Michael Bohnen – 75 Jahre alt
Erschienen in der Printausgabe im Mai 1962

Am 2. Mai beging Michael Bahnen in Berlin seinen 75. Geburtstag. Mit 16 Jahren hat er in seiner Heimatstadt Köln angefangen, Gesang zu studieren. Als 20jä'hrigcr stand er als Caspar im „Freischütz" zum ersten Mal auf einer Bühne, auf der Bühne des Düsseldorfer Theaters. Von Düsseldorf ging er dann nach Wiesbaden, und von Wiesbaden holte ihn Intendant Graf Hülsen an die Berliner Hofoper, der er bis 1918 angehörte. 1912 wurde er nach Bayreuth geholt, um dort den Gurnemanz zu singen. Die Regie-Anweisungen erhielt er noch von Cosima Wagner persönlich.
Als Richard Strauss 1918 an die Wiener Staatsoper berufen wurde, nahm er seinen Freund Michael Bohnen, den hervorragenden Interpreten des Ochs von Lerchenau, mit. In Wien erreichte Bohnen dann der Ruf nach Amerika an die Metropolitan. Seine erste Partie war der Francesco in Schillings Oper „Mona Lisa". Die Titelpartie sang Barbara Kemp. Nach diesem ersten Gastspiel, das begeistert aufgenommen wurde, verpflichtete man ihn für zehn Jahre an die Metropolitan. Zu seinen ersten Partien gehörte der Amonasro in „Aida", und die New Yorker Presse schrieb: „Der Auftritt Michael Bohnens ist mit goldenen Lettern in die Geschichte der Metropolitan einzutragen." Wenn die Saison in New York beendet war, kehrte Bohnen zu seinen Gastspiel-Verpflichtungen nach Europa zurück.
Er stand auf allen großen Opernbühnen der Welt, in London in Covent Garden, in Paris, in Wien, in Stockholm, in Budapest, in Prag, überall feierte er Triumphe. Joachim Beck' hat von ihm gesagt: „In Bohnen ist das Ideal des singenden Schauspielers Wirklichkeit geworden." Das ist wohl die treffendste Charakterisierung seiner Kunst. Man konnte Bohnen in ein und derselben Rolle so und so oft sehen, immer war er anders, immer gestaltete er sie neu, jeweils aus dem Augenblick heraus, aus der Intuition. Seine stimmlichen Mittel waren schier unerschöpflich, und seine Gestaltungskraft war so eminent, dass sie sogar Komponisten zu neuen Werken anregte. D'Albert hat den „Stier von Olivera" für ihn komponiert und Reznicek den „Holofernes".
„Wollen ist viel, Können ist mehr, Vollbringen ist alles — Michael Bohnen, dem Vollbringer, in alter Freundschaft — Leo Blech." Ein Bild Leo Blechs mit dieser Widmung hängt im Arbeitszimmer von Michael Bohnen. Ob Bohnen den Wotan, den Hans Sachs, den Jago, den Scarpia, den Escamillo oder den Caspar sang, immer war die Szene voll dramatischer Spannung. In der „BZ am Mittag" ist diese Spannung anlässlich einer „Freischütz"-Aufführung sehr treffend in dem Satz beschrieben worden: „Er ist noch nicht da, man sieht ihn noch nicht, aber man spürt schon seine Nähe, irgendein geheimes Fluidum strahlt heran aus dem dunklen Raum." Und 1927, als er in New York seinen berühmten Mephisto sang, schrieb die Kritik: „Schon in der Maske von allen anderen Vertretern dieser berühmten Partie verschieden, erhebt sich die Leistung immer wieder zu wirklichen Höhen genial angelegter Bühnenkunst.

Aber nicht nur tragische und dämonische Rollen wusste Bohnen packend zu gestalten, sondern auch komische. Was war er für ein prachtvoller Kezal. In dieser Rolle hat man ihn als den Pallenberg der Oper, als Zavadils leiblichen Bruder bezeichnet. Ich erinnere mich an eine Aufführung, in der Richard Tauber den Hans sang. Bohnen riss seinen Partner so mit, dass sie das Duett von den Dukaten dreimal wiederholen mussten. Und sie wiederholten es dreimal grundverschieden, als „amüsantes Kolleg über Charakterisierungskunst".
Man würde Bohnens Persönlichkeit nicht gerecht werden, wollte man sich nur des Operngestalters erinnern. Dieser Mann begann 1919 eine parallel laufende Karriere als Filmschauspieler. Der mehrteilige Kolossal-Film „Die Herrin der Welt", in dem Bohnen die männliche Hauptrolle spielte, ist in die Geschichte des Zelluloids eingegangen. Man darf nicht vergessen, dass das Filmen in jenen Jahren für einen seriösen Opernsänger eigentlich indiskutabel war. Aber Bohnen als moderner Mensch, als Kraftnatur, die nach immer neuen Ausdrucksmitteln für seine schauspielerische Begabung suchte, setzte sich über dieses Vorurteil hinweg und blieb dem Film treu.
Noch eine dritte Sparte muss hier erwähnt werden. Als Bohnen 1928 wieder einmal in Berlin war, brachte Eric Charell im großen Schauspielhaus die Operette „Casanova" heraus, und Bohnen sang über hundertmal die Titelrolle, er war mit Eleganz zur Operette hinübergewechselt. Später sahen wir ihn als Napoleon III. mit Käthe Dorsch in der Operette „Marietta" von Oscar Straus im Metropol-Theater und im Theater am Nollendorfplatz als Millöckers „Gasparone". Doch nach diesen Ausflügen in die Welt der leichteren Muse kehrte Bohnen wieder zur Oper zurück, und eine seiner letzten Partien im Jahre 1944 war Don Pasquale in der Staatsoper, die damals, als das Haus Unter den Linden schon zerstört war, im Admiralspalast gastierte.
Als der Krieg zu Ende war, berief man Michael Bohnen zum Intendanten der Städtischen Oper, und seiner Energie und Tatkraft war es zu danken, dass das Haus in der Kantstraße am 2. 9. 1945 mit „Fidelio" eröffnet werden konnte.
In dieser Zeit stellte der Schauspieler Bohnen auch sein Können als Regisseur unter Beweis, so erinnere ich mich z. B. an eine glänzende „Othello"-Inszenierung.
Die Schallplattenaufnahmen, die die Deutsche Grammophon-Ges., die Electrola-Ges. und die Teldec in dankenswerter Weise wieder herausgebracht haben, werden der älteren Generation eine vergangene Zeit wieder lebendig werden lassen und den jüngeren Opernfreunden einen Eindruck von der kraftvollen Persönlichkeit Bohnens vermitteln.
Heute lebt Bohnen in stiller Zurückgezogenheit in seinem Berliner Heim, aber ich bin sicher, dass sich alle diejenigen, die ihn einmal erlebt haben, dankbar daran erinnern und sich unserem Glückwunsch anschließen. Gilt er doch einem der letzten genialen Vertreter einer glanzvollen Opernepoche.
Am 2. Mai beging Michael Bahnen in Berlin seinen 75. Geburtstag. Mit 16 Jahren hat er in seiner Heimatstadt Köln angefangen, Gesang zu studieren. Als 20jä'hrigcr stand er als Caspar im „Freischütz" zum ersten Mal auf einer Bühne, auf der Bühne des Düsseldorfer Theaters. Von Düsseldorf ging er dann nach Wiesbaden, und von Wiesbaden holte ihn Intendant Graf Hülsen an die Berliner Hofoper, der er bis 1918 angehörte. 1912 wurde er nach Bayreuth geholt, um dort den Gurnemanz zu singen. Die Regie-Anweisungen erhielt er noch von Cosima Wagner persönlich.
Als Richard Strauss 1918 an die Wiener Staatsoper berufen wurde, nahm er seinen Freund Michael Bohnen, den hervorragenden Interpreten des Ochs von Lerchenau, mit. In Wien erreichte Bohnen dann der Ruf nach Amerika an die Metropolitan. Seine erste Partie war der Francesco in Schillings Oper „Mona Lisa". Die Titelpartie sang Barbara Kemp. Nach diesem ersten Gastspiel, das begeistert aufgenommen wurde, verpflichtete man ihn für zehn Jahre an die Metropolitan. Zu seinen ersten Partien gehörte der Amonasro in „Aida", und die New Yorker Presse schrieb: „Der Auftritt Michael Bohnens ist mit goldenen Lettern in die Geschichte der Metropolitan einzutragen." Wenn die Saison in New York beendet war, kehrte Bohnen zu seinen Gastspiel-Verpflichtungen nach Europa zurück.
Er stand auf allen großen Opernbühnen der Welt, in London in Covent Garden, in Paris, in Wien, in Stockholm, in Budapest, in Prag, überall feierte er Triumphe. Joachim Beck' hat von ihm gesagt: „In Bohnen ist das Ideal des singenden Schauspielers Wirklichkeit geworden." Das ist wohl die treffendste Charakterisierung seiner Kunst. Man konnte Bohnen in ein und derselben Rolle so und so oft sehen, immer war er anders, immer gestaltete er sie neu, jeweils aus dem Augenblick heraus, aus der Intuition. Seine stimmlichen Mittel waren schier unerschöpflich, und seine Gestaltungskraft war so eminent, dass sie sogar Komponisten zu neuen Werken anregte. D'Albert hat den „Stier von Olivera" für ihn komponiert und Reznicek den „Holofernes".
„Wollen ist viel, Können ist mehr, Vollbringen ist alles — Michael Bohnen, dem Vollbringer, in alter Freundschaft — Leo Blech." Ein Bild Leo Blechs mit dieser Widmung hängt im Arbeitszimmer von Michael Bohnen. Ob Bohnen den Wotan, den Hans Sachs, den Jago, den Scarpia, den Escamillo oder den Caspar sang, immer war die Szene voll dramatischer Spannung. In der „BZ am Mittag" ist diese Spannung anlässlich einer „Freischütz"-Aufführung sehr treffend in dem Satz beschrieben worden: „Er ist noch nicht da, man sieht ihn noch nicht, aber man spürt schon seine Nähe, irgendein geheimes Fluidum strahlt heran aus dem dunklen Raum." Und 1927, als er in New York seinen berühmten Mephisto sang, schrieb die Kritik: „Schon in der Maske von allen anderen Vertretern dieser berühmten Partie verschieden, erhebt sich die Leistung immer wieder zu wirklichen Höhen genial angelegter Bühnenkunst.

Aber nicht nur tragische und dämonische Rollen wusste Bohnen packend zu gestalten, sondern auch komische. Was war er für ein prachtvoller Kezal. In dieser Rolle hat man ihn als den Pallenberg der Oper, als Zavadils leiblichen Bruder bezeichnet. Ich erinnere mich an eine Aufführung, in der Richard Tauber den Hans sang. Bohnen riss seinen Partner so mit, dass sie das Duett von den Dukaten dreimal wiederholen mussten. Und sie wiederholten es dreimal grundverschieden, als „amüsantes Kolleg über Charakterisierungskunst".
Man würde Bohnens Persönlichkeit nicht gerecht werden, wollte man sich nur des Operngestalters erinnern. Dieser Mann begann 1919 eine parallel laufende Karriere als Filmschauspieler. Der mehrteilige Kolossal-Film „Die Herrin der Welt", in dem Bohnen die männliche Hauptrolle spielte, ist in die Geschichte des Zelluloids eingegangen. Man darf nicht vergessen, dass das Filmen in jenen Jahren für einen seriösen Opernsänger eigentlich indiskutabel war. Aber Bohnen als moderner Mensch, als Kraftnatur, die nach immer neuen Ausdrucksmitteln für seine schauspielerische Begabung suchte, setzte sich über dieses Vorurteil hinweg und blieb dem Film treu.
Noch eine dritte Sparte muss hier erwähnt werden. Als Bohnen 1928 wieder einmal in Berlin war, brachte Eric Charell im großen Schauspielhaus die Operette „Casanova" heraus, und Bohnen sang über hundertmal die Titelrolle, er war mit Eleganz zur Operette hinübergewechselt. Später sahen wir ihn als Napoleon III. mit Käthe Dorsch in der Operette „Marietta" von Oscar Straus im Metropol-Theater und im Theater am Nollendorfplatz als Millöckers „Gasparone". Doch nach diesen Ausflügen in die Welt der leichteren Muse kehrte Bohnen wieder zur Oper zurück, und eine seiner letzten Partien im Jahre 1944 war Don Pasquale in der Staatsoper, die damals, als das Haus Unter den Linden schon zerstört war, im Admiralspalast gastierte.
Als der Krieg zu Ende war, berief man Michael Bohnen zum Intendanten der Städtischen Oper, und seiner Energie und Tatkraft war es zu danken, dass das Haus in der Kantstraße am 2. 9. 1945 mit „Fidelio" eröffnet werden konnte.
In dieser Zeit stellte der Schauspieler Bohnen auch sein Können als Regisseur unter Beweis, so erinnere ich mich z. B. an eine glänzende „Othello"-Inszenierung.
Die Schallplattenaufnahmen, die die Deutsche Grammophon-Ges., die Electrola-Ges. und die Teldec in dankenswerter Weise wieder herausgebracht haben, werden der älteren Generation eine vergangene Zeit wieder lebendig werden lassen und den jüngeren Opernfreunden einen Eindruck von der kraftvollen Persönlichkeit Bohnens vermitteln.
Heute lebt Bohnen in stiller Zurückgezogenheit in seinem Berliner Heim, aber ich bin sicher, dass sich alle diejenigen, die ihn einmal erlebt haben, dankbar daran erinnern und sich unserem Glückwunsch anschließen. Gilt er doch einem der letzten genialen Vertreter einer glanzvollen Opernepoche.



