Porträt: George Malcolm
Erschienen in der Printausgabe im Dezember 1961

Ein unauffälliger Herr entsteigt dem Zug auf dem Hamburger Hauptbahnhof und blickt sich suchend um. Er ist nämlich zum ersten Male hier. Erst mit der Reihe dieser Konzerte wird der Ruhm George Malcolms beginnen, auch in Deutschland sich zu verbreiten. Er freut sich sichtlich, als er jemand findet, der ihm behilflich ist, sich zu orientieren. Wohin? Nicht ins Hotel, sondern sofort in die Musikhalle, um sich auf dem Cembalo einzuspielen für das m wenigen Stunden beginnende Konzert.
Für jeden Cembalisten ist es schwierig, sich ein unbekanntes Instrument Untertan zu machen, für George Malcolm besonders. Denn er spielt ein Cembalo, das der englische Instrumentenbauer Thomas Goff für ihn gebaut hat. Wer die Schallplatte mit den sechzehn Scarlatti-Sonaten kennt, die Malcolm mit einem unendlichen Farbenreichtum ausstattet, wird ermessen können, wie schwer es für ihn ist, auf einem anderen, wesentlich geringere Möglichkeiten bietenden Instrument nur annähernd diese Resultate zu erzielen (dass es gelang, davon später).
Über Thomas Goff sind einige Worte zu verlieren. Dieser Künstler in seinem Fach ist ein wohlhabender Engländer, der Cembali baut als Hobby. Zwar ist sein Tag mit dieser Beschäftigung ausgefüllt, aber er arbeitet mit nur einem Gehilfen, wobei er sich viel Zeit lässt. Es existieren bis jetzt nur zwölf Goff-Cembali, die genau auf sehr bestimmten Klangvorstellungen basieren. Wer von seinen Kunden Abänderungen wünscht, wird abschlägig beschieden.
Zurück zu Malcolm. Wir fahren in die Musikhalle, wo das Abendprogramm noch einmal genau durchgearbeitet wird. Erleichtertes Aufatmen nach den ersten Anschlagen: das Cembalo ist gut, er wird das zeigen können, was er will. Ich frage ihn nach der Raffinesse, mit der er wie ein Pianist auf dem Cembalo seine Klangvorstellungen realisiert, wie z. B. das Crescendo zustande kommt. Fr lächelt und meint: „professional secret".
Nun, wenn es auch kein unbedingtes Berufsgeheimnis ist, so hat man es bis jetzt wohl noch nie so vernommen. Die sechzehn Scarlatti-Sonaten z. B. haben unendlich viele Nuancen der Farbe und der Dynamik und faszinieren durch die Phantasie, mit der Starre in Weichheit, Strenge in Liebenswürdigkeit, Spröde in Charme verwandelt wird. Das ergibt einen ganz neuen, unorthodoxen Stil des Cembalospiels, der, wenn er durch eine so bedeutende künstlerische Persönlichkeit wie George Malcolm geprägt wird, in der Konsequenz des Engagements natürlich Freunde und Gegner hat. Ein echter Musikfreund aber wird sich schwerlich der Wirkung der Scarlatti-Auf nähme entziehen können, die musikalisch wie auch aufnahmetechnisch in einer Sternstunde geboren ist.
George Malcolm wurde 1917 in London geboren. Schlicht antwortet er auf meine Frage, wann er begonnen habe, Klavier zu spielen: „Mk drei Jahren." Achtjährig wurde er in das Royal College of Music aufgenommen, an dem er heute lehrt. Von 1934 bis 1937 studierte er an der Universität Oxford. Von 1947 bis 1959 war er Domkapellmeister an der Westminster Cathedral. Seine Aufgabe bestand dort in der Leitung und Erziehung des berühmten Knabenchores, für den Benjamin Britten seine „Missa brevis" op. 63 geschrieben hat. Erst vor zwei Jahren entschied er sich nach langem Zögern, dies Amt aufzugeben.
Der Cembalist Malcolm ist Autodidakt. Er hat nie Unterricht genommen. Als er aus dem Krieg heimkehrte, baute er sich selbst aus purer Neugier cm Instrument und bekam dadurch Lust am Spiel und Freude am speziellen Klangcharakter des Cembalos. Inzwischen hat er auf diesem Instrument seine Karriere gemacht und gehört auf der Rangliste zu den ersten seines Faches. In England ist er ständiger Solist der Festspiele in Edinburgh, Aldeburgh und Bath. Daneben gibt er Solo-Abende, in London z. B. in der großen Royal Festival Hall, und ist häufiger Gast des Rundfunks.
Mit Deutschland schloss er Bekanntschaft durch Schloss Elmau in Bayern. Hier gab er während der alljährlich veranstalteten Musiktage sein vielbeachtetes Debüt. Die jetzige Reise nun führt ihn vom Bachfest in Essen, auf dem er in einer Matinee vierzehn Präludien und Fugen aus dem „Wohltemperierten Klavier“ spielte, nach Hamburg, dann zu Rund funkaufnahmen nach Hannover und Berlin.
Malcolm ist der Typ des All-round-Musikers. Seit ihm die Aufgabe seines Amtes an der Westminster Cathedral mehr Zeit lässt, dirigiert er in zunehmendem Maß große Orchester. Z. B. leitete er — alternierend mit dem Komponisten — die ersten Aufführungen von Brittens neuer Oper „Ein Sommernachtstraum" bei den Festspielen in Aldeburgh, und vor kurzem gab er sein Debüt als Dirigent eines der berühmten Londoner Promenadenkonzerte. Er musizierte dabei mit dem neuen Londoner Symphonie-Orchester, eine Vereinigung, die er zu den besten Englands zählt.
Am Abend bestätigt sich im Konzert in der Hamburger Musikhalle die Meisterschaft Malcolms. Die Skepsis, die man nach dem Anhören einer Schall platte einer Darbietung desselben Musikers im Konzertsaal gegenüber hat, erwies sich als unbegründet. Auch hier brillierte der Virtuose Malcolm, überzeugte der Musiker Malcolm mit einem Programm, das sein großes Können deutlich zeigte: Haydns Es-dur-Sonate, eine Suite in E-dur von Händel, Bachs h-moll-Partita, Paradisis A-dur-Sonate, das Andante für eine Orgelwalze F-dur von Mozart und eine Auswahl von sechs Scarlatti-Sonaten rissen die Zuhörer mit.
Die Schallplatte hat George Malcolm bereits vorgestellt mit den erwähnten Scarlatti-Aufnahmen und einer Bach-Platte. In letzter Zeit ist für die französische Marke „L'oiscau lyre" eine Aufnahme der Goldbergvariationen von Bach fertig geworden, außerdem die sechs Sonaten für Violine und Cembalo in Zusammenarbeit mit Yehudi Menuhin. Malcolm spricht mit herzlichen Worten von diesem Musiker, dessen Persönlichkeit er ungemein schätzt. Mit dem Londoner Symphonie-Orchester hat er Brittens „Cantata academica" für die Schallplatte gespielt.
Am nächsten Morgen erlaubt die Zeit nur noch einen kurzen Spaziergang durch Hamburg, einen Blick auf die Alster, auf die Innenstadt, dann geht es weiter nach Hannover. Good bye, Mr. Malcolm — und kommen Sie wieder nach Deutschland.
Ein unauffälliger Herr entsteigt dem Zug auf dem Hamburger Hauptbahnhof und blickt sich suchend um. Er ist nämlich zum ersten Male hier. Erst mit der Reihe dieser Konzerte wird der Ruhm George Malcolms beginnen, auch in Deutschland sich zu verbreiten. Er freut sich sichtlich, als er jemand findet, der ihm behilflich ist, sich zu orientieren. Wohin? Nicht ins Hotel, sondern sofort in die Musikhalle, um sich auf dem Cembalo einzuspielen für das m wenigen Stunden beginnende Konzert.
Für jeden Cembalisten ist es schwierig, sich ein unbekanntes Instrument Untertan zu machen, für George Malcolm besonders. Denn er spielt ein Cembalo, das der englische Instrumentenbauer Thomas Goff für ihn gebaut hat. Wer die Schallplatte mit den sechzehn Scarlatti-Sonaten kennt, die Malcolm mit einem unendlichen Farbenreichtum ausstattet, wird ermessen können, wie schwer es für ihn ist, auf einem anderen, wesentlich geringere Möglichkeiten bietenden Instrument nur annähernd diese Resultate zu erzielen (dass es gelang, davon später).
Über Thomas Goff sind einige Worte zu verlieren. Dieser Künstler in seinem Fach ist ein wohlhabender Engländer, der Cembali baut als Hobby. Zwar ist sein Tag mit dieser Beschäftigung ausgefüllt, aber er arbeitet mit nur einem Gehilfen, wobei er sich viel Zeit lässt. Es existieren bis jetzt nur zwölf Goff-Cembali, die genau auf sehr bestimmten Klangvorstellungen basieren. Wer von seinen Kunden Abänderungen wünscht, wird abschlägig beschieden.
Zurück zu Malcolm. Wir fahren in die Musikhalle, wo das Abendprogramm noch einmal genau durchgearbeitet wird. Erleichtertes Aufatmen nach den ersten Anschlagen: das Cembalo ist gut, er wird das zeigen können, was er will. Ich frage ihn nach der Raffinesse, mit der er wie ein Pianist auf dem Cembalo seine Klangvorstellungen realisiert, wie z. B. das Crescendo zustande kommt. Fr lächelt und meint: „professional secret".
Nun, wenn es auch kein unbedingtes Berufsgeheimnis ist, so hat man es bis jetzt wohl noch nie so vernommen. Die sechzehn Scarlatti-Sonaten z. B. haben unendlich viele Nuancen der Farbe und der Dynamik und faszinieren durch die Phantasie, mit der Starre in Weichheit, Strenge in Liebenswürdigkeit, Spröde in Charme verwandelt wird. Das ergibt einen ganz neuen, unorthodoxen Stil des Cembalospiels, der, wenn er durch eine so bedeutende künstlerische Persönlichkeit wie George Malcolm geprägt wird, in der Konsequenz des Engagements natürlich Freunde und Gegner hat. Ein echter Musikfreund aber wird sich schwerlich der Wirkung der Scarlatti-Auf nähme entziehen können, die musikalisch wie auch aufnahmetechnisch in einer Sternstunde geboren ist.
George Malcolm wurde 1917 in London geboren. Schlicht antwortet er auf meine Frage, wann er begonnen habe, Klavier zu spielen: „Mk drei Jahren." Achtjährig wurde er in das Royal College of Music aufgenommen, an dem er heute lehrt. Von 1934 bis 1937 studierte er an der Universität Oxford. Von 1947 bis 1959 war er Domkapellmeister an der Westminster Cathedral. Seine Aufgabe bestand dort in der Leitung und Erziehung des berühmten Knabenchores, für den Benjamin Britten seine „Missa brevis" op. 63 geschrieben hat. Erst vor zwei Jahren entschied er sich nach langem Zögern, dies Amt aufzugeben.
Der Cembalist Malcolm ist Autodidakt. Er hat nie Unterricht genommen. Als er aus dem Krieg heimkehrte, baute er sich selbst aus purer Neugier cm Instrument und bekam dadurch Lust am Spiel und Freude am speziellen Klangcharakter des Cembalos. Inzwischen hat er auf diesem Instrument seine Karriere gemacht und gehört auf der Rangliste zu den ersten seines Faches. In England ist er ständiger Solist der Festspiele in Edinburgh, Aldeburgh und Bath. Daneben gibt er Solo-Abende, in London z. B. in der großen Royal Festival Hall, und ist häufiger Gast des Rundfunks.
Mit Deutschland schloss er Bekanntschaft durch Schloss Elmau in Bayern. Hier gab er während der alljährlich veranstalteten Musiktage sein vielbeachtetes Debüt. Die jetzige Reise nun führt ihn vom Bachfest in Essen, auf dem er in einer Matinee vierzehn Präludien und Fugen aus dem „Wohltemperierten Klavier“ spielte, nach Hamburg, dann zu Rund funkaufnahmen nach Hannover und Berlin.
Malcolm ist der Typ des All-round-Musikers. Seit ihm die Aufgabe seines Amtes an der Westminster Cathedral mehr Zeit lässt, dirigiert er in zunehmendem Maß große Orchester. Z. B. leitete er — alternierend mit dem Komponisten — die ersten Aufführungen von Brittens neuer Oper „Ein Sommernachtstraum" bei den Festspielen in Aldeburgh, und vor kurzem gab er sein Debüt als Dirigent eines der berühmten Londoner Promenadenkonzerte. Er musizierte dabei mit dem neuen Londoner Symphonie-Orchester, eine Vereinigung, die er zu den besten Englands zählt.
Am Abend bestätigt sich im Konzert in der Hamburger Musikhalle die Meisterschaft Malcolms. Die Skepsis, die man nach dem Anhören einer Schall platte einer Darbietung desselben Musikers im Konzertsaal gegenüber hat, erwies sich als unbegründet. Auch hier brillierte der Virtuose Malcolm, überzeugte der Musiker Malcolm mit einem Programm, das sein großes Können deutlich zeigte: Haydns Es-dur-Sonate, eine Suite in E-dur von Händel, Bachs h-moll-Partita, Paradisis A-dur-Sonate, das Andante für eine Orgelwalze F-dur von Mozart und eine Auswahl von sechs Scarlatti-Sonaten rissen die Zuhörer mit.
Die Schallplatte hat George Malcolm bereits vorgestellt mit den erwähnten Scarlatti-Aufnahmen und einer Bach-Platte. In letzter Zeit ist für die französische Marke „L'oiscau lyre" eine Aufnahme der Goldbergvariationen von Bach fertig geworden, außerdem die sechs Sonaten für Violine und Cembalo in Zusammenarbeit mit Yehudi Menuhin. Malcolm spricht mit herzlichen Worten von diesem Musiker, dessen Persönlichkeit er ungemein schätzt. Mit dem Londoner Symphonie-Orchester hat er Brittens „Cantata academica" für die Schallplatte gespielt.
Am nächsten Morgen erlaubt die Zeit nur noch einen kurzen Spaziergang durch Hamburg, einen Blick auf die Alster, auf die Innenstadt, dann geht es weiter nach Hannover. Good bye, Mr. Malcolm — und kommen Sie wieder nach Deutschland.



