Porträt: George London
Erschienen im FONO FORUM im Oktober 1961

Übertrieben ausgedrückt: George London wäre beinahe arbeitslos geworden. Als wir uns auf dem Bayreuther Hügel unterhielten, am Tage nach seiner letzten „Holländer"-Aufführung, kurz vor der Abreise nach München zu „Don Giovanni"-Proben, war gerade bekanntgeworden, dass die New Yorker Metropolitan Opera ihre Pforten für die neue Saison nicht öffnen würde. Intendant Bing sei nicht willens und in der Lage, die Lohnforderungen der Musikergewerkschaft zu erfüllen. Da George London in erster Linie, sozusagen „hauptberuflich" Mitglied der Met ist, betrafen ihn diese bestürzenden Nachrichten ganz unmittelbar. Seine Meinung dazu war eindeutig. „Die amerikanische Regierung muss mehr für die Kunst tun! Die Erhaltung der Met ist im ideologischen Kampf um die Repräsentation kultureller Güter doch schließlich eine Prestigefrage allerersten Ranges." Nur wenige Senatoren im Weißen Haus hätten Verständnis dafür; vielleicht läge es daran, dass Amerika keine künstlerische Tradition im europäischen Sinne habe. Nun — unterdessen wissen wir, dass die amerikanische Regierung im Lohn streit wenigstens vermittelt hat, dass der Vorhang der Met doch wieder aufgehen wird, dass also auch George London in der Wintersaison 1961/62 in New Yorks weltberühmtem Opernhaus singen wird, die vier Bösewichtsrollen in „Hoffmanns Erzählungen", den Amonasro, den Scarpia . . .
Natürlich wäre George London auch dann nicht arbeitslos geworden, wenn die Met geschlossen geblieben wäre. Gehört er doch auch in der Alten Welt zu den begehrtesten Opernsängern, gibt es doch auch hier keine große Bühne, die sich nicht um ihn reißen würde. Auf George London hatten es besonders die Stuttgarter Oper, wo er neulich mit der Tebaldi in „Tosca" sang, und die Kölner Oper abgesehen.
George London stammt aus Kanada, er wurde in Montreal geboren. Sem Studium absolvierte er in Los Angeles. Sehr bescheiden begann er hier auch seine Karriere. Alles, was sich ihm anbot, sang er: im Film, in der Operette und dann auch im Oratorium. 1946 wurde er für zwei Spielzeiten als Konzertsänger nach New York verpflichtet. Auch kleine Opernaufgaben wurden damals schon an ihn herangetragen. Seine große europäische Laufbahn begann 1949 in Wien. Im nächsten Jahr folgte das Glyndebourne-Festival. Das Jahr 1951 war dann für seine Zukunft entscheidend; denn zwei wichtige Engagements sollten von hier an wesentlich seine Zukunft bestimmen: die Verpflichtungen zu den ersten Nachkriegs-Festspielen in Bayreuth und an die Metropolitan Opera New York. Auf dem Hügel begann er mit dem Amfortas, drüben mit Amonasro. Bayreuth sowohl wie New York ist er seitdem treu geblieben.
George London ist aber keineswegs nur ein Wagner- und Verdibariton (dass er dies beides in gleicher Vollendung ist, gäbe ihm schon genug Bedeutung). Er ist auch ein Spezialist für die großen russischen Partien, für den Onegin, den Fürst Igor und vor allem für den Boris. Diese Mussorgsky-Partie ist seine Lieblingsrolle, und es gehört deshalb zu den Höhepunkten seines bisherigen Lebens, als er diesen Boris Godunow 1960 in Moskau sang. Das war die Erfüllung eines seiner sehnlichsten Wünsche. Er war übrigens der erste Ausländer, der je diese große Schaljapin-Partie in Russland sang. Er hat dafür extra Russisch gelernt, um im Moskauer Ensemble in der Originalsprache singen zu können. „So bombastisch und überladen die Bühnenausstattung dorr auch war, so verstaub: mir das zunächst auch vorkam — es war eines meiner größten Erlebnisse und einer meiner größten Erfolge."
George London ist der Typ des ausgesprochen intelligenten Sängers, der sich nicht mit schönem Gesang begnügt, sondern dem es vor allem auch um die dramatische Wahrheit auf der Bühne geht, um den Kern der Gestalt, die er singend darzustellen hat. Er ist bekannt dafür, dass er selbst die eigenwilligsten Regieanweisungen im Handumdrehen faszinierend ausführt (sein „Kein Problem, Herr Wagner!" ist auf der Bayreuther Probebühne bereits sprichwörtlich geworden!). Entscheidend ist ihm das Werk selbst. Solange hier das, was auszudrücken notwendig wird, in der „schönen Gesangslinie" vorgezeichnet ist, gibt es für ihn eben auch kein darstellerisches Problem. Die „schöne Linie" findet der italienisch geschulte Belcantist London auch bei Wagner, eine Empfindung, die heute fast selbstverständlich ist, die man aber vor sechzig, siebzig Jahren noch absurd fand. George London findet sie aber nicht m der modernen Musik — und deshalb singt er sie nicht. Das ist sehr überraschend; denn George London ist ganz ohne Zweifel ein hellwacher, moderner Mensch. Doch musikalisch ist das „Modernste", was er noch gelten lässt (und deshalb auch gesungen hat), Bartoks „Herzog Blaubart".
London ist übrigens sehr vorsichtig, was die Erweiterung seines Repertoires selbst im gewohnten Fach anbelangt. Obwohl er seit zehn Jahren das Leid und die ekstatischen Ausbrüche des Gralskönigs Amfortas singt, obwohl er fast ebenso lange einer der überwältigendsten Holländer ist, hat er auf der Bühne noch niemals den Wotan gesungen. Im Frühjahr 1962 beginnt er m Köln unter Wieland Wagner und Sawallisch mit dem „Rheingold"-Wotan und will sieh dann allmählich „Walküre" und „Siegfried" dazu erarbeiten, szenisch dazu erarbeiten, was er vorher musikalisch natürlich schon tat, etwa für Schallplatten (den „Walküren"-Wotan singt er für RCA im Herbst ein, zusammen mit Birgit Nilsson als Brünnhiide). Auch den Sachs hat George London noch nicht verkörpert, so sehr ihn diese Aufgabe auch jetzt schon reizt. Diese Zurückhaltung in der Übernahme neuer Partien zeugt von dem ungemeinen Verantwortungsbewusstsein, mit dem dieser große Künstler seinen eigenen Reifeprozess überwacht.
Augenblicke wie jenes „Wann alle Toten auferstehen" im Holländer-Monolog, das in Londons Interpretation etwas von der Unbezwingbarkeit der Posaunen des Jüngsten Gerichts hat, sind Beweis genug, dass dieser Sänger schon heute als Heldenbariton kaum seinesgleichen hat. Schallplattenaufnahmen von den Sachs-Monologen oder von Wotans Abschied, Partien also, die noch nicht zu seinen Bühnenrollen gehören, lassen ermessen, was von diesem Künstler noch zu erwarten ist. Die Wandlungsfähigkeit seines männlichen, markigen Organs ist immer wieder aufs neue überraschend und überwältigend — man höre nur die mit liebevoller Zärtlichkeit gesungene Stelle in Sachsens Wahnmonolog „Ein Glühwurm fand sein Weibchen nicht"! Der „Test" George Londons fällt vollends zugunsten des Sängers aus, wenn man erfährt, dass trotz Vorliebe für den Boris, trotz der Berühmtheit im Wagner- und Verdi-Heldenfach die Hinneigung zu Mozart über allem triumphiert: „Wenn ich mich je für eine Oper vor allen anderen 7,u entscheiden hätte, dann wäre es ,Don Giovanni'!"
Übertrieben ausgedrückt: George London wäre beinahe arbeitslos geworden. Als wir uns auf dem Bayreuther Hügel unterhielten, am Tage nach seiner letzten „Holländer"-Aufführung, kurz vor der Abreise nach München zu „Don Giovanni"-Proben, war gerade bekanntgeworden, dass die New Yorker Metropolitan Opera ihre Pforten für die neue Saison nicht öffnen würde. Intendant Bing sei nicht willens und in der Lage, die Lohnforderungen der Musikergewerkschaft zu erfüllen. Da George London in erster Linie, sozusagen „hauptberuflich" Mitglied der Met ist, betrafen ihn diese bestürzenden Nachrichten ganz unmittelbar. Seine Meinung dazu war eindeutig. „Die amerikanische Regierung muss mehr für die Kunst tun! Die Erhaltung der Met ist im ideologischen Kampf um die Repräsentation kultureller Güter doch schließlich eine Prestigefrage allerersten Ranges." Nur wenige Senatoren im Weißen Haus hätten Verständnis dafür; vielleicht läge es daran, dass Amerika keine künstlerische Tradition im europäischen Sinne habe. Nun — unterdessen wissen wir, dass die amerikanische Regierung im Lohn streit wenigstens vermittelt hat, dass der Vorhang der Met doch wieder aufgehen wird, dass also auch George London in der Wintersaison 1961/62 in New Yorks weltberühmtem Opernhaus singen wird, die vier Bösewichtsrollen in „Hoffmanns Erzählungen", den Amonasro, den Scarpia . . .
Natürlich wäre George London auch dann nicht arbeitslos geworden, wenn die Met geschlossen geblieben wäre. Gehört er doch auch in der Alten Welt zu den begehrtesten Opernsängern, gibt es doch auch hier keine große Bühne, die sich nicht um ihn reißen würde. Auf George London hatten es besonders die Stuttgarter Oper, wo er neulich mit der Tebaldi in „Tosca" sang, und die Kölner Oper abgesehen.
George London stammt aus Kanada, er wurde in Montreal geboren. Sem Studium absolvierte er in Los Angeles. Sehr bescheiden begann er hier auch seine Karriere. Alles, was sich ihm anbot, sang er: im Film, in der Operette und dann auch im Oratorium. 1946 wurde er für zwei Spielzeiten als Konzertsänger nach New York verpflichtet. Auch kleine Opernaufgaben wurden damals schon an ihn herangetragen. Seine große europäische Laufbahn begann 1949 in Wien. Im nächsten Jahr folgte das Glyndebourne-Festival. Das Jahr 1951 war dann für seine Zukunft entscheidend; denn zwei wichtige Engagements sollten von hier an wesentlich seine Zukunft bestimmen: die Verpflichtungen zu den ersten Nachkriegs-Festspielen in Bayreuth und an die Metropolitan Opera New York. Auf dem Hügel begann er mit dem Amfortas, drüben mit Amonasro. Bayreuth sowohl wie New York ist er seitdem treu geblieben.
George London ist aber keineswegs nur ein Wagner- und Verdibariton (dass er dies beides in gleicher Vollendung ist, gäbe ihm schon genug Bedeutung). Er ist auch ein Spezialist für die großen russischen Partien, für den Onegin, den Fürst Igor und vor allem für den Boris. Diese Mussorgsky-Partie ist seine Lieblingsrolle, und es gehört deshalb zu den Höhepunkten seines bisherigen Lebens, als er diesen Boris Godunow 1960 in Moskau sang. Das war die Erfüllung eines seiner sehnlichsten Wünsche. Er war übrigens der erste Ausländer, der je diese große Schaljapin-Partie in Russland sang. Er hat dafür extra Russisch gelernt, um im Moskauer Ensemble in der Originalsprache singen zu können. „So bombastisch und überladen die Bühnenausstattung dorr auch war, so verstaub: mir das zunächst auch vorkam — es war eines meiner größten Erlebnisse und einer meiner größten Erfolge."
George London ist der Typ des ausgesprochen intelligenten Sängers, der sich nicht mit schönem Gesang begnügt, sondern dem es vor allem auch um die dramatische Wahrheit auf der Bühne geht, um den Kern der Gestalt, die er singend darzustellen hat. Er ist bekannt dafür, dass er selbst die eigenwilligsten Regieanweisungen im Handumdrehen faszinierend ausführt (sein „Kein Problem, Herr Wagner!" ist auf der Bayreuther Probebühne bereits sprichwörtlich geworden!). Entscheidend ist ihm das Werk selbst. Solange hier das, was auszudrücken notwendig wird, in der „schönen Gesangslinie" vorgezeichnet ist, gibt es für ihn eben auch kein darstellerisches Problem. Die „schöne Linie" findet der italienisch geschulte Belcantist London auch bei Wagner, eine Empfindung, die heute fast selbstverständlich ist, die man aber vor sechzig, siebzig Jahren noch absurd fand. George London findet sie aber nicht m der modernen Musik — und deshalb singt er sie nicht. Das ist sehr überraschend; denn George London ist ganz ohne Zweifel ein hellwacher, moderner Mensch. Doch musikalisch ist das „Modernste", was er noch gelten lässt (und deshalb auch gesungen hat), Bartoks „Herzog Blaubart".
London ist übrigens sehr vorsichtig, was die Erweiterung seines Repertoires selbst im gewohnten Fach anbelangt. Obwohl er seit zehn Jahren das Leid und die ekstatischen Ausbrüche des Gralskönigs Amfortas singt, obwohl er fast ebenso lange einer der überwältigendsten Holländer ist, hat er auf der Bühne noch niemals den Wotan gesungen. Im Frühjahr 1962 beginnt er m Köln unter Wieland Wagner und Sawallisch mit dem „Rheingold"-Wotan und will sieh dann allmählich „Walküre" und „Siegfried" dazu erarbeiten, szenisch dazu erarbeiten, was er vorher musikalisch natürlich schon tat, etwa für Schallplatten (den „Walküren"-Wotan singt er für RCA im Herbst ein, zusammen mit Birgit Nilsson als Brünnhiide). Auch den Sachs hat George London noch nicht verkörpert, so sehr ihn diese Aufgabe auch jetzt schon reizt. Diese Zurückhaltung in der Übernahme neuer Partien zeugt von dem ungemeinen Verantwortungsbewusstsein, mit dem dieser große Künstler seinen eigenen Reifeprozess überwacht.
Augenblicke wie jenes „Wann alle Toten auferstehen" im Holländer-Monolog, das in Londons Interpretation etwas von der Unbezwingbarkeit der Posaunen des Jüngsten Gerichts hat, sind Beweis genug, dass dieser Sänger schon heute als Heldenbariton kaum seinesgleichen hat. Schallplattenaufnahmen von den Sachs-Monologen oder von Wotans Abschied, Partien also, die noch nicht zu seinen Bühnenrollen gehören, lassen ermessen, was von diesem Künstler noch zu erwarten ist. Die Wandlungsfähigkeit seines männlichen, markigen Organs ist immer wieder aufs neue überraschend und überwältigend — man höre nur die mit liebevoller Zärtlichkeit gesungene Stelle in Sachsens Wahnmonolog „Ein Glühwurm fand sein Weibchen nicht"! Der „Test" George Londons fällt vollends zugunsten des Sängers aus, wenn man erfährt, dass trotz Vorliebe für den Boris, trotz der Berühmtheit im Wagner- und Verdi-Heldenfach die Hinneigung zu Mozart über allem triumphiert: „Wenn ich mich je für eine Oper vor allen anderen 7,u entscheiden hätte, dann wäre es ,Don Giovanni'!"



