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Porträt: Aurèle Nicolet

Von
Friedrich Roemer
Erschienen in der Printausgabe im
September 1961
Lesezeit ca.
Minuten

Klavier, Geige, Cello — sie sind die anerkannten Soloinstrumente. Ihre Helden werden in aller Welt gefeiert. Anders steht es mit den Blasinstrumenten. Meist bleiben sie auf ihr orchestrales Dasein beschränkt, selten erscheint ein Bläser als Stern am Solistenhimmel. Erscheint er aber, so leuchtet er um so heller. Einer dieser seltenen Sterne ist der Flötist Aurèle Nicolet.

Auch wer kein „Fachmann" ist, wem die Flöte nicht besonders liegt: auch in ihn schlägt es ein, wenn er Aurèle Nicolet spielen hört. Und der Fachmann, sei er selber Musiker, sei er Musikkritiker, er weiß, dass unsere Zeit in Nicolet eine der ganz seltenen musikalischen Hochbegabungen besitzt. Diesen Flötisten mit seinem manchmal geradezu genialen Interpretationsvermögen zu hören, ist in der Tat ein künstlerisches, aber auch ein geistiges Erlebnis — von jener aparten Art, wie man es etwa im Falle von Casals haben konnte, wie man. Es hat, wenn man die Callas hört. Das Kriterium ist dort wie hier das Unabwägbare der großen Künstlerpersönlichkeit.

Berlin hat das Glück, Aurèle Nicolet für sich gewonnen zu haben. Neun Jahre ist er, von Furtwängler entdeckt, Soloflötist der Philharmoniker gewesen. Heute teilt er sich in solistisch-künstlerische und in pädagogische Aufgaben: er ist Professor an der Hochschule für Musik.

Drei sich ergänzende, einander steigernde Momente machen Nicolets Bedeutung aus: einmal ist es die hinreißende, spontan überzeugende Individualität des Künstlers, sein unerhörtes Musikantentum. Dies geht Hand in Hand mit einer glücklichen psychophysischen Eignung gerade für die Flöte. Schließlich kommt Nicolets künstlerische Genesis hinzu, sein Heranreifen innerhalb einer bläserischen Tradition, wie sie nur in Frankreich zu Hause ist. In diesem Punkt: einer zu höchster Verfeinerung und Sensibilität gesteigerten Tradition erscheint Nicolet als das letzte Glied einer ununterbrochenen Kette. Franzosen wie der berühmte Marcel Moysc waren die Lehrer des jungen Nicolet, der schon mit zwölf Jahren öffentlich auftrat, mit 16 Jahren den ersten Preis bei einem Wettbewerb erhielt, mit 17 unter Ansermet als Solist auftrat.

So ist der in Neuchâtel geborene Französisch-Schweizer als Musiker Franzose und jüngster Exponent der unvergleichlichen französischen Bläsertradition. Sein Spiel weist ihre Merkmale auf: die völlige Besiegung des Instrumental-Technischen durch dessen Vergeistigung, dessen Aufgehen im rein Künstlerischen. Die technische Virtuosität fällt unserer Bewunderung nicht mehr als solche auf, sie wirkt wie selbstverständlich, weil sie im Akt des Musizierens aufgegangen ist. Kein Wunder, dass solch innige Verschmelzung angeborener Begabung mit lebendiger Tradition diesem einmaligen Flötisten bald internationalen Ruhm einbrachte. Der heute 35jährige hat ihn sich in vielen Ländern unter berühmten Dirigenten erworben.

Im Falle Nicolets scheint jener Höhepunkt des Flötenspiels erreicht, der in unserer Vorstellung keine Wünsche mehr offen lässt. Hört man ihn im Konzert oder von ihm bespielte Platten: man genießt den Zauber seines schönen, beseelten Tones, jene völlige Erlösung der Komposition in lebendige Musik. Sein Spiel scheint die Materie des Instruments überwunden zu haben, mühelos zieht er daraus vielfältige Wirkungen des musikalischen Ausdrucks — etwa bei Mozart, Debussy — die anderen Flötisten versagt bleiben. In all dem liegt Nicolets Einmaligkeit.

Lernt man den Menschen Nicolet kennen, diesen Mann von zierlich-wohlproportionierter Körperlichkeit, so spürt man die Harmonie seines Wesens, den Ernst seiner geschlossenen Persönlichkeit. Und man erfährt, dass ihm nicht nur die Musik als Kunst der Interpretation am Herzen liegt. Sein brennendes Interesse gilt vielmehr auch dem Lehren seiner Kunst, die er sich im pädagogischen Prozess geistig bewusst macht. Sein Lehramt beglückt ihn. Er bemüht sich, aus seiner Flötenklasse eine kleine Lebensgemeinschaft zu machen, in der sich die einzelnen durch Austausch und Wechselwirkung steigern. Er lobt sich die menschlichen Begegnungen bei der pädagogischen Arbeit. Gerade in der Berliner Musikhochschule, meint er, seien die Voraussetzungen dafür besonders günstig. Musische und menschliche Erziehung sieht er in einem.

Damit auch hängt es zusammen, dass er jede dogmatisch festgelegte Lehrmethode und Behandlung des Instrumentes ablehnt. Was der Lehrer dem Schüler geben kann, muss dieser individuell verarbeiten. Eine Methode kann für den einen richtig, für den anderen falsch sein. „Der junge Musiker muss seiner Natur vertrauen", sagt er, „und sich aus ihr heraus entwickeln." In Deutschland werde Zu viel theoretisiert, während doch die Theorie sich erst aus der Praxis des Musizierens ergeben sollte. „Alles aus dem Leben heraus, keine Abstraktion."

So lässt sich nicht nur Berlins Musikleben Zu Aurèle Nicolet beglückwünschen. Welch ein Glück ist es auch für die jungen Flötisten, die heute dort studieren, unter solch einem Meister ausgebildet zu werden.

Klavier, Geige, Cello — sie sind die anerkannten Soloinstrumente. Ihre Helden werden in aller Welt gefeiert. Anders steht es mit den Blasinstrumenten. Meist bleiben sie auf ihr orchestrales Dasein beschränkt, selten erscheint ein Bläser als Stern am Solistenhimmel. Erscheint er aber, so leuchtet er um so heller. Einer dieser seltenen Sterne ist der Flötist Aurèle Nicolet.

Auch wer kein „Fachmann" ist, wem die Flöte nicht besonders liegt: auch in ihn schlägt es ein, wenn er Aurèle Nicolet spielen hört. Und der Fachmann, sei er selber Musiker, sei er Musikkritiker, er weiß, dass unsere Zeit in Nicolet eine der ganz seltenen musikalischen Hochbegabungen besitzt. Diesen Flötisten mit seinem manchmal geradezu genialen Interpretationsvermögen zu hören, ist in der Tat ein künstlerisches, aber auch ein geistiges Erlebnis — von jener aparten Art, wie man es etwa im Falle von Casals haben konnte, wie man. Es hat, wenn man die Callas hört. Das Kriterium ist dort wie hier das Unabwägbare der großen Künstlerpersönlichkeit.

Berlin hat das Glück, Aurèle Nicolet für sich gewonnen zu haben. Neun Jahre ist er, von Furtwängler entdeckt, Soloflötist der Philharmoniker gewesen. Heute teilt er sich in solistisch-künstlerische und in pädagogische Aufgaben: er ist Professor an der Hochschule für Musik.

Drei sich ergänzende, einander steigernde Momente machen Nicolets Bedeutung aus: einmal ist es die hinreißende, spontan überzeugende Individualität des Künstlers, sein unerhörtes Musikantentum. Dies geht Hand in Hand mit einer glücklichen psychophysischen Eignung gerade für die Flöte. Schließlich kommt Nicolets künstlerische Genesis hinzu, sein Heranreifen innerhalb einer bläserischen Tradition, wie sie nur in Frankreich zu Hause ist. In diesem Punkt: einer zu höchster Verfeinerung und Sensibilität gesteigerten Tradition erscheint Nicolet als das letzte Glied einer ununterbrochenen Kette. Franzosen wie der berühmte Marcel Moysc waren die Lehrer des jungen Nicolet, der schon mit zwölf Jahren öffentlich auftrat, mit 16 Jahren den ersten Preis bei einem Wettbewerb erhielt, mit 17 unter Ansermet als Solist auftrat.

So ist der in Neuchâtel geborene Französisch-Schweizer als Musiker Franzose und jüngster Exponent der unvergleichlichen französischen Bläsertradition. Sein Spiel weist ihre Merkmale auf: die völlige Besiegung des Instrumental-Technischen durch dessen Vergeistigung, dessen Aufgehen im rein Künstlerischen. Die technische Virtuosität fällt unserer Bewunderung nicht mehr als solche auf, sie wirkt wie selbstverständlich, weil sie im Akt des Musizierens aufgegangen ist. Kein Wunder, dass solch innige Verschmelzung angeborener Begabung mit lebendiger Tradition diesem einmaligen Flötisten bald internationalen Ruhm einbrachte. Der heute 35jährige hat ihn sich in vielen Ländern unter berühmten Dirigenten erworben.

Im Falle Nicolets scheint jener Höhepunkt des Flötenspiels erreicht, der in unserer Vorstellung keine Wünsche mehr offen lässt. Hört man ihn im Konzert oder von ihm bespielte Platten: man genießt den Zauber seines schönen, beseelten Tones, jene völlige Erlösung der Komposition in lebendige Musik. Sein Spiel scheint die Materie des Instruments überwunden zu haben, mühelos zieht er daraus vielfältige Wirkungen des musikalischen Ausdrucks — etwa bei Mozart, Debussy — die anderen Flötisten versagt bleiben. In all dem liegt Nicolets Einmaligkeit.

Lernt man den Menschen Nicolet kennen, diesen Mann von zierlich-wohlproportionierter Körperlichkeit, so spürt man die Harmonie seines Wesens, den Ernst seiner geschlossenen Persönlichkeit. Und man erfährt, dass ihm nicht nur die Musik als Kunst der Interpretation am Herzen liegt. Sein brennendes Interesse gilt vielmehr auch dem Lehren seiner Kunst, die er sich im pädagogischen Prozess geistig bewusst macht. Sein Lehramt beglückt ihn. Er bemüht sich, aus seiner Flötenklasse eine kleine Lebensgemeinschaft zu machen, in der sich die einzelnen durch Austausch und Wechselwirkung steigern. Er lobt sich die menschlichen Begegnungen bei der pädagogischen Arbeit. Gerade in der Berliner Musikhochschule, meint er, seien die Voraussetzungen dafür besonders günstig. Musische und menschliche Erziehung sieht er in einem.

Damit auch hängt es zusammen, dass er jede dogmatisch festgelegte Lehrmethode und Behandlung des Instrumentes ablehnt. Was der Lehrer dem Schüler geben kann, muss dieser individuell verarbeiten. Eine Methode kann für den einen richtig, für den anderen falsch sein. „Der junge Musiker muss seiner Natur vertrauen", sagt er, „und sich aus ihr heraus entwickeln." In Deutschland werde Zu viel theoretisiert, während doch die Theorie sich erst aus der Praxis des Musizierens ergeben sollte. „Alles aus dem Leben heraus, keine Abstraktion."

So lässt sich nicht nur Berlins Musikleben Zu Aurèle Nicolet beglückwünschen. Welch ein Glück ist es auch für die jungen Flötisten, die heute dort studieren, unter solch einem Meister ausgebildet zu werden.