Archiv

George Szell und das Cleveland Orchester

Von
Everett Helm
Erschienen in der Printausgabe im
November 1961
Lesezeit ca.
Minuten
George Szell
George Szell

Einmal sprach man von den „vier großen" Orchestern der Vereinigten Staaten und meinte damit die von New York, Boston, Chicago und Philadelphia. Das waren jahrzehntelang die unbestritten Besten. In den letzten Jahren hat sich aber ein fünftes zu dem Kreis der „großen" gesellt: Das Cleveland Orchestra, dessen Dirigent George Szell ist.

Als George Szell 1946 nach Cleveland kam, fand er ein gutes, sogar sehr gutes Orchester vor, das sich schon einen anerkannten Platz im amerikanischen Musikleben erworben hatte. Das aber genügte ihm nicht. Systematisch verbesserte und vergrößerte er das Personal. Von 85 Mitgliedern ist das Orchester inzwischen auf 104 angewachsen. Gleichzeitig begann er, dem Orchester seine Idee der musikalischen Vollkommenheit beizubringen, die immer stärker das Spiel dieser Organisation charakterisiert. Technische Vollkommenheit — das ist für ihn die unentbehrliche Basis: das A, aber keineswegs das O. „Schlampiges Spielen findet nicht statt", könnte sein Motto sein. Selbstverständlich sind die richtigen Noten, aber auch das Zusammenspiel, die Phrasierung, die dynamische Schattierung, und vieles andere mehr — all das muss hundertprozentig stimmen. Dann aber kommt das wirklich Entscheidende: die Musikalität, ohne die die Musik nur „Noten" bleibt.

Es hat Szell viel Mühe und Zeit gekostet, bis er seine Vorstellungen realisieren konnte, nämlich technische Perfektion und musikalisches Verständnis das jetzige ideale Gleichgewicht erreichen zu lassen. Es wird manchmal — wenn auch nur indirekt — behauptet, dass Gefühl und technische Vollkommenheit so gut wie unvereinbar sind. Man verzeiht manche Ungenauigkeit, wenn ein Orchester mit „Gefühl" spielt. Dieser Meinung tritt Szell entschieden entgegen. Für ihn darf weder das eine noch das andere fehlen. „Schlampereien" duldet er unter keinen Umständen. Allmählich hat er es dahingebracht, dass sein Orchester mit Exaktheit, mit musikalischer Einsicht, mit jenem e s p r i r und mit der Hingabe spielt, für die es inzwischen in der ganzen Welt berühmt wurde. So konnte ein führender Londoner Kritiker schreiben: „Sie spielen mit der liebevollen Spontaneität eines europäischen Orchesters, sowie mit jener Disziplin, jenem -verfeinerten Klang und jener Einheit des Ensembles, die den amerikanischen Orchestern eigen ist."

Wenn man versuchen würde, das Spiel und den Klang des Cleveland Orchesters zu charakterisieren, könnte man das Wort „aristokratisch" verwenden — und zwar im besten Sinne. Der Klang ist durchsichtig, doch immer vollblütig; brillant, ohne dass die Brillanz als Selbstzweck gepflegt wird. Verblüffend sind die Homogenität des Klanges in allen Tonlagen und der äußerst feine Ausgleich zwischen den verschiedenen Instrumentengruppen. Bemerkenswert ist auch die stilistische Virtuosität des Orchesters. Wenn es Berlioz spielt, klingt es ganz, anders als bei einer Manier-Aufführung; und die Leichtigkeit seines mit Recht berühmten Mozart-Spieles kontrastiert mit dem dunkleren Klang, den es bei Brahms erreicht. Szell hat sein Orchester so erzogen, dass es fast automatisch seinen Klang sowie seinen Aufführungsstil je nach dem betreffenden Stück „umschaltet".

Severance Hall. Hier konzertiert das Cleveland Orchester

Im Jahre 1958 feierte das Cleveland Orchester seinen vierzigsten Geburtstag. Es ist einen weiten Weg gegangen von den bescheidenen Anfingen im Jahre 1918. Die ersten Konzerte wurden in einer riesigen Halle, einem Zeughaus, abgehalten, das eigentlich zum Drill des Militärs diente. Der Dirigent war der russische Amerikaner Nikolai Sokoloff, der in Kiew geboren wurde, aber schon als Kind nach Amerika kam. Er studierte Violine und Geige und zeichnete sich als vortrefflicher Musiker aus. Mit 17 Jahren wurde er als Geiger an das Bostoner Orchester verpflichtet, dessen Dirigent zu jenem Zeitpunkt der große Karl Muck war. So erwarb sich Sokoloff die praktische Erfahrung, die ihm beim Aufbau seines neugegründeten Orchesters sehr zugute kam. Ihm gelang es, das Orchester am Leben zu erhalten und aus ihm eine bleibende Organisation zu machen.

Dies war allerdings nicht der erste Versuch in dieser Richtung. Um die spezifische kulturelle Situation Clevelands zu verstehen, muss man kurz einen Blick auf die Geschichte dieser Stadt werfen. Sie ist ein spätgeborenes Kind unter den amerikanischen Großstädten und hat eine ganz eigenartige Vergangenheit, die sich stark von der anderer Städte unterscheidet.

Der Drang nach dem Westen, der im 19. Jahrhundert zur Erschließung des ganzen Kontinents führte, ließ Cleveland ziemlich abseits liegen. Seine geographische Lage spicke dabei eine wesentliche Rolle, denn die Stadt liegt an der nördlichen Grenze des Staates Ohio, am Erie-See, einem der fünf „Großen Seen". Das gegenüberliegende Ufer gehört schon zu Kanada. Wahrend sich der südliche Teil des Staates Ohio relativ früh entwickelte, vor allem dank der Wichtigkeit des Ohio-Flusses, der damals ein Hauptverkehrsmittel war, blieb der ganze nördliche Teil in jeder Hinsicht, auch kulturell, zurück.

Im Jahre 1850 zählte Cincinnati schon 115 000 Einwohner und nannte sich mit Recht „Queen city of ehe West". Cleveland dagegen war ein „größeres Dorf" mit 19 000 Menschen. Heute ist es umgekehrt — Cincinnati hat 450000, Cleveland fast eine Million Einwohner.

Der Aufschwung der Stadt Cleveland setzte bereits in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein, und in den darauffolgenden drei Jahrzehnten wuchs die Zahl der Bevölkerung sowie der Wohlstand dieser Gegend in verblüffendem Tempo. Allmählich wurde die Schifffahrt auf den „Großen Seen" immer bedeutender, und Cleveland wurde zu einer führenden Hafenstadt, wo auch Werften für den Schiffsbau entstanden. 1859 wurde Oel im Nachbarstaat Pennsylvania entdeckt, und Cleveland war der richtig gelegene Ort, dieses Oel zu verarbeiten, das von dort aus direkt auf Schiffe verladen werden konnte. Auch das Eisenerz aus dem westlich liegenden Staat Minnesota konnte leicht nach Cleveland gebracht werden; ebenfalls die Kohle aus Pennsylvania. So wurde Cleveland bald zu einem Zentrum der Stahlproduktion, die viele andere Industriezweige mit sich brachte.

Wie immer, folgte dieser materiellen Prosperität eine entsprechende kulturelle Entwicklung, die sieh zuerst langsam, dann aber immer rascher durchsetzte. Gastspiele großer Künstler, Orchester und Operntruppen wurden immer häufiger. Einheimische Musikorganisationen wurden gegründet: 1871 das erste Konservatorium; 1873 der erste große Chor. Sogar ein Orchester wurde 1881 ins Leben gerufen. Es nannte sich die Cleveland Philharmonie. Aber nach etwa neun Jahren beendete es seine Existenz. Die Zeit war noch nicht reif.

Dies hängt zum großen Teil von der besonderen Zusammensetzung der Bevölkerung dieser Stadt ab. Wenn es je einen Schmelztiegel gegeben hat, dann ist es Cleveland. Vor und um 1848 kamen hauptsächlich Neu-Engländer und Deutsche, die einen soliden Grundstein für spätere Entwicklungen legten. In der 2. Hälfte des Jahrhunderts waren es vielmehr Böhmen, Polen, Jugoslawen und Italiener, die sich dort ansiedelten — Emigranten aus den niedrigeren ökonomischen Schichten Zentral-Europas, die in den Cleveländer Industrien Schwerarbeit leisteten. Auch hatte die Stadt bald ein sehr großes Negerviertel. Die soziologischen Voraussetzungen Clevelands waren infolgedessen verschieden von denen anderer Städte — oder sagen wir lieber, die Zeit der Assimilierung der neuen Amerikaner dauerte hier länger.

Aus diesen Gründen blieb Cleveland während fast dreier Jahrzehnte ohne ein eigenes Sinfonieorchester. Das will aber keineswegs heißen, dass keine Konzerte stattfanden. Im Frühjahr 1893 wurde ein Orchesterfestspiel veranstaltet, wobei die Boston er und New Yorker Orchester gastierten und das Metropolitan Opernorchester, unter Mitwirkung von 16 Solisten, Szenen aus Wagner-Opern aufführte. Und später kamen alljährlich nicht weniger als sechs Orchester (aus New York, Boston, Philadelphia, Cincinnati, Chicago und Pittsburgh), um Gastkonzerte zu geben.

Die Gründung des Cleveland Orchesters ist zum großen Teil das Werk einer bemerkenswerten Frau — Adella Prentiss (später Mrs. Hughes), die seit der Jahrhundertwende aktiven Anteil am Musikleben Clevelands nahm. Wie es in den Vereinigten Staaten oft der Fall ist, erreichte Mrs. Hughes ihr Ziel über eine Organisation, der führende Bürger angehörten, die „Musical Arts Association", die für die erste Saison bürgte.

George Szell dirigiert „sein“ Orchester

Mrs. Hughes hatte Nikolai Sokoloff in Cincinnati dirigieren sehen und war von seiner Begabung überzeugt. So wurde er als erster Dirigent des Cleveland Orchesters engagiert. Das ursprüngliche Ensemble bestand aus 57 Mitgliedern, einer Zahl, die im Laufe der Tätigkeit Sokoloffs auf beinahe 80 erhöht wurde. Nach den ersten zwei Spielzeiten übersiedelte das Orchester in ein besseres, aber immer noch unzulängliches Haus, wo es bis 1931 blieb. In diesem Jahr zog es endlich in sein ständiges Heim — Severance Hall, ein Geschenk des Philanthropen John Long Scverance an das Orchester. Die Kosten dieses im Innern ausnehmend schönen Gebäudes, das zum Gedenken an die verstorbene Frau des Stifters erbaut wurde, betrugen damals drei Millionen Dollar; heute wäre es wohl das Doppelte. Der Zuschauerraum ist attraktiv und die Akustik grenzt an Vollkommenheit. Da das ganze Gebäude dem Orchester gehört, gibt es nie Schwierigkeiten mit dem Festsetzen der Proben, wie es in manchen Städten der Fall ist, in denen der Konzertsaal auch anderen Zwecken dienen muss.

Um den Konzertsaal noch geeigneter für Schallplattenaufnahmen zu machen, wurde 1958 die Bühne nach den neuesten akustischen Erkenntnissen umgebaut. Von dem klangabsorbierenden Material wurde viel weggenommen und man konstruierte eine permanente Hall-Schale. Gleichzeitig wurden die Klangeigenschaften von Bühne und Zuschauerraum in eine engere Beziehung gebracht. Szell hat selbst die ganze Umgestaltung der Halle in Zusammenarbeit mit Heinrich Kelholz (Hamburg), einem der führenden Akustiker der Welt, überwacht. Nikolai Sokoloff blieb 15 Jahre lang Leiter des Cleveland Orchesters. 1933 wurde der in Split (Jugoslawien) geborene Dirigent Artur Rodzinski sein Nachfolger. Während der 10 Jahre seiner Tätigkeit erwarb sich das Orchester einen Platz unter den zehn oder zwölf führenden Klangkörpern der Vereinigten Staaten. Dieser begabte, wenn auch launische und hartnäckige Maestro war der erste, der konzertante Aufführungen von Opern im Konzertsaal brachte, darunter die amerikanische Premiere von Schostakowitchs sensationellem Bühnenwerk „Lady Macbeth von Msensk".

Allmählich aber tauchten Unstimmigkeiten zwischen Rodzinski, den Orchestermusikern und dem künstlerischen Beirat auf, die Rodzinskis letzte drei Jahre ziemlich unerfreulich machten. 1943 wurde er nach New York berufen, wo er fast vier Jahre lang als erster Dirigent blieb. Mitten in der vierten Spielzeit aber kam es auch dort zum offenen Konflikt wegen der Eigenwilligkeiten Rodzinskis, und er wurde zum Rücktritt gezwungen. Danach übernahm er als künstlerischer Leiter das Chicagoer Sinfonie-Orchester, und wiederum gab es Streit mit dem Management —diesmal nach nur wenigen Monaten. Daraufhin verließ Rodzinski Amerika und kehrte nach Europa zurück.

Während dreier Jahre war Erich Leinsdorf, der jetzige Dirigent des Bostoner Sinfonieorchesters, der nominelle Leiter des Cleveland Orchesters. Bald aber wurde er in die amerikanische Armee eingezogen, und bis Ende des Krieges sah man eine Reihe von Gastdirigenten in Cleveland.

Unter diesen Umständen hätten sich die Cleveländer keinen besseren Mann holen können als George Szell, einen Künstler mit großer Erfahrung und eine starke Persönlichkeit. Szell schickte sich an, das halb verluderte Orchester wieder in Schuss zu bringen. Nicht nur das gelang ihm. Unter Szell ist das Cleveland Orchester zu einem der großen Klangkörper geworden. Darüber schrieb neulich ein Londoner Kritiker: „Der Abend war ein einziger Triumph für das Cleveland Orchester und für Herrn -Szell, den bewundernswerten Musiker, der es seit 1946 geleitet hat. Man hat noch nie ein besseres Orchester in der Festival Hall gehört, und ich bezweifle, ob man irgendwo anders Besseres hören kann."

George Szell ist tschechischer Abstammung; er wurde 1897 in Budapest geboren und übersiedelte mit seinen Eltern nach Wien, als er erst drei Jahre alt war. Als kleiner Bub begann er Klavier zu studieren und zu komponieren. Mit elf Jahren führte er als Solist sein „Rondo für Klavier und Orchester" mit den Wiener Sinfonikern auf. Sem Klavierlehrer war Richard Robert, Kompositionsunterricht nahm er bei J. B. Foerster, später auch bei Mandyczewski und Max Reger. Mit 16 Jahren trat er zum ersten Male als Dirigent auf, und zwar in einem Sommerkonzert der Wiener Sinfoniker in Bad Kissingen, als der ständige Dirigent erkrankte. Im folgenden Jahr dirigierte er das Berliner Philharmonische Orchester in seiner eigenen Sinfonie und spielte auch Beethovens Es-dur- Konzert, eines der anspruchsvollsten Werke der gesamten Klavierliteratur.

Richard Strauss hörte den jungen Mann und empfahl ihn für den Dirigentenposten am Stadttheater in Straßburg, wo er ein Jahr tätig war. Dann dirigierte er zwei Jahre lang an der Deutschen Oper in Prag, verbrachte ein Jahr in Darmstadt und zwei in Düsseldorf. 1924 ging er als Dirigent an die Staatsoper nach Berlin, wo er sechs Jahre lang blieb. Dort wirkte er auch als Lehrer an der Berliner Hochschule für Musik und als Dirigent des Berliner Rundfunkorchesters.

Inzwischen hatte er sich einen Namen in verschiedenen Ländern gemacht, darunter in Russland, England und den Vereinigten Staaten, wo er 1930 zum ersten Male als Gastdirigent des St. Louis Sinfonieorchesters auftrat. 1937 bis 1939 war er Chefdirigent des Schottischen Sinfonieorchesters in Glasgow; gleichzeitig des Residentie-Orchesters in Den Haag.

Bei Ausbruch des Krieges war Szell in New York, und er entschloss sich, in Amerika zu bleiben. Zunächst nahm er einen Lehrauftrag an der Mannes School of Music an. Im März 1941 wurde er von Arturo Toscanini eingeladen, dessen NBC-Orchester zu dirigieren, und praktisch über Nacht wurde Szell in Amerika zu einer Berühmtheit. Der Erfolg seiner NBC-Konzerte war so groß, dass ihm daraufhin Gastengagements mit den Orchestern von Boston, New York Philharmonie, Chicago, Los Angeles, Detroit und Cleveland angeboten wurden. Auch war er zwischen 1942 und 1946 ständiger Dirigent der Metropolitan Opera, wo er mustergültige Aufführungen von Salome, Rosenkavalier, Tannhäuser, Meistersinger, Don Giovanni, Othello und dem geschlossenen Ring der Nibelungen zustande brachte.

Seit seiner Berufung nach Cleveland hat Szell sich geweigert, Gastengagements anzunehmen, die seine Arbeit „zuhause" beeinträchtigen könnten. Dies ist sicherlich eins der „Geheimnisse" des unübertrefflichen Spiels seines Orchesters. Trotzdem tritt er regelmäßig als Gastdirigent mit anderen amerikanischen Orchestern auf, auch dirigiert er während seiner Winterferien das Concertgebouw Orchester in Amsterdam und hat oh bei den Salzburger Festspielen mitgewirkt.

Die regelmäßige Saison des Cleveland Orchesters dauert 30 Wochen. Eine zusätzliche Woche, die von der Kulas-Stiftung finanziert wird, ist ausschließlich Jugend-Konzerten gewidmet. Dazu kommen verschiedene außerordentliche Konzerte, vor allem für diejenigen gedacht, die in den meist ausverkauften Abonnementskonzerten keinen Platz finden. In diesen Extrakonzerten werden oft solche großen Werke wie Beethovens „Missa Solemnis", Bachs h-moll-Messe, Haydns „Schöpfung" und Berlioz1 Requiem aufgeführt, wobei der Chor des Cleveland Orchesters mitwirkt. Es war nämlich die glänzende Idee von Szell, einen ständigen Chor ins Leben zu rufen, der mit dem Orchester eng liiert sein sollte. Als Leiter dieses Chores hat er Robert Shaw, einen der besten Chordirigenten Amerikas, gewonnen. Mr. Shaw ist ebenfalls der „Associate Conduetor" des Orchesters und übernimmt jedes Jahr eine Anzahl von den außergewöhnlichen Konzerten.

Neben den anspruchsvolleren Abonnementskonzerten spielt das Cleveland Orchester eine Reihe von „Twillght Concerts", die Sonntag nachmittags stattfinden und die eine leichtere, jedoch keineswegs billige Kost anbieten.

Acht Sommerwochen lang spielt das Orchester unter verschiedenen Gastdirigenten eine Reihe von „Pops Concerts" — Volkskonzerte könnte man sie nennen. Diese finden in einem riesigen Raum in der Stadthalle statt. Auch dies bedeutet für die Orchestermitglieder, deren Verträge nur auf die eigentliche Spielzeit bezogen sind, eine zusätzliche Beschäftigung und ein zusätzliches Einkommen. Dasselbe gilt für die Schallplattenaufnahmen, die unter den besten Bedingungen in Severance Hall gemacht werden; der Saal ist mit den neuesten technischen Ausrüstungen versehen, auch für Stereo-Aufnahmen. Bis 1955 erschienen die Platten des Cleveland Orchesters bei Columbia (USA). Seit 1955 hat das Orchester einen Vertrag mit der Firma „Epic", die in Europa durch Philips vertreten ist.

Bei den Schallplattenaufnahmen versucht Szell soweit wie möglich „konzertmäßig" zu spielen, d. h., er nimmt große Strecken, vorzugsweise ganze Sätze, an einem Stück auf, vermeidet Unterbrechungen und Bandmanipulationen, die den Schwung und die große Linie einer Aufführung vernichten können. In dieser Ansicht stimmt er mit vielen eminenten Künstlern überein, die sich vor der kalten Vollkommenheit der künstlich zusammengesetzten Wiedergabe mehr und mehr wehren. Lieber ein paar kleine Fehler als eine Aufführung, die nie stattfand. Aber bei dem Cleveland Orchester gibt es keine Fehler, fürwahr. Das ist der Grundsatz des Perfektionisten George Szell.

Das Repertoire des Cleveland Orchesters ist groß. Natürlicherweise bilden die Klassiker — und vor allem die Wiener — den Kern. Auch die tschechische Musik ist vertreten. Man höre sich nur die herrliche Aufführung der 5. Dvorak-Sinfonie an, um festzustellen, warum sie als hervorragende Interpretation und Schallplattenwiedergabe dieses Werkes gepriesen wird.

1957 kam Szell mit dem Cleveland Orchester nach Europa und erlebte einen geradezu triumphalen Erfolg. Das Orchester kam herüber als „kultureller Botschafter" des amerikanischen Außenministeriums und spielte in 40 Tagen 29 Konzerte. Die Tournee begann in Brüssel und ging weiter über London, Madrid, Lissabon, Bordeaux, Berlin, Basel, Genf, Paris, Wien und Warschau — mit vielen Zwischenstationen. Von den vielen Lobeshymnen, die in der europäischen Presse erschienen sind, seien nur zwei zitiert: In der Pariser Zeitung „Le Monde" las man: „Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich eine solche Vollkommenheit nie erlebt habe." Und in dem Brüsseler „Le Soir" hieß es: „Ein gewaltiges Orchester — eines der besten, die ich je gehört habe . . . jedes Orchestermitglied scheint ein Virtuose zu sein." Der Brüsseler Kritiker hat sich nicht getäuscht. Jedes Mitglied des Cleveland Orchesters spielt mit dem musikalischen Impuls eines Solisten, jedoch spielen alle 104 zusammen wie ein einziger Organismus. Das ist das Geheimnis ihres Welterfolges. Aber das größte Geheimnis, wie man ein Orchester dazu bringt — das liegt bei Szell — oder besser ausgedrückt, das ist Szell.

Einmal sprach man von den „vier großen" Orchestern der Vereinigten Staaten und meinte damit die von New York, Boston, Chicago und Philadelphia. Das waren jahrzehntelang die unbestritten Besten. In den letzten Jahren hat sich aber ein fünftes zu dem Kreis der „großen" gesellt: Das Cleveland Orchestra, dessen Dirigent George Szell ist.

Als George Szell 1946 nach Cleveland kam, fand er ein gutes, sogar sehr gutes Orchester vor, das sich schon einen anerkannten Platz im amerikanischen Musikleben erworben hatte. Das aber genügte ihm nicht. Systematisch verbesserte und vergrößerte er das Personal. Von 85 Mitgliedern ist das Orchester inzwischen auf 104 angewachsen. Gleichzeitig begann er, dem Orchester seine Idee der musikalischen Vollkommenheit beizubringen, die immer stärker das Spiel dieser Organisation charakterisiert. Technische Vollkommenheit — das ist für ihn die unentbehrliche Basis: das A, aber keineswegs das O. „Schlampiges Spielen findet nicht statt", könnte sein Motto sein. Selbstverständlich sind die richtigen Noten, aber auch das Zusammenspiel, die Phrasierung, die dynamische Schattierung, und vieles andere mehr — all das muss hundertprozentig stimmen. Dann aber kommt das wirklich Entscheidende: die Musikalität, ohne die die Musik nur „Noten" bleibt.

Es hat Szell viel Mühe und Zeit gekostet, bis er seine Vorstellungen realisieren konnte, nämlich technische Perfektion und musikalisches Verständnis das jetzige ideale Gleichgewicht erreichen zu lassen. Es wird manchmal — wenn auch nur indirekt — behauptet, dass Gefühl und technische Vollkommenheit so gut wie unvereinbar sind. Man verzeiht manche Ungenauigkeit, wenn ein Orchester mit „Gefühl" spielt. Dieser Meinung tritt Szell entschieden entgegen. Für ihn darf weder das eine noch das andere fehlen. „Schlampereien" duldet er unter keinen Umständen. Allmählich hat er es dahingebracht, dass sein Orchester mit Exaktheit, mit musikalischer Einsicht, mit jenem e s p r i r und mit der Hingabe spielt, für die es inzwischen in der ganzen Welt berühmt wurde. So konnte ein führender Londoner Kritiker schreiben: „Sie spielen mit der liebevollen Spontaneität eines europäischen Orchesters, sowie mit jener Disziplin, jenem -verfeinerten Klang und jener Einheit des Ensembles, die den amerikanischen Orchestern eigen ist."

Wenn man versuchen würde, das Spiel und den Klang des Cleveland Orchesters zu charakterisieren, könnte man das Wort „aristokratisch" verwenden — und zwar im besten Sinne. Der Klang ist durchsichtig, doch immer vollblütig; brillant, ohne dass die Brillanz als Selbstzweck gepflegt wird. Verblüffend sind die Homogenität des Klanges in allen Tonlagen und der äußerst feine Ausgleich zwischen den verschiedenen Instrumentengruppen. Bemerkenswert ist auch die stilistische Virtuosität des Orchesters. Wenn es Berlioz spielt, klingt es ganz, anders als bei einer Manier-Aufführung; und die Leichtigkeit seines mit Recht berühmten Mozart-Spieles kontrastiert mit dem dunkleren Klang, den es bei Brahms erreicht. Szell hat sein Orchester so erzogen, dass es fast automatisch seinen Klang sowie seinen Aufführungsstil je nach dem betreffenden Stück „umschaltet".

Severance Hall. Hier konzertiert das Cleveland Orchester

Im Jahre 1958 feierte das Cleveland Orchester seinen vierzigsten Geburtstag. Es ist einen weiten Weg gegangen von den bescheidenen Anfingen im Jahre 1918. Die ersten Konzerte wurden in einer riesigen Halle, einem Zeughaus, abgehalten, das eigentlich zum Drill des Militärs diente. Der Dirigent war der russische Amerikaner Nikolai Sokoloff, der in Kiew geboren wurde, aber schon als Kind nach Amerika kam. Er studierte Violine und Geige und zeichnete sich als vortrefflicher Musiker aus. Mit 17 Jahren wurde er als Geiger an das Bostoner Orchester verpflichtet, dessen Dirigent zu jenem Zeitpunkt der große Karl Muck war. So erwarb sich Sokoloff die praktische Erfahrung, die ihm beim Aufbau seines neugegründeten Orchesters sehr zugute kam. Ihm gelang es, das Orchester am Leben zu erhalten und aus ihm eine bleibende Organisation zu machen.

Dies war allerdings nicht der erste Versuch in dieser Richtung. Um die spezifische kulturelle Situation Clevelands zu verstehen, muss man kurz einen Blick auf die Geschichte dieser Stadt werfen. Sie ist ein spätgeborenes Kind unter den amerikanischen Großstädten und hat eine ganz eigenartige Vergangenheit, die sich stark von der anderer Städte unterscheidet.

Der Drang nach dem Westen, der im 19. Jahrhundert zur Erschließung des ganzen Kontinents führte, ließ Cleveland ziemlich abseits liegen. Seine geographische Lage spicke dabei eine wesentliche Rolle, denn die Stadt liegt an der nördlichen Grenze des Staates Ohio, am Erie-See, einem der fünf „Großen Seen". Das gegenüberliegende Ufer gehört schon zu Kanada. Wahrend sich der südliche Teil des Staates Ohio relativ früh entwickelte, vor allem dank der Wichtigkeit des Ohio-Flusses, der damals ein Hauptverkehrsmittel war, blieb der ganze nördliche Teil in jeder Hinsicht, auch kulturell, zurück.

Im Jahre 1850 zählte Cincinnati schon 115 000 Einwohner und nannte sich mit Recht „Queen city of ehe West". Cleveland dagegen war ein „größeres Dorf" mit 19 000 Menschen. Heute ist es umgekehrt — Cincinnati hat 450000, Cleveland fast eine Million Einwohner.

Der Aufschwung der Stadt Cleveland setzte bereits in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein, und in den darauffolgenden drei Jahrzehnten wuchs die Zahl der Bevölkerung sowie der Wohlstand dieser Gegend in verblüffendem Tempo. Allmählich wurde die Schifffahrt auf den „Großen Seen" immer bedeutender, und Cleveland wurde zu einer führenden Hafenstadt, wo auch Werften für den Schiffsbau entstanden. 1859 wurde Oel im Nachbarstaat Pennsylvania entdeckt, und Cleveland war der richtig gelegene Ort, dieses Oel zu verarbeiten, das von dort aus direkt auf Schiffe verladen werden konnte. Auch das Eisenerz aus dem westlich liegenden Staat Minnesota konnte leicht nach Cleveland gebracht werden; ebenfalls die Kohle aus Pennsylvania. So wurde Cleveland bald zu einem Zentrum der Stahlproduktion, die viele andere Industriezweige mit sich brachte.

Wie immer, folgte dieser materiellen Prosperität eine entsprechende kulturelle Entwicklung, die sieh zuerst langsam, dann aber immer rascher durchsetzte. Gastspiele großer Künstler, Orchester und Operntruppen wurden immer häufiger. Einheimische Musikorganisationen wurden gegründet: 1871 das erste Konservatorium; 1873 der erste große Chor. Sogar ein Orchester wurde 1881 ins Leben gerufen. Es nannte sich die Cleveland Philharmonie. Aber nach etwa neun Jahren beendete es seine Existenz. Die Zeit war noch nicht reif.

Dies hängt zum großen Teil von der besonderen Zusammensetzung der Bevölkerung dieser Stadt ab. Wenn es je einen Schmelztiegel gegeben hat, dann ist es Cleveland. Vor und um 1848 kamen hauptsächlich Neu-Engländer und Deutsche, die einen soliden Grundstein für spätere Entwicklungen legten. In der 2. Hälfte des Jahrhunderts waren es vielmehr Böhmen, Polen, Jugoslawen und Italiener, die sich dort ansiedelten — Emigranten aus den niedrigeren ökonomischen Schichten Zentral-Europas, die in den Cleveländer Industrien Schwerarbeit leisteten. Auch hatte die Stadt bald ein sehr großes Negerviertel. Die soziologischen Voraussetzungen Clevelands waren infolgedessen verschieden von denen anderer Städte — oder sagen wir lieber, die Zeit der Assimilierung der neuen Amerikaner dauerte hier länger.

Aus diesen Gründen blieb Cleveland während fast dreier Jahrzehnte ohne ein eigenes Sinfonieorchester. Das will aber keineswegs heißen, dass keine Konzerte stattfanden. Im Frühjahr 1893 wurde ein Orchesterfestspiel veranstaltet, wobei die Boston er und New Yorker Orchester gastierten und das Metropolitan Opernorchester, unter Mitwirkung von 16 Solisten, Szenen aus Wagner-Opern aufführte. Und später kamen alljährlich nicht weniger als sechs Orchester (aus New York, Boston, Philadelphia, Cincinnati, Chicago und Pittsburgh), um Gastkonzerte zu geben.

Die Gründung des Cleveland Orchesters ist zum großen Teil das Werk einer bemerkenswerten Frau — Adella Prentiss (später Mrs. Hughes), die seit der Jahrhundertwende aktiven Anteil am Musikleben Clevelands nahm. Wie es in den Vereinigten Staaten oft der Fall ist, erreichte Mrs. Hughes ihr Ziel über eine Organisation, der führende Bürger angehörten, die „Musical Arts Association", die für die erste Saison bürgte.

George Szell dirigiert „sein“ Orchester

Mrs. Hughes hatte Nikolai Sokoloff in Cincinnati dirigieren sehen und war von seiner Begabung überzeugt. So wurde er als erster Dirigent des Cleveland Orchesters engagiert. Das ursprüngliche Ensemble bestand aus 57 Mitgliedern, einer Zahl, die im Laufe der Tätigkeit Sokoloffs auf beinahe 80 erhöht wurde. Nach den ersten zwei Spielzeiten übersiedelte das Orchester in ein besseres, aber immer noch unzulängliches Haus, wo es bis 1931 blieb. In diesem Jahr zog es endlich in sein ständiges Heim — Severance Hall, ein Geschenk des Philanthropen John Long Scverance an das Orchester. Die Kosten dieses im Innern ausnehmend schönen Gebäudes, das zum Gedenken an die verstorbene Frau des Stifters erbaut wurde, betrugen damals drei Millionen Dollar; heute wäre es wohl das Doppelte. Der Zuschauerraum ist attraktiv und die Akustik grenzt an Vollkommenheit. Da das ganze Gebäude dem Orchester gehört, gibt es nie Schwierigkeiten mit dem Festsetzen der Proben, wie es in manchen Städten der Fall ist, in denen der Konzertsaal auch anderen Zwecken dienen muss.

Um den Konzertsaal noch geeigneter für Schallplattenaufnahmen zu machen, wurde 1958 die Bühne nach den neuesten akustischen Erkenntnissen umgebaut. Von dem klangabsorbierenden Material wurde viel weggenommen und man konstruierte eine permanente Hall-Schale. Gleichzeitig wurden die Klangeigenschaften von Bühne und Zuschauerraum in eine engere Beziehung gebracht. Szell hat selbst die ganze Umgestaltung der Halle in Zusammenarbeit mit Heinrich Kelholz (Hamburg), einem der führenden Akustiker der Welt, überwacht. Nikolai Sokoloff blieb 15 Jahre lang Leiter des Cleveland Orchesters. 1933 wurde der in Split (Jugoslawien) geborene Dirigent Artur Rodzinski sein Nachfolger. Während der 10 Jahre seiner Tätigkeit erwarb sich das Orchester einen Platz unter den zehn oder zwölf führenden Klangkörpern der Vereinigten Staaten. Dieser begabte, wenn auch launische und hartnäckige Maestro war der erste, der konzertante Aufführungen von Opern im Konzertsaal brachte, darunter die amerikanische Premiere von Schostakowitchs sensationellem Bühnenwerk „Lady Macbeth von Msensk".

Allmählich aber tauchten Unstimmigkeiten zwischen Rodzinski, den Orchestermusikern und dem künstlerischen Beirat auf, die Rodzinskis letzte drei Jahre ziemlich unerfreulich machten. 1943 wurde er nach New York berufen, wo er fast vier Jahre lang als erster Dirigent blieb. Mitten in der vierten Spielzeit aber kam es auch dort zum offenen Konflikt wegen der Eigenwilligkeiten Rodzinskis, und er wurde zum Rücktritt gezwungen. Danach übernahm er als künstlerischer Leiter das Chicagoer Sinfonie-Orchester, und wiederum gab es Streit mit dem Management —diesmal nach nur wenigen Monaten. Daraufhin verließ Rodzinski Amerika und kehrte nach Europa zurück.

Während dreier Jahre war Erich Leinsdorf, der jetzige Dirigent des Bostoner Sinfonieorchesters, der nominelle Leiter des Cleveland Orchesters. Bald aber wurde er in die amerikanische Armee eingezogen, und bis Ende des Krieges sah man eine Reihe von Gastdirigenten in Cleveland.

Unter diesen Umständen hätten sich die Cleveländer keinen besseren Mann holen können als George Szell, einen Künstler mit großer Erfahrung und eine starke Persönlichkeit. Szell schickte sich an, das halb verluderte Orchester wieder in Schuss zu bringen. Nicht nur das gelang ihm. Unter Szell ist das Cleveland Orchester zu einem der großen Klangkörper geworden. Darüber schrieb neulich ein Londoner Kritiker: „Der Abend war ein einziger Triumph für das Cleveland Orchester und für Herrn -Szell, den bewundernswerten Musiker, der es seit 1946 geleitet hat. Man hat noch nie ein besseres Orchester in der Festival Hall gehört, und ich bezweifle, ob man irgendwo anders Besseres hören kann."

George Szell ist tschechischer Abstammung; er wurde 1897 in Budapest geboren und übersiedelte mit seinen Eltern nach Wien, als er erst drei Jahre alt war. Als kleiner Bub begann er Klavier zu studieren und zu komponieren. Mit elf Jahren führte er als Solist sein „Rondo für Klavier und Orchester" mit den Wiener Sinfonikern auf. Sem Klavierlehrer war Richard Robert, Kompositionsunterricht nahm er bei J. B. Foerster, später auch bei Mandyczewski und Max Reger. Mit 16 Jahren trat er zum ersten Male als Dirigent auf, und zwar in einem Sommerkonzert der Wiener Sinfoniker in Bad Kissingen, als der ständige Dirigent erkrankte. Im folgenden Jahr dirigierte er das Berliner Philharmonische Orchester in seiner eigenen Sinfonie und spielte auch Beethovens Es-dur- Konzert, eines der anspruchsvollsten Werke der gesamten Klavierliteratur.

Richard Strauss hörte den jungen Mann und empfahl ihn für den Dirigentenposten am Stadttheater in Straßburg, wo er ein Jahr tätig war. Dann dirigierte er zwei Jahre lang an der Deutschen Oper in Prag, verbrachte ein Jahr in Darmstadt und zwei in Düsseldorf. 1924 ging er als Dirigent an die Staatsoper nach Berlin, wo er sechs Jahre lang blieb. Dort wirkte er auch als Lehrer an der Berliner Hochschule für Musik und als Dirigent des Berliner Rundfunkorchesters.

Inzwischen hatte er sich einen Namen in verschiedenen Ländern gemacht, darunter in Russland, England und den Vereinigten Staaten, wo er 1930 zum ersten Male als Gastdirigent des St. Louis Sinfonieorchesters auftrat. 1937 bis 1939 war er Chefdirigent des Schottischen Sinfonieorchesters in Glasgow; gleichzeitig des Residentie-Orchesters in Den Haag.

Bei Ausbruch des Krieges war Szell in New York, und er entschloss sich, in Amerika zu bleiben. Zunächst nahm er einen Lehrauftrag an der Mannes School of Music an. Im März 1941 wurde er von Arturo Toscanini eingeladen, dessen NBC-Orchester zu dirigieren, und praktisch über Nacht wurde Szell in Amerika zu einer Berühmtheit. Der Erfolg seiner NBC-Konzerte war so groß, dass ihm daraufhin Gastengagements mit den Orchestern von Boston, New York Philharmonie, Chicago, Los Angeles, Detroit und Cleveland angeboten wurden. Auch war er zwischen 1942 und 1946 ständiger Dirigent der Metropolitan Opera, wo er mustergültige Aufführungen von Salome, Rosenkavalier, Tannhäuser, Meistersinger, Don Giovanni, Othello und dem geschlossenen Ring der Nibelungen zustande brachte.

Seit seiner Berufung nach Cleveland hat Szell sich geweigert, Gastengagements anzunehmen, die seine Arbeit „zuhause" beeinträchtigen könnten. Dies ist sicherlich eins der „Geheimnisse" des unübertrefflichen Spiels seines Orchesters. Trotzdem tritt er regelmäßig als Gastdirigent mit anderen amerikanischen Orchestern auf, auch dirigiert er während seiner Winterferien das Concertgebouw Orchester in Amsterdam und hat oh bei den Salzburger Festspielen mitgewirkt.

Die regelmäßige Saison des Cleveland Orchesters dauert 30 Wochen. Eine zusätzliche Woche, die von der Kulas-Stiftung finanziert wird, ist ausschließlich Jugend-Konzerten gewidmet. Dazu kommen verschiedene außerordentliche Konzerte, vor allem für diejenigen gedacht, die in den meist ausverkauften Abonnementskonzerten keinen Platz finden. In diesen Extrakonzerten werden oft solche großen Werke wie Beethovens „Missa Solemnis", Bachs h-moll-Messe, Haydns „Schöpfung" und Berlioz1 Requiem aufgeführt, wobei der Chor des Cleveland Orchesters mitwirkt. Es war nämlich die glänzende Idee von Szell, einen ständigen Chor ins Leben zu rufen, der mit dem Orchester eng liiert sein sollte. Als Leiter dieses Chores hat er Robert Shaw, einen der besten Chordirigenten Amerikas, gewonnen. Mr. Shaw ist ebenfalls der „Associate Conduetor" des Orchesters und übernimmt jedes Jahr eine Anzahl von den außergewöhnlichen Konzerten.

Neben den anspruchsvolleren Abonnementskonzerten spielt das Cleveland Orchester eine Reihe von „Twillght Concerts", die Sonntag nachmittags stattfinden und die eine leichtere, jedoch keineswegs billige Kost anbieten.

Acht Sommerwochen lang spielt das Orchester unter verschiedenen Gastdirigenten eine Reihe von „Pops Concerts" — Volkskonzerte könnte man sie nennen. Diese finden in einem riesigen Raum in der Stadthalle statt. Auch dies bedeutet für die Orchestermitglieder, deren Verträge nur auf die eigentliche Spielzeit bezogen sind, eine zusätzliche Beschäftigung und ein zusätzliches Einkommen. Dasselbe gilt für die Schallplattenaufnahmen, die unter den besten Bedingungen in Severance Hall gemacht werden; der Saal ist mit den neuesten technischen Ausrüstungen versehen, auch für Stereo-Aufnahmen. Bis 1955 erschienen die Platten des Cleveland Orchesters bei Columbia (USA). Seit 1955 hat das Orchester einen Vertrag mit der Firma „Epic", die in Europa durch Philips vertreten ist.

Bei den Schallplattenaufnahmen versucht Szell soweit wie möglich „konzertmäßig" zu spielen, d. h., er nimmt große Strecken, vorzugsweise ganze Sätze, an einem Stück auf, vermeidet Unterbrechungen und Bandmanipulationen, die den Schwung und die große Linie einer Aufführung vernichten können. In dieser Ansicht stimmt er mit vielen eminenten Künstlern überein, die sich vor der kalten Vollkommenheit der künstlich zusammengesetzten Wiedergabe mehr und mehr wehren. Lieber ein paar kleine Fehler als eine Aufführung, die nie stattfand. Aber bei dem Cleveland Orchester gibt es keine Fehler, fürwahr. Das ist der Grundsatz des Perfektionisten George Szell.

Das Repertoire des Cleveland Orchesters ist groß. Natürlicherweise bilden die Klassiker — und vor allem die Wiener — den Kern. Auch die tschechische Musik ist vertreten. Man höre sich nur die herrliche Aufführung der 5. Dvorak-Sinfonie an, um festzustellen, warum sie als hervorragende Interpretation und Schallplattenwiedergabe dieses Werkes gepriesen wird.

1957 kam Szell mit dem Cleveland Orchester nach Europa und erlebte einen geradezu triumphalen Erfolg. Das Orchester kam herüber als „kultureller Botschafter" des amerikanischen Außenministeriums und spielte in 40 Tagen 29 Konzerte. Die Tournee begann in Brüssel und ging weiter über London, Madrid, Lissabon, Bordeaux, Berlin, Basel, Genf, Paris, Wien und Warschau — mit vielen Zwischenstationen. Von den vielen Lobeshymnen, die in der europäischen Presse erschienen sind, seien nur zwei zitiert: In der Pariser Zeitung „Le Monde" las man: „Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich eine solche Vollkommenheit nie erlebt habe." Und in dem Brüsseler „Le Soir" hieß es: „Ein gewaltiges Orchester — eines der besten, die ich je gehört habe . . . jedes Orchestermitglied scheint ein Virtuose zu sein." Der Brüsseler Kritiker hat sich nicht getäuscht. Jedes Mitglied des Cleveland Orchesters spielt mit dem musikalischen Impuls eines Solisten, jedoch spielen alle 104 zusammen wie ein einziger Organismus. Das ist das Geheimnis ihres Welterfolges. Aber das größte Geheimnis, wie man ein Orchester dazu bringt — das liegt bei Szell — oder besser ausgedrückt, das ist Szell.