Schlachtfeldern Russlands, die er im Lazarett seiner Mainzer Heimatstadt auskurierte, brachte ihm als „Ottavio", den er als Ersatz in letzter Minute sang, den ersten großen Bühnenerfolg seines Lebens ein. Aber nach der vollständigen Genesung kam er wieder an die Front, diesmal nach Frankreich und Afrika, wo er ein zweites Mal verwundet wurde. Bald darauf geriet er in Kriegsgefangenschaft und war drei lange und schwere Jahre in einem PW-Camp in Amerika. Hier traf ihn zutiefst die Nachricht von der Zerbombung des Elternhauses, in dem Vater und Mutter den Tod fanden. Da viele Kameraden unter gleichen Schicksalsschlägen zu leiden hatten, fand Traxel eine wunderbare Aufgabe darin, seine Mitgefangenen durch Liederabende zu trösten, gründete und leitete ein 60 Mann starkes Orchester, das vom Roten Kreuz die Instrumente bekam. Einsam und verlassen stand er dann als entlassener Kriegsgefangener 1946 auf dem Nürnberger Bahnhof. Schwarz wie die gefärbte Ami-Uniform lag die Zukunft vor ihm. Als Dolmetscher verdiente er sich seinen Unterhalt. Dann führte ihn das Schicksal mit dem damaligen Opernkapellmeister Rolf Agop zusammen. Traxel sang vor und wurde erster lyrischer Tenor der Nürnberger Oper. Und von der Stadt der Meistersinger aus begann nun sein Aufstieg, stetig und unaufhaltsam. Heute sind es jährlich 80 bis 100 Opernvorstellungen und rund 60 verschiedene Partien, die Traxel neben zahlreichen Liederabenden, Konzerten und Oratorien zu bewältigen hat. Trotzdem verfällt er nicht der Hast und Unruhe, er nimmt sich Zeit für Frau und Kinder, jagt mit dem Tonband in aller Frühe singenden Vögeln nach, dreht Filme und vertont sie, widmet sich Pinsel und Palette (und das gekonnt) oder greift zum Bleistift, um in höchst geistvollen und witzigen Knittelversen all das festzuhalten, was ihm auf dieser buckligen Welt — die er zur Genüge kennt — alles über die Leber kriecht. Und nicht zuletzt kann man ihn durch das ganze Haus schmettern hören, wenn geübt, geprobt und eine neue Rolle einstudiert wird, oder es surrt zumindest unter dem Dach irgend ein Maschinchen, in jener „heiligen Halle", wo schon so manches nützliche für Haus und Garten gebastelt wurde. Von alldem ahnt der Musikfreund nichts, wenn er Josef Traxel auf der Bühne oder im Konzertsaal erlebt, wenn er eine seiner zahlreichen Aufnahmen auf den Plattenteller legt. Aber er wird aus dieser Stimme, die mit innerer Glut und Wärme erfüllt ist, erkennen, dass hier ein Mensch und Künstler dazu berufen ist, Musik zu leben und zu singen.

Ihn auf seinem „Olymp", wie Kammersänger Josef Traxel scherzhaft sein Häusle auf dem Stuttgarter Killesberg nennt, anzutreffen, ist reine Glücksache wie ein Volltreffer im Toto oder Lotto. Dabei ist Josef Traxel absolut kein Künstler, der nicht „nein" sagen kann, und die Liste der Absagen ist oft größer als die der eingegangenen Verpflichtungen. Hier sind es vornehmlich seine festen Bindungen an die Opernbühnen in Stuttgart, Düsseldorf und Berlin und seine alljährliche Mitwirkung als „Evangelist" bei den festlichen Aufführungen der Matthäus- und Johannes-Passion in Paris, Amsterdam und Hilversum. Man müsste Bayreuth, Salzburg, Wien und Edinburgh nennen, die unlöslich mit dem Namen Traxels verbunden sind, man müsste eine Reihe europäischer und überseeischer Länder aufzählen, die ständig um neue Gastspiele bitten, und man muss vor allem Südamerika erwähnen, das den Stuttgarter Tenor als eine „Offenbarung" feierte und vor allem seine „Metamorphose" bewunderte, seine unglaubliche Wandlungsfähigkeit von einem heute bezaubernd gesungenen „Belmonte" in Mozarts „Entführung" zu einem morgen ebenso überzeugenden „Siegmund" m Wagners „Walküre“. Mit einem westdeutschen Ensemble wird Traxel im nächsten Jahr wieder eine zweimonatige Tournee durch Südamerika unternehmen und Brasilien, Uruguay und Chile mit ..Lohengrin", „Zauberflöte" und „Fidelio" erfreuen. Begeisternde Stimmen aus Japan haben die Auslandsabteilung der Elcctrola veranlasst, dass gleich Amerika auch Asien mit TraxeI-Aufnahmen versorgt wird.

Auf der Bühne erleben wir den Sänger als „Maske", auf der Schallplatte bewundern wir seine Stimme, aber wie ist nun der Mensch, der sich hinter all diesen Rollen verbirgt? Nach einer Carmen-Aufführung erhielt Traxel einmal einen Brief, in dem es u. a. hieß, wer so singen kann, muss seine Mutter wirklich von Herzen geliebt haben. Die einfache Briefschreiberin hat damit etwas vom Wesen eines Menschen und Künstlers angedeutet, für den Singen gleichzusetzen ist mit Erleben und Fühlen. Was Traxel nicht empfinden kann, das singt er nicht, da lehnt er selbst gegen hohe Honorare ab, und damit distanziert er sich klar und eindeutig von manchen Tenören der Gegenwart, denen „Publicity" und Publikumsbeliebtheit über alles geht. Nun, wer im Lebensbuche Traxels blättert, dem wird klar, warum er jedes Startum ablehnt, und findet erneut eine Bestätigung darin, dass Leid und Bitternis Seele und Geist am tiefsten zu durchformen vermögen.

Schon gleich der ersehnte Start auf die Bühne nach einem sehr umfangreichen Studium blieb ihm versagt. Das düstere Schicksalsjahr 1939 rief ihn wie so viele Deutsche zu den Waffen. Weder das soeben abgeschlossene Gesangstudium noch das Examen als Dirigent und Musiklehrer konnten daran etwas ändern. Erst seine 1942 erlittene Verwundung auf den Schlachtfeldern Russlands, die er im Lazarett seiner Mainzer Heimatstadt auskurierte, brachte ihm als „Ottavio", den er als Ersatz in letzter Minute sang, den ersten großen Bühnenerfolg seines Lebens ein. Aber nach der vollständigen Genesung kam er wieder an die Front, diesmal nach Frankreich und Afrika, wo er ein zweites Mal verwundet wurde. Bald darauf geriet er in Kriegsgefangenschaft und war drei lange und schwere Jahre in einem PW-Camp in Amerika. Hier traf ihn zutiefst die Nachricht von der Zerbombung des Elternhauses, in dem Vater und Mutter den Tod fanden. Da viele Kameraden unter gleichen Schicksalsschlägen zu leiden hatten, fand Traxel eine wunderbare Aufgabe darin, seine Mitgefangenen durch Liederabende zu trösten, gründete und leitete ein 60 Mann starkes Orchester, das vom Roten Kreuz die Instrumente bekam. Einsam und verlassen stand er dann als entlassener Kriegsgefangener 1946 auf dem Nürnberger Bahnhof. Schwarz wie die gefärbte Ami-Uniform lag die Zukunft vor ihm. Als Dolmetscher verdiente er sich seinen Unterhalt. Dann führte ihn das Schicksal mit dem damaligen Opernkapellmeister Rolf Agop zusammen. Traxel sang vor und wurde erster lyrischer Tenor der Nürnberger Oper. Und von der Stadt der Meistersinger aus begann nun sein Aufstieg, stetig und unaufhaltsam. Heute sind es jährlich 80 bis 100 Opernvorstellungen und rund 60 verschiedene Partien, die Traxel neben zahlreichen Liederabenden, Konzerten und Oratorien zu bewältigen hat. Trotzdem verfällt er nicht der Hast und Unruhe, er nimmt sich Zeit für Frau und Kinder, jagt mit dem Tonband in aller Frühe singenden Vögeln nach, dreht Filme und vertont sie, widmet sich Pinsel und Palette (und das gekonnt) oder greift zum Bleistift, um in höchst geistvollen und witzigen Knittelversen all das festzuhalten, was ihm auf dieser buckligen Welt — die er zur Genüge kennt — alles über die Leber kriecht. Und nicht zuletzt kann man ihn durch das ganze Haus schmettern hören, wenn geübt, geprobt und eine neue Rolle einstudiert wird, oder es surrt zumindest unter dem Dach irgend ein Maschinchen, in jener „heiligen Halle", wo schon so manches nützliche für Haus und Garten gebastelt wurde. Von alldem ahnt der Musikfreund nichts, wenn er Josef Traxel auf der Bühne oder im Konzertsaal erlebt, wenn er eine seiner zahlreichen Aufnahmen auf den Plattenteller legt. Aber er wird aus dieser Stimme, die mit innerer Glut und Wärme erfüllt ist, erkennen, dass hier ein Mensch und Künstler dazu berufen ist, Musik zu leben und zu singen.