In Memoriam: Artur Schnabel
„Die Musik verlangt eine Unendlichkeit von Schattierungen und nicht ein stereotypes, unverändertes Klangbild, und es sind die innerlich erhorchten Vorstellungen, die Ausmaß und Gestalt dieser Nuancen regeln müssen.“

Vor nunmehr 16 Jahren hat der Pianist Artur Schnabel diese aus reicher Erfahrung und im stetigen Umgang mit der Musik erwachsenen Worte einmal vor Studenten in einem Seminar in Chicago geäußert. Der 63jährige Künstler, der nicht nur ein bewunderter Pianist, sondern ein ebenso geachteter Lehrmeister war, legte mit diesem Ausspruch so etwas wie ein musikalisches Bekenntnis ab, das uns seine Persönlichkeit erschließen hilft. Artur Schnabel war einer der Großen im Reigen der berühmten, unvergessenen Pianisten. Vollkommene Beherrschung der Technik verband sich in seinem Spiel mit absoluter musikalischer Logik und Sicherheit. Die gedankliche Geschlossenheit, die schlichte Größe und die souveräne architektonische Gliederung waren und sind Merkmale, die wir bei diesem Künstler immer wieder bewundern.
Die Schallplattenindustrie nahm bereits vor vielen Jahren Klavier werke mit Artur Schnabel auf. Zu den wertvollsten Dokumenten gehören zweifellos seine Darstellungen der fünf Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens, die ELECTROLA im Rahmen ihrer Serie „Unvergänglich — Unvergessen" herausgebracht hat. Die mit dem „Grand Prix du Disque" ausgezeichneten Aufführungen atmen jenen lauteren Geist und jene Größe, wie sie diesem Manne so sehr zu eigen waren. Mit intuitiver Wachheit und sensiblem Klangsinn erreicht Schnabel ein Höchstmaß an individueller Interpretationskunst.
Diesen in London in den ersten Nachkriegsjahren mit dem Philharmonia-Orchester produzierten Einspielungen stehen die Impromptus op. 90 und op. 142 von Franz Schubert nicht nach. Gerade bei Schubert kommt die Schnabel eigene Musizierweise besonders zum Ausdruck. Kraft und Energie seines hellhörigen Interpretentums paaren sich hier mit der Zartheit und Anmut seines Wesens.
Zehn Jahre sind am 15. August dieses Jahres vergangen, seitdem dieser Künstler uns verließ. Bücken wir noch einmal auf seine Lebensgeschichte zurück. In dem kleinen Dorf Lipnik in Polnisch-Bessarabien erblickte Schnabel 1882 das Licht der Welt. Seine Eltern erkannten frühzeitig die musikalische Begabung des Kindes und schickten ihn nach Wien, wo er schon als Sechsjähriger ausgebildet wird. Zunächst bei Prof. Schmitt, daran anschließend bis zu seinem 15. Lebensjahr bei dem berühmten Pädagogen Theodor Leschetizky. Dieser polnische Pianist und Pädagoge — Schüler von Czemy — war zu seiner Zeit ein anerkannter Privatlehrer in Wien. Harmonielehre und Kontrapunkt studierte Schnabel bei Eusebius Mandyczewski. Ihm verdankt er auch seine Begegnungen mit Johannes Brahms.
Leschetizky erkannte bald in seinem Schüler das Maß der Begabung. Schon damals sagte er ihm: „Sie werden niemals nur Pianist sein, Sie sind Musiker!" Bereits in jungen Jahren unternahm Schnabel ausgedehnte Konzerttourneen durch ganz Europa, von 1933 an auch durch die Vereinigten Staaten. Zweimal, 1927 und 1932 33, musizierte er in Berlin, wo er lange lebte und wirkte, zyklisch sämtliche Klaviersonaten Ludwig van Beethovens. 1925 übertrug man ihm eine Professur an der Berliner Musikhochschule als Leiter einer Meisterklasse, bis auch er 1933 den neuen Machthabern nicht mehr genehm war. In der Zeit seines Berliner Wirkens konzertierte der Künstler öfter in Sonatenabenden zusammen mit Carl Flesh, mit dem er später die Violinsonaten Beethovens und Mozarts herausgab. Wiederholt begleitete Schnabel damals auch die Sängerin Therese Behr, die später seine Frau wurde.
Das nationalsozialistische Regime trieb Schnabel in die Emigration. Er lebte teils in London, teils am Corner See in Italien, wo er sich in Tremozzo vor allem pädagogisch betätigte. Nach Kriegsbeginn ging der Künstler nach Amerika, das ihm während der nächsten sechs Jahre zur zweiten Heimat wurde. Wie so viele andere vor ihm fand Schnabel in den Vereinigten Staaten uneingeschränkte Gastfreundschaft und ein fruchtbares künstlerisches Echo. Nach Kriegsende kehrte er noch einmal nach Europa zurück und konzertierte u. a. in England. In Axenstein bei Luzern ereilte den Künstler 1951 der Tod.
Artur Schnabel war ein universell gebildeter Musiker. Neben dem Pianisten und Pädagogen gilt es, auch den Komponisten und Autoren zu würdigen. Wir besitzen von Schnabel eine Sinfonie (Uraufführung im Jahre 1946 in Minneapolis/USA), eine Rhapsodie für Orchester (1948 in Cleveland USA uraufgeführt), ein Klavierkonzert, Streich-Quartette und Trios, je eine Solosonate für Violine und Violoncello, sieben Klavierstücke aus dem Jahre 1937 sowie zahlreiche Gesänge. Wenig hat man hierzulande bisher über diese Musik erfahren. Die Partituren schlummern in irgendwelchen Archiven. Schnabel war ein Tonschöpfer von kühnen Ideen mit einem feinnervigen Stil. Es bleibt vor allem für die Rundfunkanstalten eine Aufgabe, diese Werke einmal zur Aufführung zu bringen.
Von den Buchveröffentlichungen des großen Pianisten seien erwähnt: „Reflections on Music" („Betrachtungen über Musik"), erschienen 1933 in Manchester (Schnabel erhielt dafür den Ehrendoktor der dortigen Universität) sowie der interessante Titel „Music and the Line of Most Resistance" („Musik und die Linie des geringsten Widerstandes").
Lassen wir zum Schluss Artur Schnabel noch einmal selber zu Wort kommen.
Ein Hörer fragte den Künstler einmal: „Glauben Sie, dass beim Klavierunterricht die technischen Fortschritte sich aus einer rein vom Musikalischen ausgehenden Arbeit ergeben sollten, oder meinen Sie, dass man die Technik für sich genommen intensiv betreiben müsste?" Schnabel: „Nein. Ich würde vielmehr zur erstgenannten Methode raten, und ich würde mich nach Möglichkeit darum bemühen, in dem Kind den schöpferischen Instinkt und Ehrgeiz freizumachen."
Vor nunmehr 16 Jahren hat der Pianist Artur Schnabel diese aus reicher Erfahrung und im stetigen Umgang mit der Musik erwachsenen Worte einmal vor Studenten in einem Seminar in Chicago geäußert. Der 63jährige Künstler, der nicht nur ein bewunderter Pianist, sondern ein ebenso geachteter Lehrmeister war, legte mit diesem Ausspruch so etwas wie ein musikalisches Bekenntnis ab, das uns seine Persönlichkeit erschließen hilft. Artur Schnabel war einer der Großen im Reigen der berühmten, unvergessenen Pianisten. Vollkommene Beherrschung der Technik verband sich in seinem Spiel mit absoluter musikalischer Logik und Sicherheit. Die gedankliche Geschlossenheit, die schlichte Größe und die souveräne architektonische Gliederung waren und sind Merkmale, die wir bei diesem Künstler immer wieder bewundern.
Die Schallplattenindustrie nahm bereits vor vielen Jahren Klavier werke mit Artur Schnabel auf. Zu den wertvollsten Dokumenten gehören zweifellos seine Darstellungen der fünf Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens, die ELECTROLA im Rahmen ihrer Serie „Unvergänglich — Unvergessen" herausgebracht hat. Die mit dem „Grand Prix du Disque" ausgezeichneten Aufführungen atmen jenen lauteren Geist und jene Größe, wie sie diesem Manne so sehr zu eigen waren. Mit intuitiver Wachheit und sensiblem Klangsinn erreicht Schnabel ein Höchstmaß an individueller Interpretationskunst.
Diesen in London in den ersten Nachkriegsjahren mit dem Philharmonia-Orchester produzierten Einspielungen stehen die Impromptus op. 90 und op. 142 von Franz Schubert nicht nach. Gerade bei Schubert kommt die Schnabel eigene Musizierweise besonders zum Ausdruck. Kraft und Energie seines hellhörigen Interpretentums paaren sich hier mit der Zartheit und Anmut seines Wesens.
Zehn Jahre sind am 15. August dieses Jahres vergangen, seitdem dieser Künstler uns verließ. Bücken wir noch einmal auf seine Lebensgeschichte zurück. In dem kleinen Dorf Lipnik in Polnisch-Bessarabien erblickte Schnabel 1882 das Licht der Welt. Seine Eltern erkannten frühzeitig die musikalische Begabung des Kindes und schickten ihn nach Wien, wo er schon als Sechsjähriger ausgebildet wird. Zunächst bei Prof. Schmitt, daran anschließend bis zu seinem 15. Lebensjahr bei dem berühmten Pädagogen Theodor Leschetizky. Dieser polnische Pianist und Pädagoge — Schüler von Czemy — war zu seiner Zeit ein anerkannter Privatlehrer in Wien. Harmonielehre und Kontrapunkt studierte Schnabel bei Eusebius Mandyczewski. Ihm verdankt er auch seine Begegnungen mit Johannes Brahms.
Leschetizky erkannte bald in seinem Schüler das Maß der Begabung. Schon damals sagte er ihm: „Sie werden niemals nur Pianist sein, Sie sind Musiker!" Bereits in jungen Jahren unternahm Schnabel ausgedehnte Konzerttourneen durch ganz Europa, von 1933 an auch durch die Vereinigten Staaten. Zweimal, 1927 und 1932 33, musizierte er in Berlin, wo er lange lebte und wirkte, zyklisch sämtliche Klaviersonaten Ludwig van Beethovens. 1925 übertrug man ihm eine Professur an der Berliner Musikhochschule als Leiter einer Meisterklasse, bis auch er 1933 den neuen Machthabern nicht mehr genehm war. In der Zeit seines Berliner Wirkens konzertierte der Künstler öfter in Sonatenabenden zusammen mit Carl Flesh, mit dem er später die Violinsonaten Beethovens und Mozarts herausgab. Wiederholt begleitete Schnabel damals auch die Sängerin Therese Behr, die später seine Frau wurde.
Das nationalsozialistische Regime trieb Schnabel in die Emigration. Er lebte teils in London, teils am Corner See in Italien, wo er sich in Tremozzo vor allem pädagogisch betätigte. Nach Kriegsbeginn ging der Künstler nach Amerika, das ihm während der nächsten sechs Jahre zur zweiten Heimat wurde. Wie so viele andere vor ihm fand Schnabel in den Vereinigten Staaten uneingeschränkte Gastfreundschaft und ein fruchtbares künstlerisches Echo. Nach Kriegsende kehrte er noch einmal nach Europa zurück und konzertierte u. a. in England. In Axenstein bei Luzern ereilte den Künstler 1951 der Tod.
Artur Schnabel war ein universell gebildeter Musiker. Neben dem Pianisten und Pädagogen gilt es, auch den Komponisten und Autoren zu würdigen. Wir besitzen von Schnabel eine Sinfonie (Uraufführung im Jahre 1946 in Minneapolis/USA), eine Rhapsodie für Orchester (1948 in Cleveland USA uraufgeführt), ein Klavierkonzert, Streich-Quartette und Trios, je eine Solosonate für Violine und Violoncello, sieben Klavierstücke aus dem Jahre 1937 sowie zahlreiche Gesänge. Wenig hat man hierzulande bisher über diese Musik erfahren. Die Partituren schlummern in irgendwelchen Archiven. Schnabel war ein Tonschöpfer von kühnen Ideen mit einem feinnervigen Stil. Es bleibt vor allem für die Rundfunkanstalten eine Aufgabe, diese Werke einmal zur Aufführung zu bringen.
Von den Buchveröffentlichungen des großen Pianisten seien erwähnt: „Reflections on Music" („Betrachtungen über Musik"), erschienen 1933 in Manchester (Schnabel erhielt dafür den Ehrendoktor der dortigen Universität) sowie der interessante Titel „Music and the Line of Most Resistance" („Musik und die Linie des geringsten Widerstandes").
Lassen wir zum Schluss Artur Schnabel noch einmal selber zu Wort kommen.
Ein Hörer fragte den Künstler einmal: „Glauben Sie, dass beim Klavierunterricht die technischen Fortschritte sich aus einer rein vom Musikalischen ausgehenden Arbeit ergeben sollten, oder meinen Sie, dass man die Technik für sich genommen intensiv betreiben müsste?" Schnabel: „Nein. Ich würde vielmehr zur erstgenannten Methode raten, und ich würde mich nach Möglichkeit darum bemühen, in dem Kind den schöpferischen Instinkt und Ehrgeiz freizumachen."



