Meister des Musicals: Folge 4
Irving Berlin

Wenn Sie, meine Damen und Herren, zum ersten Male in New York an der Kreuzung des Broadway mit der achtundfünfzigsten Straße stehen werden, dann werden Sie geradeso erstaunt sein, wie ich es war. Dort steht auf der Ostseite ein elegantes, modernes Geschäftslokal. Darüber in Leuchtschrift der Name Irving Berlin und gleich danach das Wort Incorporated. Ich habe versucht, hierfür eine europäische Analogie zu finden — wie würde das klingen: Franz Lehar Aktiengesellschaft oder etwa Johann Strauß mit beschränkter Haftung? Dieses große Musikverlagshaus, in welchem der Verleger Irving Berlin seinem Komponisten Irving Berlin und seinem Textdichter Irving Berlin jederzeit die besten Verlagsbedingungen gewährt, bedeute: nur ein Kapitel in der sagenhaften Lebensgeschichte des Nestors unter den amerikanischen Schlager- und Musical -Komponisten.
Im Jahre 1S92 brachte ein ärmliches Auswandererschiff den dreijährigen Israel Baline (er wurde am 11. Mai 1888 in Termin, Russland, geboren) mit seinen Eltern auf der Flucht vor dem letzten Kosakenprogrom zur Freiheitsstatue im Hafen von New York. Unter seinem Künstlernamen Irving Berlin hat er seiner neuen Heimat in den letzten fünfzig Jahren durch eine nicht endenwollende Kette bezaubernder Melodien gedankt, die seinen Namen um die Welt getragen haben.
Der alte Meister erzählt heute gern von den Tagen seiner Jugend: von seinem bettelarmen Vater, der in den Synagogen des Armenvierteis an der Ostseite von New York gesungen hat — von seinen Brüdern, die auf den Straßen Zeitungen verkauften — und von den ersten Cents, die er sich selbst verdient hatte: Manchmal führte er einen blinden Bettler durch die Straßen, manchmal bekam er kurze Jobs als Kellner in billigen Kneipen — bei „Nigger's Mike" im Chinesenviertel oder in Jim Kelly's nicht zu gut beleumdetem Wirtshaus. Oft verdiente er sich dort ein zusätzliches Trinkgeld, wenn er die neuesten Schlager des Tages vor den Gästen sang. Manchmal aber schrieb er selbst kleine Schlagertexte, für die der Pianist Nick die Melodien erfand. Und dabei dachte der junge russische Einwanderer, der noch kaum Englisch konnte: Eigentlich fallt mir viel mehr ein als dem Pianisten Nick .. ., und so beschloss er, sich „Tin Pan Alley" zu erobern. Das war die Straße der Musik Verleger, die achtundzwanzigste Straße zwischen der fünften und sechsten Avenue und dem Union Square. Hier klimperten in den Bureaus der Musikverleger die Pianisten die neuesten Lieder, um sie an Blaskapellen, Steptänzer oder Kabarettsänger zu verkaufen. Auch er klimperte dort für ein paar Dollar wöchentlich solche Tagesschlager für die Kunden des Verlagshauses Ted Snyder. Aber im Jahre 1911 schrieb er selbst ein kleines Liedchen für die Schlagersängerin Emma Carus in Chicago. In einem Jahre kauften die Amerikaner über eine Million Exemplare der Noten — das ganze Land war im Taumel des Rhythmus des ersten Schlagers, den Irving Berlin mit seinem neuen Künstlernamen zeichnete: „Alexander's Ragtime Band". „Ragtime" war ein Vorläufer des Jazz — und die Ragtime-Synkopen begleiteten den Aufstieg Amerikas unter den Präsidenten Theodore Roosevelt und Taft zur Weltmacht.

Mit „Alexander's Ragtime Band" war der dreiundzwanzigjährige Komponist, der auch den Text geschrieben hatte, berühmt geworden. Im Jahre 1914 schrieb er nun seine erste Jazz-Show, Watch your Step, die das Tänzerehepaar Irene und Vernon Castle auf die Bühne stellte. Sie ranzten Ragtime, aber auch den ganz neuen Tango, den ganz neuen Foxtrott und die uralte Polka. Die Welt hat Irving Berlin schon lange seinen „Rigoletto-Rag" verziehen, gegen den ein Komiker mit dem Barte Verdis auf der Bühne protestierte. Was aber von Irving Berlins erster Schau übrig geblieben ist, ist die erste jener einfachen Tonika-Dominant-Melodie, in die er soviel Zärtlichkeit gelegt hat: „Play a simple melody."
Diese Melodie erweckte die Begeisterung des größten Revue-Producers jener Tage, des heute schon legendär gewordenen Florence Ziegfeld. Er gewann Irving Berlin für seine erste große Nachkriegs-Superrevue, die Ziegfeld Follies des Jahres 1919. Die Produktionskosten betrugen hunderttausend Dollar, was damals einen Rekord darstellte, der Publikumsliebling Marilyn Miller sang die Hauptrolle. Der große Erfolg dieser Revue war aber das Debüt von Eddie Cantor und wieder ein schlichtes, reizendes Lied von Irving Berlin, „A Pretty Girl is like a Melody".
Nun beschloss Irving Berlin, einen Ein-Mann-Trust der Schlagermusik in seiner Person zu schaffen: Er schrieb die Musik, er schrieb seine Texte, er gründete sein Verlagshaus Irving Berlin Incorporated — und er baute an der Ecke des Broadway mit der fünfundvierzigsten Straße sein eigenes Theater. Er nannte es Music Box. Hier gab es nun alljährlich eine neue Schau — Buch-, Gesangstexte und Musik: Irving Berlin. Die Produktionskosten betrugen im Durchschnitt 200 000 Dollar, also doppelt so viel wie bei Ziegfeld. Viele spätere Stars machten hier ihr Debüt, wie die wundervolle Sopranistin der Metropolitan Opera, Grace Moore, die vor einigen Jahren einem Flugzeugunfall zum Opfer gefallen ist. Schon die erste Music-Box-Revue des Jahres 1921 brachte wieder ein bezauberndes Berlin-Liedchen: „Say it with music . . ." Das waren jene „Tollen Zwanzigerjahre" in Amerika unter den Präsidenten Harding und Coolidge, in denen die 18. Verfassungsnovelle mit dem verunglückten Alkohol verbot die betrunkenste Periode der amerikanischen Geschichte eingeleitet hatte. Man trank Whisky aus Fruchtsaftfläschchen — und man sang hierzu Irving Berlins Lied vom Blauen Himmel: „Blue Skies".
Face the Music hieß die Show des Jahres 1932; ihr Autor war Moss Hart, der Regisseur des gegenwärtigen Broadway-Erfolgs-Musicals My fair Lady. Eine Folge lustiger Revueszenen parodierte die verzweifelten Anstrengungen des Roxy-Kinos, trotz der Wirtschaftskrise das Publikum anzulocken. Der große Berlin-Schlager hieß: „Soft lights and sweet music".

Ein Jahr später, im Jahre 1933, dem ersten Jahre der Präsidentschaft Franklin D. Roosevelts, kam die bisher größte Irving-Berlin-Show auf den Broadway — As thousands Cheer („Bei Jubel-Tausender"). Beißende Satiren ergossen sich über den scheidenden Präsidenten Herbert Hoover, und Clifton Webb parodierte Ghandi und den alten Rockefeller. Besonders aktuell waren die Satiren auf die neuen Radio-Übertragungen aus der Metropolitan Opera für eine Petroleumfirma. Zwei große Irving-Berlin-Lieder standen in dieser Show: zunächst jener Hymnus auf den Frühlingstag, an dem die hübschesten Mädchen von New York mit Blumen im Haar vor der St. Patricks Kathedrale auf der Fünften Avenue flanieren — Easter Parade. Marilyn Miller war der Star der Show, und Irving Berlin zeigte sich als Meister unübersetzbarer Groteskreime in dem Lied, das von der Negerin Ethel Waters kreiert wurde: „She started a heat wave by making her seat wave . . . "
As thousands Cheer blieb für längere Zeit die letzte Show des Meisters auf dem Broadway — denn nun machten Hollywood und der aufkommende Tonfilm ihre Rechte auf den Schlagerkönig geltend. Sie erinnern sich doch an den Film, in dem Fred Astaire mit seiner Stimme und mit Stepptanz seinen Zylinderhut und seine weiße Frackkrawatte besang — und an die Schlager „Top Hat" und „Check to cheek"? Im Film „White Christmas" sang Danny Kaye „Choreography" — aber in dem Film „Holiday Inn" erreichte Irving Berlin den bisherigen Höhepunkt seines Schaffens. Er schrieb jenes schlichte, einfache, innige Lied von der „Weißen Weihnacht", das in 20 Millionen Schallplatten um die Welt ging und, nach Grubers „Stille Nacht, heilige Nacht", das zweitschönste Weihnachtslied der Welt wurde — „White Christmas" .. .
Irving Berlin genoss seit eh und je die besondere Verehrung seiner Komponisten- Kollegen. Jerome Kern, der Komponist von Show Boat, hat gesagt: „Irving Berlin ist Amerikas Musik." Und unser kritisches europäisches Ohr wird es George Gershwin verzeihen, wenn er im Überschwang seines Enthusiasmus geschrieben hat: „Irving Berlin ist Amerikas Franz Schubert." Die Amerikaner haben auch an seinem Privatleben innigen Anteil genommen. Amerika trauerte, als Berlins erste Frau Dorothy Goetz auf der Hochzeitsreise in Kuba an Typhus verschied. Und Amerika nahm Anteil an der romantischen Liebesgeschichte des ehemals bettelarmen russischen Einwanderers mit Ellin McKay, der Millionenerbin des Postal Telegraph Konzerns — die er gegen den Willen ihres Vaters heimlich im Jahre 1926 geheiratet hat. Er widmete ihr am Traualtar sein vielleicht schönstes Liebeslied mit seiner bezwingend einfachen Dreiklangsharmonik: „I‘ll be Ioving you — always..". Der glücklichen Ehe entstammen zwei Söhne.
In beiden Weltkriegen produzierte Irving Berlin Soldaten-Shows, bei denen er Amateure und Berufskünstler in Uniform zu Revuen über das Soldatenleben zusammenschmiedete. Diese Revuen spielten in ganz Amerika und an den Fronten für Wohltätigkeit. „Feldwebel Irving Berlin" spielte zum Entzücken des Publikums selbst mit: „This is the army, Mr. Jones! No private rooms, no telephones!" In den Jahren unmittelbar vor dem zweiten Weltkrieg machte die Radiosängerin Kate Smith ein Lied von Berlin zur inoffiziellen Hymne Amerikas: „God bless America".
Die Vierziger jähre brachten die Rückkehr Irving Berlins auf den Broadway — zunächst 1940 mit Louisiana Purchase, einer Satire auf das Regime des Gouverneurs Huey Long von Louisiana. Dann 1942 mit einer Revue von M. Todd, in der sich Gypsy Rose Lee, die Königin des Strip Tease, produzierte.
Aber erst im Jahre 1946 schuf der damals 58 jährige Komponist sein theatralisches Hauptwerk, Annie get your gun. Ursprünglich sollte Jerome Kern die wahre Geschichte von der kleinen Scharfschützin aus Ohio komponieren, die um die Jahrhundertwende zum Star der großen Wildwestschau von Buffalo Bill geworden ist. Jerome Kern starb vor der Komposition und Irving Berlin sprang ein. Die Uraufführung fand am 16. Mai 1946 im Imperial Theatre von New York statt. Das Stück blieb im ersten Lauf 1147mal auf dem Spielplan. Im Jahre 1957 erschien es in meiner deutschen Übertragung an der Wiener Volksoper. Bei der Uraufführung war der Broadwaystar Ethel Merman die Scharfschützin Annie Oakley (später auch Mary Martin). Sie erschien in einem zerzausten scharlachroten Fell mit einem riesigen alten Repetiergewehr und sang mit ihrer Riesenstimme, die dröhnte wie eine alte Zirkus-Dampf-Orgel, von ihrem Leben als Analphabetin in den Wäldern von Ohio. Der musikalische Höhepunkt ist jene Szene, in der Buffalo Bill die noch schwankende Annie überredet, mit dem Zirkus in die Welt zu ziehen. Die Melodie ist ein Jubelhymnus auf das Leben der Komödianten mit ihren Freuden, Nöten, Ängsten und Triumphen: „There's no business like show business." Aber auch die anderen Lieder, wie „They say it's wonderful" oder „The girl that I marry" zeigen Irving Berlins Erfinderkraft auf nie wieder erreichter Höhe.

Über die mangelnde musikalische Ausbildung Irving Berlins gehen unzählige Anekdoten um. Man erzählt sich, dass er seine größten Einfälle nicht aufschreiben konnte, sondern sie einem „musikalischen Sekretär" diktieren musste. Er kann auch kaum Klavier spielen, und auch seine einfachsten Melodien kann er nur auf den schwarzen Tasten spielen. Einmal erhielt er ein speziell gebautes Piano als Geschenk, auf dem er stets auf den schwarzen Tasten (also Fis-dur) spielen konnte — wobei eine Druckknopf-Apparatur die Musik in jeder gewünschten Tonart erklingen ließ.
Aber gerade diese Primitivität war eine Voraussetzung für seine Erfolge. Nur so durfte er wagen, was sich noch niemand vor ihm getraut hatte: In seinem Musical Miss Liberty aus dem Jahre 1949 komponierte er die Worte auf dem Sockel der Freiheitsstatue „Gebt mir Eure Müden, Eure Armen", als deren einer Israel Baline selbst einmal vor langen Jahren in Amerika gelandet war.
Das nächste Jahr, 1950, brachte Berlin mit seiner vorläufig letzten Broadway-Show wieder einen durchschlagenden Erfolg. Die unverwüstliche Ethel Merman, die seit 1930 so viele Shows zum Triumph geführt hatte, spielte hier eine Parodie auf Mrs. Perle Mesta, die amerikanische Gesandtin in Luxemburg (hier als Zwitter aus Luxemburg und Liechtenstein kurz Liechtenburg genannt). Sie erlebt eine schwere Krise ihrer Mission, als der kleine Staat es ablehnt, die 100-Millionen-DolIar-Anleihe der USA anzunehmen, die sie unbedingt anbringen soll. Die musikalischen Perlen des Werkes sind das köstliche kontrapunktische Duett „You're just in love", in welchem die Frau Gesandtin und ihr Sekretär einander gegenseitig wegen ihres beiderseitigen Liebeskummers trösten — und die reizende Nummer, die beim Wahlkampf um die amerikanische Präsidentenschaft im Jahre 1952 eine Rolle gespielt hat: „They like Ike". Präsident Eisenhower hat sich nach seiner Wahl durch eine hohe Auszeichnung für Berlin revanchiert.
Selbstredend wurden die beiden größten Shows von Irving Berlin auch verfilmt. Im Film Annie get your Gun spielte Betty Hutton die Rolle Ethel Mermans, im Film Call me Madam war es Ethel Merman (wie auf der Bühne).
Worauf beruht die Sonderstellung, die der Komponist Irving Berlin zweifellos im kulturellen Bewusstsein der Amerikaner einnimmt? Beruht sie auf seiner reizenden Musik? Gewiss, aber nicht auf ihr allein. Auch nicht nur auf seinen Texten und seiner universellen Vielfalt auf dem Gebiete der leichten Musik. Der wahre Grund liegt viel tiefer. Im Leben Irving Berlins wurde alles zur Wirklichkeit, was der Amerikaner so gerne über Amerika zu hören wünscht. Sein Leben ist die Verwirklichung einer Geschichte aus dem Volksschul-Lesebuch. Hier kommt ein bettelarmer russischer Einwanderer mit seiner Familie, um den religiösen Verfolgungen in einer europäischen Diktatur zu entgehen. In wenigen Jahren erreicht er die Höhe seines Berufes, er vereinigt sein kulturelles Erbe aus Europa mit den Eindrücken seiner neuen Heimat zu echtem Schöpfertum, das amerikanische Melodien um die Welt sendet. Er wird Millionär und heiratet die Tochter des größten Industriemagnaten. Und er dient seiner neuen Heimat als loyaler Sohn in der Stunde der Prüfung . . .
So wurde Irving Berlin im Herzen der Amerikaner zum Mr. America.
Wenn Sie, meine Damen und Herren, zum ersten Male in New York an der Kreuzung des Broadway mit der achtundfünfzigsten Straße stehen werden, dann werden Sie geradeso erstaunt sein, wie ich es war. Dort steht auf der Ostseite ein elegantes, modernes Geschäftslokal. Darüber in Leuchtschrift der Name Irving Berlin und gleich danach das Wort Incorporated. Ich habe versucht, hierfür eine europäische Analogie zu finden — wie würde das klingen: Franz Lehar Aktiengesellschaft oder etwa Johann Strauß mit beschränkter Haftung? Dieses große Musikverlagshaus, in welchem der Verleger Irving Berlin seinem Komponisten Irving Berlin und seinem Textdichter Irving Berlin jederzeit die besten Verlagsbedingungen gewährt, bedeute: nur ein Kapitel in der sagenhaften Lebensgeschichte des Nestors unter den amerikanischen Schlager- und Musical -Komponisten.
Im Jahre 1S92 brachte ein ärmliches Auswandererschiff den dreijährigen Israel Baline (er wurde am 11. Mai 1888 in Termin, Russland, geboren) mit seinen Eltern auf der Flucht vor dem letzten Kosakenprogrom zur Freiheitsstatue im Hafen von New York. Unter seinem Künstlernamen Irving Berlin hat er seiner neuen Heimat in den letzten fünfzig Jahren durch eine nicht endenwollende Kette bezaubernder Melodien gedankt, die seinen Namen um die Welt getragen haben.
Der alte Meister erzählt heute gern von den Tagen seiner Jugend: von seinem bettelarmen Vater, der in den Synagogen des Armenvierteis an der Ostseite von New York gesungen hat — von seinen Brüdern, die auf den Straßen Zeitungen verkauften — und von den ersten Cents, die er sich selbst verdient hatte: Manchmal führte er einen blinden Bettler durch die Straßen, manchmal bekam er kurze Jobs als Kellner in billigen Kneipen — bei „Nigger's Mike" im Chinesenviertel oder in Jim Kelly's nicht zu gut beleumdetem Wirtshaus. Oft verdiente er sich dort ein zusätzliches Trinkgeld, wenn er die neuesten Schlager des Tages vor den Gästen sang. Manchmal aber schrieb er selbst kleine Schlagertexte, für die der Pianist Nick die Melodien erfand. Und dabei dachte der junge russische Einwanderer, der noch kaum Englisch konnte: Eigentlich fallt mir viel mehr ein als dem Pianisten Nick .. ., und so beschloss er, sich „Tin Pan Alley" zu erobern. Das war die Straße der Musik Verleger, die achtundzwanzigste Straße zwischen der fünften und sechsten Avenue und dem Union Square. Hier klimperten in den Bureaus der Musikverleger die Pianisten die neuesten Lieder, um sie an Blaskapellen, Steptänzer oder Kabarettsänger zu verkaufen. Auch er klimperte dort für ein paar Dollar wöchentlich solche Tagesschlager für die Kunden des Verlagshauses Ted Snyder. Aber im Jahre 1911 schrieb er selbst ein kleines Liedchen für die Schlagersängerin Emma Carus in Chicago. In einem Jahre kauften die Amerikaner über eine Million Exemplare der Noten — das ganze Land war im Taumel des Rhythmus des ersten Schlagers, den Irving Berlin mit seinem neuen Künstlernamen zeichnete: „Alexander's Ragtime Band". „Ragtime" war ein Vorläufer des Jazz — und die Ragtime-Synkopen begleiteten den Aufstieg Amerikas unter den Präsidenten Theodore Roosevelt und Taft zur Weltmacht.

Mit „Alexander's Ragtime Band" war der dreiundzwanzigjährige Komponist, der auch den Text geschrieben hatte, berühmt geworden. Im Jahre 1914 schrieb er nun seine erste Jazz-Show, Watch your Step, die das Tänzerehepaar Irene und Vernon Castle auf die Bühne stellte. Sie ranzten Ragtime, aber auch den ganz neuen Tango, den ganz neuen Foxtrott und die uralte Polka. Die Welt hat Irving Berlin schon lange seinen „Rigoletto-Rag" verziehen, gegen den ein Komiker mit dem Barte Verdis auf der Bühne protestierte. Was aber von Irving Berlins erster Schau übrig geblieben ist, ist die erste jener einfachen Tonika-Dominant-Melodie, in die er soviel Zärtlichkeit gelegt hat: „Play a simple melody."
Diese Melodie erweckte die Begeisterung des größten Revue-Producers jener Tage, des heute schon legendär gewordenen Florence Ziegfeld. Er gewann Irving Berlin für seine erste große Nachkriegs-Superrevue, die Ziegfeld Follies des Jahres 1919. Die Produktionskosten betrugen hunderttausend Dollar, was damals einen Rekord darstellte, der Publikumsliebling Marilyn Miller sang die Hauptrolle. Der große Erfolg dieser Revue war aber das Debüt von Eddie Cantor und wieder ein schlichtes, reizendes Lied von Irving Berlin, „A Pretty Girl is like a Melody".
Nun beschloss Irving Berlin, einen Ein-Mann-Trust der Schlagermusik in seiner Person zu schaffen: Er schrieb die Musik, er schrieb seine Texte, er gründete sein Verlagshaus Irving Berlin Incorporated — und er baute an der Ecke des Broadway mit der fünfundvierzigsten Straße sein eigenes Theater. Er nannte es Music Box. Hier gab es nun alljährlich eine neue Schau — Buch-, Gesangstexte und Musik: Irving Berlin. Die Produktionskosten betrugen im Durchschnitt 200 000 Dollar, also doppelt so viel wie bei Ziegfeld. Viele spätere Stars machten hier ihr Debüt, wie die wundervolle Sopranistin der Metropolitan Opera, Grace Moore, die vor einigen Jahren einem Flugzeugunfall zum Opfer gefallen ist. Schon die erste Music-Box-Revue des Jahres 1921 brachte wieder ein bezauberndes Berlin-Liedchen: „Say it with music . . ." Das waren jene „Tollen Zwanzigerjahre" in Amerika unter den Präsidenten Harding und Coolidge, in denen die 18. Verfassungsnovelle mit dem verunglückten Alkohol verbot die betrunkenste Periode der amerikanischen Geschichte eingeleitet hatte. Man trank Whisky aus Fruchtsaftfläschchen — und man sang hierzu Irving Berlins Lied vom Blauen Himmel: „Blue Skies".
Face the Music hieß die Show des Jahres 1932; ihr Autor war Moss Hart, der Regisseur des gegenwärtigen Broadway-Erfolgs-Musicals My fair Lady. Eine Folge lustiger Revueszenen parodierte die verzweifelten Anstrengungen des Roxy-Kinos, trotz der Wirtschaftskrise das Publikum anzulocken. Der große Berlin-Schlager hieß: „Soft lights and sweet music".

Ein Jahr später, im Jahre 1933, dem ersten Jahre der Präsidentschaft Franklin D. Roosevelts, kam die bisher größte Irving-Berlin-Show auf den Broadway — As thousands Cheer („Bei Jubel-Tausender"). Beißende Satiren ergossen sich über den scheidenden Präsidenten Herbert Hoover, und Clifton Webb parodierte Ghandi und den alten Rockefeller. Besonders aktuell waren die Satiren auf die neuen Radio-Übertragungen aus der Metropolitan Opera für eine Petroleumfirma. Zwei große Irving-Berlin-Lieder standen in dieser Show: zunächst jener Hymnus auf den Frühlingstag, an dem die hübschesten Mädchen von New York mit Blumen im Haar vor der St. Patricks Kathedrale auf der Fünften Avenue flanieren — Easter Parade. Marilyn Miller war der Star der Show, und Irving Berlin zeigte sich als Meister unübersetzbarer Groteskreime in dem Lied, das von der Negerin Ethel Waters kreiert wurde: „She started a heat wave by making her seat wave . . . "
As thousands Cheer blieb für längere Zeit die letzte Show des Meisters auf dem Broadway — denn nun machten Hollywood und der aufkommende Tonfilm ihre Rechte auf den Schlagerkönig geltend. Sie erinnern sich doch an den Film, in dem Fred Astaire mit seiner Stimme und mit Stepptanz seinen Zylinderhut und seine weiße Frackkrawatte besang — und an die Schlager „Top Hat" und „Check to cheek"? Im Film „White Christmas" sang Danny Kaye „Choreography" — aber in dem Film „Holiday Inn" erreichte Irving Berlin den bisherigen Höhepunkt seines Schaffens. Er schrieb jenes schlichte, einfache, innige Lied von der „Weißen Weihnacht", das in 20 Millionen Schallplatten um die Welt ging und, nach Grubers „Stille Nacht, heilige Nacht", das zweitschönste Weihnachtslied der Welt wurde — „White Christmas" .. .
Irving Berlin genoss seit eh und je die besondere Verehrung seiner Komponisten- Kollegen. Jerome Kern, der Komponist von Show Boat, hat gesagt: „Irving Berlin ist Amerikas Musik." Und unser kritisches europäisches Ohr wird es George Gershwin verzeihen, wenn er im Überschwang seines Enthusiasmus geschrieben hat: „Irving Berlin ist Amerikas Franz Schubert." Die Amerikaner haben auch an seinem Privatleben innigen Anteil genommen. Amerika trauerte, als Berlins erste Frau Dorothy Goetz auf der Hochzeitsreise in Kuba an Typhus verschied. Und Amerika nahm Anteil an der romantischen Liebesgeschichte des ehemals bettelarmen russischen Einwanderers mit Ellin McKay, der Millionenerbin des Postal Telegraph Konzerns — die er gegen den Willen ihres Vaters heimlich im Jahre 1926 geheiratet hat. Er widmete ihr am Traualtar sein vielleicht schönstes Liebeslied mit seiner bezwingend einfachen Dreiklangsharmonik: „I‘ll be Ioving you — always..". Der glücklichen Ehe entstammen zwei Söhne.
In beiden Weltkriegen produzierte Irving Berlin Soldaten-Shows, bei denen er Amateure und Berufskünstler in Uniform zu Revuen über das Soldatenleben zusammenschmiedete. Diese Revuen spielten in ganz Amerika und an den Fronten für Wohltätigkeit. „Feldwebel Irving Berlin" spielte zum Entzücken des Publikums selbst mit: „This is the army, Mr. Jones! No private rooms, no telephones!" In den Jahren unmittelbar vor dem zweiten Weltkrieg machte die Radiosängerin Kate Smith ein Lied von Berlin zur inoffiziellen Hymne Amerikas: „God bless America".
Die Vierziger jähre brachten die Rückkehr Irving Berlins auf den Broadway — zunächst 1940 mit Louisiana Purchase, einer Satire auf das Regime des Gouverneurs Huey Long von Louisiana. Dann 1942 mit einer Revue von M. Todd, in der sich Gypsy Rose Lee, die Königin des Strip Tease, produzierte.
Aber erst im Jahre 1946 schuf der damals 58 jährige Komponist sein theatralisches Hauptwerk, Annie get your gun. Ursprünglich sollte Jerome Kern die wahre Geschichte von der kleinen Scharfschützin aus Ohio komponieren, die um die Jahrhundertwende zum Star der großen Wildwestschau von Buffalo Bill geworden ist. Jerome Kern starb vor der Komposition und Irving Berlin sprang ein. Die Uraufführung fand am 16. Mai 1946 im Imperial Theatre von New York statt. Das Stück blieb im ersten Lauf 1147mal auf dem Spielplan. Im Jahre 1957 erschien es in meiner deutschen Übertragung an der Wiener Volksoper. Bei der Uraufführung war der Broadwaystar Ethel Merman die Scharfschützin Annie Oakley (später auch Mary Martin). Sie erschien in einem zerzausten scharlachroten Fell mit einem riesigen alten Repetiergewehr und sang mit ihrer Riesenstimme, die dröhnte wie eine alte Zirkus-Dampf-Orgel, von ihrem Leben als Analphabetin in den Wäldern von Ohio. Der musikalische Höhepunkt ist jene Szene, in der Buffalo Bill die noch schwankende Annie überredet, mit dem Zirkus in die Welt zu ziehen. Die Melodie ist ein Jubelhymnus auf das Leben der Komödianten mit ihren Freuden, Nöten, Ängsten und Triumphen: „There's no business like show business." Aber auch die anderen Lieder, wie „They say it's wonderful" oder „The girl that I marry" zeigen Irving Berlins Erfinderkraft auf nie wieder erreichter Höhe.

Über die mangelnde musikalische Ausbildung Irving Berlins gehen unzählige Anekdoten um. Man erzählt sich, dass er seine größten Einfälle nicht aufschreiben konnte, sondern sie einem „musikalischen Sekretär" diktieren musste. Er kann auch kaum Klavier spielen, und auch seine einfachsten Melodien kann er nur auf den schwarzen Tasten spielen. Einmal erhielt er ein speziell gebautes Piano als Geschenk, auf dem er stets auf den schwarzen Tasten (also Fis-dur) spielen konnte — wobei eine Druckknopf-Apparatur die Musik in jeder gewünschten Tonart erklingen ließ.
Aber gerade diese Primitivität war eine Voraussetzung für seine Erfolge. Nur so durfte er wagen, was sich noch niemand vor ihm getraut hatte: In seinem Musical Miss Liberty aus dem Jahre 1949 komponierte er die Worte auf dem Sockel der Freiheitsstatue „Gebt mir Eure Müden, Eure Armen", als deren einer Israel Baline selbst einmal vor langen Jahren in Amerika gelandet war.
Das nächste Jahr, 1950, brachte Berlin mit seiner vorläufig letzten Broadway-Show wieder einen durchschlagenden Erfolg. Die unverwüstliche Ethel Merman, die seit 1930 so viele Shows zum Triumph geführt hatte, spielte hier eine Parodie auf Mrs. Perle Mesta, die amerikanische Gesandtin in Luxemburg (hier als Zwitter aus Luxemburg und Liechtenstein kurz Liechtenburg genannt). Sie erlebt eine schwere Krise ihrer Mission, als der kleine Staat es ablehnt, die 100-Millionen-DolIar-Anleihe der USA anzunehmen, die sie unbedingt anbringen soll. Die musikalischen Perlen des Werkes sind das köstliche kontrapunktische Duett „You're just in love", in welchem die Frau Gesandtin und ihr Sekretär einander gegenseitig wegen ihres beiderseitigen Liebeskummers trösten — und die reizende Nummer, die beim Wahlkampf um die amerikanische Präsidentenschaft im Jahre 1952 eine Rolle gespielt hat: „They like Ike". Präsident Eisenhower hat sich nach seiner Wahl durch eine hohe Auszeichnung für Berlin revanchiert.
Selbstredend wurden die beiden größten Shows von Irving Berlin auch verfilmt. Im Film Annie get your Gun spielte Betty Hutton die Rolle Ethel Mermans, im Film Call me Madam war es Ethel Merman (wie auf der Bühne).
Worauf beruht die Sonderstellung, die der Komponist Irving Berlin zweifellos im kulturellen Bewusstsein der Amerikaner einnimmt? Beruht sie auf seiner reizenden Musik? Gewiss, aber nicht auf ihr allein. Auch nicht nur auf seinen Texten und seiner universellen Vielfalt auf dem Gebiete der leichten Musik. Der wahre Grund liegt viel tiefer. Im Leben Irving Berlins wurde alles zur Wirklichkeit, was der Amerikaner so gerne über Amerika zu hören wünscht. Sein Leben ist die Verwirklichung einer Geschichte aus dem Volksschul-Lesebuch. Hier kommt ein bettelarmer russischer Einwanderer mit seiner Familie, um den religiösen Verfolgungen in einer europäischen Diktatur zu entgehen. In wenigen Jahren erreicht er die Höhe seines Berufes, er vereinigt sein kulturelles Erbe aus Europa mit den Eindrücken seiner neuen Heimat zu echtem Schöpfertum, das amerikanische Melodien um die Welt sendet. Er wird Millionär und heiratet die Tochter des größten Industriemagnaten. Und er dient seiner neuen Heimat als loyaler Sohn in der Stunde der Prüfung . . .
So wurde Irving Berlin im Herzen der Amerikaner zum Mr. America.



