Meister des Musicals: Kurt Weill
Erschienen in der Printausgabe im Juni 1962

Im Jahre 1935 war der große Regisseur Max Reinhardt in New York mit den Vorbereitungen zu einer neuen Inszenierung beschäftigt. Es handelte sich um ein Drama aus der Feder des Dichters Franz Werfel, der Titel war „The Eternal Road" (,,Die Straße zur Ewigkeit") und das Thema entstammte der Geschichte des jüdischen Volkes. Max Reinhardt plante eine seiner Massen-Inszenierungen, mit denen er seinerzeit bei Vollmöllers „Mirakel" einen nachhaltigen Erfolg erzielt hatte. Reinhardt wollte nun die etwas pathetische Story durch eine neuartige, starke, moderne Bühnenmusik zusammenschweißen und holte zu diesem Zwecke den Komponisten Kurt Weil! aus Paris nach New York.
Kurt Weill war der Weltruhm einer Melodie nach Amerika vorausgegangen: Es war die ,,Moritat" (die Ballade von Mackie Messer) aus der ,,Dreigroschenoper", mit der der achtundzwanzigjährige Kurt Weill im Jahre 1928 dem deutschen Theater das frechste und meistdiskutierte Werk der Nachkriegsjahre geschaffen hatte. Bert Brecht hatte für Weill zu diesem Zwecke die zweihundert Jahre alte ,,Bettleroper" von John Gay aus dem Jahre 1728 bearbeitet. In der „Bettleroper" wurden die Eigenheiten der alten höfischen Prunkoper, aber auch die sozialen Missstände der Zeit parodiert - und zwar in Form einer amüsanten Handlung aus dem Vorstadt-Verbrecher-Milieu. In der „Dreigroschenoper" wird die Lyrik von Francois Villon mitverwendet - und sie wurde zu einer satirischen Diskussion über die Verlogenheit der zwanziger Jahre.
Die ,,Dreigroschenoper" wurde mit ihrer Philosophie von ,,Nur, wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm" geradezu zum Symbol ihrer Epoche. Der Uraufführungstag - es war der 25. August 1928 -wurde zum Ereignis, als die unvergleichliche Lotte Lenya zum ersten Male ihre Seeräuber-Jenny spielte und die Vision vom Piratenschiff mit den acht Segeln und fünfzig Kanonen erstehen ließ.
Kurt Weill wurde am 2. März 1900 in Dessau als Sohn eines Kantors geboren. Er studierte an der Musikhochschule Berlin bei Engelbert Humperdinck, dem Komponisten von „Hansel und Gretel", und war Privatschüler von Ferruccio Busoni. Bald trat er mit Kammermusik, sinfonischen Werken und Liedern vor die Öffentlichkeit - aber abends spielte er in Bierhallen Tanzmusik.

Kurt Weill wurde bald ein Exponent dessen, was man in jenen Jahren „Zeitkunst" nannte. Er beschäftigte sich mit den Problemen der Gebrauchsmusik, studierte den Einbau von Musik in die Programme der Schulen und war fasziniert von den neuen technischen Errungenschaften: Radio und Tonfilm. Schon in seinen frühen Jahren dachte er nach über die Möglichkeiten des Einbaus von Schlagermusik und von Modetänzen des Tages in ein hochwertiges Theater der leichten Musik.
Die Jugendjahre des Komponisten in Deutschland sind gekennzeichnet durch seine Zusammenarbeit mit zwei Dichtern. Mit Georg Kaiser schrieb er 1924 seine erste Oper ,,Der Protagonist". Sie wurde 1926 uraufgeführt und schockierte durch ihren Surrealismus. Es ist die Geschichte eines Schauspielers, der auf offener Szene die Kulissen zur Wirklichkeit werden lässt und einen Mord begeht. Der Gemeinschaftsarbeit mit Bert Brecht entstammen die bekanntesten seiner frühen Werke: „Das kleine Mahagonny", eine kabarett- oder sketchartige Verarbeitung von fünf Gedichten, die auf dem Musikfest von Baden-Baden einen Skandal verursachte. Dann kam die „Dreigroschenoper" (1928), die am Theater am Schiffbauerdamm beinahe 5 Jahre en suite lief - und ein Jahr später die Umarbeitung des ,,Kleinen Mahagonny" zu dem abendfüllenden „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny", in welchem eine mythische Stadt in einem mythischen Amerika auf die Bühne gestellt wird, mit ihren Lastern, ihrer Sündhaftigkeit. Die „Dreigroschenoper" wurde bereits im ersten Jahre 4000mal an 120 Theatern gespielt. „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" war ebenfalls sehr erfolgreich, und hier erregte wieder Lotte Lenya (inzwischen war sie die Gattin Weills geworden) mit ihrem in englischem Dialekt gesungenen ,,Alabama-Song" Furore. Dann folgten, immer mit Brecht, die Kurzopern „Royal Palace", ,,Der Zar lässt sich fotografieren" und die Kantaten „Berliner Requiem" und ,,Der Lindbergh-Flug". Weills letzte Werke in Deutschland waren die Oper ,,Der Silbersee" (1932J und das Musical „Happy End".
Die politischen Ereignisse des Jahres 1933 vertrieben den Komponisten nach Paris. Hier schrieb er das Musical „Marie Galante" und das Ballett „Die Sieben Todsünden", die erste bedeutende Choreographie von George Balanchine.
Nun war Weill also 1935 in Amerika gelandet. Die Produktion der Werfel-Inszenierung Reinhardts zog sich hin, und so wurde das erste amerikanische Bühnenwerk des Komponisten die „Legende mit Musik" JOHNNY JOHNSON, die am 19. November 1936 am 44th Street Theatre von New York uraufgeführt wurde. Es war eine Art „im Westen nichts Neues", made in USA - die Geschichte eines idealistischen, aber bitter enttäuschten amerikanischen Soldaten im ersten Weltkrieg. Aus der merkwürdigen Mischung aus Karikatur, Satire, musikalischer Komödie, Melodram, Sozialpolitik und Märchen bleibt eine Szene in Erinnerung: Die Freiheitsstatue blickt auf die vorbeiziehenden Truppenschiffe und klagt mit ihrem „Song of the Goddess" die Menschheit an, deren Grausamkeit das Leuchten ihres Lichtes verdunkelt. „Johnny Johnson" war ein interessantes Werk, aber kein Kassenerfolg. Es lief 608mal en suite - in einer kleinen Rolle erschien der später als Filmregisseur berühmt gewordene Elia Kazanauf der Bühne.

Ein Jahr darauf erschien nun die Reinhardt Werfel-„Show" in dem riesigen Manhattan Opera House in der 34th Street West, wo dreißig Jahre vorher der ältere Oscar Hammerstein seine Konkurrenzoper gegen die Metropolitan geführt hatte. Reinhardts Produktion kostete über 600000 damalige Dollar, zeigte fast 2000 Kostüme und war ein Durchfall. Aber Kurt Weills Weg war vorgezeichnet - er wollte in Amerika bleiben, daher musste ihn sein Weg zum Musical führen. Er ging dabei ganz methodisch vor: Ein Element seiner Erfolge in Deutschland war immer der von Dichtern geschriebene Text. In Amerika verband er sich nun mit dem bedeutenden Dramatiker Maxwell Anderson. Ihr erstes gemeinsames Musical erschien am 19. Oktober 1938 am Ethel Barrymore Theatre von New York. KNICKER-BOCKER HOLIDAY war der erste echte amerikanische Erfolg des Komponisten. Der Stoff beruht auf Washington Irvings „Geschichte von New York". Das Stück spielt zur Zeit der holländischen Herrschaft in Alt New York, das damals, 1647, noch „Neu Amsterdam" hieß. Das Publikum erfreute sich an den vertrauten holländischen Familiennamen der Rollen (Roosevelt, Vanderbilt usw.). Der Höhepunkt kam gegen Ende des ersten Aktes, als der fast stimmlose Walter Huston als Gouverneur Peter Stuyvesant mit eindrucksvollem Sprechgesang eines der größten Lieder Weills kreierte das Lied von der Melancholie des Alterns - den „September Song".
Maxwell Anderson hat gerne von seiner Zusammenarbeit mit Weill erzählt - der Komponist hatte ein solches Übermaß von musikalischen Einfällen, dass er manche Texte innerhalb einer Stunde dreimal (und ausgezeichnet) komponiert hat.
Immer weiter schritt Kurt Weill auf seinem Weg als Pionier eines gehaltvollen Musicals. Er wusste, dass die Originalität des Stoffes von größter Bedeutung war, und befand sich ununterbrochen auf der Suche. Im Jahre 1941 gelang ihm sein vielleicht bizarrstes Musical. Das Buch stammte von Moss Hart, der im Jahre 1956 das Musical „My Fair Lady" inszeniert hat, die Gesangstexte vom Bruder George Gershwins. Ein Thema von solcher Kühnheit wurde noch nie zuvor in musikalischer Form dargestellt: die psychoanalytische Heilung einer Frau. Am 23. Januar 1941 hob sich im Alvin Theatre von New York der Vorhang über dieser „Frau im Dunkel", der LADY IN THE DARK. Die Handlung spiele sich teils als reines Sprechstück in der Ordination des Psychoanalytikers und im Büro der Patientin (der Moderedakteurin Liza Elliott) ab. Nur die Freudschen Träume der Patientin wurden musikalisch dargestellt; die große englische Schauspielerin Gertrude Lawrence war herrlich in dieser skurrilen Mischung aus Realität und Traum. Der Arzt heilt den Komplex der Patientin über ihre mangelnde Attraktivität - in hochorigineller Weise wird der Fortschritt der Heilung durch ein kleines Lied symbolisiert, an das sich Liza aus ihrer Kindheit erinnert - sie kann es aber nicht zu Ende singen, bis die Heilung vollendet ist. In einer kleinen Rolle, als Zirkusdompteur in der letzten Traumsequenz, debütierte in der Uraufführung der blutjunge und ganz unbekannte Danny Kaye ...
Zwei Jahre später schrieb Kurt Weill ein reizendes Werk, das irgendwie der europäischen Operette verbunden ist. Die Texanerin Mary Martin kreierte die Rolle der Venus-Statue, die lebendig wird und in der Großstadt New York von heute ihren Unfug anrichtet. Das Hauptlied aus ONE TOUCH OF VENUS ist noch heute sehr populär: „Speak Iow."
Lotte Lenya blieb als Gattin Weills von größter Bedeutung für die Entwicklung seines Schaffens; sie war eine künstlerische Gefährtin von visionärer Kraft. Im Jahre 1945 spielte sie in Weills Musical THE FIREBRAND OF FLORENCE auf dem Broadway und sang im Renaissance-Kostüm (Held des Stückes ist Benvenuto Cellini) das entzückende Liedchen „Sing me not a bailad".
Kurz nach der Premiere von „Knickerbocker Holiday" war Kurt Weill Mitglied der Playwrights Company geworden, einer Vereinigung von dramatischen und musikalischen Autoren, der die Dichter Maxwell Anderson und Eimer Rice angehörten. Im Jahre 1947 komponierte er nun ein preisgekröntes Erfolgsstück von Rice aus dem Jahre 1929, STREET SCENE, das in den letzten Jahren unter dem Titel „Die Straße" auch in Deutschland erfolgreich geworden ist. Es steht stilistisch der großen Oper nahe und ist im Grunde der Versuch eines „weißen“ PORGY AND BESS - eine Symphonie menschlicher Leidenschaften in einem Wohnblock armer Leute in einer Vorstadt von New York - ein Lied ihrer Ideale, ihrer geknickten Hoffnungen, ihrer Fantasie und ihre Träume - im Rahmen von Liebe, Eifersucht und Mord. Besonders gelungen ist die Einleitungsszene, in der die Mieter des Wohnblockes im Hof die Nachbarn betratschen und unter der Sommerhitze stöhnen. In der Rolle des Studenten Sam begann der heute berühmte Metropolitan-Opera-Startenor Brian Sullivan seine Karriere. Das Werk erreichte eine Laufzeit von fast einem halben Jahr und wurde seither auch an der New York City Opera gespielt.

Auch das nächste Werk Weills aus dem Jahre 1948, das Musical LOVE LIFE, fiel wieder aus dem Rahmen des konventionellen Broadway-theaters. Der Stoff stammte von Alan Jay Lerner, dem späteren Autor von ,,My Fair Lady", und brachte eine Kavalkade amerikanischer Geschichte, gesehen durch den Spiegel einer Ehe, die von 1791 bis 1948 dauert - unter Menschen, die nicht altern und deren Bund nicht durch physische Vernichtung, sondern durch Geiz und Habsucht endet. Ein Vaudeville-Liedchen aus diesem Werk, „Green-up Time", schlug besonders ein - trotzdem blieb LOVE LIFE nur eine Episode im Schaffen Weills. Seit der Komponist in seinen Berliner Jahren mit Bert Brecht unter dem Titel ,,Der Jasager" eine Schuloper für Schulkinder geschrieben hatte, beschäftigte ihn das Problem der Musik für Schulen. In Amerika komponierte er für die berühmte Musikfakultät der Indiana University (in Bloomington, Indiana) eine Kurzoper aus dem Volksleben des amerikanischen Westens. Ein zum Tode verurteilter Mörder entflieht aus dem Gefängnis, und wir erleben in einer Rückvision die Geschichte seiner Liebe und des Mordes an seinem Rivalen. Den Titel gab das alte amerikanische Volkslied DOWN IN THE VALLEY, das der Partitur zugrunde liegt. Die Premiere fand 1948 als Aufführung der Universität statt, und da kurze, aber wirkungsvolle Werk eroberte sich bald viele große Bühnen.
„Down in the Valley" gilt als amerikanische Volksoper. In diese Kategorie fällt auch Weills letztes vollendetes Bühnenwerk LOST IN THE STARS („ln den Sternen verloren", deutscher Titel ,,Der weite Weg"). Hier hatte Maxwell Anderson das Buch nach dem Roman ,,Cry the beloved Country" des südafrikanischen Dichters Alan Paton gestaltet es war wieder ein Thema von aufwühlender Kühnheit: die Apartheid, die Rassentrennung in Südafrika. Es ist die Geschichte eines demütigen Negerpriesters aus dem Stamme der Zulu - Todd Duncan, der erste Porgy, spielte diese Rolle wundervoll bei der New Yorker Uraufführung 1949 - und eines herrischen weißen Farmers. Der Sohn des Negerpriesters gerät auf Abwege und ermordet den Sohn des Weißen. Am Grabe ihrer Kinder geloben die einstigen Feinde, für eine bessere Welt der Rassenversöhnung kämpfen zu wollen.
Kurt Weill lebte in seinen späteren Jahren mit Lotte Lenya in einer Villa im Hudsontal (in New City) bei New York. Er war mittelgroß, bebrillt, rauchte gern kurze Pfeifen und verbarg hinter seinen spöttischen Lippen einen trockenen Humor und erbarmungslose Selbstkritik.
Nach der Premiere von ,,Lost in the Stars" begann er die Arbeit an einem neuen Musical mit Maxwell Anderson nach Mark Twains ,,Huckleberry Finn". Aber kurz nach seinem 50. Geburtstag, am 3. April 1950, starb der Komponist und hinterließ sein Werk unvollendet.
Kurt Weill hat in seinem Leben einen seltsamen Kreis geschlossen: In Europa wollte er die Form der Oper durch den Einbau populärer Musik dem Volk näherbringen – in Amerika versuchte er, durch den Einbau opernhafter Elemente das populäre Broadway-Musiktheater auf eine höhere Stufe zu führen und wurde so der Pionier der gehobensten Form des Musical.

Nach seinem Tode wurden der Enthusiasmus und die Hingabe seiner Witwe Lotte Lenya die bewegende Kraft der Kurt-Weill-Renaissance der letzten Jahre. Die ,,Dreigroschenoper", die 1933 in New York durchgefallen war, läuft nun bereits seit 7 Jahren aus verkauft in einem kleinen Theater in New York. Die ganz ausgezeichnete englische Übersetzung stammt von dem Schriftsteller und Komponisten Mark Blitzstein. Bei der Premiere des „revival" aus dem Jahre 1954 schien die Zeit stillzustehen: Mit unwirklich ergreifenden Bewegungen spielte die wunder volle Lotte Lenya wieder ihre „Pirate Jenny" in der ,,Three Penny Opera" - und Weills Freund und Verleger Hans Heinsheimer schrieb damals, dass ,,weder Lotte Lenya noch die Kunst Kurt Weills etwas von der brillanten Kraft ihrer versunkenen schöpferischen Epoche verloren hatten". Und der alte Haifisch mit seinen Zähnen lebt fort in unzähligen neuen Schallplatten - darunter in der allerunvergleichlichsten, in der Louis Armstrong die Geschichte vom ,,Shark with the pretty teeth" mit seiner Trompete und seinem Gesang für alle Zeiten tief in die Herzen der Amerikaner gespielt hat.
Im Jahre 1935 war der große Regisseur Max Reinhardt in New York mit den Vorbereitungen zu einer neuen Inszenierung beschäftigt. Es handelte sich um ein Drama aus der Feder des Dichters Franz Werfel, der Titel war „The Eternal Road" (,,Die Straße zur Ewigkeit") und das Thema entstammte der Geschichte des jüdischen Volkes. Max Reinhardt plante eine seiner Massen-Inszenierungen, mit denen er seinerzeit bei Vollmöllers „Mirakel" einen nachhaltigen Erfolg erzielt hatte. Reinhardt wollte nun die etwas pathetische Story durch eine neuartige, starke, moderne Bühnenmusik zusammenschweißen und holte zu diesem Zwecke den Komponisten Kurt Weil! aus Paris nach New York.
Kurt Weill war der Weltruhm einer Melodie nach Amerika vorausgegangen: Es war die ,,Moritat" (die Ballade von Mackie Messer) aus der ,,Dreigroschenoper", mit der der achtundzwanzigjährige Kurt Weill im Jahre 1928 dem deutschen Theater das frechste und meistdiskutierte Werk der Nachkriegsjahre geschaffen hatte. Bert Brecht hatte für Weill zu diesem Zwecke die zweihundert Jahre alte ,,Bettleroper" von John Gay aus dem Jahre 1728 bearbeitet. In der „Bettleroper" wurden die Eigenheiten der alten höfischen Prunkoper, aber auch die sozialen Missstände der Zeit parodiert - und zwar in Form einer amüsanten Handlung aus dem Vorstadt-Verbrecher-Milieu. In der „Dreigroschenoper" wird die Lyrik von Francois Villon mitverwendet - und sie wurde zu einer satirischen Diskussion über die Verlogenheit der zwanziger Jahre.
Die ,,Dreigroschenoper" wurde mit ihrer Philosophie von ,,Nur, wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm" geradezu zum Symbol ihrer Epoche. Der Uraufführungstag - es war der 25. August 1928 -wurde zum Ereignis, als die unvergleichliche Lotte Lenya zum ersten Male ihre Seeräuber-Jenny spielte und die Vision vom Piratenschiff mit den acht Segeln und fünfzig Kanonen erstehen ließ.
Kurt Weill wurde am 2. März 1900 in Dessau als Sohn eines Kantors geboren. Er studierte an der Musikhochschule Berlin bei Engelbert Humperdinck, dem Komponisten von „Hansel und Gretel", und war Privatschüler von Ferruccio Busoni. Bald trat er mit Kammermusik, sinfonischen Werken und Liedern vor die Öffentlichkeit - aber abends spielte er in Bierhallen Tanzmusik.

Kurt Weill wurde bald ein Exponent dessen, was man in jenen Jahren „Zeitkunst" nannte. Er beschäftigte sich mit den Problemen der Gebrauchsmusik, studierte den Einbau von Musik in die Programme der Schulen und war fasziniert von den neuen technischen Errungenschaften: Radio und Tonfilm. Schon in seinen frühen Jahren dachte er nach über die Möglichkeiten des Einbaus von Schlagermusik und von Modetänzen des Tages in ein hochwertiges Theater der leichten Musik.
Die Jugendjahre des Komponisten in Deutschland sind gekennzeichnet durch seine Zusammenarbeit mit zwei Dichtern. Mit Georg Kaiser schrieb er 1924 seine erste Oper ,,Der Protagonist". Sie wurde 1926 uraufgeführt und schockierte durch ihren Surrealismus. Es ist die Geschichte eines Schauspielers, der auf offener Szene die Kulissen zur Wirklichkeit werden lässt und einen Mord begeht. Der Gemeinschaftsarbeit mit Bert Brecht entstammen die bekanntesten seiner frühen Werke: „Das kleine Mahagonny", eine kabarett- oder sketchartige Verarbeitung von fünf Gedichten, die auf dem Musikfest von Baden-Baden einen Skandal verursachte. Dann kam die „Dreigroschenoper" (1928), die am Theater am Schiffbauerdamm beinahe 5 Jahre en suite lief - und ein Jahr später die Umarbeitung des ,,Kleinen Mahagonny" zu dem abendfüllenden „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny", in welchem eine mythische Stadt in einem mythischen Amerika auf die Bühne gestellt wird, mit ihren Lastern, ihrer Sündhaftigkeit. Die „Dreigroschenoper" wurde bereits im ersten Jahre 4000mal an 120 Theatern gespielt. „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" war ebenfalls sehr erfolgreich, und hier erregte wieder Lotte Lenya (inzwischen war sie die Gattin Weills geworden) mit ihrem in englischem Dialekt gesungenen ,,Alabama-Song" Furore. Dann folgten, immer mit Brecht, die Kurzopern „Royal Palace", ,,Der Zar lässt sich fotografieren" und die Kantaten „Berliner Requiem" und ,,Der Lindbergh-Flug". Weills letzte Werke in Deutschland waren die Oper ,,Der Silbersee" (1932J und das Musical „Happy End".
Die politischen Ereignisse des Jahres 1933 vertrieben den Komponisten nach Paris. Hier schrieb er das Musical „Marie Galante" und das Ballett „Die Sieben Todsünden", die erste bedeutende Choreographie von George Balanchine.
Nun war Weill also 1935 in Amerika gelandet. Die Produktion der Werfel-Inszenierung Reinhardts zog sich hin, und so wurde das erste amerikanische Bühnenwerk des Komponisten die „Legende mit Musik" JOHNNY JOHNSON, die am 19. November 1936 am 44th Street Theatre von New York uraufgeführt wurde. Es war eine Art „im Westen nichts Neues", made in USA - die Geschichte eines idealistischen, aber bitter enttäuschten amerikanischen Soldaten im ersten Weltkrieg. Aus der merkwürdigen Mischung aus Karikatur, Satire, musikalischer Komödie, Melodram, Sozialpolitik und Märchen bleibt eine Szene in Erinnerung: Die Freiheitsstatue blickt auf die vorbeiziehenden Truppenschiffe und klagt mit ihrem „Song of the Goddess" die Menschheit an, deren Grausamkeit das Leuchten ihres Lichtes verdunkelt. „Johnny Johnson" war ein interessantes Werk, aber kein Kassenerfolg. Es lief 608mal en suite - in einer kleinen Rolle erschien der später als Filmregisseur berühmt gewordene Elia Kazanauf der Bühne.

Ein Jahr darauf erschien nun die Reinhardt Werfel-„Show" in dem riesigen Manhattan Opera House in der 34th Street West, wo dreißig Jahre vorher der ältere Oscar Hammerstein seine Konkurrenzoper gegen die Metropolitan geführt hatte. Reinhardts Produktion kostete über 600000 damalige Dollar, zeigte fast 2000 Kostüme und war ein Durchfall. Aber Kurt Weills Weg war vorgezeichnet - er wollte in Amerika bleiben, daher musste ihn sein Weg zum Musical führen. Er ging dabei ganz methodisch vor: Ein Element seiner Erfolge in Deutschland war immer der von Dichtern geschriebene Text. In Amerika verband er sich nun mit dem bedeutenden Dramatiker Maxwell Anderson. Ihr erstes gemeinsames Musical erschien am 19. Oktober 1938 am Ethel Barrymore Theatre von New York. KNICKER-BOCKER HOLIDAY war der erste echte amerikanische Erfolg des Komponisten. Der Stoff beruht auf Washington Irvings „Geschichte von New York". Das Stück spielt zur Zeit der holländischen Herrschaft in Alt New York, das damals, 1647, noch „Neu Amsterdam" hieß. Das Publikum erfreute sich an den vertrauten holländischen Familiennamen der Rollen (Roosevelt, Vanderbilt usw.). Der Höhepunkt kam gegen Ende des ersten Aktes, als der fast stimmlose Walter Huston als Gouverneur Peter Stuyvesant mit eindrucksvollem Sprechgesang eines der größten Lieder Weills kreierte das Lied von der Melancholie des Alterns - den „September Song".
Maxwell Anderson hat gerne von seiner Zusammenarbeit mit Weill erzählt - der Komponist hatte ein solches Übermaß von musikalischen Einfällen, dass er manche Texte innerhalb einer Stunde dreimal (und ausgezeichnet) komponiert hat.
Immer weiter schritt Kurt Weill auf seinem Weg als Pionier eines gehaltvollen Musicals. Er wusste, dass die Originalität des Stoffes von größter Bedeutung war, und befand sich ununterbrochen auf der Suche. Im Jahre 1941 gelang ihm sein vielleicht bizarrstes Musical. Das Buch stammte von Moss Hart, der im Jahre 1956 das Musical „My Fair Lady" inszeniert hat, die Gesangstexte vom Bruder George Gershwins. Ein Thema von solcher Kühnheit wurde noch nie zuvor in musikalischer Form dargestellt: die psychoanalytische Heilung einer Frau. Am 23. Januar 1941 hob sich im Alvin Theatre von New York der Vorhang über dieser „Frau im Dunkel", der LADY IN THE DARK. Die Handlung spiele sich teils als reines Sprechstück in der Ordination des Psychoanalytikers und im Büro der Patientin (der Moderedakteurin Liza Elliott) ab. Nur die Freudschen Träume der Patientin wurden musikalisch dargestellt; die große englische Schauspielerin Gertrude Lawrence war herrlich in dieser skurrilen Mischung aus Realität und Traum. Der Arzt heilt den Komplex der Patientin über ihre mangelnde Attraktivität - in hochorigineller Weise wird der Fortschritt der Heilung durch ein kleines Lied symbolisiert, an das sich Liza aus ihrer Kindheit erinnert - sie kann es aber nicht zu Ende singen, bis die Heilung vollendet ist. In einer kleinen Rolle, als Zirkusdompteur in der letzten Traumsequenz, debütierte in der Uraufführung der blutjunge und ganz unbekannte Danny Kaye ...
Zwei Jahre später schrieb Kurt Weill ein reizendes Werk, das irgendwie der europäischen Operette verbunden ist. Die Texanerin Mary Martin kreierte die Rolle der Venus-Statue, die lebendig wird und in der Großstadt New York von heute ihren Unfug anrichtet. Das Hauptlied aus ONE TOUCH OF VENUS ist noch heute sehr populär: „Speak Iow."
Lotte Lenya blieb als Gattin Weills von größter Bedeutung für die Entwicklung seines Schaffens; sie war eine künstlerische Gefährtin von visionärer Kraft. Im Jahre 1945 spielte sie in Weills Musical THE FIREBRAND OF FLORENCE auf dem Broadway und sang im Renaissance-Kostüm (Held des Stückes ist Benvenuto Cellini) das entzückende Liedchen „Sing me not a bailad".
Kurz nach der Premiere von „Knickerbocker Holiday" war Kurt Weill Mitglied der Playwrights Company geworden, einer Vereinigung von dramatischen und musikalischen Autoren, der die Dichter Maxwell Anderson und Eimer Rice angehörten. Im Jahre 1947 komponierte er nun ein preisgekröntes Erfolgsstück von Rice aus dem Jahre 1929, STREET SCENE, das in den letzten Jahren unter dem Titel „Die Straße" auch in Deutschland erfolgreich geworden ist. Es steht stilistisch der großen Oper nahe und ist im Grunde der Versuch eines „weißen“ PORGY AND BESS - eine Symphonie menschlicher Leidenschaften in einem Wohnblock armer Leute in einer Vorstadt von New York - ein Lied ihrer Ideale, ihrer geknickten Hoffnungen, ihrer Fantasie und ihre Träume - im Rahmen von Liebe, Eifersucht und Mord. Besonders gelungen ist die Einleitungsszene, in der die Mieter des Wohnblockes im Hof die Nachbarn betratschen und unter der Sommerhitze stöhnen. In der Rolle des Studenten Sam begann der heute berühmte Metropolitan-Opera-Startenor Brian Sullivan seine Karriere. Das Werk erreichte eine Laufzeit von fast einem halben Jahr und wurde seither auch an der New York City Opera gespielt.

Auch das nächste Werk Weills aus dem Jahre 1948, das Musical LOVE LIFE, fiel wieder aus dem Rahmen des konventionellen Broadway-theaters. Der Stoff stammte von Alan Jay Lerner, dem späteren Autor von ,,My Fair Lady", und brachte eine Kavalkade amerikanischer Geschichte, gesehen durch den Spiegel einer Ehe, die von 1791 bis 1948 dauert - unter Menschen, die nicht altern und deren Bund nicht durch physische Vernichtung, sondern durch Geiz und Habsucht endet. Ein Vaudeville-Liedchen aus diesem Werk, „Green-up Time", schlug besonders ein - trotzdem blieb LOVE LIFE nur eine Episode im Schaffen Weills. Seit der Komponist in seinen Berliner Jahren mit Bert Brecht unter dem Titel ,,Der Jasager" eine Schuloper für Schulkinder geschrieben hatte, beschäftigte ihn das Problem der Musik für Schulen. In Amerika komponierte er für die berühmte Musikfakultät der Indiana University (in Bloomington, Indiana) eine Kurzoper aus dem Volksleben des amerikanischen Westens. Ein zum Tode verurteilter Mörder entflieht aus dem Gefängnis, und wir erleben in einer Rückvision die Geschichte seiner Liebe und des Mordes an seinem Rivalen. Den Titel gab das alte amerikanische Volkslied DOWN IN THE VALLEY, das der Partitur zugrunde liegt. Die Premiere fand 1948 als Aufführung der Universität statt, und da kurze, aber wirkungsvolle Werk eroberte sich bald viele große Bühnen.
„Down in the Valley" gilt als amerikanische Volksoper. In diese Kategorie fällt auch Weills letztes vollendetes Bühnenwerk LOST IN THE STARS („ln den Sternen verloren", deutscher Titel ,,Der weite Weg"). Hier hatte Maxwell Anderson das Buch nach dem Roman ,,Cry the beloved Country" des südafrikanischen Dichters Alan Paton gestaltet es war wieder ein Thema von aufwühlender Kühnheit: die Apartheid, die Rassentrennung in Südafrika. Es ist die Geschichte eines demütigen Negerpriesters aus dem Stamme der Zulu - Todd Duncan, der erste Porgy, spielte diese Rolle wundervoll bei der New Yorker Uraufführung 1949 - und eines herrischen weißen Farmers. Der Sohn des Negerpriesters gerät auf Abwege und ermordet den Sohn des Weißen. Am Grabe ihrer Kinder geloben die einstigen Feinde, für eine bessere Welt der Rassenversöhnung kämpfen zu wollen.
Kurt Weill lebte in seinen späteren Jahren mit Lotte Lenya in einer Villa im Hudsontal (in New City) bei New York. Er war mittelgroß, bebrillt, rauchte gern kurze Pfeifen und verbarg hinter seinen spöttischen Lippen einen trockenen Humor und erbarmungslose Selbstkritik.
Nach der Premiere von ,,Lost in the Stars" begann er die Arbeit an einem neuen Musical mit Maxwell Anderson nach Mark Twains ,,Huckleberry Finn". Aber kurz nach seinem 50. Geburtstag, am 3. April 1950, starb der Komponist und hinterließ sein Werk unvollendet.
Kurt Weill hat in seinem Leben einen seltsamen Kreis geschlossen: In Europa wollte er die Form der Oper durch den Einbau populärer Musik dem Volk näherbringen – in Amerika versuchte er, durch den Einbau opernhafter Elemente das populäre Broadway-Musiktheater auf eine höhere Stufe zu führen und wurde so der Pionier der gehobensten Form des Musical.

Nach seinem Tode wurden der Enthusiasmus und die Hingabe seiner Witwe Lotte Lenya die bewegende Kraft der Kurt-Weill-Renaissance der letzten Jahre. Die ,,Dreigroschenoper", die 1933 in New York durchgefallen war, läuft nun bereits seit 7 Jahren aus verkauft in einem kleinen Theater in New York. Die ganz ausgezeichnete englische Übersetzung stammt von dem Schriftsteller und Komponisten Mark Blitzstein. Bei der Premiere des „revival" aus dem Jahre 1954 schien die Zeit stillzustehen: Mit unwirklich ergreifenden Bewegungen spielte die wunder volle Lotte Lenya wieder ihre „Pirate Jenny" in der ,,Three Penny Opera" - und Weills Freund und Verleger Hans Heinsheimer schrieb damals, dass ,,weder Lotte Lenya noch die Kunst Kurt Weills etwas von der brillanten Kraft ihrer versunkenen schöpferischen Epoche verloren hatten". Und der alte Haifisch mit seinen Zähnen lebt fort in unzähligen neuen Schallplatten - darunter in der allerunvergleichlichsten, in der Louis Armstrong die Geschichte vom ,,Shark with the pretty teeth" mit seiner Trompete und seinem Gesang für alle Zeiten tief in die Herzen der Amerikaner gespielt hat.



