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In Memoriam: Leo Schützendorf

Von
Theodor Mühlen
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 1962
Lesezeit ca.
Minuten

Am 18. Dezember 1931 starb Leo Schützendorf, eine der markantesten Erscheinungen der Opernbühne. Seine letzte Rolle war der Rat Krespel in „Hoffmanns Erzählungen". Max Reinhardt hatte ihn, den schauspielerisch so Hochbegabten, für die Neuinszenierung des Offenbachschen Werkes im Großen Schauspielhaus geholt. Schützendorf stammte, wie sein Freund Michael Bohnen, aus Köln, und beide hatten zusammen studiert. 1908 begann er in Düsseldorf und kam über Wiesbaden nach Wien. 1921 sahen wir ihn zum ersten Male in der neugegründeten Berliner Volksoper im Theater des Westens. 1922 engagierte ihn Max von Schillings an die Staatsoper, und damit begann eine außerordentliche Entwicklung dieses so vitalen und hochmusikalischen Künstlers. Die Rollen, die er hier verkörperte, können wir gar nicht alle auf zählen. Vom Spitzbuben in „Fra Diavolo" über den Teufel in „Schwanda", den Frau Melitone, den Figaro bis zum Boris Godunow verfügte Schützendorf über eine schauspielerisch und stimmlich gleichermaßen imponierende Farbskala. Seine großartige Charakterisierungsgabe machte aus allen Opern-Figuren singende Menschen. Er war ein von seiner Aufgabe Besessener, ein Vollblutkomödiant mit ungeheurem Temperament. Auch da, wo er nicht im Mittelpunkt der Szene stand, wusste er sein Publikum zu fesseln. Eine seiner besten Partien war zweifellos der Beckmesser in den „Meistersingern", und als die Linden-Oper als traditionelle Silvester-Aufführung die „Fledermaus" herausbrachte, war Schützendorf ein umwerfend komischer Frosch, bei dem er seinem rheinischen Humor ungehemmt freien Lauf lassen konnte. Komik und Tragik, das sind die beiden extremen Pole in Schützendorfs Laufbahn gewesen.

Als 1925 Erich Kleiber Büchners „Wozzeck" in der Vertonung von Alban Berg herausbrachte, übernahm Leo Schützendorf die Titelrolle, und der damalige Erfolg des Werkes war nicht zuletzt seiner Gestaltungskraft zu verdanken. Alfred Einstein schrieb im Berliner Tageblatt: „Leo Schützendorfs ,Wozzeck' — erschütternd in seiner Dumpfheit — ein Wunder der Genauigkeit des Sprechgesangs, ebenbürtig jedem großen Vertreter dieser Rolle auf der Sprechbühne".

Wenn man Schützendorf einige Tage später als Baculus im „Wildschütz" oder als van Bett in „Zar und Zimmermann" erlebte, so war es kaum zu glauben, dass dieser umwerfend komische Buffo uns eben erst mit seinem tragischen Wozzeck erschüttert hatte. Als die Staatsoper 1928 nach erfolgtem Umbau mit einer Festaufführung der „Zauberflöte" eröffnet wurde, sang Leo Schützendorf den Papageno als leichtfüßigen Schwerenöter, doch ganz erfüllt von Mozartschem Geist und Mozartscher Musik.

Als Teufel in Weinbergers „Schwanda“

Leo Schützendorf stammte aus einer hochmusikalischen Familie. Außer ihm hatten sich noch drei von seinen sechs Brüdern der Oper verschrieben. Gustav Schützendorf hat lange Jahre an der Metropolitan Opera in New York gesungen, Guido war an der Straßburger Oper, und Alfons gehörte einst zu den beliebtesten Mitgliedern des Hamburger Stadttheaters. Leo, der vierte dieses Bass-Bariton-Quartetts, war aber zweifellos der Bedeutendste und auch der Populärste. Sein Wirken an der Berliner Staatsoper dauerte 10 Jahre.

Als der Bühnenverein seinerzeit für die Mitglieder der Linden-Oper eine Höchstgage festsetzen zu müssen glaubte, verlor das Haus seine besten Kräfte. Wie Richard Tauber, Gitta Alpar, Tino Patticra, Vera Schwarz und Michael Bohnen wechselte auch Leo Schützendorf zur Operette hinüber und hinterließ damit in der Oper eine Lücke, für die eigentlich nie mehr ein entsprechender Ersatz gefunden werden konnte. An den Rotter-Bühnen, also im Metropol-Theater und im Theater des Westens, traf man die Opernprominenz jener Jahre wieder. In der Gilbert-Operette „Hotel Stadt Lemberg'' hat Schützendorf als Partner von Käthe Dorsch über hundert Aufführungen gesungen, und im Metropol-Theater erlebten wir ihn neben Vera Schwarz und Tino Pattiera als prachtvollen Ollendorf in Millöckers „Bettelstudent". Ohne zeitkritischen Zugabevers ließ ihn das Publikum keinen Abend von der Bühne. Die leichte Muse hatte ihn vollends zum erklärten Publikumsliebling werden lassen. Die Opernfreunde sahen es mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Trotz aller Erfolge hatte Schützendorf seine Operetten-Tätigkeit immer nur als einen Ausflug in das Reich der Heiterkeit empfunden, und es war zweifellos sein Wunsch, wieder zur Oper zurückzukehren, denn sein Platz war nun einmal in der Oper. Als Reinhardts Angebot kam, war er glück lieh und wir mit ihm, denn wir hatten gehofft, ihn nun wieder ausschließlich in seinem ureigensten Element erleben zu können. Doch das Schicksal wollte es anders. Nach kurzer, schwerer Krankheit, die er schon überwunden zu haben glaubte, raffte ihn ein Herzschlag im Alter von 45 Jahren dahin. Tags zuvor hatte er noch im Großen Schauspielhaus angerufen und mitgeteilt, dass er in den nächsten Tagen seine Rolle in „Hoffmanns Erzählungen" wieder übernehmen könnte, da fiel plötzlich der letzte Vorhang. Am 21. Dezember gaben wir ihm auf dem Friedhof an der Heerstraße das letzte Geleit. Unzählige Menschen wanderten zu der kleinen Kapelle des Waldfriedhofs, wo er aufgebahrt war, und das Blumenmeer, in dem der Sarg stand, war ein Dank all seiner Freunde und Verehrer für den großen Künstler und liebenswerten Menschen Leo Schützendorf. Als wir an seinem 30. Todestag Blumen an seinem Grabe niederlegen wollten, war es nicht mehr da, und bestürzt lasen wir einen fremden Namen auf einem fremden Stein. Was war geschehen? Durch ein Versehen der Friedhofsverwaltung hatte man das Grab eingeebnet, obwohl Freunde des Verstorbenen die Mittel für die Erhaltung angeboten hatten. Wenn auch diese Erinnerungsstätte an Leo Schützendorf ausgelöscht ist, so besitzen wir doch in seinen Schallplattenaufnahmen, die erst vor kurzem in dankenswerter Weise wieder neu herausgebracht wurden, eine Erinnerung, die viel lebendiger ist — nicht nur an seine Stimme, die wir wieder hören können, sondern an die vitale Persönlichkeit Leo Schützendorfs, die in allen Aufnahmen ihren Niederschlag gefunden hat. Auch diejenigen, die ihn nicht mehr erlebt haben, werden von diesem klingenden Dokument beeindruckt sein.

Am 18. Dezember 1931 starb Leo Schützendorf, eine der markantesten Erscheinungen der Opernbühne. Seine letzte Rolle war der Rat Krespel in „Hoffmanns Erzählungen". Max Reinhardt hatte ihn, den schauspielerisch so Hochbegabten, für die Neuinszenierung des Offenbachschen Werkes im Großen Schauspielhaus geholt. Schützendorf stammte, wie sein Freund Michael Bohnen, aus Köln, und beide hatten zusammen studiert. 1908 begann er in Düsseldorf und kam über Wiesbaden nach Wien. 1921 sahen wir ihn zum ersten Male in der neugegründeten Berliner Volksoper im Theater des Westens. 1922 engagierte ihn Max von Schillings an die Staatsoper, und damit begann eine außerordentliche Entwicklung dieses so vitalen und hochmusikalischen Künstlers. Die Rollen, die er hier verkörperte, können wir gar nicht alle auf zählen. Vom Spitzbuben in „Fra Diavolo" über den Teufel in „Schwanda", den Frau Melitone, den Figaro bis zum Boris Godunow verfügte Schützendorf über eine schauspielerisch und stimmlich gleichermaßen imponierende Farbskala. Seine großartige Charakterisierungsgabe machte aus allen Opern-Figuren singende Menschen. Er war ein von seiner Aufgabe Besessener, ein Vollblutkomödiant mit ungeheurem Temperament. Auch da, wo er nicht im Mittelpunkt der Szene stand, wusste er sein Publikum zu fesseln. Eine seiner besten Partien war zweifellos der Beckmesser in den „Meistersingern", und als die Linden-Oper als traditionelle Silvester-Aufführung die „Fledermaus" herausbrachte, war Schützendorf ein umwerfend komischer Frosch, bei dem er seinem rheinischen Humor ungehemmt freien Lauf lassen konnte. Komik und Tragik, das sind die beiden extremen Pole in Schützendorfs Laufbahn gewesen.

Als 1925 Erich Kleiber Büchners „Wozzeck" in der Vertonung von Alban Berg herausbrachte, übernahm Leo Schützendorf die Titelrolle, und der damalige Erfolg des Werkes war nicht zuletzt seiner Gestaltungskraft zu verdanken. Alfred Einstein schrieb im Berliner Tageblatt: „Leo Schützendorfs ,Wozzeck' — erschütternd in seiner Dumpfheit — ein Wunder der Genauigkeit des Sprechgesangs, ebenbürtig jedem großen Vertreter dieser Rolle auf der Sprechbühne".

Wenn man Schützendorf einige Tage später als Baculus im „Wildschütz" oder als van Bett in „Zar und Zimmermann" erlebte, so war es kaum zu glauben, dass dieser umwerfend komische Buffo uns eben erst mit seinem tragischen Wozzeck erschüttert hatte. Als die Staatsoper 1928 nach erfolgtem Umbau mit einer Festaufführung der „Zauberflöte" eröffnet wurde, sang Leo Schützendorf den Papageno als leichtfüßigen Schwerenöter, doch ganz erfüllt von Mozartschem Geist und Mozartscher Musik.

Als Teufel in Weinbergers „Schwanda“

Leo Schützendorf stammte aus einer hochmusikalischen Familie. Außer ihm hatten sich noch drei von seinen sechs Brüdern der Oper verschrieben. Gustav Schützendorf hat lange Jahre an der Metropolitan Opera in New York gesungen, Guido war an der Straßburger Oper, und Alfons gehörte einst zu den beliebtesten Mitgliedern des Hamburger Stadttheaters. Leo, der vierte dieses Bass-Bariton-Quartetts, war aber zweifellos der Bedeutendste und auch der Populärste. Sein Wirken an der Berliner Staatsoper dauerte 10 Jahre.

Als der Bühnenverein seinerzeit für die Mitglieder der Linden-Oper eine Höchstgage festsetzen zu müssen glaubte, verlor das Haus seine besten Kräfte. Wie Richard Tauber, Gitta Alpar, Tino Patticra, Vera Schwarz und Michael Bohnen wechselte auch Leo Schützendorf zur Operette hinüber und hinterließ damit in der Oper eine Lücke, für die eigentlich nie mehr ein entsprechender Ersatz gefunden werden konnte. An den Rotter-Bühnen, also im Metropol-Theater und im Theater des Westens, traf man die Opernprominenz jener Jahre wieder. In der Gilbert-Operette „Hotel Stadt Lemberg'' hat Schützendorf als Partner von Käthe Dorsch über hundert Aufführungen gesungen, und im Metropol-Theater erlebten wir ihn neben Vera Schwarz und Tino Pattiera als prachtvollen Ollendorf in Millöckers „Bettelstudent". Ohne zeitkritischen Zugabevers ließ ihn das Publikum keinen Abend von der Bühne. Die leichte Muse hatte ihn vollends zum erklärten Publikumsliebling werden lassen. Die Opernfreunde sahen es mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Trotz aller Erfolge hatte Schützendorf seine Operetten-Tätigkeit immer nur als einen Ausflug in das Reich der Heiterkeit empfunden, und es war zweifellos sein Wunsch, wieder zur Oper zurückzukehren, denn sein Platz war nun einmal in der Oper. Als Reinhardts Angebot kam, war er glück lieh und wir mit ihm, denn wir hatten gehofft, ihn nun wieder ausschließlich in seinem ureigensten Element erleben zu können. Doch das Schicksal wollte es anders. Nach kurzer, schwerer Krankheit, die er schon überwunden zu haben glaubte, raffte ihn ein Herzschlag im Alter von 45 Jahren dahin. Tags zuvor hatte er noch im Großen Schauspielhaus angerufen und mitgeteilt, dass er in den nächsten Tagen seine Rolle in „Hoffmanns Erzählungen" wieder übernehmen könnte, da fiel plötzlich der letzte Vorhang. Am 21. Dezember gaben wir ihm auf dem Friedhof an der Heerstraße das letzte Geleit. Unzählige Menschen wanderten zu der kleinen Kapelle des Waldfriedhofs, wo er aufgebahrt war, und das Blumenmeer, in dem der Sarg stand, war ein Dank all seiner Freunde und Verehrer für den großen Künstler und liebenswerten Menschen Leo Schützendorf. Als wir an seinem 30. Todestag Blumen an seinem Grabe niederlegen wollten, war es nicht mehr da, und bestürzt lasen wir einen fremden Namen auf einem fremden Stein. Was war geschehen? Durch ein Versehen der Friedhofsverwaltung hatte man das Grab eingeebnet, obwohl Freunde des Verstorbenen die Mittel für die Erhaltung angeboten hatten. Wenn auch diese Erinnerungsstätte an Leo Schützendorf ausgelöscht ist, so besitzen wir doch in seinen Schallplattenaufnahmen, die erst vor kurzem in dankenswerter Weise wieder neu herausgebracht wurden, eine Erinnerung, die viel lebendiger ist — nicht nur an seine Stimme, die wir wieder hören können, sondern an die vitale Persönlichkeit Leo Schützendorfs, die in allen Aufnahmen ihren Niederschlag gefunden hat. Auch diejenigen, die ihn nicht mehr erlebt haben, werden von diesem klingenden Dokument beeindruckt sein.