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Carlo Maria Giulini

Von
Wolfram Schwinger
Erschienen in der Printausgabe im
April 1962
Lesezeit ca.
Minuten

Als ich im vorigen Jahr wieder zum Holland-Festival fuhr, fand ich Amsterdam, die liebenswerte Stadt der Grachten und Radfahrer, mit lauter Porträt-Fotografien übersät. In riesigen Formaten hingen sie an Fahnenmasten und anderen Stangen, standen sie gerahmt und blumengeschmückt in den Schaufenstern der prachtvollen Geschäfte. Holland feierte seine Lieblinge, die Stars „seines" Festivals, Man sah alle möglichen Gesichter, mehr oder weniger bekannte. Zwei aber dominierten auffällig: eine schone blonde Frau und ein dunkelhaariger, eleganter Mann. Die besonders liebevolle Dekoration ihrer Bilder ließ erkennen, dass man diese beiden vor allen anderen ins Herz geschlossen hatte: Elisabeth Schwarzkopf und Carlo Maria Giulini, den „Figaro"-Dirigenten und seine Gräfin.

Bei der Schwarzkopf empfindet man solche Popularität nicht mehr als Wunder, wohl aber bei Giulini. Denn in Deutschland kennen ihn noch nicht einmal alle Schallplatten Verkäuferinnen (die meisten Werke, die er einspielte, gibt es auch von altbekannten Dirigenten, daran mag das liegen). Wo er in den letzten Jahren aber auch öffentlich in Erscheinung trat, war die Reaktion die gleiche wie in Holland. In England zahlt er zumindest seit seinem „Don Carlos" 1958 an Covent Garden, mehr aber noch seit seinem Verdi-Requiem von 1960 zu den international Führenden Dirigenten. Das sollte uns zu denken geben.

Giulini ist heute Mitte vierzig. Er studierte an der römischen Musikakademie Santa Cecilia, war danach Bratschist im berühmten Orchester dieses Instituts und spielte dabei unter vielen großen Dirigenten. Otto Klemperer und Bruno Walter gaben den Ausschlag, dass Giulini das Streicherpult verließ und selbst zum Taktstock griff. Zum ersten Mal dirigierte er 1940. Nach dem Kriege assistierte er bei Radio Rom. 1949 berief ihn das Mailänder Rundfunkorchester zu seinem Dirigenten. Sein Operndebüt fand mit „Traviata" in Bergamo statt; die Premiere sang die Tebaldi, die erste Reprise die Callas.

Die entscheidende Wende brachte das Jahr 1952. Victor de Sabata holte ihn als zweiten Dirigenten an die Scala. Hier, ganz am Beginn seiner Laufbahn, „entdeckte" ihn Walter Legge, der Chefproduzent der englischen Columbia, für die Schallplatte. Er hörte den jungen Giulini auf einer Probe und nagelte ihn sofort fest. Karajan bestätigte das außergewöhnliche Talent des schlanken Italieners. Unter dem Protektorat Legges und Karajans begann der langsame, aber stetige und deshalb so organische Aufstieg Giulinis.

Haben seine Schallplatten-Einspielungen, die mit Cherubinis Requiem begannen, vorläufig mit den kompletten Mozartopern „Figaro" und „Giovanni" ihren Höhepunkt erreicht, so konzentriert sieb der Erfolg bei Bühnengastspielen vor allem auf Verdi. Sein ,,Falstaff" war die Sensation der Edinburgher Festspiele 1958. Die feinnervige Dramatik und spirituelle Beweglichkeit, die seine Interpretation dieses Gipfelwerkes der italienischen Buffa auszeichnen, hat sich Giulini an den Frühwerken dieser Gattung erarbeitet, die er mit besonderer Vorliebe pflegt. Brillante Beispiele sind seine Platten mit Pergolesis „Serva padrona" und Rossinis „Italienerin in Algier", die er beide mit Orchester, Chor und Solisten der Scala aufnahm.

Unvergessen ist mir aber vor allem seine quicklebendige Wiedergabe von Haydns „II mondo della luna" auf dem Holland-Festival 1959, mit der er anschließend in Aix-en-Provence noch einmal Aufsehen erregte. Was Giulini mit dem Holländischen Kammerorchester aus dieser Partitur an sprühendem Buffogeist heraushohe, war in seinen stärksten Momenten, etwa dem kräftig akzentuierten zweiten Finale, so überzeugend, dass diese seine musikalische Wiederbelebung des Werkes (in der neu herausgegebenen Urfassung) sehr schnell Schule machte. Haydns „Weh auf dem Monde" ist danach wieder auf vielen Bühnen erschienen. Eine Nummer dieser Oper ist mir bis heute in Giulinis Deutung im Ohre geblieben: das kostbare B-dur-Largo im letzten Akt, ein screnadenhaftes Liebesduett, das er mit unendlicher Zärtlichkeit modellierte; wenn es Haydn nicht darüberschrieb, hat er es doch bestimmt so empfunden: dolce c espressivo.

Doch Giulini ist keineswegs nur der Mann sensibler Begleitkünste, der für sein inspiriertes Musizieren stets der dramatischen Szene bedürfte. Mit dem London Philharmonia Orchestra, dem er durch seine Plattenaufnahmen besonders eng verbunden ist, mit dem Concertgebouw-Orkest in Amsterdam oder dem Chicago Symphony Orchestra hat er bedeutende Konzerterfolge gehabt. Sein Repertoire reicht von Mozart, Haydn und Boccherini bis zu Tschaikowsky und Cesar Franck (scheint aber vorläufig die Sinfonik von Beethoven und Brahms noch zu meiden). Ganz unerwarteterweise hat der passionierte Mozartoperndirigent auch ein sehr enges Verhältnis zu der farbfrohen Palette der großen Ballettpartituren von Strawinsky, Ravel und de Falla. Den „Feuervogel", „Daphnis et Chleo" und den „Dreispitz" mochte man geradezu Spezialitäten Giulinis nennen. Hier erst wird deutlich, wie stark sein Klangfarbenempfinden und seine rhythmische Impulsivität ausgeprägt sind. Doch bei aller Rauschhaftigkeit des Musizierens lässt Giulini seinem Orchester niemals die Zügel schießen, hat er jeden dynamischen Ausbruch noch voll unter Kontrolle. Es macht geradezu den Reiz seiner Interpretationen aus, wie er die rhythmische Ekstatik hochtreibt, um sie im entscheidenden Moment doch wieder virtuos abzufangen, etwa im Finaltanz des „Dreispitz" oder im Bacchanale von „Daphnis et Chloe". Selbst wildesten Schlag-Attacken versteht er die Brutalität zu nehmen. Die Kunst, auch die wucherndsten Tuttistellen noch licht zu halten, beherrscht Giulini souverän. Weitatmig zu phrasieren, instrumentale Soli behutsam zu führen, dass sie wie eine Improvisation wirken, und Motive so zu formen, dass sie plastische, fast greifbare Gestalt annehmen — das alles sind Bausteine, aus denen sich Giulinis Dirigierkunst zusammensetzt.

Erholung von seinen ständig zunehmenden Verpflichtungen findet Giulini im Familienkreise, in Santa Margherita an der italienischen Riviera. Seine Söhne werden als die drei besterzogenen Jungen beschrieben, die sich nur denken lassen. Seine Freunde bewundern die sportlichen Fähigkeiten des Seglers Giulini, der — wie sollte es bei einem Italiener anders sein! — natürlich auch rasante Autos hebt. Hoffentlich sind in Zukunft auch einmal die deutschen Musikzentren das Ziel seiner Reisen.

Als ich im vorigen Jahr wieder zum Holland-Festival fuhr, fand ich Amsterdam, die liebenswerte Stadt der Grachten und Radfahrer, mit lauter Porträt-Fotografien übersät. In riesigen Formaten hingen sie an Fahnenmasten und anderen Stangen, standen sie gerahmt und blumengeschmückt in den Schaufenstern der prachtvollen Geschäfte. Holland feierte seine Lieblinge, die Stars „seines" Festivals, Man sah alle möglichen Gesichter, mehr oder weniger bekannte. Zwei aber dominierten auffällig: eine schone blonde Frau und ein dunkelhaariger, eleganter Mann. Die besonders liebevolle Dekoration ihrer Bilder ließ erkennen, dass man diese beiden vor allen anderen ins Herz geschlossen hatte: Elisabeth Schwarzkopf und Carlo Maria Giulini, den „Figaro"-Dirigenten und seine Gräfin.

Bei der Schwarzkopf empfindet man solche Popularität nicht mehr als Wunder, wohl aber bei Giulini. Denn in Deutschland kennen ihn noch nicht einmal alle Schallplatten Verkäuferinnen (die meisten Werke, die er einspielte, gibt es auch von altbekannten Dirigenten, daran mag das liegen). Wo er in den letzten Jahren aber auch öffentlich in Erscheinung trat, war die Reaktion die gleiche wie in Holland. In England zahlt er zumindest seit seinem „Don Carlos" 1958 an Covent Garden, mehr aber noch seit seinem Verdi-Requiem von 1960 zu den international Führenden Dirigenten. Das sollte uns zu denken geben.

Giulini ist heute Mitte vierzig. Er studierte an der römischen Musikakademie Santa Cecilia, war danach Bratschist im berühmten Orchester dieses Instituts und spielte dabei unter vielen großen Dirigenten. Otto Klemperer und Bruno Walter gaben den Ausschlag, dass Giulini das Streicherpult verließ und selbst zum Taktstock griff. Zum ersten Mal dirigierte er 1940. Nach dem Kriege assistierte er bei Radio Rom. 1949 berief ihn das Mailänder Rundfunkorchester zu seinem Dirigenten. Sein Operndebüt fand mit „Traviata" in Bergamo statt; die Premiere sang die Tebaldi, die erste Reprise die Callas.

Die entscheidende Wende brachte das Jahr 1952. Victor de Sabata holte ihn als zweiten Dirigenten an die Scala. Hier, ganz am Beginn seiner Laufbahn, „entdeckte" ihn Walter Legge, der Chefproduzent der englischen Columbia, für die Schallplatte. Er hörte den jungen Giulini auf einer Probe und nagelte ihn sofort fest. Karajan bestätigte das außergewöhnliche Talent des schlanken Italieners. Unter dem Protektorat Legges und Karajans begann der langsame, aber stetige und deshalb so organische Aufstieg Giulinis.

Haben seine Schallplatten-Einspielungen, die mit Cherubinis Requiem begannen, vorläufig mit den kompletten Mozartopern „Figaro" und „Giovanni" ihren Höhepunkt erreicht, so konzentriert sieb der Erfolg bei Bühnengastspielen vor allem auf Verdi. Sein ,,Falstaff" war die Sensation der Edinburgher Festspiele 1958. Die feinnervige Dramatik und spirituelle Beweglichkeit, die seine Interpretation dieses Gipfelwerkes der italienischen Buffa auszeichnen, hat sich Giulini an den Frühwerken dieser Gattung erarbeitet, die er mit besonderer Vorliebe pflegt. Brillante Beispiele sind seine Platten mit Pergolesis „Serva padrona" und Rossinis „Italienerin in Algier", die er beide mit Orchester, Chor und Solisten der Scala aufnahm.

Unvergessen ist mir aber vor allem seine quicklebendige Wiedergabe von Haydns „II mondo della luna" auf dem Holland-Festival 1959, mit der er anschließend in Aix-en-Provence noch einmal Aufsehen erregte. Was Giulini mit dem Holländischen Kammerorchester aus dieser Partitur an sprühendem Buffogeist heraushohe, war in seinen stärksten Momenten, etwa dem kräftig akzentuierten zweiten Finale, so überzeugend, dass diese seine musikalische Wiederbelebung des Werkes (in der neu herausgegebenen Urfassung) sehr schnell Schule machte. Haydns „Weh auf dem Monde" ist danach wieder auf vielen Bühnen erschienen. Eine Nummer dieser Oper ist mir bis heute in Giulinis Deutung im Ohre geblieben: das kostbare B-dur-Largo im letzten Akt, ein screnadenhaftes Liebesduett, das er mit unendlicher Zärtlichkeit modellierte; wenn es Haydn nicht darüberschrieb, hat er es doch bestimmt so empfunden: dolce c espressivo.

Doch Giulini ist keineswegs nur der Mann sensibler Begleitkünste, der für sein inspiriertes Musizieren stets der dramatischen Szene bedürfte. Mit dem London Philharmonia Orchestra, dem er durch seine Plattenaufnahmen besonders eng verbunden ist, mit dem Concertgebouw-Orkest in Amsterdam oder dem Chicago Symphony Orchestra hat er bedeutende Konzerterfolge gehabt. Sein Repertoire reicht von Mozart, Haydn und Boccherini bis zu Tschaikowsky und Cesar Franck (scheint aber vorläufig die Sinfonik von Beethoven und Brahms noch zu meiden). Ganz unerwarteterweise hat der passionierte Mozartoperndirigent auch ein sehr enges Verhältnis zu der farbfrohen Palette der großen Ballettpartituren von Strawinsky, Ravel und de Falla. Den „Feuervogel", „Daphnis et Chleo" und den „Dreispitz" mochte man geradezu Spezialitäten Giulinis nennen. Hier erst wird deutlich, wie stark sein Klangfarbenempfinden und seine rhythmische Impulsivität ausgeprägt sind. Doch bei aller Rauschhaftigkeit des Musizierens lässt Giulini seinem Orchester niemals die Zügel schießen, hat er jeden dynamischen Ausbruch noch voll unter Kontrolle. Es macht geradezu den Reiz seiner Interpretationen aus, wie er die rhythmische Ekstatik hochtreibt, um sie im entscheidenden Moment doch wieder virtuos abzufangen, etwa im Finaltanz des „Dreispitz" oder im Bacchanale von „Daphnis et Chloe". Selbst wildesten Schlag-Attacken versteht er die Brutalität zu nehmen. Die Kunst, auch die wucherndsten Tuttistellen noch licht zu halten, beherrscht Giulini souverän. Weitatmig zu phrasieren, instrumentale Soli behutsam zu führen, dass sie wie eine Improvisation wirken, und Motive so zu formen, dass sie plastische, fast greifbare Gestalt annehmen — das alles sind Bausteine, aus denen sich Giulinis Dirigierkunst zusammensetzt.

Erholung von seinen ständig zunehmenden Verpflichtungen findet Giulini im Familienkreise, in Santa Margherita an der italienischen Riviera. Seine Söhne werden als die drei besterzogenen Jungen beschrieben, die sich nur denken lassen. Seine Freunde bewundern die sportlichen Fähigkeiten des Seglers Giulini, der — wie sollte es bei einem Italiener anders sein! — natürlich auch rasante Autos hebt. Hoffentlich sind in Zukunft auch einmal die deutschen Musikzentren das Ziel seiner Reisen.