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In Memoriam: Dimitri Mitropoulos

Von
Carl Heinz Mann
Erschienen in der Printausgabe im
November 1961
Lesezeit ca.
Minuten

Ein Gehirnschlag fällte ihn vor Jahresfrist, am 2. November 1960, inmitten einer Konzertprobe vom Dirigentenpult der Mailänder Scala, Dimitri Mitropoulos starb, ohne das Bewusstsein noch einmal wiedererlangt zu haben, auf dem Weg ins Krankenhaus. Die letzten Worte des Vierundsechzigjährigen, ein paar Minuten zuvor gesprochen, gingen die nächsten Tage durch alle Zeitungen: „Ich fühle mich sehr ermüdet. Ich bin wie ein altes Automobil, das aber immer noch fährt." — Sie sind nicht frei von Sensation und neugierigem Mitleid, das immer sich einstellt, wenn ein bedeutender, freilich nicht eigentlich populärer Künstler unter so ungewöhnlichen Umständen abtritt. Und deshalb mögen, weil sie vielleicht gewichtiger sind, die Worte eines Kritikers folgen, die nur ein paar Wochen zuvor in einer großen deutschen Tageszeitung standen, am Ende der Salzburger Festspiele des Vorjahres, denen dieser Dirigent (ungleich mehr als bei der wenig geglückten europäischen Erstaufführung von Barbers „Vanessa", die er wie die Uraufführung an der „Met" durchgesetzt hatte) den Stempel seiner außergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeit aufgedrückt hatte: „Schade, dass dieser Mann, der an Begabung und Können die beste europäische Tradition verkörpert, nicht dauernd für Europa gewonnen werden kann. Mit der Lupe suchen unsere Intendanten nach Opernchefs, nach großen Dingenten, die das Repertoire beherrschen. Hier wäre einer!"

Nun, diese Sätze feierten einen Wiederentdeckten. Ging doch von der Mitte des damaligen Europa, von Berlin, drei Jahrzehnte zuvor der Stern des Dimitri Mitropoulos auf, der den Höhepunkt seiner Laufbahn freilich in den USA erreichen sollte. Der 1896 in Athen geborene Kaufmannssohn hatte seinen letzten Schliff in Berlin erhalten. Der angehende Pianist und Dirigent, Schüler Ferruccio Busonis, der schon als Dreiundzwanzigjähriger als Komponist einer von Saint-Saens enthusiastisch begrüßten Oper („Soeur Beatrice" nach Maeterlinck) von sich reden gemacht hatte, vervollständigte seine Ausbildung als Korrepetitor an der Berliner Lindenoper. 1924, im Todesjahr Busonis, ging der junge Musiker, der lange Zeit mit dem Gedanken gespielt hatte, Geistlicher zu werden, zurück nach Athen, wo er bis 1930 das Sinfonie-Orchester leitete. Sechs Jahre ausgedehnter Gastdirigententätigkeit folgten; an ihrem Anfang stand ein Konzert mit den Berliner Philharmonikern, in dem er, in Vertretung des erkrankten Egon Petri, Prokofieffs 3. Klavierkonzert vom Flügel aus dirigierte. Die Erfolge trugen ihm eine Einladung Kussewitzkys, nach Amerika zu kommen, ein. Boston, Cleveland und Minneapolis wurden die Hauptstätten seiner Tätigkeit, bis er 1950 die Leitung der New Yorker Philharmoniker übernahm, daneben vor allem an der „Met" als Gastdirigent tätig war.

Dimitri Mitropoulos ist nach dem Kriege wiederholt in Europa und in Deutschland gewesen. Mit Beginn der 50er Jahre war er Gast an der Scala, dirigierte bei den Florentiner Festspielen, wovon als eines der packendsten Zeugnisse seiner Kunst ein Schallplatten- Mitschnitt einer „Elektra"-Aufführung erhalten ist, die es, zur Zeit wenigstens, im deutschen Handel nicht gibt. 1954 wurde er in München als Leiter eines Musica-viva-Konzerts begeistert gefeiert. Im folgenden Jahr erschien er zum ersten Male auf den Salzburger Festspielen, dirigierte später in Wien und in Berlin und wenige Tage vor seinem Tod eine Aufführung von Mahlers 3. Sinfonie im Kölner Funkhaus, die er auch in Mailand leiten sollte.

Wägt man das Bündel der Kritiken, die in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich geschrieben wurden, dann ist ihnen eines gemeinsam: Die überraschende Entdeckung eines europäischen Musikers, eines Romantikers vom Schlage eines Furtwängler oder Bruno Walter. Schallplattenaufnahmen sind für diese geistige Verwandtschaft ein dokumentarischer Beleg — vielleicht mehr als die unmittelbareren Konzerterlebnisse, die vielleicht mehr von der unverwechselbaren Gestalt überschattet wurden. Sie sind es auch dort, wo technische Unzulänglichkeiten das Bild ein wenig trüben, wie etwa bei dem schon genannten „Elektra"-Mitschnitt: Sicherlich eine „moderne" Aufnahme, nicht ohne klangliche (und rhythmische) Ekstase; aber man muss nur einmal die Erkennungsszene gehört haben, um zu ermessen, wie vertraut Mitropoulos die Strauss'sche Romantik gewesen ist. Andere Beispiele? — Für mich gehört die Aufnahme des Bruchschen Violinkonzerts, jenes unschlagbaren Bestsellers im „klassischen" Repertoire, mit Francescatti und Mitropoulos zu den künstlerisch am meisten befriedigenden; denn was der Geiger hier an Glanz und Schönheit in seinen Part hineinlegt, findet in der Brahmsischen Herbheit, ja Strenge, der Nobilität der Orchesterbegleitung eine vollkommene Entsprechung.

Der Gastdirigent lebt in seinen „Spezialitäten", Mitropoulpos war ein solcher „Spezialist", und zwar der Moderne. Er war es auf Grund seines kompromisslosen, selbstlosen Einsatzes für ein modernes Werk, wenn er von dessen Qualitäten überzeugt war — er blieb es auch gegen den einheitlichen Chor der Musikkritik, wie das Beispiel der „Vanessa" gezeigt hat. Er war es vor allem, weil er auch in der Moderne Schönheit und Menschlichkeit suchte und fand. Menschlichkeit liegt über den Orchester teilen von Bergs „Wozzeck", einem New Yorker Mitschnitt, deren Schönheiten dunkel aufglühen und einen packenden Kontrapunkt zu den düsteren Worten des Dramas setzen. Beides rindet der Hörer ebenso sehr in den unproblematischen Klängen der Elegie Kreneks wie in der Sprödigkeit von Schönbergs „Erwartung".

Dieser „Priester der Menschlichkeit" hatte seinen eigenen Stil. Bekannt ist, dass er, der Unverheiratete, mönchisch einfach lebte, in einem kargen Raum, der das Nötigste enthielt, nur zweimal im Monat Geflügelfleisch aß und ein priesterähnliches Gewand liebte, das ein Kruzifix verbarg und in dessen Futter ein Marienbild eingenäht war. — Attitüden? Koketterien? — Die ihn gekannt haben, rühmen seine Bescheidenheit, seine Selbstlosigkeit, seine Ehrlichkeit.

Um diesen großen, verschlossenen Mann war viel selbstgewählte Einsamkeit, die nur selten auch auf dem Konzertpodium durchbrochen schien. Ihm waren mitreißender Elan, Ekstase nicht fremd; aber sie flössen aus der Musik, in deren Dienst er sich gestellt hatte. Streng in der Sache und in der eigenen Person; Musiker, die mit ihm arbeiteten, nannten neben der Souveränität in künstlerischen Dingen Freundlichkeit und Natürlichkeit des Umgangs. Ein griechischer Kritiker fand einmal diese Worte auf seinen großen Landsmann: „Von olympischer Heiterkeit, die beides an sich hatte, Dionysos und Apollon."

Ein Gehirnschlag fällte ihn vor Jahresfrist, am 2. November 1960, inmitten einer Konzertprobe vom Dirigentenpult der Mailänder Scala, Dimitri Mitropoulos starb, ohne das Bewusstsein noch einmal wiedererlangt zu haben, auf dem Weg ins Krankenhaus. Die letzten Worte des Vierundsechzigjährigen, ein paar Minuten zuvor gesprochen, gingen die nächsten Tage durch alle Zeitungen: „Ich fühle mich sehr ermüdet. Ich bin wie ein altes Automobil, das aber immer noch fährt." — Sie sind nicht frei von Sensation und neugierigem Mitleid, das immer sich einstellt, wenn ein bedeutender, freilich nicht eigentlich populärer Künstler unter so ungewöhnlichen Umständen abtritt. Und deshalb mögen, weil sie vielleicht gewichtiger sind, die Worte eines Kritikers folgen, die nur ein paar Wochen zuvor in einer großen deutschen Tageszeitung standen, am Ende der Salzburger Festspiele des Vorjahres, denen dieser Dirigent (ungleich mehr als bei der wenig geglückten europäischen Erstaufführung von Barbers „Vanessa", die er wie die Uraufführung an der „Met" durchgesetzt hatte) den Stempel seiner außergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeit aufgedrückt hatte: „Schade, dass dieser Mann, der an Begabung und Können die beste europäische Tradition verkörpert, nicht dauernd für Europa gewonnen werden kann. Mit der Lupe suchen unsere Intendanten nach Opernchefs, nach großen Dingenten, die das Repertoire beherrschen. Hier wäre einer!"

Nun, diese Sätze feierten einen Wiederentdeckten. Ging doch von der Mitte des damaligen Europa, von Berlin, drei Jahrzehnte zuvor der Stern des Dimitri Mitropoulos auf, der den Höhepunkt seiner Laufbahn freilich in den USA erreichen sollte. Der 1896 in Athen geborene Kaufmannssohn hatte seinen letzten Schliff in Berlin erhalten. Der angehende Pianist und Dirigent, Schüler Ferruccio Busonis, der schon als Dreiundzwanzigjähriger als Komponist einer von Saint-Saens enthusiastisch begrüßten Oper („Soeur Beatrice" nach Maeterlinck) von sich reden gemacht hatte, vervollständigte seine Ausbildung als Korrepetitor an der Berliner Lindenoper. 1924, im Todesjahr Busonis, ging der junge Musiker, der lange Zeit mit dem Gedanken gespielt hatte, Geistlicher zu werden, zurück nach Athen, wo er bis 1930 das Sinfonie-Orchester leitete. Sechs Jahre ausgedehnter Gastdirigententätigkeit folgten; an ihrem Anfang stand ein Konzert mit den Berliner Philharmonikern, in dem er, in Vertretung des erkrankten Egon Petri, Prokofieffs 3. Klavierkonzert vom Flügel aus dirigierte. Die Erfolge trugen ihm eine Einladung Kussewitzkys, nach Amerika zu kommen, ein. Boston, Cleveland und Minneapolis wurden die Hauptstätten seiner Tätigkeit, bis er 1950 die Leitung der New Yorker Philharmoniker übernahm, daneben vor allem an der „Met" als Gastdirigent tätig war.

Dimitri Mitropoulos ist nach dem Kriege wiederholt in Europa und in Deutschland gewesen. Mit Beginn der 50er Jahre war er Gast an der Scala, dirigierte bei den Florentiner Festspielen, wovon als eines der packendsten Zeugnisse seiner Kunst ein Schallplatten- Mitschnitt einer „Elektra"-Aufführung erhalten ist, die es, zur Zeit wenigstens, im deutschen Handel nicht gibt. 1954 wurde er in München als Leiter eines Musica-viva-Konzerts begeistert gefeiert. Im folgenden Jahr erschien er zum ersten Male auf den Salzburger Festspielen, dirigierte später in Wien und in Berlin und wenige Tage vor seinem Tod eine Aufführung von Mahlers 3. Sinfonie im Kölner Funkhaus, die er auch in Mailand leiten sollte.

Wägt man das Bündel der Kritiken, die in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich geschrieben wurden, dann ist ihnen eines gemeinsam: Die überraschende Entdeckung eines europäischen Musikers, eines Romantikers vom Schlage eines Furtwängler oder Bruno Walter. Schallplattenaufnahmen sind für diese geistige Verwandtschaft ein dokumentarischer Beleg — vielleicht mehr als die unmittelbareren Konzerterlebnisse, die vielleicht mehr von der unverwechselbaren Gestalt überschattet wurden. Sie sind es auch dort, wo technische Unzulänglichkeiten das Bild ein wenig trüben, wie etwa bei dem schon genannten „Elektra"-Mitschnitt: Sicherlich eine „moderne" Aufnahme, nicht ohne klangliche (und rhythmische) Ekstase; aber man muss nur einmal die Erkennungsszene gehört haben, um zu ermessen, wie vertraut Mitropoulos die Strauss'sche Romantik gewesen ist. Andere Beispiele? — Für mich gehört die Aufnahme des Bruchschen Violinkonzerts, jenes unschlagbaren Bestsellers im „klassischen" Repertoire, mit Francescatti und Mitropoulos zu den künstlerisch am meisten befriedigenden; denn was der Geiger hier an Glanz und Schönheit in seinen Part hineinlegt, findet in der Brahmsischen Herbheit, ja Strenge, der Nobilität der Orchesterbegleitung eine vollkommene Entsprechung.

Der Gastdirigent lebt in seinen „Spezialitäten", Mitropoulpos war ein solcher „Spezialist", und zwar der Moderne. Er war es auf Grund seines kompromisslosen, selbstlosen Einsatzes für ein modernes Werk, wenn er von dessen Qualitäten überzeugt war — er blieb es auch gegen den einheitlichen Chor der Musikkritik, wie das Beispiel der „Vanessa" gezeigt hat. Er war es vor allem, weil er auch in der Moderne Schönheit und Menschlichkeit suchte und fand. Menschlichkeit liegt über den Orchester teilen von Bergs „Wozzeck", einem New Yorker Mitschnitt, deren Schönheiten dunkel aufglühen und einen packenden Kontrapunkt zu den düsteren Worten des Dramas setzen. Beides rindet der Hörer ebenso sehr in den unproblematischen Klängen der Elegie Kreneks wie in der Sprödigkeit von Schönbergs „Erwartung".

Dieser „Priester der Menschlichkeit" hatte seinen eigenen Stil. Bekannt ist, dass er, der Unverheiratete, mönchisch einfach lebte, in einem kargen Raum, der das Nötigste enthielt, nur zweimal im Monat Geflügelfleisch aß und ein priesterähnliches Gewand liebte, das ein Kruzifix verbarg und in dessen Futter ein Marienbild eingenäht war. — Attitüden? Koketterien? — Die ihn gekannt haben, rühmen seine Bescheidenheit, seine Selbstlosigkeit, seine Ehrlichkeit.

Um diesen großen, verschlossenen Mann war viel selbstgewählte Einsamkeit, die nur selten auch auf dem Konzertpodium durchbrochen schien. Ihm waren mitreißender Elan, Ekstase nicht fremd; aber sie flössen aus der Musik, in deren Dienst er sich gestellt hatte. Streng in der Sache und in der eigenen Person; Musiker, die mit ihm arbeiteten, nannten neben der Souveränität in künstlerischen Dingen Freundlichkeit und Natürlichkeit des Umgangs. Ein griechischer Kritiker fand einmal diese Worte auf seinen großen Landsmann: „Von olympischer Heiterkeit, die beides an sich hatte, Dionysos und Apollon."