Meister des Musicals 5. Folge
Frederick Loewe

Die Geschichte des leichten Musiktheaters kennt vier große Dioskurenpaare: Gilbert und Sullivan, Rodgers und Hart, Rodgers und Hammerstein, Lerner und Loewe. Die Zusammenarbeit des kaustischen Spotters W. S. Gilbert mit dem ernsten Komponisten Sir Arthur Sullivan führte in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zur Hochblüte der Operette in England mit ihren beißenden Satiren auf das viktorianische England. Die Zusammenarbeit des Komponisten Richard Rodgers mit den Textdichtern Lorenz Hart und Oscar Hammerstein II hat von 1920 bis 1960 ein faszinierendes Kapitel des amerikanischen „Show Business" geschrieben. Kaum jemals zuvor waren Mitarbeiter so verschieden voneinander, wie der Komponist Frederick Loewe und sein Textdichter Alan Jay Lerner, die in den Jahren 1947 bis 1960 vier farbige und phantasievolle Werke zusammen geschaffen haben.
Frederick Loewe wurde am 10. Juni 1901 geboren, und zwar, wie er selbst gerne sagt: „durch Zufall in Berlin". Seine Eltern waren beide Wiener — Vater Edmund Löwe (das „oe" kam erst mit dem amerikanischen Pass des Sohnes) war Operettentenor und Prinz Danilo in der ersten Berliner „Lustigen Witwe", Mama Rosa war Tochter eines Wiener Architekten und auch Schauspielerin. Manchmal erzählt Frederick noch heute von dem angeblichen Jugendflirt seiner Mutter mit dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand, aber ohne daraus einen Anspruch auf den Thron Österreich-Ungarn ableiten zu wollen. Der kleine „Fritz", wie man ihren Sohn nannte, spielte schon mit vier Jahren Mazurkas und Walzer auf dem Familien-Pianino, spielte mit fünf eigene Melodien und machte mit neun soviel Unfug in der Garderobe seines Vaters, dass dieser sich förmlich gezwungen fühlte, einmal in einer Varieté-Vorstellung eine Melodie Klein-Fritzchens vorzutragen. Der Ausgang war so wenig ermutigend, dass die Litern sich entschlossen, Fritz in eine Militär-Erziehungsanstalt zu stecken. Bald aber war das musikalische Talent nicht mehr zu zügeln: Fritz Löwe studierte Komposition und Klavier am Sternschen Konservatorium in Berlin, trat bereits als „Teenager" als Konzertpianist auf und schrieb im Alter von 15 Jahren seinen ersten Schlager „Kathrin, Du hast die schönsten Beine von Berlin", von dem bald 2 Millionen Kopien verkauft wurden.
Im Januar 1924 fuhr Vater Löwe auf einer Tournee nach den Vereinigten Staaten und nahm seinen Sohn mit, der nun sein Glück in der Neuen Welt versuchen wollte. Aber Frederick Loewe hatte zunächst viel weniger Glück als Fritzchen Löwe. Zunächst konnte er weder als Komponist noch als Pianist unterkommen, und seine amerikanischen Jobs boten ihm keine hundertprozentige Befriedigung: Als Boxer im Federgewicht arbeitete er solange in Rockaway Beach bei New York, bis ihn der spätere Weltmeister Tony Canzoneri in der dritten Sekunde der ersten Runde knock-out schlug. Nun versuchte er sein Glück „in a different line" und wurde zunächst Reitlehrer in einer Sommerfrische von New Hampshire und dann „berittener Briefträger" für ein Goldgräberlager in Cooke County im Staate Montana. Langsam fand er den Weg zurück zur Musik — er spielte Klavier auf einem Ausflugsdampfer zwischen Miami und Havanna („Leider wurde ich zu oft seekrank und das Publikum wurde nervös, weil ich nach jedem Refrain erbrechen musste") und in billigen Lokalen des New Yorker Künstlerviertels, auf der Dritten Avenue und im Deutschen Viertel. 1931 starb Vater Löwe und bald nachher heiratete Frederick die Tochter eines Wiener Baumeisters, Ernestine Zwerleine. In den nächsten Jahren bekam er seine erste Chance auf dem heißen Boden des Theaters in Amerika: Mit dem Textdichter Karle Crooker schrieb er das Musical „Salute to Spring" (1937), das in St. Louis nicht schlecht aufgenommen wurde, aber nie nach New York kam, und „Great Lady", das 1938 nach 17 Vorstellungen im Majestic Theater am Broadway verschied. Im Jahre 1942 fragte ihn ein Freund, oh er nicht für ein neues Theater in Detroit eine Show schreiben wolle. Am nächsten Tag saß Loewe im Künstlerklub „Lambs Club" von New York, lernte dort einen jungen Schriftsteller kennen und fragte ihn: „Wollen Sie mit mir ein Musical schreiben?" Alan Jay Lerner sagte zu und von nun an hieß es: „Lerner & Loewe".

Alan Jay Lerner entstammte einer steinreichen amerikanischen Familie: sein Vater hatte in jungen Jahren seinen Beruf als Zahnarzt an den Nagel gehängt, und es gelang ihm, mit seinen Brüdern aus einem kleinen Herren-Konfektionsladen die berühmten „Lerner Shops" zu machen, eine über ganz Amerika verstreute Gruppe von Kindermodengeschäften. Der kleine Alan wuchs in einer 17-Zimmer-Wohnung der eleganten Park Avenue von New York auf, besuchte die besten Schulen von Amerika und England (auch die Harvard-Universität zu Boston) und war eine Zeitlang Kollege von Präsident John F. Kennedy (als Broadway-Millionär sagte er kürzlich einmal: „Ich sehe ihn noch immer gelegentlich . . ."). Dann begann er zu schreiben, insbesondere Manuskripte für das Radio. Er hatte dasselbe Hobby wie Loewe: Boxen; ein unglücklicher Unfall im Boxring der Harvard-Universität kostete ihn das linke Auge. So dass er nun eines Tages im Jahre 1942 im „Lambs Club" und, als Frederick Loewe ihn fragte: „Wollen Sie mit mir ein Musical schreiben?", da sagte er: „Ja".
Ihre ersten drei gemeinsamen Werke waren nicht erfolgreich: „The life of the party" wurde in 12 Tagen geschrieben, erlebte 1942 seine Uraufführung in Detroit und kam, trotz eines beachtlichen Erfolges, nie nach New York. „ What's up" hatte 1943 einen kurzen Lauf am Broadway, „The day before spring" lief ein paar Wochen des Jahres 1945 in New York.
Der große Erfolg kam am 13. März 1947 mit der Uraufführung ihres bezaubernden Märchenspiels „Brigadoon" am Ziegfeld Theater von New York. Die Namen der beiden Autoren hatten damals noch keinen „goldenen Klang" und auch der Stoff schien nicht sehr populär — die Autoren mussten ihr Werk mehr als fünfzig Male vor Gruppen von interessierten „Engeln" (so nenne man die Theaterfinanciers in Amerika) vorspielen, bevor die Produktion unter Leitung von Cheryl Crawford gesichert war. 581 Ensuite-Vorstellungen folgten, später eine Verfilmung mit Gene Kelly und Cyd Charisse und noch heute wird das Stück allsommerlich in den „Strohhuttheatern" gespielt. Die kontinentale Uraufführung wird in meiner Version unter der Regie von Heinz Rosen an der Wiener Volksoper im Jahre 1962 stattfinden.
„Brigadoon" ist der erfundene Name eines Dorfes in Alt-Schottlind. Vor langer Zeit hat das Gebet eines frommen Mannes im Dorfe ein Wunder bewirkt: um den Unbilden der Welt zu entgehen, wurde das Dorf in einen Zauberschlaf versetzt, aus dem es nur alle hundert Jahre für einen Tag erwachen darf. Fremde dürfen, wenn sie von wahrer Liebe beseelt sind, Mitglieder von „Brigadoon" werden. Wenn aber ein Mitglied von „Brigadoon" hinaus in die Welt zieht und „Brigadoon" verlässt, dann ist der Zauber gebrochen und „Brigadoon" wird sterblich, wie jedes Dorf dieser Erde; so gebietet der Zauber. In dem Musical stoßen nun zwei junge Amerikaner von heute auf „Brigadoon", das eben wieder einen Tag seines Erwachens feiert. Der Gegensatz zwischen diesen beiden Welten füllt das Stück: der Liebende aus der modernen Welt, der mit „Brigadoon" aus Liebe in ewigen Schlaf versinkt, und der enttäuschte Liebhaber aus „Brigadoon", der das Dorf durch seine Flucht zu vernichten droht.
Agnes de Mille hatte wundervolle Tänze für das Werk geschaffen und die Musik Frederick Loewes ist reizvoll, einfallsreich und eine aparte Mischung von „Continental" und „American". Wie in den späteren Werken Loewes ist es keine Jazz-Musik, die Tonsprache ist die des herkömmlichen Orchesters — aber die aparte Verwendung schottischer Rhythmen gibt dem Ganzen Farbe und Eleganz. Besonders eindrucksvoll ist der vom Dudelsack begleitete Trauertanz, der ein Begräbnis begleitet. Der musikalische Leiter der Premiere war der emigrierte Sudetendeutsche Franz Allers, der heute als einer der hervorragendsten Broadway-Dirigenten gilt und auch die späteren Werke von „L & I." aus der Taufe gehoben hat.

Marion Bell, die Hauptdarstellerin der Uraufführung, wurde bald nachher die zweite Frau von Alan Jay Lerner (er hält heute bei der vierten, einer bildschönen Korsikanerin, die entfernt mit Napoleon verwandt ist). Gleichzeitig verlor Frederick Loewe, wie schon oft vor- und nachher, sein Herz an die zweite Besetzung (nach den unermesslichen Tantiemeneingängen der letzten Jahre vertauschte er seine Villa in Katonah bei New York gegen ein „Dream Castle" in Palm Beach, wo sein Herz für ein 25jahnges Hollywood-Starlet schlägt).
Ein Jahr später schrieb Alan Jay Lerner für Kurt Weill eine Revue aus der Geschichte Amerikas („Love life", 1948), und am 12. November 1951 erschien im Shubert Theatre von New York wieder ein Werk von Lerner mit Loewe: „Paint your wagon", blieb nur zehn Monate auf dem Spielplan, aber die künstlerische Kraft des Werkes ist bedeutend stärker als seine kommerzielle Zugkraft.
„Paint your wagon." ist die Geschichte vom „Aufstieg und Fall" einer Goldgräberstadt in Altkalifornien, 1853. Es gab alles, was man in einem richtigen „Western" erwartet; Spannung, Drama, den „Saloon" mit den Schlägereien und die billigen Varieté-Vorstellungen mit den „fandango"-Girls. Durch das Stück gingen die poetische Figur des alten Goldgräbers Ben Rumson, die hinreißenden Tänze von Agnes de Mille und eine Reihe stimmungsvoller Lieder (besonders: „I still sec Eliza") und schwungvoller Chorszenen (besonders: „There's a coach coming in"), die der berlinerische Wiener Frederick-Fritz Loewe mit großer Einfühlung und echter Inspiration geschaffen hatte. In den folgenden Jahren kam Lerners Arbeit an dem Film „An American in Paris", aber seit 1954 beschäftigten sich beide Künstler mit dem Projekt eines Musicals nach Bernard Shaws „Pygmalion". Das Resultat war einer der größten Erfolge in der Geschichte des amerikanischen Theaters — „My fair lady". Die Premiere fand, wieder unter der Leitung von Franz Allers, am 15. März 1956 im Mark Hellinger Theatre zu New York statt. Rex Harrison war hinreißend als der Londoner Phonetik-Professor Henry Higgins, und Julie Andrews gab eine unvergessliche Leistung als das arme Blumenmädchen Eliza Doolittlc, deren vulgäres „Cockney"-Englisch der Professor so lange korrigierte, bis es ihm gelingt, sein „Versuchskaninchen" in der höchsten britischen Gesellschaft als Herzogin einzuführen — der höchste Triumph seiner Wissenschaft und Kunst. Beim Erscheinen dieses Artikels läuft „MY fair lady" bereits fünfeinhalb Jahre auf dem Broadway, gleichzeitig bereisen zwei Truppen die Vereinigten Staaten, seit April 1958 läuft das Werk im „Drury Lane Theatre" von London, andere erfolgreiche Produktionen liefen in Stockholm, Amsterdam, Helsinki, Göteborg und Malmö. Die Bruttoeinnahmen werden bald 100 Millionen Dollar erreicht haben, dazu kommt noch der Welterfolg der amerikanischen Gesamtaufnahme der Premierenbesetzung.
Der Erfolg des Werkes beruht auf verschiedenen Elementen. Das Buch ist im Grunde der unveränderte „Pygmalion", wobei sich der Geist von Shaw in glücklichster Weise mit den geistvollen Gesangstexten von Lerner verbindet. Die Musik ist reizvolle Singspielmusik europäischen Stils, aber erfindungsreich und elegant-modern konzipiert. Die beiden Hauptschlager „I could have danced all night", wenn in Eliza Doolittle das erste Gefühl ihrer Zuneigung zu Professor Higgins auftaucht, und das Lied ihres Jugendfreundes „On the street where you live" sind Weltschlager geworden. Wahrend bei Shaw es unklar bleibt, ob Eliza und Higgins ein Paar werden, kehrt Eliza in der Musicalfassung zurück zu Higgins und die Schlussszenen, mit Higgins' Lied „I've grown accustomed to her face" gehören zu den besten Teilen des Werkes. Und der Reiz der versteckten Erotik dieser Handlung, bei der es im Verlaufe des Stückes zu keinem Kuss kommt, ist bezaubernd.
Im Premierejahr 1956 schrieben die beiden Autoren noch den Film „Gigi". Ihre letzte Broadway-Premiere fand im November I960 stau — „Camelot" brachte das Thema von König Arthur und seiner Tafelrunde auf die Bühne. Der berühmte Old-Vic-Schauspieler Richard Burton war König Arthur, der seine junge Gattin Guinevere (Julie Andrews) an seinen besten Freund verliert, und Lerner schrieb sein tristan-ähnliches Buch nach der bekannten Novelle „The Once and Future King" von T. H. White. Die Musik Frederick Loewes erreicht große Höhepunkte, wie in dem poetischen Lied „If I ever would leave you", in manchen Momenten pendelt sie zwischen Broadway und Bayreuth („Fritzchens Parsifal" hieß es im Broadway-Tratsch). Jedenfalls ist auch „Camelot" ein ernstes und ungewöhnliches Werk. Auf Grund des „My fair lady"~Erfolges war das Werk bereits vor der Premiere für ein Jahr ausverkauft. Lerner hat ein Stadthaus in Manhattan, Loewe seine Luxusvilla in Palm Springs, beide haben Villen an der Riviera, je eine Jacht und einen Rolls-Royce (Sportmodell, 18 000 $), Loewe kommt nicht mehr zum Telefon: „Schlechte Nachrichten will ich nicht hören — und was für gute Nachrichten können mir überhaupt noch kommen?"

Ich glaube, abschließend noch ein Wort über die Groteske des Problems des Erscheinens dieser Musicals in Deutschland erzählen zu müssen. Lern er und Loewe haben vor einigen Jahren verlautbart, dass sie „aus ideologischen Gründen" keine Aufführung ihrer Werke in deutscher Sprache oder auf deutschem Boden gestatten. Sie haben damit ihr eigene Außenpolitik gemacht, denn während Washington nach dem Krieg in Europa den „American way of life" bekannt machen wollte, haben „L & L" in unproportionierter Verkennung; wahrer Größenwerte beschlossen, dass Deutschland nicht nur mit der Zweiteilung des Reiches zu bestrafen sei, sondern auch mit der Nichtaufführung der Musicals von Lerner und Loewe. Erst als die Columbia Broadcasting Corporation, die »My fair lady" auf dem Broadway vollkommen finanziert hatte, den Autoren letzthin die Kontrolle des Werkes vollständig abkaufte, konnte ein Erscheinen in Deutschland vereinbart werden. Nun hat mein verehrter und lieber Freund Lars Schmidt, der das Werk in Skandinavien großartig produziert hat und es gemeinsam mir Hans Woelffer im Oktober 1961 in Berlin produzieren wird, das Werk für Österreich und die Schweiz gesperrt. Da ich selbst die deutschen Rechte für „Brigadoon" erworben habe und das Werk an der Wiener Volksoper starten lasse, habe ich mir einen Augenblick überlegt, ob ich „Brigadoon" nicht nun für Deutschland sperren lassen müsste? Ich habe aber eine Gipfelkonferenz mit mir selbst abgehalten —• und wünsche beiden Werken, wo immer sie erscheinen werden, den verdienten Erfolg.
In den letzten Wochen hat Frederick Loewe, der herzleidend ist, abgekündigt, dass er sich von der Bühne zurückziehen wolle — ich hoffe, dass sein Entschluss nicht endgültig ist, denn dieser einfallsreiche und feinsinnige Musiker ist noch lange nicht ausgeschrieben. Lern er wiederum hat angekündigt, dass er mit dem Komponisten Richard Rodgers, der durch den Tod von Oscar Hammerstein seinen Textdichter verloren hat, ein Musical über die Geschichte des Parfüms Chanel schreiben werde. „Rodgers and Lerner" — das nächste Dioskurenpaar des amerikanischen Musicals?
Die Geschichte des leichten Musiktheaters kennt vier große Dioskurenpaare: Gilbert und Sullivan, Rodgers und Hart, Rodgers und Hammerstein, Lerner und Loewe. Die Zusammenarbeit des kaustischen Spotters W. S. Gilbert mit dem ernsten Komponisten Sir Arthur Sullivan führte in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zur Hochblüte der Operette in England mit ihren beißenden Satiren auf das viktorianische England. Die Zusammenarbeit des Komponisten Richard Rodgers mit den Textdichtern Lorenz Hart und Oscar Hammerstein II hat von 1920 bis 1960 ein faszinierendes Kapitel des amerikanischen „Show Business" geschrieben. Kaum jemals zuvor waren Mitarbeiter so verschieden voneinander, wie der Komponist Frederick Loewe und sein Textdichter Alan Jay Lerner, die in den Jahren 1947 bis 1960 vier farbige und phantasievolle Werke zusammen geschaffen haben.
Frederick Loewe wurde am 10. Juni 1901 geboren, und zwar, wie er selbst gerne sagt: „durch Zufall in Berlin". Seine Eltern waren beide Wiener — Vater Edmund Löwe (das „oe" kam erst mit dem amerikanischen Pass des Sohnes) war Operettentenor und Prinz Danilo in der ersten Berliner „Lustigen Witwe", Mama Rosa war Tochter eines Wiener Architekten und auch Schauspielerin. Manchmal erzählt Frederick noch heute von dem angeblichen Jugendflirt seiner Mutter mit dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand, aber ohne daraus einen Anspruch auf den Thron Österreich-Ungarn ableiten zu wollen. Der kleine „Fritz", wie man ihren Sohn nannte, spielte schon mit vier Jahren Mazurkas und Walzer auf dem Familien-Pianino, spielte mit fünf eigene Melodien und machte mit neun soviel Unfug in der Garderobe seines Vaters, dass dieser sich förmlich gezwungen fühlte, einmal in einer Varieté-Vorstellung eine Melodie Klein-Fritzchens vorzutragen. Der Ausgang war so wenig ermutigend, dass die Litern sich entschlossen, Fritz in eine Militär-Erziehungsanstalt zu stecken. Bald aber war das musikalische Talent nicht mehr zu zügeln: Fritz Löwe studierte Komposition und Klavier am Sternschen Konservatorium in Berlin, trat bereits als „Teenager" als Konzertpianist auf und schrieb im Alter von 15 Jahren seinen ersten Schlager „Kathrin, Du hast die schönsten Beine von Berlin", von dem bald 2 Millionen Kopien verkauft wurden.
Im Januar 1924 fuhr Vater Löwe auf einer Tournee nach den Vereinigten Staaten und nahm seinen Sohn mit, der nun sein Glück in der Neuen Welt versuchen wollte. Aber Frederick Loewe hatte zunächst viel weniger Glück als Fritzchen Löwe. Zunächst konnte er weder als Komponist noch als Pianist unterkommen, und seine amerikanischen Jobs boten ihm keine hundertprozentige Befriedigung: Als Boxer im Federgewicht arbeitete er solange in Rockaway Beach bei New York, bis ihn der spätere Weltmeister Tony Canzoneri in der dritten Sekunde der ersten Runde knock-out schlug. Nun versuchte er sein Glück „in a different line" und wurde zunächst Reitlehrer in einer Sommerfrische von New Hampshire und dann „berittener Briefträger" für ein Goldgräberlager in Cooke County im Staate Montana. Langsam fand er den Weg zurück zur Musik — er spielte Klavier auf einem Ausflugsdampfer zwischen Miami und Havanna („Leider wurde ich zu oft seekrank und das Publikum wurde nervös, weil ich nach jedem Refrain erbrechen musste") und in billigen Lokalen des New Yorker Künstlerviertels, auf der Dritten Avenue und im Deutschen Viertel. 1931 starb Vater Löwe und bald nachher heiratete Frederick die Tochter eines Wiener Baumeisters, Ernestine Zwerleine. In den nächsten Jahren bekam er seine erste Chance auf dem heißen Boden des Theaters in Amerika: Mit dem Textdichter Karle Crooker schrieb er das Musical „Salute to Spring" (1937), das in St. Louis nicht schlecht aufgenommen wurde, aber nie nach New York kam, und „Great Lady", das 1938 nach 17 Vorstellungen im Majestic Theater am Broadway verschied. Im Jahre 1942 fragte ihn ein Freund, oh er nicht für ein neues Theater in Detroit eine Show schreiben wolle. Am nächsten Tag saß Loewe im Künstlerklub „Lambs Club" von New York, lernte dort einen jungen Schriftsteller kennen und fragte ihn: „Wollen Sie mit mir ein Musical schreiben?" Alan Jay Lerner sagte zu und von nun an hieß es: „Lerner & Loewe".

Alan Jay Lerner entstammte einer steinreichen amerikanischen Familie: sein Vater hatte in jungen Jahren seinen Beruf als Zahnarzt an den Nagel gehängt, und es gelang ihm, mit seinen Brüdern aus einem kleinen Herren-Konfektionsladen die berühmten „Lerner Shops" zu machen, eine über ganz Amerika verstreute Gruppe von Kindermodengeschäften. Der kleine Alan wuchs in einer 17-Zimmer-Wohnung der eleganten Park Avenue von New York auf, besuchte die besten Schulen von Amerika und England (auch die Harvard-Universität zu Boston) und war eine Zeitlang Kollege von Präsident John F. Kennedy (als Broadway-Millionär sagte er kürzlich einmal: „Ich sehe ihn noch immer gelegentlich . . ."). Dann begann er zu schreiben, insbesondere Manuskripte für das Radio. Er hatte dasselbe Hobby wie Loewe: Boxen; ein unglücklicher Unfall im Boxring der Harvard-Universität kostete ihn das linke Auge. So dass er nun eines Tages im Jahre 1942 im „Lambs Club" und, als Frederick Loewe ihn fragte: „Wollen Sie mit mir ein Musical schreiben?", da sagte er: „Ja".
Ihre ersten drei gemeinsamen Werke waren nicht erfolgreich: „The life of the party" wurde in 12 Tagen geschrieben, erlebte 1942 seine Uraufführung in Detroit und kam, trotz eines beachtlichen Erfolges, nie nach New York. „ What's up" hatte 1943 einen kurzen Lauf am Broadway, „The day before spring" lief ein paar Wochen des Jahres 1945 in New York.
Der große Erfolg kam am 13. März 1947 mit der Uraufführung ihres bezaubernden Märchenspiels „Brigadoon" am Ziegfeld Theater von New York. Die Namen der beiden Autoren hatten damals noch keinen „goldenen Klang" und auch der Stoff schien nicht sehr populär — die Autoren mussten ihr Werk mehr als fünfzig Male vor Gruppen von interessierten „Engeln" (so nenne man die Theaterfinanciers in Amerika) vorspielen, bevor die Produktion unter Leitung von Cheryl Crawford gesichert war. 581 Ensuite-Vorstellungen folgten, später eine Verfilmung mit Gene Kelly und Cyd Charisse und noch heute wird das Stück allsommerlich in den „Strohhuttheatern" gespielt. Die kontinentale Uraufführung wird in meiner Version unter der Regie von Heinz Rosen an der Wiener Volksoper im Jahre 1962 stattfinden.
„Brigadoon" ist der erfundene Name eines Dorfes in Alt-Schottlind. Vor langer Zeit hat das Gebet eines frommen Mannes im Dorfe ein Wunder bewirkt: um den Unbilden der Welt zu entgehen, wurde das Dorf in einen Zauberschlaf versetzt, aus dem es nur alle hundert Jahre für einen Tag erwachen darf. Fremde dürfen, wenn sie von wahrer Liebe beseelt sind, Mitglieder von „Brigadoon" werden. Wenn aber ein Mitglied von „Brigadoon" hinaus in die Welt zieht und „Brigadoon" verlässt, dann ist der Zauber gebrochen und „Brigadoon" wird sterblich, wie jedes Dorf dieser Erde; so gebietet der Zauber. In dem Musical stoßen nun zwei junge Amerikaner von heute auf „Brigadoon", das eben wieder einen Tag seines Erwachens feiert. Der Gegensatz zwischen diesen beiden Welten füllt das Stück: der Liebende aus der modernen Welt, der mit „Brigadoon" aus Liebe in ewigen Schlaf versinkt, und der enttäuschte Liebhaber aus „Brigadoon", der das Dorf durch seine Flucht zu vernichten droht.
Agnes de Mille hatte wundervolle Tänze für das Werk geschaffen und die Musik Frederick Loewes ist reizvoll, einfallsreich und eine aparte Mischung von „Continental" und „American". Wie in den späteren Werken Loewes ist es keine Jazz-Musik, die Tonsprache ist die des herkömmlichen Orchesters — aber die aparte Verwendung schottischer Rhythmen gibt dem Ganzen Farbe und Eleganz. Besonders eindrucksvoll ist der vom Dudelsack begleitete Trauertanz, der ein Begräbnis begleitet. Der musikalische Leiter der Premiere war der emigrierte Sudetendeutsche Franz Allers, der heute als einer der hervorragendsten Broadway-Dirigenten gilt und auch die späteren Werke von „L & I." aus der Taufe gehoben hat.

Marion Bell, die Hauptdarstellerin der Uraufführung, wurde bald nachher die zweite Frau von Alan Jay Lerner (er hält heute bei der vierten, einer bildschönen Korsikanerin, die entfernt mit Napoleon verwandt ist). Gleichzeitig verlor Frederick Loewe, wie schon oft vor- und nachher, sein Herz an die zweite Besetzung (nach den unermesslichen Tantiemeneingängen der letzten Jahre vertauschte er seine Villa in Katonah bei New York gegen ein „Dream Castle" in Palm Beach, wo sein Herz für ein 25jahnges Hollywood-Starlet schlägt).
Ein Jahr später schrieb Alan Jay Lerner für Kurt Weill eine Revue aus der Geschichte Amerikas („Love life", 1948), und am 12. November 1951 erschien im Shubert Theatre von New York wieder ein Werk von Lerner mit Loewe: „Paint your wagon", blieb nur zehn Monate auf dem Spielplan, aber die künstlerische Kraft des Werkes ist bedeutend stärker als seine kommerzielle Zugkraft.
„Paint your wagon." ist die Geschichte vom „Aufstieg und Fall" einer Goldgräberstadt in Altkalifornien, 1853. Es gab alles, was man in einem richtigen „Western" erwartet; Spannung, Drama, den „Saloon" mit den Schlägereien und die billigen Varieté-Vorstellungen mit den „fandango"-Girls. Durch das Stück gingen die poetische Figur des alten Goldgräbers Ben Rumson, die hinreißenden Tänze von Agnes de Mille und eine Reihe stimmungsvoller Lieder (besonders: „I still sec Eliza") und schwungvoller Chorszenen (besonders: „There's a coach coming in"), die der berlinerische Wiener Frederick-Fritz Loewe mit großer Einfühlung und echter Inspiration geschaffen hatte. In den folgenden Jahren kam Lerners Arbeit an dem Film „An American in Paris", aber seit 1954 beschäftigten sich beide Künstler mit dem Projekt eines Musicals nach Bernard Shaws „Pygmalion". Das Resultat war einer der größten Erfolge in der Geschichte des amerikanischen Theaters — „My fair lady". Die Premiere fand, wieder unter der Leitung von Franz Allers, am 15. März 1956 im Mark Hellinger Theatre zu New York statt. Rex Harrison war hinreißend als der Londoner Phonetik-Professor Henry Higgins, und Julie Andrews gab eine unvergessliche Leistung als das arme Blumenmädchen Eliza Doolittlc, deren vulgäres „Cockney"-Englisch der Professor so lange korrigierte, bis es ihm gelingt, sein „Versuchskaninchen" in der höchsten britischen Gesellschaft als Herzogin einzuführen — der höchste Triumph seiner Wissenschaft und Kunst. Beim Erscheinen dieses Artikels läuft „MY fair lady" bereits fünfeinhalb Jahre auf dem Broadway, gleichzeitig bereisen zwei Truppen die Vereinigten Staaten, seit April 1958 läuft das Werk im „Drury Lane Theatre" von London, andere erfolgreiche Produktionen liefen in Stockholm, Amsterdam, Helsinki, Göteborg und Malmö. Die Bruttoeinnahmen werden bald 100 Millionen Dollar erreicht haben, dazu kommt noch der Welterfolg der amerikanischen Gesamtaufnahme der Premierenbesetzung.
Der Erfolg des Werkes beruht auf verschiedenen Elementen. Das Buch ist im Grunde der unveränderte „Pygmalion", wobei sich der Geist von Shaw in glücklichster Weise mit den geistvollen Gesangstexten von Lerner verbindet. Die Musik ist reizvolle Singspielmusik europäischen Stils, aber erfindungsreich und elegant-modern konzipiert. Die beiden Hauptschlager „I could have danced all night", wenn in Eliza Doolittle das erste Gefühl ihrer Zuneigung zu Professor Higgins auftaucht, und das Lied ihres Jugendfreundes „On the street where you live" sind Weltschlager geworden. Wahrend bei Shaw es unklar bleibt, ob Eliza und Higgins ein Paar werden, kehrt Eliza in der Musicalfassung zurück zu Higgins und die Schlussszenen, mit Higgins' Lied „I've grown accustomed to her face" gehören zu den besten Teilen des Werkes. Und der Reiz der versteckten Erotik dieser Handlung, bei der es im Verlaufe des Stückes zu keinem Kuss kommt, ist bezaubernd.
Im Premierejahr 1956 schrieben die beiden Autoren noch den Film „Gigi". Ihre letzte Broadway-Premiere fand im November I960 stau — „Camelot" brachte das Thema von König Arthur und seiner Tafelrunde auf die Bühne. Der berühmte Old-Vic-Schauspieler Richard Burton war König Arthur, der seine junge Gattin Guinevere (Julie Andrews) an seinen besten Freund verliert, und Lerner schrieb sein tristan-ähnliches Buch nach der bekannten Novelle „The Once and Future King" von T. H. White. Die Musik Frederick Loewes erreicht große Höhepunkte, wie in dem poetischen Lied „If I ever would leave you", in manchen Momenten pendelt sie zwischen Broadway und Bayreuth („Fritzchens Parsifal" hieß es im Broadway-Tratsch). Jedenfalls ist auch „Camelot" ein ernstes und ungewöhnliches Werk. Auf Grund des „My fair lady"~Erfolges war das Werk bereits vor der Premiere für ein Jahr ausverkauft. Lerner hat ein Stadthaus in Manhattan, Loewe seine Luxusvilla in Palm Springs, beide haben Villen an der Riviera, je eine Jacht und einen Rolls-Royce (Sportmodell, 18 000 $), Loewe kommt nicht mehr zum Telefon: „Schlechte Nachrichten will ich nicht hören — und was für gute Nachrichten können mir überhaupt noch kommen?"

Ich glaube, abschließend noch ein Wort über die Groteske des Problems des Erscheinens dieser Musicals in Deutschland erzählen zu müssen. Lern er und Loewe haben vor einigen Jahren verlautbart, dass sie „aus ideologischen Gründen" keine Aufführung ihrer Werke in deutscher Sprache oder auf deutschem Boden gestatten. Sie haben damit ihr eigene Außenpolitik gemacht, denn während Washington nach dem Krieg in Europa den „American way of life" bekannt machen wollte, haben „L & L" in unproportionierter Verkennung; wahrer Größenwerte beschlossen, dass Deutschland nicht nur mit der Zweiteilung des Reiches zu bestrafen sei, sondern auch mit der Nichtaufführung der Musicals von Lerner und Loewe. Erst als die Columbia Broadcasting Corporation, die »My fair lady" auf dem Broadway vollkommen finanziert hatte, den Autoren letzthin die Kontrolle des Werkes vollständig abkaufte, konnte ein Erscheinen in Deutschland vereinbart werden. Nun hat mein verehrter und lieber Freund Lars Schmidt, der das Werk in Skandinavien großartig produziert hat und es gemeinsam mir Hans Woelffer im Oktober 1961 in Berlin produzieren wird, das Werk für Österreich und die Schweiz gesperrt. Da ich selbst die deutschen Rechte für „Brigadoon" erworben habe und das Werk an der Wiener Volksoper starten lasse, habe ich mir einen Augenblick überlegt, ob ich „Brigadoon" nicht nun für Deutschland sperren lassen müsste? Ich habe aber eine Gipfelkonferenz mit mir selbst abgehalten —• und wünsche beiden Werken, wo immer sie erscheinen werden, den verdienten Erfolg.
In den letzten Wochen hat Frederick Loewe, der herzleidend ist, abgekündigt, dass er sich von der Bühne zurückziehen wolle — ich hoffe, dass sein Entschluss nicht endgültig ist, denn dieser einfallsreiche und feinsinnige Musiker ist noch lange nicht ausgeschrieben. Lern er wiederum hat angekündigt, dass er mit dem Komponisten Richard Rodgers, der durch den Tod von Oscar Hammerstein seinen Textdichter verloren hat, ein Musical über die Geschichte des Parfüms Chanel schreiben werde. „Rodgers and Lerner" — das nächste Dioskurenpaar des amerikanischen Musicals?



