Agnes Giebel
Klemperer und Celibidrache schätzen sie, Lied und Oratorium liegen ihr am Herzen, sie singt Bach, Mozart – und moderne Musik

Wir haben uns ausdrücklich zum Zwecke eines Interviews getroffen, in Hannover, wo sie am Vorabend das Sopransolo in Beethovens „Neunter" gesungen hatte (mit einer Mühelosigkeit, als sei es ein Mozartliedchen). Doch zunächst wollte sie partout nichts von sich erzählen — nach der unter Musikern nun mal üblichen Devise: „Wenn Sie etwas über mich erfahren wollen, so hören Sie sich doch meine Konzerte an."
Da stand ich ihr gegenüber allerdings in einer recht guten Position; denn ich war schon sehr oft in ihren Konzerten, seit zwölf Jahren etwa, also der Zeit, in der sie durch ihr Singen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde (seit den wöchentlichen Bachkantaten des RIAS-Berlin unter Karl Ristenpart im Jahre 1950). Von ihrem Gesang wusste ich also eine ganze Menge und hatte mir natürlich auch eine Vorstellung von dem Menschen Agnes Giebel gemacht: Wer so natürlich singt, musste auch ein natürlicher Mensch sein.
An dieser Frau mit dem warmen, offenen Blick gibt es tatsächlich nichts Gekünsteltes, keinen Spleen, keine „Masche". Es stellte sich schnell heraus, welches ihr Lieblingsthema ist, bei dem es keiner besonderen Aufforderung zum Sprechen bedurfte. Ihre Gedanken über das „richtige Singen" hätte sie scheinbar endlos fortspinnen können —- was müsste sie für eine blendende Gesangspädagogin sein! Doch dafür hat sie (erstens) keine Zeit, und (zweitens) wüsste sie selbst ganz genau, dass das Unterrichten sie — begänne sie es einmal — ganz und gar in Anspruch nehmen würde („denn was ich tue, tue ich wahnsinnig intensiv!").
An ihrer eigenen, wie sie selbst sagt: schlackenlos reinen Naturstimme hat sie erfahren, welch hohen Grad an Technik man sich anerziehen kann. Sie ist eine Verfechterin des bewussten, des wissenden Singens. Natürlichkeit und Lockerheit sind die immer wiederkehrenden Kernpunkte ihrer kleinen gesangspädagogischen „Vorlesung". Und: „Ich bemühe mich stets, nicht so laut und interessant, sondern so schön wie möglich zu singen."
Agnes Giebel verdankt ihre makellos sitzende Stimme Hilde Wesselmann, einer Schülerin Maria Philippis und somit Enkelschülerin Julius Stockhausens. Von Anfang an hat sie bei dieser bedeutenden Pädagogin studiert, mit der sie noch heute zusammenarbeitet. Die Lehrerin besucht so oft wie möglich die Konzerte ihrer Meisterschülerin, um danach jeden geringsten Mangel sofort korrigieren zu können.
„Von Anfang an" — das heißt seit 1947 an der Folkwangschule in Essen. Die in Holland geborene, aber „ganz deutsche" Agnes Giebel hatte vor ihrem Musikstudium die Handelsschule besucht und "War Sekretärin. „Meine Gesangsstunden waren aber keineswegs mit Solfeggien oder anderen Übungen angefüllt, sondern ich habe von Anbeginn Partien studiert, immer die, die gerade von mir verlangt wurden; denn ich habe immerzu schon in Konzerten im Bergischen Kreis gesungen, in Kirchen zumeist."
So hat bei Agnes Giebel also seit je der Oratorien- und Konzertgesang, Bach vor allem, im Zentrum gestanden. Heute holt sie Otto Klemperer, wenn er in London die Matthäuspassion oder Beethovens Missa solemnis aufführt, Celibidache, wenn er in der Mailänder Scala die „Neunte" dirigiert, das Mozart- oder Brahms-Requiem.
Arbeitet sie mit einem Dirigenten ganz besonders gern zusammen? Ja: mit Theodor Egel, dem Leiter des Freiburger Bachchors und Frankfurter Cäcilienvereins. „Die wunderbarsten Konzerte habe ich unter ihm gesungen. Für mich macht er die schönste Musik." Und nicht nur Agnes Giebel ist von diesem Dirigenten so begeistert; nach der Matthäuspassion an vier aufeinanderfolgenden Abenden in der Karwoche dieses Jahres — in Freiburg, Basel, Frankfurt und Paris — hatte auch Fischer-Dieskau, der den Christus auf dieser Tournee sang, den Wunsch, in Zukunft wieder mit Egel zusammen zu musizieren: das Brahms-Requiem — mit der Giebel.
Dass sie die Bachsängerin sei, ist Agnes Giebel gewohnt zu hören, auch die Mozartsängerin. Aber so geht es ihr bei allem, was sie auch singt. Als sie neulich eine serielle Komposition von Dieter Schönbach interpretiert hatte, sagte Bruno Maderna, der Dirigent: „Madame, Sie sind die Stimme für moderne Musik." Sie singt übrigens oft auch neue Musik: „Das Unaufhörliche" von Hindemith (unter Sawallisch), Orffs Carmina burana (unter Stokowski in London), Peppings Te Deum, Sutermeisters Requiem, Henzes Nachtstücke.
Das Liedersingen liegt ihr natürlich besonders (schon als Dreizehnjährige ist sie mit Straussliedern in Männerchorkonzerten aufgetreten!). Sie möchte es in Zukunft noch weit mehr intensivieren, zumal sie in Sebastian Peschko einen Begleiter gefunden hat, der ihr noch entscheidende Anregungen zu geben vermochte.
Die Frage liegt nahe, warum sie keine Opern singt, zumal sie in Klemperers konzertanter „Zauberflöten"-Aufführung in London als Pamina riesigen Erfolg hatte. An Angeboten fehlt es wahrlich nicht: Klemperer hat für Covent Garden gedrängt und geworben, Matacie wollte sie als Fiordiligi, Wieland Wagner für Bayreuth. Doch die Umworbene: „Ich habe einfach keine Lust dazu. Ich könnte ja doch nichts Besseres erreichen als jetzt im Konzertsaal." Man kann ihr zu dieser konsequenten Haltung, zu dieser weisen Beschränkung nur gratulieren; denn dazu gehört wahrlich einige Selbstüberwindung — wo es ihr an Temperament, das die Opernszene wohl zu füllen vermöchte, nicht im mindesten fehlt.
Agnes Giebel ist heute so weit, dass sie sich die Rosinen aus der Überfülle der Angebote nach eigenem Geschmack herauspicken kann. Seit acht Jahren lebt sie mit ihrem Mann (der „nebenbei" auch ihr Korrepetitor ist), ihrem „anspruchsvollen" Sohn und ihrer „süßen" kleinen Tochter in Köln. Im Herbst wird sie in der Jury des 18. Internationalen Musikwettbewerbs in Genf sitzen. Und ihr herrliches Organ, die beseligende Reinheit ihres strahlenden Soprans, die Erfülltheit ihrer reifen Ausdrucksgestaltung wird hoffentlich auf noch viel mehr Schallplatten festgehalten werden. Denn Vorbilder ihrer Art sind selten.
Wir haben uns ausdrücklich zum Zwecke eines Interviews getroffen, in Hannover, wo sie am Vorabend das Sopransolo in Beethovens „Neunter" gesungen hatte (mit einer Mühelosigkeit, als sei es ein Mozartliedchen). Doch zunächst wollte sie partout nichts von sich erzählen — nach der unter Musikern nun mal üblichen Devise: „Wenn Sie etwas über mich erfahren wollen, so hören Sie sich doch meine Konzerte an."
Da stand ich ihr gegenüber allerdings in einer recht guten Position; denn ich war schon sehr oft in ihren Konzerten, seit zwölf Jahren etwa, also der Zeit, in der sie durch ihr Singen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde (seit den wöchentlichen Bachkantaten des RIAS-Berlin unter Karl Ristenpart im Jahre 1950). Von ihrem Gesang wusste ich also eine ganze Menge und hatte mir natürlich auch eine Vorstellung von dem Menschen Agnes Giebel gemacht: Wer so natürlich singt, musste auch ein natürlicher Mensch sein.
An dieser Frau mit dem warmen, offenen Blick gibt es tatsächlich nichts Gekünsteltes, keinen Spleen, keine „Masche". Es stellte sich schnell heraus, welches ihr Lieblingsthema ist, bei dem es keiner besonderen Aufforderung zum Sprechen bedurfte. Ihre Gedanken über das „richtige Singen" hätte sie scheinbar endlos fortspinnen können —- was müsste sie für eine blendende Gesangspädagogin sein! Doch dafür hat sie (erstens) keine Zeit, und (zweitens) wüsste sie selbst ganz genau, dass das Unterrichten sie — begänne sie es einmal — ganz und gar in Anspruch nehmen würde („denn was ich tue, tue ich wahnsinnig intensiv!").
An ihrer eigenen, wie sie selbst sagt: schlackenlos reinen Naturstimme hat sie erfahren, welch hohen Grad an Technik man sich anerziehen kann. Sie ist eine Verfechterin des bewussten, des wissenden Singens. Natürlichkeit und Lockerheit sind die immer wiederkehrenden Kernpunkte ihrer kleinen gesangspädagogischen „Vorlesung". Und: „Ich bemühe mich stets, nicht so laut und interessant, sondern so schön wie möglich zu singen."
Agnes Giebel verdankt ihre makellos sitzende Stimme Hilde Wesselmann, einer Schülerin Maria Philippis und somit Enkelschülerin Julius Stockhausens. Von Anfang an hat sie bei dieser bedeutenden Pädagogin studiert, mit der sie noch heute zusammenarbeitet. Die Lehrerin besucht so oft wie möglich die Konzerte ihrer Meisterschülerin, um danach jeden geringsten Mangel sofort korrigieren zu können.
„Von Anfang an" — das heißt seit 1947 an der Folkwangschule in Essen. Die in Holland geborene, aber „ganz deutsche" Agnes Giebel hatte vor ihrem Musikstudium die Handelsschule besucht und "War Sekretärin. „Meine Gesangsstunden waren aber keineswegs mit Solfeggien oder anderen Übungen angefüllt, sondern ich habe von Anbeginn Partien studiert, immer die, die gerade von mir verlangt wurden; denn ich habe immerzu schon in Konzerten im Bergischen Kreis gesungen, in Kirchen zumeist."
So hat bei Agnes Giebel also seit je der Oratorien- und Konzertgesang, Bach vor allem, im Zentrum gestanden. Heute holt sie Otto Klemperer, wenn er in London die Matthäuspassion oder Beethovens Missa solemnis aufführt, Celibidache, wenn er in der Mailänder Scala die „Neunte" dirigiert, das Mozart- oder Brahms-Requiem.
Arbeitet sie mit einem Dirigenten ganz besonders gern zusammen? Ja: mit Theodor Egel, dem Leiter des Freiburger Bachchors und Frankfurter Cäcilienvereins. „Die wunderbarsten Konzerte habe ich unter ihm gesungen. Für mich macht er die schönste Musik." Und nicht nur Agnes Giebel ist von diesem Dirigenten so begeistert; nach der Matthäuspassion an vier aufeinanderfolgenden Abenden in der Karwoche dieses Jahres — in Freiburg, Basel, Frankfurt und Paris — hatte auch Fischer-Dieskau, der den Christus auf dieser Tournee sang, den Wunsch, in Zukunft wieder mit Egel zusammen zu musizieren: das Brahms-Requiem — mit der Giebel.
Dass sie die Bachsängerin sei, ist Agnes Giebel gewohnt zu hören, auch die Mozartsängerin. Aber so geht es ihr bei allem, was sie auch singt. Als sie neulich eine serielle Komposition von Dieter Schönbach interpretiert hatte, sagte Bruno Maderna, der Dirigent: „Madame, Sie sind die Stimme für moderne Musik." Sie singt übrigens oft auch neue Musik: „Das Unaufhörliche" von Hindemith (unter Sawallisch), Orffs Carmina burana (unter Stokowski in London), Peppings Te Deum, Sutermeisters Requiem, Henzes Nachtstücke.
Das Liedersingen liegt ihr natürlich besonders (schon als Dreizehnjährige ist sie mit Straussliedern in Männerchorkonzerten aufgetreten!). Sie möchte es in Zukunft noch weit mehr intensivieren, zumal sie in Sebastian Peschko einen Begleiter gefunden hat, der ihr noch entscheidende Anregungen zu geben vermochte.
Die Frage liegt nahe, warum sie keine Opern singt, zumal sie in Klemperers konzertanter „Zauberflöten"-Aufführung in London als Pamina riesigen Erfolg hatte. An Angeboten fehlt es wahrlich nicht: Klemperer hat für Covent Garden gedrängt und geworben, Matacie wollte sie als Fiordiligi, Wieland Wagner für Bayreuth. Doch die Umworbene: „Ich habe einfach keine Lust dazu. Ich könnte ja doch nichts Besseres erreichen als jetzt im Konzertsaal." Man kann ihr zu dieser konsequenten Haltung, zu dieser weisen Beschränkung nur gratulieren; denn dazu gehört wahrlich einige Selbstüberwindung — wo es ihr an Temperament, das die Opernszene wohl zu füllen vermöchte, nicht im mindesten fehlt.
Agnes Giebel ist heute so weit, dass sie sich die Rosinen aus der Überfülle der Angebote nach eigenem Geschmack herauspicken kann. Seit acht Jahren lebt sie mit ihrem Mann (der „nebenbei" auch ihr Korrepetitor ist), ihrem „anspruchsvollen" Sohn und ihrer „süßen" kleinen Tochter in Köln. Im Herbst wird sie in der Jury des 18. Internationalen Musikwettbewerbs in Genf sitzen. Und ihr herrliches Organ, die beseligende Reinheit ihres strahlenden Soprans, die Erfülltheit ihrer reifen Ausdrucksgestaltung wird hoffentlich auf noch viel mehr Schallplatten festgehalten werden. Denn Vorbilder ihrer Art sind selten.



