Porträt: Robert Riefling
Erschienen in der Printausgabe im April 1962

Das wohltemperierte Klavier von Bach spicke er an drei Abenden in der Hamburger Musikhalle, als ich ihn zum ersten Mal hörte. Keine Musik, die frenetischen Beifallsstürme eines auf Sensation erpichten Publikums einzuheimsen, vielmehr geistige Konzentration fordernd, vom Zuhörer wie vom Interpreten, Versenkung des Musikers in die phantastischen Ausgeburten kühler Strenge, unerbittlicher mathematischer Logik.
Der freundliche, bebrillte Herr verbeugt sich lächelnd, setzt sich an den Flügel und scheint dann nur noch in sich hineinzuhorchen, einen ganzen Abend lang. Das Wunder, dieses Lehrstück, die Zauberei ineinander verschlungener Linien in Klang, in Musik, spannungsvolle, lebendig atmende Musik zu verwandeln, gelingt hinreißend. Riefling füllt sie mit der Spannung aus, die die berühmte fallende Stecknadel fallen hören lässt, und das ohne einen Rest von „Pianistenturn", ohne die Deutungsversuche des „Interpreten". In der Konzentration darauf, die Form herauszumeißeln, im strengen Maß das Ungeheuerliche hörbar zu machen, gibt es keinen Platz für ein Zur-Schau-Stellen dessen, was die Finger vermögen«
Natürlich täte man vielen guten Musikern Unrecht, wollte man allein Robert Riefling zugestehen, ein Bach-Spieler zu sein. Aber gerade diesem Meister werden nur wenige Musiker heute ganz gerecht. In der älteren Generation überwiegt das Herz, tendiert zur farbigen, durch abgestuften Klang bestimmten Wiedergabe, bei den Jungen vermisst man oft den Mut zum Gefühl, ein Mangel, der einseitig die Architektur betont, im ganzen jedoch ein zu starres, unpersönliches Bild ergibt.
Riefling nun vereinigt beides in idealer Ausgewogenheit. Der große Eindruck wirkte nach und gleichzeitig der Jammer, dass diese mitreißende Wiedergabe nicht mehr auf Schallplatten erhältlich ist. Denn es gab sie einmal — auf Metronome. Leider sind die Platten ein Opfer der Auflösung des klassischen Repertoires dieser Firma in Deutschland geworden. Und wir sind wirklich nicht mit so vielen Aufnahmen gesegnet, als dass wir gerade sie entbehren könnten.
Das Hamburger Konzert war Anlass, den Künstler den fono forum-Lesern vorzustellen. Es dauerte eine Weile, bis sein ausgefüllter Terminkalender ein Interview zuließ. Allein, ganz einfach war es immer noch nicht, er machte eigens wegen des Interviews eine Zwischenlandung in Hamburg. Er kam von Berlin, wo er — mit großem Erfolg, versteht sich — einen Klavierabend gegeben hatte. Man rate, mit welchem Programm? Man rät es nicht — ausschließlich Grieg spielte er dort.
Ich erkenne ihn sofort in der Wartehalle des Flughafens. Er sieht exakt so aus wie auf dem Bild, nur lächelt er fröhlich, und dieses Lächeln spielt eigentlich während unserer ganzen Unterhaltung um seine Lippen. Der Mann ist eine Mischung aus Herzlichkeit, zurückhaltender Höflichkeit und unaufdringlicher Überlegenheit. In keiner Phase des Gesprächs lässt er durchblicken, dass er zu den Großen seines Faches gehört. Das mag seltsam klingen, kennt man ihn in Deutschland doch nur am Rande.
Zu Unrecht, denn dieser große Unbekannte verdient es, auch hierzulande viel mehr gehört und geschätzt zu werden, als es bis jetzt geschieht. Der Skandinavier Robert Riefling gehört — und das kann man ohne Übertreibung sagen — zu den wichtigen und bedeutenden Musikern unserer Zeit. Mit Bedacht sage ich nicht „Pianist"; Ihn umwehe nicht die Luft des Virtuosen. Er hat das hinter sich gelassen, und wer ihn hört, genießt das reine Glück, ganz einfach Musik zu hören. Ist ein Künstler einmal 50 Jahre alt, hat er nach allgemeinem Urteil entweder weltberühmt zu sein oder aber „es kann nichts dran sein". Wir in Deutschland haben im Fall Riefling etwas nachzuholen, und daher sei auf dieser Seite sein Lob gesungen. Robert Riefling wurde im Jahre 1911 in Oslo geboren. Er studierte zuerst dort, dann bei Karl Leimer, später bei Kempff und Fischer. Leim er ist er dankbar für das Training der Finger, für das Erlernen einer intelligenten Art zu üben, für eine rationelle Einteilung der Kräfte beim Spiel, also für die unentbehrlichen Grundlagen der technischen Schulung. Den beiden großen Künstlern Kempff und Fischer verdankt er musikalische Einflüsse zweier grundverschiedener Persönlichkeiten. Die souveräne Persönlichkeit Kempffs, die, den sublimen Feinheiten des Klanges nachspürend, das Werk nach seiner Weise formt, löst das holzschnittartig strenge Profil Fischers ab und ergibt eine Mischling, die mit den eigenen Talenten und der persönlichen Ausformung Rieflings vereint ein Künstlertum zeigen lasst, das schnell in die erste Reihe seines Faches vordringt.
1936 gewinnt er unter 70 Bewerbern den ersten Preis im Skandinavischen Musikwettbewerb in Kopenhagen. 1938 folgt ein Preis im berühmten Klavierwettbewerb „Reine Elisabeth" in Brüssel, einem der schwierigsten von allen. Diese Auszeichnungen sind Sprungbrett für eine Laufbahn (Karriere passt so gar nicht für den stillen, bescheidenen Mann), die in einer ausgedehnten Konzerttätigkeit in Europa und Amerika resultiert.
Er hat u. a. in Basel und Paris, in London und New York, in Antwerpen und Minneapolis mit glänzenden Erfolgen gespielt, er war Solist unter Dirigenten wie Fritz Busch, Igor Markevitch, Sir Thomas Beecham und Bruno Walter, und natürlich ist er ständiger Gast in allen skandinavischen Musik Zentren. Nur in Deutschland ist sein Name bis jetzt eigentlich kein Begriff geworden. Gewiss, er hat außer in Hamburg in Berlin und München und im letzten Jahr beim Beethovenfest in Bonn mitgewirkt — überall mir spontaner Zustimmung. Aber man möchte ihm endlich den entscheidenden Durchbruch zu der allgemeinen Anerkennung, die er verdiente, wünschen. Dazu konnten seine Sehallplatten helfen — die es bei uns nicht gibt.
Kein Katalog der großen Firmen verzeichnet seinen Namen, obwohl er viel eingespielt hat, das kennenzulernen wohl lohnen würde. Eine mir vor hegende Zusammenstellung seiner Platten verzeichnet auf Metronome außer der Wiedergabe des „Wohltemperierten Klaviers" Werke von Beethoven, Mozart, Schumann, Chopin, Grieg, auf „His Master's Voice" liegen vor: Werke von Liszt, Hindemith (Ludus tonalis), Rivertz und Saeverud, auf RCA Beethovens 5. Klavierkonzert, auf verschiedenen kleineren Marken Stücke von Grieg, Egge und Valen. Die einzige Schallplatte, die im Augenblick in Deutschland erhältlich ist, enthält eine Aufnahme von vier Haydn-Sonaten (Valois MB 921, Stereo), die das überragende Können Rieflings deutlich macht. Es wäre an der Zeit, sich in den Produktionsabteilungen der Schallplattenfirmen auf diesen Künstler zu besinnen. Es würde sich lohnen.
Das wohltemperierte Klavier von Bach spicke er an drei Abenden in der Hamburger Musikhalle, als ich ihn zum ersten Mal hörte. Keine Musik, die frenetischen Beifallsstürme eines auf Sensation erpichten Publikums einzuheimsen, vielmehr geistige Konzentration fordernd, vom Zuhörer wie vom Interpreten, Versenkung des Musikers in die phantastischen Ausgeburten kühler Strenge, unerbittlicher mathematischer Logik.
Der freundliche, bebrillte Herr verbeugt sich lächelnd, setzt sich an den Flügel und scheint dann nur noch in sich hineinzuhorchen, einen ganzen Abend lang. Das Wunder, dieses Lehrstück, die Zauberei ineinander verschlungener Linien in Klang, in Musik, spannungsvolle, lebendig atmende Musik zu verwandeln, gelingt hinreißend. Riefling füllt sie mit der Spannung aus, die die berühmte fallende Stecknadel fallen hören lässt, und das ohne einen Rest von „Pianistenturn", ohne die Deutungsversuche des „Interpreten". In der Konzentration darauf, die Form herauszumeißeln, im strengen Maß das Ungeheuerliche hörbar zu machen, gibt es keinen Platz für ein Zur-Schau-Stellen dessen, was die Finger vermögen«
Natürlich täte man vielen guten Musikern Unrecht, wollte man allein Robert Riefling zugestehen, ein Bach-Spieler zu sein. Aber gerade diesem Meister werden nur wenige Musiker heute ganz gerecht. In der älteren Generation überwiegt das Herz, tendiert zur farbigen, durch abgestuften Klang bestimmten Wiedergabe, bei den Jungen vermisst man oft den Mut zum Gefühl, ein Mangel, der einseitig die Architektur betont, im ganzen jedoch ein zu starres, unpersönliches Bild ergibt.
Riefling nun vereinigt beides in idealer Ausgewogenheit. Der große Eindruck wirkte nach und gleichzeitig der Jammer, dass diese mitreißende Wiedergabe nicht mehr auf Schallplatten erhältlich ist. Denn es gab sie einmal — auf Metronome. Leider sind die Platten ein Opfer der Auflösung des klassischen Repertoires dieser Firma in Deutschland geworden. Und wir sind wirklich nicht mit so vielen Aufnahmen gesegnet, als dass wir gerade sie entbehren könnten.
Das Hamburger Konzert war Anlass, den Künstler den fono forum-Lesern vorzustellen. Es dauerte eine Weile, bis sein ausgefüllter Terminkalender ein Interview zuließ. Allein, ganz einfach war es immer noch nicht, er machte eigens wegen des Interviews eine Zwischenlandung in Hamburg. Er kam von Berlin, wo er — mit großem Erfolg, versteht sich — einen Klavierabend gegeben hatte. Man rate, mit welchem Programm? Man rät es nicht — ausschließlich Grieg spielte er dort.
Ich erkenne ihn sofort in der Wartehalle des Flughafens. Er sieht exakt so aus wie auf dem Bild, nur lächelt er fröhlich, und dieses Lächeln spielt eigentlich während unserer ganzen Unterhaltung um seine Lippen. Der Mann ist eine Mischung aus Herzlichkeit, zurückhaltender Höflichkeit und unaufdringlicher Überlegenheit. In keiner Phase des Gesprächs lässt er durchblicken, dass er zu den Großen seines Faches gehört. Das mag seltsam klingen, kennt man ihn in Deutschland doch nur am Rande.
Zu Unrecht, denn dieser große Unbekannte verdient es, auch hierzulande viel mehr gehört und geschätzt zu werden, als es bis jetzt geschieht. Der Skandinavier Robert Riefling gehört — und das kann man ohne Übertreibung sagen — zu den wichtigen und bedeutenden Musikern unserer Zeit. Mit Bedacht sage ich nicht „Pianist"; Ihn umwehe nicht die Luft des Virtuosen. Er hat das hinter sich gelassen, und wer ihn hört, genießt das reine Glück, ganz einfach Musik zu hören. Ist ein Künstler einmal 50 Jahre alt, hat er nach allgemeinem Urteil entweder weltberühmt zu sein oder aber „es kann nichts dran sein". Wir in Deutschland haben im Fall Riefling etwas nachzuholen, und daher sei auf dieser Seite sein Lob gesungen. Robert Riefling wurde im Jahre 1911 in Oslo geboren. Er studierte zuerst dort, dann bei Karl Leimer, später bei Kempff und Fischer. Leim er ist er dankbar für das Training der Finger, für das Erlernen einer intelligenten Art zu üben, für eine rationelle Einteilung der Kräfte beim Spiel, also für die unentbehrlichen Grundlagen der technischen Schulung. Den beiden großen Künstlern Kempff und Fischer verdankt er musikalische Einflüsse zweier grundverschiedener Persönlichkeiten. Die souveräne Persönlichkeit Kempffs, die, den sublimen Feinheiten des Klanges nachspürend, das Werk nach seiner Weise formt, löst das holzschnittartig strenge Profil Fischers ab und ergibt eine Mischling, die mit den eigenen Talenten und der persönlichen Ausformung Rieflings vereint ein Künstlertum zeigen lasst, das schnell in die erste Reihe seines Faches vordringt.
1936 gewinnt er unter 70 Bewerbern den ersten Preis im Skandinavischen Musikwettbewerb in Kopenhagen. 1938 folgt ein Preis im berühmten Klavierwettbewerb „Reine Elisabeth" in Brüssel, einem der schwierigsten von allen. Diese Auszeichnungen sind Sprungbrett für eine Laufbahn (Karriere passt so gar nicht für den stillen, bescheidenen Mann), die in einer ausgedehnten Konzerttätigkeit in Europa und Amerika resultiert.
Er hat u. a. in Basel und Paris, in London und New York, in Antwerpen und Minneapolis mit glänzenden Erfolgen gespielt, er war Solist unter Dirigenten wie Fritz Busch, Igor Markevitch, Sir Thomas Beecham und Bruno Walter, und natürlich ist er ständiger Gast in allen skandinavischen Musik Zentren. Nur in Deutschland ist sein Name bis jetzt eigentlich kein Begriff geworden. Gewiss, er hat außer in Hamburg in Berlin und München und im letzten Jahr beim Beethovenfest in Bonn mitgewirkt — überall mir spontaner Zustimmung. Aber man möchte ihm endlich den entscheidenden Durchbruch zu der allgemeinen Anerkennung, die er verdiente, wünschen. Dazu konnten seine Sehallplatten helfen — die es bei uns nicht gibt.
Kein Katalog der großen Firmen verzeichnet seinen Namen, obwohl er viel eingespielt hat, das kennenzulernen wohl lohnen würde. Eine mir vor hegende Zusammenstellung seiner Platten verzeichnet auf Metronome außer der Wiedergabe des „Wohltemperierten Klaviers" Werke von Beethoven, Mozart, Schumann, Chopin, Grieg, auf „His Master's Voice" liegen vor: Werke von Liszt, Hindemith (Ludus tonalis), Rivertz und Saeverud, auf RCA Beethovens 5. Klavierkonzert, auf verschiedenen kleineren Marken Stücke von Grieg, Egge und Valen. Die einzige Schallplatte, die im Augenblick in Deutschland erhältlich ist, enthält eine Aufnahme von vier Haydn-Sonaten (Valois MB 921, Stereo), die das überragende Können Rieflings deutlich macht. Es wäre an der Zeit, sich in den Produktionsabteilungen der Schallplattenfirmen auf diesen Künstler zu besinnen. Es würde sich lohnen.



