Archiv

Eine große Sopranistin: Zinka Milanov

Von
Everett Helm
Erschienen in der Printausgabe im
September 1961
Lesezeit ca.
Minuten

Während der letzten zwei Generationen wurden nur fünf Sopranistinnen der New Yorker Metropolitan Opera dadurch ausgezeichnet, dass sie viermal bei den berühmten „Opening Night", der Eröffnung der Opernsaison, Star-Rollen sangen. Vier davon — Emma Eames, Emmy Destinn, Rosa Ponselle und Elisabeth Rethberg — sind bereits in die Geschichte eingegangen. Die fünfte ist Zinka Milanov, die nun ihr dreiundzwanzigstes Jahr als führende Sopranistin an der Met verbringt.

Als gebürtige Jugoslawin bekam Zinka Milanov, wie so viele ihrer Landsleute, eine außergewöhnliche Stimme als Geschenk der Natur. Die Jugoslawen sind ja ein erzmusikalisches Volk, und das Klima scheint für die Erzeugung schöner Stimmen besonders

günstig zu sein. Es kommt in Jugoslawien schon hin und wieder vor, dass ein junger Bauer, der bei Hochzeiten oder anderen Festen des Dorfes singt, ein paar Jahre später auf der Belgrader Opernbühne steht.

Zinka Milanov war weder eine Bäuerin, noch ist sie auf einem Dorf geboren. Sie stammt aus Zagreb (dem ehemaligen Agram), einer Stadt, die heute noch deutliche Spuren ihrer langen Zugehörigkeit zu dem damaligen Österreich-Ungarn aufweist und die reichste Musiktradition Jugoslawiens besitzt. Auch ihre Familie schätzte und pflegte die Musik. Ihr Vater erkannte und förderte schon früh die außergewöhnliche Begabung der jungen Zinka.

So wuchs sie in einer musikalischen Atmosphäre auf, zu der nicht nur Oper, sondern auch Symphonie, Chor und Kammermusikkonzerte beitrugen, und sie entwickelte bereits in ihrer Jugend ein Interesse und Verständnis für alle Gattungen der Musik.

Neben einer allgemeinen Ausbildung verfolgte Zinka Milanov ihre musikalischen Studien in Zagreb. Mit acht Jahren trat sie zum ersten Mal öffentlich auf, mit zwölf sang sie in einer Amateur-Aufführung von Bizets „Carmen", und bald darauf wurde sie in die Königliche Musikakademie aufgenommen. Als sie vierzehn Jahre alt war, wurde ihre bisher schöne Altstimme fast über Nacht zu einer großen, reifen Sopranstimme, so wie sie seither geblieben ist. Die berühmte Sängerin Milka Ternina wurde nun auf das Mädchen aufmerksam und nahm sie als einzige Schülerin zu sich. Später erzählte Zinka Milanov über diese Zeit: „Ich wollte Konzerte singen, aber meine Lehrerin, Milka Ternina, überzeugte mich, dass ich zur Oper sollte. Vor meinem Debüt studierte ich drei Jahre intensiv bei ihr, aber das war noch zu wenig. Gigli hatte recht. Ein Anfänger müsste fünf Jahre lang studieren, bevor er debütiert. Das weiß ich jetzt genau. Einmal auf der Bühne, kann einem alles passieren. Man darf seinen Emotionen nicht unterworfen sein; nur eine sichere Technik schützt vor dem Unerwarteten."

Zinka Milanovs Debüt fand im Oktober 1927 an der Zagreber Staatsoper statt; sie hatte in der Rolle von Leonore in Verdis „Troubadour" einen beachtlichen Erfolg, der aber nicht über die Landesgrenzen drang. Die nächsten acht Jahre blieb sie dort und sang in mehr als 350 Aufführungen — alles vor ihrem 25. Lebensjahr. Dabei lernte sie viele Rollen: Manon Lescaut, Cho-Cho-San, Marguerite, Sieglinde, Elsa, Fidelio U. a. m. — darunter sogar die Marschallin in Strauss' Rosenkavalier! Heute gibt sie zu: „Manon ging gut, aber ich war viel zu jung für die Rolle der Marschallin." Bis heute hat sie weder diese Rolle noch diejenigen der Wagner-Opern wieder gesungen.

Ihr ganzes Zagreber Repertoire sang sie natürlich in Kroatisch. Als sie dann nach Prag engagiert wurde, musste sie alles in deutscher Sprache neu lernen. Dort spielte sie vor einem kosmopolitischen Publikum, und ihr Name wurde allmählich in anderen Ländern bekannt. Eines Abends, als sie in Prag sang, bekam sie ein Telegramm aus Wien, unterzeichnet von Bruno Walter: ob sie am folgenden Abend für eine erkrankte Aida in der Wiener Staatsoper einspringen würde? Ohne zu zaudern nahm sie an und sang die Rolle ohne Probe. Das war der Wendepunkt ihrer Karriere. Maestro Walter, beeindruckt von dieser Aufführung, fragte sie, ob sie einem Freund von ihm, Arturo Toscanini, der noch die richtige Sopranstimme für das Verdi-Requiem suchte, vorsingen würde. Innerhalb von 10 Tagen lernte Zinka Milanov das Werk. Dann stand sie zitternd auf der Bühne, als Toscanini in den Saal trat und sich setzte, ohne ein Wort an sie zu richten. Sie nahm sich zusammen und fing an; nach einigen Takten rief Toscanini „Va bene", und verließ in Eile den Saal. So wurde Milanov für ihren ersten großen Auftritt engagiert.

Kurz darauf kamen Edward Johnson und Artur Bodanzky, Direktor und Chefdirigent der Metropolitan Opera, nach Prag, um sie nach New York zu holen. Sie stellten nur zwei Bedingungen: Milanov müsste innerhalb von drei Monaten 25 Pfund abnehmen und drei Hauptrollen in Italienisch lernen. Auch das schaffte sie. Im Dezember 1937 erntete sie Lorbeeren als Leonore im „Troubadour", dann als Aida, einer ihrer Lieblingsrollen.

Seitdem ist sie in vielen Rollen an der Met gefeiert worden, wie auch in anderen Städten von Nord- und Südamerika, von San Francisco bis Buenos Aires. Außer der Rolle der Donna Anna in Mozarts „Don Giovanni" singt sie fast ausschließlich italienische Opern und hat ihre größten Erfolge als Aida, Tosca, Santuzza in „Cavalleria Rusticana", Leonora in „Die Macht des Schicksals", Amelia in „Ein Maskenball", in der Titelrolle von „La Gioconda" und nach wie vor als Leonore in „Der Troubadour". Dies sind auch die Rollen, in denen sie den Schallplattenfreunden der ganzen Welt bekanntgeworden ist.

In ihrem Auftreten, in ihren Gebärden sowie in der Fülle ihrer Stimme hat Madame Milanov viele Allüren der großen Primadonna des „goldenen Zeitalters". Im Privatleben strahle sie einen gewinnenden Charme aus, und zeigt eine entwaffnende Offenheit, zu der sich ein kühner Witz gesellt. Erst kürzlich hat sie in einem Interview uns einen Einblick in ihren bescheidenen, zugleich ernsten und zielbewussten Charakter vermittelt, indem sie sagte:

„Ich glaubte nie, dass ich solchen Erfolg haben könnte. Audi nicht, dass ich je nach Amerika kommen würde. Ich habe einfach immer mein Bestes getan; wenn der Erfolg kommen sollte, um so besser, aber ich habe nie darum gekämpft. Ich habe schwer gearbeitet, um meine natürlichen Gaben zu entwickeln, und das Übrige dem Schicksal überlassen."

Während der letzten zwei Generationen wurden nur fünf Sopranistinnen der New Yorker Metropolitan Opera dadurch ausgezeichnet, dass sie viermal bei den berühmten „Opening Night", der Eröffnung der Opernsaison, Star-Rollen sangen. Vier davon — Emma Eames, Emmy Destinn, Rosa Ponselle und Elisabeth Rethberg — sind bereits in die Geschichte eingegangen. Die fünfte ist Zinka Milanov, die nun ihr dreiundzwanzigstes Jahr als führende Sopranistin an der Met verbringt.

Als gebürtige Jugoslawin bekam Zinka Milanov, wie so viele ihrer Landsleute, eine außergewöhnliche Stimme als Geschenk der Natur. Die Jugoslawen sind ja ein erzmusikalisches Volk, und das Klima scheint für die Erzeugung schöner Stimmen besonders

günstig zu sein. Es kommt in Jugoslawien schon hin und wieder vor, dass ein junger Bauer, der bei Hochzeiten oder anderen Festen des Dorfes singt, ein paar Jahre später auf der Belgrader Opernbühne steht.

Zinka Milanov war weder eine Bäuerin, noch ist sie auf einem Dorf geboren. Sie stammt aus Zagreb (dem ehemaligen Agram), einer Stadt, die heute noch deutliche Spuren ihrer langen Zugehörigkeit zu dem damaligen Österreich-Ungarn aufweist und die reichste Musiktradition Jugoslawiens besitzt. Auch ihre Familie schätzte und pflegte die Musik. Ihr Vater erkannte und förderte schon früh die außergewöhnliche Begabung der jungen Zinka.

So wuchs sie in einer musikalischen Atmosphäre auf, zu der nicht nur Oper, sondern auch Symphonie, Chor und Kammermusikkonzerte beitrugen, und sie entwickelte bereits in ihrer Jugend ein Interesse und Verständnis für alle Gattungen der Musik.

Neben einer allgemeinen Ausbildung verfolgte Zinka Milanov ihre musikalischen Studien in Zagreb. Mit acht Jahren trat sie zum ersten Mal öffentlich auf, mit zwölf sang sie in einer Amateur-Aufführung von Bizets „Carmen", und bald darauf wurde sie in die Königliche Musikakademie aufgenommen. Als sie vierzehn Jahre alt war, wurde ihre bisher schöne Altstimme fast über Nacht zu einer großen, reifen Sopranstimme, so wie sie seither geblieben ist. Die berühmte Sängerin Milka Ternina wurde nun auf das Mädchen aufmerksam und nahm sie als einzige Schülerin zu sich. Später erzählte Zinka Milanov über diese Zeit: „Ich wollte Konzerte singen, aber meine Lehrerin, Milka Ternina, überzeugte mich, dass ich zur Oper sollte. Vor meinem Debüt studierte ich drei Jahre intensiv bei ihr, aber das war noch zu wenig. Gigli hatte recht. Ein Anfänger müsste fünf Jahre lang studieren, bevor er debütiert. Das weiß ich jetzt genau. Einmal auf der Bühne, kann einem alles passieren. Man darf seinen Emotionen nicht unterworfen sein; nur eine sichere Technik schützt vor dem Unerwarteten."

Zinka Milanovs Debüt fand im Oktober 1927 an der Zagreber Staatsoper statt; sie hatte in der Rolle von Leonore in Verdis „Troubadour" einen beachtlichen Erfolg, der aber nicht über die Landesgrenzen drang. Die nächsten acht Jahre blieb sie dort und sang in mehr als 350 Aufführungen — alles vor ihrem 25. Lebensjahr. Dabei lernte sie viele Rollen: Manon Lescaut, Cho-Cho-San, Marguerite, Sieglinde, Elsa, Fidelio U. a. m. — darunter sogar die Marschallin in Strauss' Rosenkavalier! Heute gibt sie zu: „Manon ging gut, aber ich war viel zu jung für die Rolle der Marschallin." Bis heute hat sie weder diese Rolle noch diejenigen der Wagner-Opern wieder gesungen.

Ihr ganzes Zagreber Repertoire sang sie natürlich in Kroatisch. Als sie dann nach Prag engagiert wurde, musste sie alles in deutscher Sprache neu lernen. Dort spielte sie vor einem kosmopolitischen Publikum, und ihr Name wurde allmählich in anderen Ländern bekannt. Eines Abends, als sie in Prag sang, bekam sie ein Telegramm aus Wien, unterzeichnet von Bruno Walter: ob sie am folgenden Abend für eine erkrankte Aida in der Wiener Staatsoper einspringen würde? Ohne zu zaudern nahm sie an und sang die Rolle ohne Probe. Das war der Wendepunkt ihrer Karriere. Maestro Walter, beeindruckt von dieser Aufführung, fragte sie, ob sie einem Freund von ihm, Arturo Toscanini, der noch die richtige Sopranstimme für das Verdi-Requiem suchte, vorsingen würde. Innerhalb von 10 Tagen lernte Zinka Milanov das Werk. Dann stand sie zitternd auf der Bühne, als Toscanini in den Saal trat und sich setzte, ohne ein Wort an sie zu richten. Sie nahm sich zusammen und fing an; nach einigen Takten rief Toscanini „Va bene", und verließ in Eile den Saal. So wurde Milanov für ihren ersten großen Auftritt engagiert.

Kurz darauf kamen Edward Johnson und Artur Bodanzky, Direktor und Chefdirigent der Metropolitan Opera, nach Prag, um sie nach New York zu holen. Sie stellten nur zwei Bedingungen: Milanov müsste innerhalb von drei Monaten 25 Pfund abnehmen und drei Hauptrollen in Italienisch lernen. Auch das schaffte sie. Im Dezember 1937 erntete sie Lorbeeren als Leonore im „Troubadour", dann als Aida, einer ihrer Lieblingsrollen.

Seitdem ist sie in vielen Rollen an der Met gefeiert worden, wie auch in anderen Städten von Nord- und Südamerika, von San Francisco bis Buenos Aires. Außer der Rolle der Donna Anna in Mozarts „Don Giovanni" singt sie fast ausschließlich italienische Opern und hat ihre größten Erfolge als Aida, Tosca, Santuzza in „Cavalleria Rusticana", Leonora in „Die Macht des Schicksals", Amelia in „Ein Maskenball", in der Titelrolle von „La Gioconda" und nach wie vor als Leonore in „Der Troubadour". Dies sind auch die Rollen, in denen sie den Schallplattenfreunden der ganzen Welt bekanntgeworden ist.

In ihrem Auftreten, in ihren Gebärden sowie in der Fülle ihrer Stimme hat Madame Milanov viele Allüren der großen Primadonna des „goldenen Zeitalters". Im Privatleben strahle sie einen gewinnenden Charme aus, und zeigt eine entwaffnende Offenheit, zu der sich ein kühner Witz gesellt. Erst kürzlich hat sie in einem Interview uns einen Einblick in ihren bescheidenen, zugleich ernsten und zielbewussten Charakter vermittelt, indem sie sagte:

„Ich glaubte nie, dass ich solchen Erfolg haben könnte. Audi nicht, dass ich je nach Amerika kommen würde. Ich habe einfach immer mein Bestes getan; wenn der Erfolg kommen sollte, um so besser, aber ich habe nie darum gekämpft. Ich habe schwer gearbeitet, um meine natürlichen Gaben zu entwickeln, und das Übrige dem Schicksal überlassen."