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Porträt: Josef Suk

Von
Hans Otto Spingel
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 1962
Lesezeit ca.
Minuten

Es ist was dran am „Böhmischen Musikantentum". Der viel geschmähte Begriff muss oft herhalten für eine Art des Musizierens, bei dem die Waagschale links, mit einem Pfund Gefühl befrachtet, sich neigt und dafür die rechte, mit einem Quentchen wachen Verstandes, intelligenter Überlegung nicht gerade belastet, in die Höhe schnellen lässt.

Es ist jedoch ungerecht, dieses — wenn es einseitig ausgeprägt auftritt — nicht gerade eindrucksvolle Künstlertum einer bestimmten Landschaft zuzuweisen. Wenn wir recht unter richtet sind, ist es auch in anderen Ländern zu finden, und sollte es keine Anekdote sein, war z. B. der ungarische Geiger Eduard Remenyi, bei dessen Konzerttourneen Brahms in seiner Jugendzeit als Klavierbegleiter fungierte, mit musikalischen Erwägungen sicher nicht übermäßig beschäftigt. Ein geflügeltes Wort, das er vor einem Konzert gesagt haben soll, lautet: „Werde ich heite spielen Kreutzer-Sonate, dass sich Haare fliegen."

Wir sind heute ein wenig nüchterner, ein wenig sachlicher, und solche temperamentvoll- individualistischen Äußerungen rigoroser Instrumentalisten-Eitelkeit wird man nur noch in ganz seltenen Fällen finden. Man kann diese Typen belächeln, man mag froh sein, dass sie aussterben. Aber man muss sich darüber klar sein, dass sie die in das Extrem gesteigerten Exemplare einer Generation von Persönlichkeiten waren, von denen heute nicht mehr viel übriggeblieben ist. Wir sind so stolz auf unsere bewusste Kunstausübung, auf die Texttreue, mit der wir zu Werke gehen — wir müssen gleichzeitig eingestehen, dass wir ärmer geworden sind an den Verführern der Stimme, des Instruments, des Taktstocks, die mit der zauberischen Macht ihrer Ausstrahlung das Werk bannten, es mit ihrem Gefühl, ihrem Denken erfüllten und die Zuhörer mitrissen.

Wenn wir aber überlegen, wo es denn das heute noch gibt, die Schärfung des musikalischen Verstandes ohne den Substanzverlust elementaren Musikantentums, kürzer gesagt den intelligenten Zigeuner, müssen wir den Blick nach Südosten richten, paradoxerweise in die Gegend, die vor fünfzig Jahren noch als Brutstätte sirupsüßer Geigenschluchzer, pathetischer Zimbalklänge, sentimentaler Romanzen und wild bewegter Tanzweisen angesehen war. Mindestens bis nach Odessa müssen wir schauen, der Stadt der Wunderkinder, der ganze Balkan ist eingeschlossen und — nun, Böhmen, besser gesagt die Tschechoslowakei (heute offiziell CSSR genannt), die Landschaft, die Dvoraks Kraftquell war, als er seine „Slawischen Tänze" schrieb, die Smetana zu dem mächtigen Zyklus sinfonischer Dichtungen „Mein Vaterland" inspirierte, ohne die sich das Werk Janíček nicht erklären lässt.

Gleichzeitig ist sie die Heimat so vieler bedeutender Musiker, Kammermusikvereinigungen und Orchester. Ob wir an die Dirigenten Talich, Ancerl, Smctacek, Krombholc, Vogel denken, an Pianisten wie Palenicek, Panenka, Firkusny, Pokorna, an Cellisten wie Sadlo, Chuchro, ob wir Sängerinnen und Sänger wie Marta Krasova oder Benno Blachut bewundern, Ensembles wie das Vlach-, das Smetana-, das Janíček-, das Novak-Streichquartett, den berühmten Tschechischen Chor unter Jan Kühn, die Tschechische Philharmonie — sie alle sind für uns untrennbar mit dem so ungeheuer musikalischen Land verbunden.

Seit kurzem gehört auch der Name Josef Suk dazu. Sprach man bisher von ihm, meinte man meistens den Großvater, den Komponisten Josef Suk (1874—1935), der als zweiter Geiger dem legendären Böhmischen Streichquartett angehörte. Die Musikalität, die der Enkel vom Großvater geerbt hat, lässt sich noch eine Generation weiter zurück verfolgen: Sein Urgroßvater ist Anton Dvorak, dessen Tochter Josef Suk heiratete. In einem Konzert der Slowakischen Philharmonie in der Hamburger Musikhalle spielte der junge, 1929 in Prag geborene Geiger mit geradezu sensationellem Erfolg die viel zu selten gehörte, schöne Fantasie seines Großvaters. Ich kannte seine Qualitäten von der wunderbaren Supraphon-Aufnahme des Dvorak-Violinkonzertes, der unzweifelhaft mit Abstand besten von den im Augenblick vorliegenden. Sein geigerischer Rang ist dem Oistrachs und Kogans ebenbürtig, seine instrumentale Perfektion auf demselben höchsten Grad angelangt. Die kostbare Stradivari, die er spielt, war einst in Prihodas Besitz. Sie hat unter seinen Händen einen Klang, der bestrickende Süße mit nerviger Intensität vereint.

Die Wiedergabe des Dvorak-Konzertes (Supraphon SUAM 10 181) offenbart alle diese Vorzüge, die noch in den Schatten gestellt werden von einer Musikalität, die dem melodienseligen Werk nicht nur mit robuster Vitalität und kantabler Süße gerecht werden will. Zu einem ganz natürlichen Empfinden für diese Musik tritt ein verantwortungsbewusster Ernst, der klangliche Schönheit und musikantischen Elan nur als gleichwertige Funktionen eines Künstlertums sieht, das aus der oft arg missbrauchten Quelle der Folklore große, wahre Kunst zu zaubern versteht.

Wenn man dem bescheidenen, zurückhaltenden Mann gegenübersitzt und ihn reden hört, bemerkt man bald, dass da ein Künstler von hohen Graden siezt. Er spricht voll Freude über seinen Beruf, seine Arbeit, seinen Werdegang. Studiere hat er seit seiner Kindheit, zuerst in Prag bei Jaroslav Kocian, anschließend von 1944 bis 1950 am dortigen Konservatorium. Noch in dieser Zeit wurde er Primarius des Prager Streichquartetts. Nach Abschluss seiner Studien gründete er das Suk-Trio zusammen mit dem Pianisten Jan Panenka und dem Cellisten Josef Chuchro, ein Ensemble, das internationale Geltung erlangt hat.

Als Solist wie als Kammermusiker hat Josef Suk die Konzertpodien vieler Lander gesehen. 1959 reiste er mit der Tschechischen Philharmonie durch drei Erdteile. Besonders angetan hat es ihm das japanische Publikum und das Musikleben dort. Begeistert erzählt er davon.

Schallplattenpläne? Viele. Er wird zuerst für Supraphon das Beethoven-Konzert aufnehmen, Bach-Sonaten, die Konzerte von Mendelssohn und Bruch sollen folgen. Hoffentlich dauert es nicht zu lange, bis diese Pläne realisiert sind, d.h. bis die Platten vorliegen: Seine Kunst setzt Maßstäbe, wir brauchen solche Aufnahmen. An seiner Interpretation des Dvorak-Konzerts ist das zu hören.

Leider ist diese Schallplatte (die auf der zweiten Seite noch eine Romanze von Dvorak enthält) zusammen mit einer hervorragenden, mit dem „Grand Prix du disque" bedachten Aufnahme der Violin-/ Klaviersonaten von Debussy und Janacek (zusammen mit Jan Panenka, SLPM 498) im Augenblick die einzige Dokumentation der eminenten solistischen und kammermusikalischen Begabung dieses Künstlers auf dem deutschen Markt.

Man kann nur wünschen, dass der Name des Geigers Josef Suk in Deutschland bald den Klang hat, den er verdient.

Es ist was dran am „Böhmischen Musikantentum". Der viel geschmähte Begriff muss oft herhalten für eine Art des Musizierens, bei dem die Waagschale links, mit einem Pfund Gefühl befrachtet, sich neigt und dafür die rechte, mit einem Quentchen wachen Verstandes, intelligenter Überlegung nicht gerade belastet, in die Höhe schnellen lässt.

Es ist jedoch ungerecht, dieses — wenn es einseitig ausgeprägt auftritt — nicht gerade eindrucksvolle Künstlertum einer bestimmten Landschaft zuzuweisen. Wenn wir recht unter richtet sind, ist es auch in anderen Ländern zu finden, und sollte es keine Anekdote sein, war z. B. der ungarische Geiger Eduard Remenyi, bei dessen Konzerttourneen Brahms in seiner Jugendzeit als Klavierbegleiter fungierte, mit musikalischen Erwägungen sicher nicht übermäßig beschäftigt. Ein geflügeltes Wort, das er vor einem Konzert gesagt haben soll, lautet: „Werde ich heite spielen Kreutzer-Sonate, dass sich Haare fliegen."

Wir sind heute ein wenig nüchterner, ein wenig sachlicher, und solche temperamentvoll- individualistischen Äußerungen rigoroser Instrumentalisten-Eitelkeit wird man nur noch in ganz seltenen Fällen finden. Man kann diese Typen belächeln, man mag froh sein, dass sie aussterben. Aber man muss sich darüber klar sein, dass sie die in das Extrem gesteigerten Exemplare einer Generation von Persönlichkeiten waren, von denen heute nicht mehr viel übriggeblieben ist. Wir sind so stolz auf unsere bewusste Kunstausübung, auf die Texttreue, mit der wir zu Werke gehen — wir müssen gleichzeitig eingestehen, dass wir ärmer geworden sind an den Verführern der Stimme, des Instruments, des Taktstocks, die mit der zauberischen Macht ihrer Ausstrahlung das Werk bannten, es mit ihrem Gefühl, ihrem Denken erfüllten und die Zuhörer mitrissen.

Wenn wir aber überlegen, wo es denn das heute noch gibt, die Schärfung des musikalischen Verstandes ohne den Substanzverlust elementaren Musikantentums, kürzer gesagt den intelligenten Zigeuner, müssen wir den Blick nach Südosten richten, paradoxerweise in die Gegend, die vor fünfzig Jahren noch als Brutstätte sirupsüßer Geigenschluchzer, pathetischer Zimbalklänge, sentimentaler Romanzen und wild bewegter Tanzweisen angesehen war. Mindestens bis nach Odessa müssen wir schauen, der Stadt der Wunderkinder, der ganze Balkan ist eingeschlossen und — nun, Böhmen, besser gesagt die Tschechoslowakei (heute offiziell CSSR genannt), die Landschaft, die Dvoraks Kraftquell war, als er seine „Slawischen Tänze" schrieb, die Smetana zu dem mächtigen Zyklus sinfonischer Dichtungen „Mein Vaterland" inspirierte, ohne die sich das Werk Janíček nicht erklären lässt.

Gleichzeitig ist sie die Heimat so vieler bedeutender Musiker, Kammermusikvereinigungen und Orchester. Ob wir an die Dirigenten Talich, Ancerl, Smctacek, Krombholc, Vogel denken, an Pianisten wie Palenicek, Panenka, Firkusny, Pokorna, an Cellisten wie Sadlo, Chuchro, ob wir Sängerinnen und Sänger wie Marta Krasova oder Benno Blachut bewundern, Ensembles wie das Vlach-, das Smetana-, das Janíček-, das Novak-Streichquartett, den berühmten Tschechischen Chor unter Jan Kühn, die Tschechische Philharmonie — sie alle sind für uns untrennbar mit dem so ungeheuer musikalischen Land verbunden.

Seit kurzem gehört auch der Name Josef Suk dazu. Sprach man bisher von ihm, meinte man meistens den Großvater, den Komponisten Josef Suk (1874—1935), der als zweiter Geiger dem legendären Böhmischen Streichquartett angehörte. Die Musikalität, die der Enkel vom Großvater geerbt hat, lässt sich noch eine Generation weiter zurück verfolgen: Sein Urgroßvater ist Anton Dvorak, dessen Tochter Josef Suk heiratete. In einem Konzert der Slowakischen Philharmonie in der Hamburger Musikhalle spielte der junge, 1929 in Prag geborene Geiger mit geradezu sensationellem Erfolg die viel zu selten gehörte, schöne Fantasie seines Großvaters. Ich kannte seine Qualitäten von der wunderbaren Supraphon-Aufnahme des Dvorak-Violinkonzertes, der unzweifelhaft mit Abstand besten von den im Augenblick vorliegenden. Sein geigerischer Rang ist dem Oistrachs und Kogans ebenbürtig, seine instrumentale Perfektion auf demselben höchsten Grad angelangt. Die kostbare Stradivari, die er spielt, war einst in Prihodas Besitz. Sie hat unter seinen Händen einen Klang, der bestrickende Süße mit nerviger Intensität vereint.

Die Wiedergabe des Dvorak-Konzertes (Supraphon SUAM 10 181) offenbart alle diese Vorzüge, die noch in den Schatten gestellt werden von einer Musikalität, die dem melodienseligen Werk nicht nur mit robuster Vitalität und kantabler Süße gerecht werden will. Zu einem ganz natürlichen Empfinden für diese Musik tritt ein verantwortungsbewusster Ernst, der klangliche Schönheit und musikantischen Elan nur als gleichwertige Funktionen eines Künstlertums sieht, das aus der oft arg missbrauchten Quelle der Folklore große, wahre Kunst zu zaubern versteht.

Wenn man dem bescheidenen, zurückhaltenden Mann gegenübersitzt und ihn reden hört, bemerkt man bald, dass da ein Künstler von hohen Graden siezt. Er spricht voll Freude über seinen Beruf, seine Arbeit, seinen Werdegang. Studiere hat er seit seiner Kindheit, zuerst in Prag bei Jaroslav Kocian, anschließend von 1944 bis 1950 am dortigen Konservatorium. Noch in dieser Zeit wurde er Primarius des Prager Streichquartetts. Nach Abschluss seiner Studien gründete er das Suk-Trio zusammen mit dem Pianisten Jan Panenka und dem Cellisten Josef Chuchro, ein Ensemble, das internationale Geltung erlangt hat.

Als Solist wie als Kammermusiker hat Josef Suk die Konzertpodien vieler Lander gesehen. 1959 reiste er mit der Tschechischen Philharmonie durch drei Erdteile. Besonders angetan hat es ihm das japanische Publikum und das Musikleben dort. Begeistert erzählt er davon.

Schallplattenpläne? Viele. Er wird zuerst für Supraphon das Beethoven-Konzert aufnehmen, Bach-Sonaten, die Konzerte von Mendelssohn und Bruch sollen folgen. Hoffentlich dauert es nicht zu lange, bis diese Pläne realisiert sind, d.h. bis die Platten vorliegen: Seine Kunst setzt Maßstäbe, wir brauchen solche Aufnahmen. An seiner Interpretation des Dvorak-Konzerts ist das zu hören.

Leider ist diese Schallplatte (die auf der zweiten Seite noch eine Romanze von Dvorak enthält) zusammen mit einer hervorragenden, mit dem „Grand Prix du disque" bedachten Aufnahme der Violin-/ Klaviersonaten von Debussy und Janacek (zusammen mit Jan Panenka, SLPM 498) im Augenblick die einzige Dokumentation der eminenten solistischen und kammermusikalischen Begabung dieses Künstlers auf dem deutschen Markt.

Man kann nur wünschen, dass der Name des Geigers Josef Suk in Deutschland bald den Klang hat, den er verdient.