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Lovro von Matacic

Von
Walter Gluth
Erschienen in der Printausgabe im
Oktober 1961
Lesezeit ca.
Minuten

Er hat schon an vielen Musikstätten der Welt von sich reden gemacht. Der gebürtige Kroate Lovro von Matacic tritt in Frankfurt als neuer Operndirektor und Leiter der Museumskonzerte das künstlerische Erbe eines nicht minder prominenten Mannes an, der jetzt an der berühmten Londoner Covent Garden Opera wirkt: Georg Solti. Er war es, der in Frankfurt manche Jahre fruchtbaren Wirkens verbracht hatte. In der Tat weht im Frankfurter Opernhaus seit einigen Wochen ein neuer, frischer Wind. Lovro von Matacic hat sich grolle Ziele gesetzt. Er will ein Repertoire auf lange Sicht vorbereiten. Das verspricht einiges. Das neue Gesicht lässt sich heute noch nicht in allen Zügen überblicken. Janaceks „Jenufa", deren Premiere am 29. September das eigentliche Debüt des neuen Opernchefs war, hat einen ersten Eindruck davon, vermittelt, was Lovro von Matacic sich vorgenommen hat, was er zu leisten vermag.

Wir plauderten in der Pause vor einer Orchesterprobe mit dem prominenten Dirigenten. Er erzählte uns einiges Aufschlussreiche über die heutige Situation der Oper und über seine allgemeinen Vorstellungen von der Arbeit im neuen Hause: „Ich bin ein Gegner des Systems der sogenannten ,Chefoper‘, d. h. dass der ,Chef‘ nur m Erscheinung tritt mit ausgewählten Stücken, die endlos lange geprobt werden und sich natürlich vorteilhaft gegenüber den gewöhnlichen Repertoirestücken abheben. Ich bin vielmehr der Meinung, dass der betreffende Generalmusikdirektor, wie man es in Wien nennt, mit ins Repertoire ,einsteigen' muss. Auch vielleicht einmal ohne Orchesterprobe Schon deshalb, um das Ensemble in die Hand zu bekommen. Selbstverständlich sollen auch die anderen Dirigenten des Hauses Opern mitdirigieren, die sonst nur dem ,Chef‘ vorbehalten waren. Dieses System hat sich in Wien sehr bewährt."

Was verspricht die kommende Saison in Frankfurt? Lovro von Matacic behält sieh für die jetzt begonnene Spielzeit außer seiner Tätigkeit an der Wiener Staatsoper und Gastspielen in anderen Städten wie Berlin und Rom einige Aufführungen vor. So u. a. die „Meistersinger" (Regie: Arno Assmann), die „Zauberflöte" (hier führt der „Chef" auch die Regie) sowie zum Ende der Saison eine Neuinszenierung des „Rheingold". Unter seiner musikalischen Leitung werden außerdem die Ballette „Othello" von Boris Blacher, „Orphée " von Igor Strawinsky, „Carmina burana" und Orffs „Catulli carmina" stehen sowie die Uraufführung der Oper „Alkestiade" der amerikanischen Komponist in Louise Talmann (nach dem Stoff von Thornton Wilder). Zum Wagner-Jubiläum in der nächsten Spielzeit ist ferner eine Neueinstudierung des gesamten „Ringes" vorgesehen. Neben den Museumskonzerten will Matacic außerdem für den italienischen Rundfunk (RAI) acht Konzerte dirigieren. Ein beachtliches Programm. Wenn man dem vitalen 59er gegenübersitzt, glaubt man, dass er vieles zu leisten vermag. Tatkraft und Energie sprechen ebenso aus seinen Gesten und Worten wie musikalische Leidenschaft. Matacic kennt die Gefahren allzu großer Zersplitterung, der gerade heute ein „Reisedirigent", der von Stadt zu Stadt mit dem Flugzeug eilt, ausgesetzt ist. Ein wenig betrüblich ist auch seine Feststellung: „Das Ensemble-Theater hat seit der Erfindung der modernen Verkehrsmaschinen aufgehört zu bestehen. Jedes große Theater ist heute mehr oder weniger ein Taubenschlag ..." Wohin man auch kommt, so meint der Dirigent, ob in Rom, Chicago oder Wien, trifft man bei großen Aufführungen die sogenannte Spitzengarnitur. Ein Hans Hotter oder eine Birgit Nilsson, ein Mario del Monaco oder eine Jean Madeira sind überall zu Gast. Der Künstler bringt diese unvermeidliche Tatsache auf die Formel: „Was ist dem Publikum lieber? Leute zu seilen und zu hören, die nirgends gefragt und immer da sind? Oder die sogenannte Spitzenklasse, die auf der internationalen Börse zählt ...?" Überschauen wir noch den Lebensweg dieses Dirigenten. Fiume (Kroatien) ist die Heimat Lovro von Matacics. Sein Vater war k. u. k. Bezirkshauptmann. Mit neun Jahren schickt er seinen Jungen nach Wien, wo er Sängerknabe wird. Er studiert dort später Orgel, Klavier, Komposition und Dirigieren. Seine Lehrmeister sind Prof. Herbst und Oscar Nedbal. 1916 beginnt seine Karriere am Kölner Opernhaus. Nach dem 1. Weltkrieg und der Auflösung der Donau-Monarchie geht Matacic wieder in seine jugoslawische Heimat zurück. Er wird Dirigent in Novi Sad (1919), später in Laibach (1924—1926). Von „der Pike auf" lernt er den Theaterbetrieb kennen. Seine erste größere Aufgabe in Laibach: Janaceks „Jenufa". Zagreb heißt die nächste Station. Im Jahre 1936 schließlich ereilt ihn der ehrenvolle Ruf, Generalmusikdirektor in Belgrad zu werden. Schon in dieser Zeit entfaltet Matacic eine ausgedehnte Gastspieltätigkeit.

Nach dem 2. Weltkrieg wirkt der Künstler zunächst in Skoplje (Jugoslawien), wo er das dortige Musikleben aufbaut und die Oper nach den Kriegs wirren reorganisiert. Im Jahre 1954 schließt Maracic dann einen Exklusiv-Vertrag mit der englischen Schallplatten- Gesellschaft Columbia, für die er zahlreiche Aufnahmen einspielt. 195& Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden und der Berliner Staatsoper, hat ihn sein Weg nach verschiedenen weiteren Stationen jetzt nach Frankfurt geführt. Maracic ist glücklich, sich jetzt an ein so traditionsreiches Haus gebunden zu haben.

Frankfurt gewinnt in Lovro von Matacic einen hervorragenden Orchesterleiter und Chef des Opernhauses. Ein Dirigent, der sich in Bayreuth (1959, Lohengrin), Mailand (1956) sowie in Neapel, Palermo, Rom, Berlin und Wien verdient gemacht hat, verspricht auch in Frankfurt dem Musikleben, insbesondere der Frankfurter Oper, neue Impulse zu verleihen.

Es bleibt indessen abzuwarten, welche Wünsche und Hoffnungen sich erfüllen, welche Ziele realisiert werden können. Denn auch jeder noch so prominente Künstler ist schließlich nur ein Mensch, der seine Kräfte bei einem so vielfältigen Aufgabenkreis besonders zielbewusst und genau einsetzen muss. Nicht zuletzt verlangt die künstlerische Leitung eines großen Opernhauses wie Frankfurt „einen ganzen Mann". Unsere herzlichen Wünsche gelten daher dem Dirigenten Lovro von Matacic zu seinem neuen Amt!

Er hat schon an vielen Musikstätten der Welt von sich reden gemacht. Der gebürtige Kroate Lovro von Matacic tritt in Frankfurt als neuer Operndirektor und Leiter der Museumskonzerte das künstlerische Erbe eines nicht minder prominenten Mannes an, der jetzt an der berühmten Londoner Covent Garden Opera wirkt: Georg Solti. Er war es, der in Frankfurt manche Jahre fruchtbaren Wirkens verbracht hatte. In der Tat weht im Frankfurter Opernhaus seit einigen Wochen ein neuer, frischer Wind. Lovro von Matacic hat sich grolle Ziele gesetzt. Er will ein Repertoire auf lange Sicht vorbereiten. Das verspricht einiges. Das neue Gesicht lässt sich heute noch nicht in allen Zügen überblicken. Janaceks „Jenufa", deren Premiere am 29. September das eigentliche Debüt des neuen Opernchefs war, hat einen ersten Eindruck davon, vermittelt, was Lovro von Matacic sich vorgenommen hat, was er zu leisten vermag.

Wir plauderten in der Pause vor einer Orchesterprobe mit dem prominenten Dirigenten. Er erzählte uns einiges Aufschlussreiche über die heutige Situation der Oper und über seine allgemeinen Vorstellungen von der Arbeit im neuen Hause: „Ich bin ein Gegner des Systems der sogenannten ,Chefoper‘, d. h. dass der ,Chef‘ nur m Erscheinung tritt mit ausgewählten Stücken, die endlos lange geprobt werden und sich natürlich vorteilhaft gegenüber den gewöhnlichen Repertoirestücken abheben. Ich bin vielmehr der Meinung, dass der betreffende Generalmusikdirektor, wie man es in Wien nennt, mit ins Repertoire ,einsteigen' muss. Auch vielleicht einmal ohne Orchesterprobe Schon deshalb, um das Ensemble in die Hand zu bekommen. Selbstverständlich sollen auch die anderen Dirigenten des Hauses Opern mitdirigieren, die sonst nur dem ,Chef‘ vorbehalten waren. Dieses System hat sich in Wien sehr bewährt."

Was verspricht die kommende Saison in Frankfurt? Lovro von Matacic behält sieh für die jetzt begonnene Spielzeit außer seiner Tätigkeit an der Wiener Staatsoper und Gastspielen in anderen Städten wie Berlin und Rom einige Aufführungen vor. So u. a. die „Meistersinger" (Regie: Arno Assmann), die „Zauberflöte" (hier führt der „Chef" auch die Regie) sowie zum Ende der Saison eine Neuinszenierung des „Rheingold". Unter seiner musikalischen Leitung werden außerdem die Ballette „Othello" von Boris Blacher, „Orphée " von Igor Strawinsky, „Carmina burana" und Orffs „Catulli carmina" stehen sowie die Uraufführung der Oper „Alkestiade" der amerikanischen Komponist in Louise Talmann (nach dem Stoff von Thornton Wilder). Zum Wagner-Jubiläum in der nächsten Spielzeit ist ferner eine Neueinstudierung des gesamten „Ringes" vorgesehen. Neben den Museumskonzerten will Matacic außerdem für den italienischen Rundfunk (RAI) acht Konzerte dirigieren. Ein beachtliches Programm. Wenn man dem vitalen 59er gegenübersitzt, glaubt man, dass er vieles zu leisten vermag. Tatkraft und Energie sprechen ebenso aus seinen Gesten und Worten wie musikalische Leidenschaft. Matacic kennt die Gefahren allzu großer Zersplitterung, der gerade heute ein „Reisedirigent", der von Stadt zu Stadt mit dem Flugzeug eilt, ausgesetzt ist. Ein wenig betrüblich ist auch seine Feststellung: „Das Ensemble-Theater hat seit der Erfindung der modernen Verkehrsmaschinen aufgehört zu bestehen. Jedes große Theater ist heute mehr oder weniger ein Taubenschlag ..." Wohin man auch kommt, so meint der Dirigent, ob in Rom, Chicago oder Wien, trifft man bei großen Aufführungen die sogenannte Spitzengarnitur. Ein Hans Hotter oder eine Birgit Nilsson, ein Mario del Monaco oder eine Jean Madeira sind überall zu Gast. Der Künstler bringt diese unvermeidliche Tatsache auf die Formel: „Was ist dem Publikum lieber? Leute zu seilen und zu hören, die nirgends gefragt und immer da sind? Oder die sogenannte Spitzenklasse, die auf der internationalen Börse zählt ...?" Überschauen wir noch den Lebensweg dieses Dirigenten. Fiume (Kroatien) ist die Heimat Lovro von Matacics. Sein Vater war k. u. k. Bezirkshauptmann. Mit neun Jahren schickt er seinen Jungen nach Wien, wo er Sängerknabe wird. Er studiert dort später Orgel, Klavier, Komposition und Dirigieren. Seine Lehrmeister sind Prof. Herbst und Oscar Nedbal. 1916 beginnt seine Karriere am Kölner Opernhaus. Nach dem 1. Weltkrieg und der Auflösung der Donau-Monarchie geht Matacic wieder in seine jugoslawische Heimat zurück. Er wird Dirigent in Novi Sad (1919), später in Laibach (1924—1926). Von „der Pike auf" lernt er den Theaterbetrieb kennen. Seine erste größere Aufgabe in Laibach: Janaceks „Jenufa". Zagreb heißt die nächste Station. Im Jahre 1936 schließlich ereilt ihn der ehrenvolle Ruf, Generalmusikdirektor in Belgrad zu werden. Schon in dieser Zeit entfaltet Matacic eine ausgedehnte Gastspieltätigkeit.

Nach dem 2. Weltkrieg wirkt der Künstler zunächst in Skoplje (Jugoslawien), wo er das dortige Musikleben aufbaut und die Oper nach den Kriegs wirren reorganisiert. Im Jahre 1954 schließt Maracic dann einen Exklusiv-Vertrag mit der englischen Schallplatten- Gesellschaft Columbia, für die er zahlreiche Aufnahmen einspielt. 195& Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden und der Berliner Staatsoper, hat ihn sein Weg nach verschiedenen weiteren Stationen jetzt nach Frankfurt geführt. Maracic ist glücklich, sich jetzt an ein so traditionsreiches Haus gebunden zu haben.

Frankfurt gewinnt in Lovro von Matacic einen hervorragenden Orchesterleiter und Chef des Opernhauses. Ein Dirigent, der sich in Bayreuth (1959, Lohengrin), Mailand (1956) sowie in Neapel, Palermo, Rom, Berlin und Wien verdient gemacht hat, verspricht auch in Frankfurt dem Musikleben, insbesondere der Frankfurter Oper, neue Impulse zu verleihen.

Es bleibt indessen abzuwarten, welche Wünsche und Hoffnungen sich erfüllen, welche Ziele realisiert werden können. Denn auch jeder noch so prominente Künstler ist schließlich nur ein Mensch, der seine Kräfte bei einem so vielfältigen Aufgabenkreis besonders zielbewusst und genau einsetzen muss. Nicht zuletzt verlangt die künstlerische Leitung eines großen Opernhauses wie Frankfurt „einen ganzen Mann". Unsere herzlichen Wünsche gelten daher dem Dirigenten Lovro von Matacic zu seinem neuen Amt!