Ein Meister des Taktstocks: Jaroslav Krombholc
Erschienen in der Printausgabe im März 1962

Zufall oder Fügung — jedenfalls war es entscheidend, dass der damals sehr junge Adept des Taktstocks Jaroslav Krombholc zum großen tschechischen Dirigenten Vaclav Talich' in die Lehre kam. Und nicht nur in die Lehre der Schulstunden, sondern bald auch in die Praxis des Theaterbetriebs. Als Korrepetitor und Talichs Assistent am Prager Nationaltheater entwickelte Krombholc intensiver und schneller seine musikalischen Gaben als es ihm anderswo gelungen wäre. Sorgsam geführt und früh vor selbständige Aufgaben gestellt, reifte er schnell zur ausgeprägten Persönlichkeit.
Man kann sich denken, was es für den zwanzigjährigen Dirigenten Jaroslav Krombholc bedeuten musste, am Pult des Nationaltheaters in Prag, das für tschechische Dingenten und Sänger als Ziel jeder Laufbahn gilt, zu stehen und dort die von Vaclav Tauch einstudierten Vorstellungen im Repertoire zu dirigieren. Natürlich kannte er jeden Takt. Schon zu Hause hatte er mit Vater und Onkel am Klavier alle erreichbaren Auszüge oftmals durch gespielt. In den Proben hatte er sich dann jede Nuance der Talichschen Interpretation eingeprägt. Aber am Pult vor dem geschulten Orchester musste er sich allein bewähren. Es gelang ihm — sozusagen auf den ersten Anhieb. Sein gutes Verhältnis zu den Orchestermusikern und ihre unentwegte Bereitschaft zum Mitgehen, wenn Krombholc dirigiert, ist unvermindert geblieben.
Wie es so oft ist — Krombholc wollte eigentlich nicht Dirigent werden, sondern hatte es aufs Komponieren abgesehen. Audi hier wäre er zweifelsohne in die erste Reihe gelangt. Die Sinfonie aus dem Jahre 1942, zwei Streichquartette, zwei Orchestersuiten, ein Sextett, viele Lieder und andere Werke bestehen auch heute noch vor dem strengen Auge der Kritik und anspruchsvollen Ohren des Publikums.
Auch als Pianist hätte sich Krombholc einen Namen schaffen können. Seine Kunst, Lieder zu begleiten — wenn er mit seiner Gattin, der Sopranistin Marie Tauberová, gelegentlich öffentlich musiziert —, fordert immer wieder größte Bewunderung heraus. Krombholc verließ Komposition und Klavierspiel, weil er "die erschöpfende Tätigkeit des Dirigenten, zu der ihn Berufung, nicht Beruf führte, nicht mit anderer musikalischer Beschäftigung zu vereinbaren wusste. Immer wieder bedrängt ihn die hohe Aufgabe, Musik zu Klang werden zu lassen, ohne selbst daran anders beteiligt zu sein, als durch Übertragung und Lebendigwerdenlassen einer Vorstellung. Krombholc halt sich für einen Dirigenten der Lyrik, und tatsächlich trägt jede seiner Leistungen eine gewisse Weichheit und Schmiegsamkeit in sich. Doch ist er dort, wo es nottut, dem dramatischen Element, dem inneren wie dem äußeren, nie etwas schuldig geblieben. Seine Schallplattenaufnahme von Auszügen aus Fibichs Musikdrama „Die Braut von Messina" beweist dies ebenso wie die unvergessliche Einstudierung von Bergs „Wozzeek" am Nationaltheater in Prag. Poetische Stimmung und schwelgerischer Klang liegen dem Wesen von Jaroslav Krombholc besonders nahe. Wir hören das in seiner „Rusalka" von Antonin Dvorak, die kaum ein anderer so werkgetreu interpretierte. Aber in der Supraphon-Gesamtaufnähme von Smetanas Oper „Zwei Witwen" verrät Krombholc allen Sinn für Witz und Galanterie, den man nur verlangen kann.
Alle Leistungen des Dingenten Krombholc zeichnet vor allem innerste Beziehung zum musikalischen Gehalt des wiederzugebenden Werks aus. Als Operndirigent hatte Krombholc das Glück, meist das wählen zu können, was ihm am Herzen lag. Seine selbständige Tätigkeit begann er — dreiundzwanzigjährig — im Jahre 1941 im Stadttheater Pilsen mit Janaceks „Jenufa". Dann folgte der „Dalibor" von Smetana und Mozarts „Figaros Hochzeit". Ein Dreigestirn von Komponisten, das für Krombholc wegweisend werden sollte in die Zukunft. Bald zog es ihn zu den mächtigen Partituren Suks, und von den Zeitgenossen setzte er sich zunächst mit Ostrcil und Borkovee auseinander. Während der kurzen Tätigkeit als Opernchef in Ostrava kam Foerster hinzu und nach Kriegsende — nun definitiv im Prager Nationaltheater, dessen erster Dirigent Krombholc heute nicht nur dem Titel nach ist — Fibich, Novak, von den Zeitgenossen E. F. Burian. Und immer wieder Mozart und Smetana und Dvorak und Janáček. Das Gebiet der russischen Oper erschloss sich Krombholc mit „Eugen Onegin", der „Snegurotschka" und Rimski-Korssakow, dem „Boris Godunow" und Prokofieffs „Krieg und Frieden".
Vom „Wozzeck" war schon die Rede, und die „Elektra" von Richard Strauss hat eben in dieser Saison Krombholc in die erste Reihe der internationalen Straussdirigenten aufrücken lassen.
Sein Konzertrepertoire ist viel breiter — Krombholc liebt hier neben den Klassikern Debussy, Ravel und Roussel, Bartók, Hindemith, Prokofieff', Schostakowitsch und Orff. Aber er hat auch Milhaud, Kodály und Frank Martin dirigiert — und natürlich immer wieder die heimischen Autoren von Smetana und Dvorak über Janacek, Suk und Novak bis zu seinen Altersgenossen wie etwa Jiří Pauer.
Im besten Sinn ein Hausdirigent des Nationaltheaters ist Krombholc bald international bekannt geworden. Für die Wiener Staatsoper hat er „Jenufa" und mit Günther Rennert die „Verkaufte Braut" (das ist das Schwerste, sagt Krombholc) einstudiert, daneben eine deutsche Rundfunkproduktion von Smetanas „Geheimnis". In Covent Garden war er äußerst erfolgreich, ebenso mit zahlreichen Sinfoniekonzerten in London. In Bremen hat er den „Zwei Witwen" zum Durchbruch auf deutschen Bühnen verholten, und das Holland-Festival hat ihn zweimal geholt — für Janaceks „Katja Kabanowa" und die „Jenufa". Auch Bukarest, Kopenhagen, Budapest, Warschau und Rio de Janeiro haben Krombholc gefeiert, während er in Moskau und Berlin Beifall an der Spitze des von ihm geführten Opernensembles entgegennehmen konnte. Seine krankheitsbedingte vorjährige Absage an den Hamburger Rundfunk, wo er die Oper „Juraj Jánošík " von Jan Cikker einstudieren sollte, will er in diesem Jahr mit „Zar Saltan" wettmachen.
Wenn schon von Plänen die Rede ist, dann auch noch von dem, was Krombholc gerne möchte: Wagners „Ring des Nibelungen" in tschechischer Sprache einstudieren, sich in Debussys „Pelléas und Mélisande " vertiefen und nach der eben glänzend gelungenen „Zauberflöte", ebenfalls auf der historischen Bühne des Präger Tyltheaters, am Ort seiner Uraufführung, den „Don Giovanni" von Mozart dirigieren.
Und dann noch etwas: viel mehr Zeit haben für das Studium interessanter medizinischer Fragen und für seine beiden West Highland White Terriers, die der Familie als Gaben aus London und Amsterdam ins Haus kamen.
Zufall oder Fügung — jedenfalls war es entscheidend, dass der damals sehr junge Adept des Taktstocks Jaroslav Krombholc zum großen tschechischen Dirigenten Vaclav Talich' in die Lehre kam. Und nicht nur in die Lehre der Schulstunden, sondern bald auch in die Praxis des Theaterbetriebs. Als Korrepetitor und Talichs Assistent am Prager Nationaltheater entwickelte Krombholc intensiver und schneller seine musikalischen Gaben als es ihm anderswo gelungen wäre. Sorgsam geführt und früh vor selbständige Aufgaben gestellt, reifte er schnell zur ausgeprägten Persönlichkeit.
Man kann sich denken, was es für den zwanzigjährigen Dirigenten Jaroslav Krombholc bedeuten musste, am Pult des Nationaltheaters in Prag, das für tschechische Dingenten und Sänger als Ziel jeder Laufbahn gilt, zu stehen und dort die von Vaclav Tauch einstudierten Vorstellungen im Repertoire zu dirigieren. Natürlich kannte er jeden Takt. Schon zu Hause hatte er mit Vater und Onkel am Klavier alle erreichbaren Auszüge oftmals durch gespielt. In den Proben hatte er sich dann jede Nuance der Talichschen Interpretation eingeprägt. Aber am Pult vor dem geschulten Orchester musste er sich allein bewähren. Es gelang ihm — sozusagen auf den ersten Anhieb. Sein gutes Verhältnis zu den Orchestermusikern und ihre unentwegte Bereitschaft zum Mitgehen, wenn Krombholc dirigiert, ist unvermindert geblieben.
Wie es so oft ist — Krombholc wollte eigentlich nicht Dirigent werden, sondern hatte es aufs Komponieren abgesehen. Audi hier wäre er zweifelsohne in die erste Reihe gelangt. Die Sinfonie aus dem Jahre 1942, zwei Streichquartette, zwei Orchestersuiten, ein Sextett, viele Lieder und andere Werke bestehen auch heute noch vor dem strengen Auge der Kritik und anspruchsvollen Ohren des Publikums.
Auch als Pianist hätte sich Krombholc einen Namen schaffen können. Seine Kunst, Lieder zu begleiten — wenn er mit seiner Gattin, der Sopranistin Marie Tauberová, gelegentlich öffentlich musiziert —, fordert immer wieder größte Bewunderung heraus. Krombholc verließ Komposition und Klavierspiel, weil er "die erschöpfende Tätigkeit des Dirigenten, zu der ihn Berufung, nicht Beruf führte, nicht mit anderer musikalischer Beschäftigung zu vereinbaren wusste. Immer wieder bedrängt ihn die hohe Aufgabe, Musik zu Klang werden zu lassen, ohne selbst daran anders beteiligt zu sein, als durch Übertragung und Lebendigwerdenlassen einer Vorstellung. Krombholc halt sich für einen Dirigenten der Lyrik, und tatsächlich trägt jede seiner Leistungen eine gewisse Weichheit und Schmiegsamkeit in sich. Doch ist er dort, wo es nottut, dem dramatischen Element, dem inneren wie dem äußeren, nie etwas schuldig geblieben. Seine Schallplattenaufnahme von Auszügen aus Fibichs Musikdrama „Die Braut von Messina" beweist dies ebenso wie die unvergessliche Einstudierung von Bergs „Wozzeek" am Nationaltheater in Prag. Poetische Stimmung und schwelgerischer Klang liegen dem Wesen von Jaroslav Krombholc besonders nahe. Wir hören das in seiner „Rusalka" von Antonin Dvorak, die kaum ein anderer so werkgetreu interpretierte. Aber in der Supraphon-Gesamtaufnähme von Smetanas Oper „Zwei Witwen" verrät Krombholc allen Sinn für Witz und Galanterie, den man nur verlangen kann.
Alle Leistungen des Dingenten Krombholc zeichnet vor allem innerste Beziehung zum musikalischen Gehalt des wiederzugebenden Werks aus. Als Operndirigent hatte Krombholc das Glück, meist das wählen zu können, was ihm am Herzen lag. Seine selbständige Tätigkeit begann er — dreiundzwanzigjährig — im Jahre 1941 im Stadttheater Pilsen mit Janaceks „Jenufa". Dann folgte der „Dalibor" von Smetana und Mozarts „Figaros Hochzeit". Ein Dreigestirn von Komponisten, das für Krombholc wegweisend werden sollte in die Zukunft. Bald zog es ihn zu den mächtigen Partituren Suks, und von den Zeitgenossen setzte er sich zunächst mit Ostrcil und Borkovee auseinander. Während der kurzen Tätigkeit als Opernchef in Ostrava kam Foerster hinzu und nach Kriegsende — nun definitiv im Prager Nationaltheater, dessen erster Dirigent Krombholc heute nicht nur dem Titel nach ist — Fibich, Novak, von den Zeitgenossen E. F. Burian. Und immer wieder Mozart und Smetana und Dvorak und Janáček. Das Gebiet der russischen Oper erschloss sich Krombholc mit „Eugen Onegin", der „Snegurotschka" und Rimski-Korssakow, dem „Boris Godunow" und Prokofieffs „Krieg und Frieden".
Vom „Wozzeck" war schon die Rede, und die „Elektra" von Richard Strauss hat eben in dieser Saison Krombholc in die erste Reihe der internationalen Straussdirigenten aufrücken lassen.
Sein Konzertrepertoire ist viel breiter — Krombholc liebt hier neben den Klassikern Debussy, Ravel und Roussel, Bartók, Hindemith, Prokofieff', Schostakowitsch und Orff. Aber er hat auch Milhaud, Kodály und Frank Martin dirigiert — und natürlich immer wieder die heimischen Autoren von Smetana und Dvorak über Janacek, Suk und Novak bis zu seinen Altersgenossen wie etwa Jiří Pauer.
Im besten Sinn ein Hausdirigent des Nationaltheaters ist Krombholc bald international bekannt geworden. Für die Wiener Staatsoper hat er „Jenufa" und mit Günther Rennert die „Verkaufte Braut" (das ist das Schwerste, sagt Krombholc) einstudiert, daneben eine deutsche Rundfunkproduktion von Smetanas „Geheimnis". In Covent Garden war er äußerst erfolgreich, ebenso mit zahlreichen Sinfoniekonzerten in London. In Bremen hat er den „Zwei Witwen" zum Durchbruch auf deutschen Bühnen verholten, und das Holland-Festival hat ihn zweimal geholt — für Janaceks „Katja Kabanowa" und die „Jenufa". Auch Bukarest, Kopenhagen, Budapest, Warschau und Rio de Janeiro haben Krombholc gefeiert, während er in Moskau und Berlin Beifall an der Spitze des von ihm geführten Opernensembles entgegennehmen konnte. Seine krankheitsbedingte vorjährige Absage an den Hamburger Rundfunk, wo er die Oper „Juraj Jánošík " von Jan Cikker einstudieren sollte, will er in diesem Jahr mit „Zar Saltan" wettmachen.
Wenn schon von Plänen die Rede ist, dann auch noch von dem, was Krombholc gerne möchte: Wagners „Ring des Nibelungen" in tschechischer Sprache einstudieren, sich in Debussys „Pelléas und Mélisande " vertiefen und nach der eben glänzend gelungenen „Zauberflöte", ebenfalls auf der historischen Bühne des Präger Tyltheaters, am Ort seiner Uraufführung, den „Don Giovanni" von Mozart dirigieren.
Und dann noch etwas: viel mehr Zeit haben für das Studium interessanter medizinischer Fragen und für seine beiden West Highland White Terriers, die der Familie als Gaben aus London und Amsterdam ins Haus kamen.



