Porträt: Das Drolc-Quartett
Erschienen im FONO FORUM im August 1961

Neben dem Quartettspielen haben sie die meiste Übung im Kofferpacken. Eben ist es wiedermal so weit. Bei den Edinburgher Festspielen sollen die vier Quartette von Arnold Schönberg musiziert werden. Das ist das Los der Berühmtheit: ständig unterwegs zu sein.
Unter den Kammermusikvereinigungen der internationalen Spitzenklasse ist das Drolc-Quartett eines der jüngsten. Dass es zu den weltbesten Quartetten gehört, ist längst nicht mehr anzuzweifeln. Schon vor drei Jahren schrieb der bedeutende Pariser Kritiker Claude Rostand: „Ganz offensichtlich ist dieses Quartett zur Zeit nicht nur das beste deutsche, sondern eines der besten Ensembles dieser Art auf internationaler Ebene."
Das Drolc-Quartett besteht seit 1950. Die beiden ersten Jahre waren ausschließlich ernsthaftem Studium gewidmet. Nach seinem ersten öffentlichen Konzert 1952 in Berlin hat sich das Drolc-Quartett dann sehr schnell — im wahrsten Sinne des Wortes — die Welt erobert. Schon im folgenden Jahr erhielt es eine Einladung nach Paris; es wurde für die Internationalen Ferienkurse in Darmstadt verpflichtet und spielte mit sensationellem Erfolg auf der Biennale 1953 in Venedig sämtliche Streichquartette Arnold Schönbergs. Bereits damals schrieb die italienische Presse von einer „über jedes Lob erhabenen Meisterschaft" in technischer und geistiger Beziehung. Tourneen in die Schweiz, nach Frankreich und Italien wurden von da an in regelmäßigen Abständen wiederholt. Konzerte in Jugoslawien, Griechenland, in fast allen Großstädten des südamerikanischen Kontinents und in Japan schlössen sich an.
Nach je drei Abenden bei den Festspielen in Dartington und Edinburgh in diesem Monat folgt im Oktober eine Skandinavien-Reise, im Dezember nochmals eine nach England, im Februar 1962 eine Schweiz-Tournee, ab März eine sieben- bis achtwöchige Reise durch die USA. Für 1963 ist eine Australien-Fahrt geplant. Dazwischen müssen all die Konzerte in Deutschland absolviert werden, natürlich auch die vertraglich festgelegten Schallplatten-Aufnahmen : die Fortführung des Beethoven-Zyklus' vor allem; für die Zukunft sind auch die Quartette Schönbergs vorgesehen.
Die Reiseerlebnisse der Drolc-Leute würden einen ganzen Band füllen, und mit der Vorführung ihrer herrlichen Farbdiapositive, die sie in aller Herren Länder aufnahmen, könnte man mehr Abende verbringen, als ihnen ihr Musikerberuf Zeit lasst. Natürlich fehlt ein Foto nicht, auf dem die Herren breitbeinig mit dem einen Fuß auf der nördlichen, mit dem anderen auf der südlichen Hälfte der Erdkugel stehen; nichts wirft einen Schatten auf diesem Äquatorbild!
Trotz aller Routine im transatlantischen Flugverkehr gibt es natürlich Momente, die selbst an eisernen Nerven podiumserfahrener Musikanten zerren: das Drolc-Quartett denkt dabei an den Flug von Lima nach La Paz, der erst beim vierten Versuch glückte, weil dreimal in luftiger Hohe ein Motor stehen geblieben war! Und wenn ein Flugzeug ganz streikt, fällt deswegen ein Drolc-Konzert noch lange nicht aus — und sind es auch 300 km einer mit Schlaglöchern übersäten südbrasilianischen Gebirgsstraße, die dann im Volkswagenbus zurückzulegen sind, von Itajai nach Curitiba!
Die Musiker des Quartetts sind aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands zusammengekommen. Eduard Drolc begann sein Studium am Konservatorium von Dortmund, vervollständigte es an der Akademie der Tonkunst in München und schloss es am Conservatoire Paris bei Meistern wie Jacques Thibaud, Touche und Gabriel Bouillon ab. Heinz Böttger — alles andere als das Stiefkind des Quartetts, das der zweite Geiger so oft zu sein pflegt — war Dresdner Kreuzschüler, nahm langjährigen Unterricht bei Erich Mühlbach, dem Ersten Konzertmeister der altehrwürdigen Sächsischen Staatskapelle, und holte sich dann den letzten Schliff an der Hochschule für Musik in Berlin. An diesem Institut studierten auch der Bratscher Siegbert Ueberschaer und der Cellist Heinz Majowski, der vorher Schüler der Folkwang-Schule in Essen war. Das Repertoire des Drolc-Quartetts umfasst in gleichem Maße Werke der Klassik, Romantik und Moderne — ja, es reicht auch in noch ältere Zeiten zurück, wenn man beispielsweise an den englischen Komponisten des 17. Jahrhunderts, Matthew Locke, denkt, der in den Programmen ebenso auftaucht wie etwa Franz Xaver Richter, ein Meister der vorklassischen Mannheimer Schule, Mozart und Haydn sind selbstverständlich die Grundpfeiler (mit Werken des letzteren geben sie ganze geschlossene Abende), Beethoven ist — wie sollte es bei deutschen Quartettisten anders sein — der „Lieblingskomponist"; sehr häufig taucht auch Brahms auf, darunter das in Herbstfarben getauchte Klarinetten-Quintett, das sie zusammen mit dem Berliner Klarinettisten Heinrich Geuser musizieren.
Den Kern ihres modernen Repertoires bilden die schon erwähnten Quartette Schönbergs, die dem Drolc-Quartctt immer wieder aufs neue internationalen Ruhm eintragen; sie spielen aber auch das herrliche Streichtrio desselben Komponisten. Aus dem Fundus des Expressionismus zählt vor allem das erste Quartett von Honegger zu den vom Drolc- Quartett bevorzugten Stücken, ein Werk aus der Sturm-und-Drang-Epoche des französisch-schweizerischen Meisters. Daneben liegt dem Drolc-Quartett aber auch der geistreiche Humor eines Boris Blacher, und von den ganz Neuen haben sie sich des Franzosen Claude Ballif angenommen.
Die Vielseitigkeit des Drolc-Quartettes ist so bewundernswert wie die restlose Hingabe an alle Werke, die sie spielen. Sollte man ein Merkmal ihres Musizierens besonders hervorheben, so wäre es die satte Klangfülle, der warme, blühende Ton, der sich bei schier unerschöpflichem dynamischem Reichtum und trotz der stets erhaltenen Individualität eines jeden Spielers zu eine m Klangideal vereint. Wenn man weiß, mit welcher eisernen Disziplin die Drolc-Leute in ihren Proben arbeiten und in gemeinsamen Studieneden Takt bis ins feinste Detail durchdenken, so ist es um so überraschender, wie spontan und augenblicksgeboren ihr Musizieren anmutet. Dass auch die absolute technische Vollendung ihres Spiels niemals in perfektionierte Glätte ausartet, ist eine der vielen musikalischen Charakterstärken dieser vier Musiker.
Neben dem Quartettspielen haben sie die meiste Übung im Kofferpacken. Eben ist es wiedermal so weit. Bei den Edinburgher Festspielen sollen die vier Quartette von Arnold Schönberg musiziert werden. Das ist das Los der Berühmtheit: ständig unterwegs zu sein.
Unter den Kammermusikvereinigungen der internationalen Spitzenklasse ist das Drolc-Quartett eines der jüngsten. Dass es zu den weltbesten Quartetten gehört, ist längst nicht mehr anzuzweifeln. Schon vor drei Jahren schrieb der bedeutende Pariser Kritiker Claude Rostand: „Ganz offensichtlich ist dieses Quartett zur Zeit nicht nur das beste deutsche, sondern eines der besten Ensembles dieser Art auf internationaler Ebene."
Das Drolc-Quartett besteht seit 1950. Die beiden ersten Jahre waren ausschließlich ernsthaftem Studium gewidmet. Nach seinem ersten öffentlichen Konzert 1952 in Berlin hat sich das Drolc-Quartett dann sehr schnell — im wahrsten Sinne des Wortes — die Welt erobert. Schon im folgenden Jahr erhielt es eine Einladung nach Paris; es wurde für die Internationalen Ferienkurse in Darmstadt verpflichtet und spielte mit sensationellem Erfolg auf der Biennale 1953 in Venedig sämtliche Streichquartette Arnold Schönbergs. Bereits damals schrieb die italienische Presse von einer „über jedes Lob erhabenen Meisterschaft" in technischer und geistiger Beziehung. Tourneen in die Schweiz, nach Frankreich und Italien wurden von da an in regelmäßigen Abständen wiederholt. Konzerte in Jugoslawien, Griechenland, in fast allen Großstädten des südamerikanischen Kontinents und in Japan schlössen sich an.
Nach je drei Abenden bei den Festspielen in Dartington und Edinburgh in diesem Monat folgt im Oktober eine Skandinavien-Reise, im Dezember nochmals eine nach England, im Februar 1962 eine Schweiz-Tournee, ab März eine sieben- bis achtwöchige Reise durch die USA. Für 1963 ist eine Australien-Fahrt geplant. Dazwischen müssen all die Konzerte in Deutschland absolviert werden, natürlich auch die vertraglich festgelegten Schallplatten-Aufnahmen : die Fortführung des Beethoven-Zyklus' vor allem; für die Zukunft sind auch die Quartette Schönbergs vorgesehen.
Die Reiseerlebnisse der Drolc-Leute würden einen ganzen Band füllen, und mit der Vorführung ihrer herrlichen Farbdiapositive, die sie in aller Herren Länder aufnahmen, könnte man mehr Abende verbringen, als ihnen ihr Musikerberuf Zeit lasst. Natürlich fehlt ein Foto nicht, auf dem die Herren breitbeinig mit dem einen Fuß auf der nördlichen, mit dem anderen auf der südlichen Hälfte der Erdkugel stehen; nichts wirft einen Schatten auf diesem Äquatorbild!
Trotz aller Routine im transatlantischen Flugverkehr gibt es natürlich Momente, die selbst an eisernen Nerven podiumserfahrener Musikanten zerren: das Drolc-Quartett denkt dabei an den Flug von Lima nach La Paz, der erst beim vierten Versuch glückte, weil dreimal in luftiger Hohe ein Motor stehen geblieben war! Und wenn ein Flugzeug ganz streikt, fällt deswegen ein Drolc-Konzert noch lange nicht aus — und sind es auch 300 km einer mit Schlaglöchern übersäten südbrasilianischen Gebirgsstraße, die dann im Volkswagenbus zurückzulegen sind, von Itajai nach Curitiba!
Die Musiker des Quartetts sind aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands zusammengekommen. Eduard Drolc begann sein Studium am Konservatorium von Dortmund, vervollständigte es an der Akademie der Tonkunst in München und schloss es am Conservatoire Paris bei Meistern wie Jacques Thibaud, Touche und Gabriel Bouillon ab. Heinz Böttger — alles andere als das Stiefkind des Quartetts, das der zweite Geiger so oft zu sein pflegt — war Dresdner Kreuzschüler, nahm langjährigen Unterricht bei Erich Mühlbach, dem Ersten Konzertmeister der altehrwürdigen Sächsischen Staatskapelle, und holte sich dann den letzten Schliff an der Hochschule für Musik in Berlin. An diesem Institut studierten auch der Bratscher Siegbert Ueberschaer und der Cellist Heinz Majowski, der vorher Schüler der Folkwang-Schule in Essen war. Das Repertoire des Drolc-Quartetts umfasst in gleichem Maße Werke der Klassik, Romantik und Moderne — ja, es reicht auch in noch ältere Zeiten zurück, wenn man beispielsweise an den englischen Komponisten des 17. Jahrhunderts, Matthew Locke, denkt, der in den Programmen ebenso auftaucht wie etwa Franz Xaver Richter, ein Meister der vorklassischen Mannheimer Schule, Mozart und Haydn sind selbstverständlich die Grundpfeiler (mit Werken des letzteren geben sie ganze geschlossene Abende), Beethoven ist — wie sollte es bei deutschen Quartettisten anders sein — der „Lieblingskomponist"; sehr häufig taucht auch Brahms auf, darunter das in Herbstfarben getauchte Klarinetten-Quintett, das sie zusammen mit dem Berliner Klarinettisten Heinrich Geuser musizieren.
Den Kern ihres modernen Repertoires bilden die schon erwähnten Quartette Schönbergs, die dem Drolc-Quartctt immer wieder aufs neue internationalen Ruhm eintragen; sie spielen aber auch das herrliche Streichtrio desselben Komponisten. Aus dem Fundus des Expressionismus zählt vor allem das erste Quartett von Honegger zu den vom Drolc- Quartett bevorzugten Stücken, ein Werk aus der Sturm-und-Drang-Epoche des französisch-schweizerischen Meisters. Daneben liegt dem Drolc-Quartett aber auch der geistreiche Humor eines Boris Blacher, und von den ganz Neuen haben sie sich des Franzosen Claude Ballif angenommen.
Die Vielseitigkeit des Drolc-Quartettes ist so bewundernswert wie die restlose Hingabe an alle Werke, die sie spielen. Sollte man ein Merkmal ihres Musizierens besonders hervorheben, so wäre es die satte Klangfülle, der warme, blühende Ton, der sich bei schier unerschöpflichem dynamischem Reichtum und trotz der stets erhaltenen Individualität eines jeden Spielers zu eine m Klangideal vereint. Wenn man weiß, mit welcher eisernen Disziplin die Drolc-Leute in ihren Proben arbeiten und in gemeinsamen Studieneden Takt bis ins feinste Detail durchdenken, so ist es um so überraschender, wie spontan und augenblicksgeboren ihr Musizieren anmutet. Dass auch die absolute technische Vollendung ihres Spiels niemals in perfektionierte Glätte ausartet, ist eine der vielen musikalischen Charakterstärken dieser vier Musiker.



