Ein Hexenmeister am Pult
Witold Rowicki und die Warschauer National-Philharmonie

Auf allen Gebieten der Kunst weht ein frischer Wind aus Polen. Erstaunliche Begabungen bringt das Land hervor und allmählich werden ihre Namen auch bei uns in Deutschland zu einem Begriff. Ob wir beim Film an Kawalerowicz, Munch oder Vajda denken, in der Literatur an Hlasko und Mrozek, an Andrzejewski und Odojewski, in der Philosophie an Kolakowski, in der Musik an Pendcrecki, Serocki und Kotonski — ich zitiere willkürlich, was mir in den Sinn kommt — alle diese Namen verbinden sich für den Kenner mit hoher Intelligenz, mit einer Intelligenz, die immer auf der Suche nach neuen Wegen ist, die unkonventionell und mit eigenen Gedanken Probleme anpackt. Die polnische Jugend hat nach dem Krieg auf allen Gebieten mit geradezu unglaublicher Intensität und Schnelligkeit nachgeholt, aufgeholt und ein Niveau erreicht, dem man nur mit Bewunderung Achtung zollen kann.
Nicht nur auf schöpferischem Feld sind die Begabungen groß, auch der Rang der polnischen Interpreten ist, am strengen Maßstab der internationalen Spitzenklasse gemessen, erstaunlich hoch. Das braucht eigentlich nicht besonders betont zu werden, sind uns in der Bundesrepublik und in Westeuropa doch Namen wie der des Pianisten Adam Harasiewiez, der Geigerin Wanda Wilkomirska (die fono forum schon in Heft 5/62 vorstellte), der Sopranistin Stefania Woytowiez bekannt.
Wie so oft geisterte auch der Name Witold Rowicki lange per Rundfunk und Schallplatte bei uns herum, ehe er endlich in persona auftauchte und die Musikfreunde davon überzeugen konnte, dass Gerüchte hin und wieder nicht nur etwas Wahres an sich haben, sondern sogar stimmen, ja übertroffen werden. Andere Städte waren besser dran gewesen, in Köln z. B. hatte er schon öfter dirigiert, Hamburg lernte ihn erst im Oktober des Jahres 1962 kennen. Dann aber so, dass die, die ihn horten und erlebten, ihn nicht wieder vergessen werden.
Er kam auf einer Tournee durch die Bundesrepublik mit „seinem" Orchester nach Hamburg, mit der Warschauer National-Philharmonie. Sein Orchester: Er darf es mit Stolz sagen, denn ihm und seiner Arbeit ist es zu danken, dass die 1901 gegründete Philharmonie, die nach dem Krieg völlig von Grund auf reorganisiert werden musste, heute wieder zur Weltklasse zählt.
Die Kenner waren ein wenig enttäuscht vom Hamburger Programm: Man wusste, dass zwei Tage vorher in Lübeck das Orchester Ravels „Daphnis und Chloe" gespielt hatte und die zweite Sinfonie von Brahms. Die Hamburger Plakate zeigten ein Programm, das einen sich vor Grausen schütteln Heß. Abgenutzte, schonzeitbedürftige Sachen würde es geben: Smetanas Ouvertüre zur „Verkauften Braut", Chopins e-molI-Konzert (mit Haiina Czerny-Stefanska als Solistin) und, bitte schön, Tschaikowskys 5. Sinfonie. Mit gemischter Stimmung, die zwischen Naserümpfen und gespannter Erwartung Schwankte, ging man in die Musikhalle und harrte der Dinge, die da kommen würden. Nur zwischen Tür und Angel, einige Minuten vor dem Konzert, konnte ich noch schnell ein Gespräch mit ihm verabreden: Am nächsten Morgen um 7.30 Uhr vor der Abfahre nach Kasse] hätte er eine halbe Stunde Zeit für mich. Etwas für Frühaufsteher. Ich war entschlossen, es auf mich Zu nehmen. Denn in den wenigen Minuten unserer Verabredung hatte ich ein bezwingend eindrucksvolles Gesicht gesehen, ein kluges Gesicht mit einem schmalen Mund, mit prüfenden, wagenden Augen, eine leise, sympathische Stimme sagte wenige, wohlüberlegt gesetzte Worte in gutem Deutsch; ich wusste, ich würde etwas mitnehmen aus dem Konzert, das Gespräch am nächsten Morgen würde nicht umsonst sein.
Das Podium füllt sich. Viele junge Leute, etwa 10 Damen darunter. Der Beifall für Rowicki verebbt und mit dem knappen, entschiedenen Schlag des Taktstocks, der die Streicher durch den Achtel-Galopp der Anfangstakte von Smetanas furiosem Virtuosenstück bis zum aufjauchzenden ersten Thema peitscht, ist das Missvergnügen über das Programm verflogen. Ich bin hingerissen von einem Musiker allerhöchsten Ranges, von einem Dirigenten, wie ich ihn nur selten hörte.
Wer ist dieser Witold Rowicki? Seine Eltern sind Polen, lebten aber 1914, als er geboren wurde, in Russland, in Taganrog. Er studierte am Krakauer Konservatorium bei Artur Malawski. Wie so viele andere Orchesterchefs war er zuerst Geiger und leitete nach seinem Studium eine Violinklasse am Konservatorium in Krakau. 1945 baute er in Kattowitz das Sinfonieorchester des Polnischen Rundfunks wieder auf. 1950 berief man ihn zum Leiter der Warschauer Philharmonie. Nach einem Zwischenspiel als Dirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters von 1956 bis 1958 wurde er endgültig Chefdirigent und künstlerischer Leiter der Warschauer National-Philharmonie, wie sie nun hieß. Neben der ständigen Arbeit in Warschau, den Konzerten und Schallplattenaufnahmen folgten viele Reisen. In England und Russland spielte das Orchester, in Österreich und der Schweiz, in Deutschland, Rumänien, Italien, Südafrika, in Amerika und Kanada.
Und nun attackiert es also mit zündender Brillanz die „Verkaufte-Braut"-Ouvertüre, und der Mann, der am Pult steht, ist ein Hexenmeister. Er beherrscht seine Musiker mit weichen, gelösten Bewegungen des Taktstocks und mit harten, energiegeladenen. Trotzdem merkt man ihnen an, dass sie nicht unter einem Zwang stehen, der sie unter die Knute beugt. Sie stimmen mit ihm und dem was er will, überein. Freiwillig und nur vibrierender Musizierlust geben sie ihm, was sein Herz und sein Gehirn ihnen durch Hand und Taktstock, durch die Bewegung nur eines Fingers, die Korrespondenz der Blicke, des Atems sagen, von ihnen fordern, bitten. Von graziler Eleganz sind alle diese Bewegungen, ob er nun ein melancholisches Adagio, einen verspielten Walzertakt oder aber einen stampfenden, elementaren Rhythmus dirigiert. Seine Kunst zaubert Klänge, hauchzarte, dann wieder solche von geballter Kraft.

Der Mann am Pult musiziert mit einer Intensität, die auf das Publikum überspringt. Es knistert im Saal, die bekannte Stecknadel kann man fallen hören. Der Smetana wird frisch aufpoliert, erhält bislang unerhörte Glanzlichter, bekommt ein neues Gesicht. Böhmische Musizierseligkeit wird ausgekostet, die blitzblank geputzten Läufe funkeln in der Farbenpracht der verschiedenen Streicher- und Bläsergruppen. Eine Modellwiedergabe. Wo man Rowicki einzustufen hat, merkt man z. B. an Übergängen, die in das neue Thema mit einer Selbstverständlichkeit und gleichzeitig so, dass einem der Atem stockt, einmünden. Man merkt es an der unendlichen Ruhe, mit der Melodien ausgesungen werden. Man merkt es nicht zuletzt daran, wie Nebensächlichkeiten, wie kleine Nuancen plötzlich wichtig werden. Stellen in der Partitur, deren Existenz einem bisher verborgen war, gewinnen Leben, atmen plötzlich: hier ein Flöteneinwurf, da ein Cellomotiv oder ein paar bedeutungsvolle Noten der Trompete. Rowicki dirigiert das alles so präzis, so eindeutig, dass man genau merkt, woher die Impulse kommen, und auf einmal kommt einem die Umkehrung der alten Musikerweisheit in den Sinn: Es gibt keine guten Orchester, sondern nur gute Dirigenten.
Damit soll keinesfalls der Ruf dieses Eliteorchesters geschmälert werden. Warschau schickt mit seiner Nation al-Philharmonie eine Vereinigung, die sich mit Fug und Recht zur Welt-Spitzenklasse zahlen darf. Seine instrumentale Perfektion ist hoch zu rühmen, sie erfüllt überlegen alle Forderungen, überwindet spielend alle Hindernisse der Materie. Der spezifische Klang des Orchesters hat nicht die Süße, die Weichheit, die andere Ensembles besitzen. Aber das Fehlen dieser Tugenden ist hier kein Mangel, man entbehrt sie nicht. Im Gegenteil, es ist erfreulich, dass es einen so ganz unsentimentalen, ein wenig herben, schmalen, gleichsam „intelligenten" Klang noch gibt, der nicht allein auf Schönheit gezüchtet ist, auf Schmelz, sondern darauf abgestimmt, dem Ausdrucksgehalt der Musik ,in einer möglichst großen Spannweite dienen zu können. Oho, sie können auch schön spielen, ich denke an das Adagio der Fünften von Tschaikowsky, an den Walzer. Aber das ist nur eine Seite ihrer klanglichen Möglichkeiten, nur eine Brechung des Lichts, das in einem Brennpunkt zusammenschießt, der eine strahlende Helle aussendet, die mit ihrer Kraft unter die Oberfläche der Musik dringt und aufspürt, was hinter der Schönheit verborgen ist.
Das ist natürlich nur möglich durch vollkommene Integration, durch ein Verschmelzen vieler Guter zu einem Besten. Hier ist es verwirklicht worden, hier hat ein glänzender, ein besessener Musiker sich in geduldiger und kluger Arbeit ein Instrument geschaffen, das ihm haargenau das gibt, was er will. Er spielt auf ihm wie ein Geiger, der die „Seele" seiner Stradivari bis in die feinste Schwingung hinein kennt, der die Möglichkeiten seines Tourte-Bogens für jeden Ausdruck zu nutzen weiß.
Am nächsten Morgen treffe ich Rowicki und seine Musiker beim Frühstück im Hotel. Die Koffer sind schon gepackt, der Omnibus wartet bereits, in wenigen Minuten geht es weiter: nach Kassel. Die kurze Zeit ist ausgefüllt mit Frage und Antwort. Rowicki erzählt von sich, von seinem Orchester. Etwa acht Monate des Jahres beansprucht das Reiseleben, er ist ein gefragter Mann, und Termine in den beiden nächsten Jahren sind fast nicht mehr einzuplanen. Etwa sechs Wochen im Jahr gehören der Arbeit in der Bundesrepublik, er dirigierte u. a. die Berliner Philharmoniker, am Kölner Funkhaus ist er ein gern gesehener Gast. Wichtig ist ihm der menschliche Kontakt zu den Musikern, wichtig das Gefühl, dort wo er dirigiert, „zu Haus" zu sein, mit „seinem" Orchester zu musizieren.
Die Zeit in Warschau dann gehört der Philharmonie und ist randvoll angefüllt mit Konzerten und Schallplattenaufnahmen. Ich bemerke, dass mir die vielen jungen Orchestermitglieder aufgefallen seien, und er sagt mir, dass wenige Vereinigungen ein im Durchschnitt so niedriges Alter aufweisen könnten wie die Warschauer Philharmonie. Nachwuchssorgen wie bei uns in Deutschland? Er schüttelt den Kopf, in Polen gäbe es genug junge, begabte Musiker, die solche Probleme — jedenfalls im Augenblick — nicht entstehen ließen.
Neue Musik? Sofort ist er engagiert und erzählt mir (ich staune), wieviel zeitgenössische Werke in Warschau aufgeführt würden. Etwa fünfzig Prozent der Programme bestünde aus modernen Stücken. Jeder (ich staune noch mehr) sei brennend interessiert an neuen Klängen und Formen und dieses Interesse reiche bis zur Avantgarde, bis Boulez, Stockhausen, bis zu den jungen polnischen Komponisten, die dieselbe Grenze erreicht haben. Neue Musik (mein Staunen geht in neidvolle Bewunderung über) ist dort nicht wie bei uns in das Ghetto von Zyklen, Kreisen und Studios ein- oder besser ausgesperrt: In den Abonnementskonzerten der Sinfonieorchester lernt sie das Publikum kennen und verstehen. Und er berichtet (ich habe so etwas noch nie gehört), mit welcher Begeisterung sein Orchester Musik unserer Zeit spiele, wie interessiert seine Musiker seien, Neues aufzuführen, sich mit Neuem auseinanderzusetzen. Zeitgenössische Musik, und zwar solche, die sich mit Recht so nennen darf, ist in Polen ein lebendiger und wichtiger Bestandteil des musikalischen Lebens. Wir haben bis dahin leider noch einen ziemlich weiten Weg zu gehen.
Das Stichwort heißt Schallplatte. Etwas ganz anderes als das spontane Musizieren im unmittelbaren Kontakt mit dem Publikum, meint Rowicki, gegenüber der Unersetzlichkeit des Konzertsaales jedoch ein wichtiges Medium, das seine eigenen Gesetzlichkeiten habe. Das „psychologische Engagement" des Künstlers sei in der Studio-Atmosphäre, in der es auf technische Makellosigkeit ankäme, die in langwieriger Kleinarbeit erreicht würde, ein ganz anderes als im Konzert, wo das Hier und Jetzt gälte, das Resultat des einmaligen, unwiederholbaren Versuchs. Dass jedoch auch die Schallplatte nicht allein von der Perfektion lebe, beweise die Tatsache, dass hin und wieder die besten Ergebnisse beim Musizieren ohne Schnitt erzielt worden seien. (Die Gelegenheit sei wahrgenommen, sich kopfschüttelnd zu verwundern, warum in den Katalogen der Name Rowicki nicht viel öfter auftaucht. Ihn durch die Schallplatte näher kennenzulernen, wäre nun wirklich einmal eine Bereicherung des Repertoires.) Letzte, unvermeidliche Frage: Wer gehört zu Ihren Lieblingskomponisten? Ohne Zögern kommt die Antwort: Haydn und Brahms.
Die Zeit ist um, es heißt Abschied nehmen. Von einem Dirigenten, den man mit seinem Orchester möglichst bald wiedersehen und -hören möchte.
Auf allen Gebieten der Kunst weht ein frischer Wind aus Polen. Erstaunliche Begabungen bringt das Land hervor und allmählich werden ihre Namen auch bei uns in Deutschland zu einem Begriff. Ob wir beim Film an Kawalerowicz, Munch oder Vajda denken, in der Literatur an Hlasko und Mrozek, an Andrzejewski und Odojewski, in der Philosophie an Kolakowski, in der Musik an Pendcrecki, Serocki und Kotonski — ich zitiere willkürlich, was mir in den Sinn kommt — alle diese Namen verbinden sich für den Kenner mit hoher Intelligenz, mit einer Intelligenz, die immer auf der Suche nach neuen Wegen ist, die unkonventionell und mit eigenen Gedanken Probleme anpackt. Die polnische Jugend hat nach dem Krieg auf allen Gebieten mit geradezu unglaublicher Intensität und Schnelligkeit nachgeholt, aufgeholt und ein Niveau erreicht, dem man nur mit Bewunderung Achtung zollen kann.
Nicht nur auf schöpferischem Feld sind die Begabungen groß, auch der Rang der polnischen Interpreten ist, am strengen Maßstab der internationalen Spitzenklasse gemessen, erstaunlich hoch. Das braucht eigentlich nicht besonders betont zu werden, sind uns in der Bundesrepublik und in Westeuropa doch Namen wie der des Pianisten Adam Harasiewiez, der Geigerin Wanda Wilkomirska (die fono forum schon in Heft 5/62 vorstellte), der Sopranistin Stefania Woytowiez bekannt.
Wie so oft geisterte auch der Name Witold Rowicki lange per Rundfunk und Schallplatte bei uns herum, ehe er endlich in persona auftauchte und die Musikfreunde davon überzeugen konnte, dass Gerüchte hin und wieder nicht nur etwas Wahres an sich haben, sondern sogar stimmen, ja übertroffen werden. Andere Städte waren besser dran gewesen, in Köln z. B. hatte er schon öfter dirigiert, Hamburg lernte ihn erst im Oktober des Jahres 1962 kennen. Dann aber so, dass die, die ihn horten und erlebten, ihn nicht wieder vergessen werden.
Er kam auf einer Tournee durch die Bundesrepublik mit „seinem" Orchester nach Hamburg, mit der Warschauer National-Philharmonie. Sein Orchester: Er darf es mit Stolz sagen, denn ihm und seiner Arbeit ist es zu danken, dass die 1901 gegründete Philharmonie, die nach dem Krieg völlig von Grund auf reorganisiert werden musste, heute wieder zur Weltklasse zählt.
Die Kenner waren ein wenig enttäuscht vom Hamburger Programm: Man wusste, dass zwei Tage vorher in Lübeck das Orchester Ravels „Daphnis und Chloe" gespielt hatte und die zweite Sinfonie von Brahms. Die Hamburger Plakate zeigten ein Programm, das einen sich vor Grausen schütteln Heß. Abgenutzte, schonzeitbedürftige Sachen würde es geben: Smetanas Ouvertüre zur „Verkauften Braut", Chopins e-molI-Konzert (mit Haiina Czerny-Stefanska als Solistin) und, bitte schön, Tschaikowskys 5. Sinfonie. Mit gemischter Stimmung, die zwischen Naserümpfen und gespannter Erwartung Schwankte, ging man in die Musikhalle und harrte der Dinge, die da kommen würden. Nur zwischen Tür und Angel, einige Minuten vor dem Konzert, konnte ich noch schnell ein Gespräch mit ihm verabreden: Am nächsten Morgen um 7.30 Uhr vor der Abfahre nach Kasse] hätte er eine halbe Stunde Zeit für mich. Etwas für Frühaufsteher. Ich war entschlossen, es auf mich Zu nehmen. Denn in den wenigen Minuten unserer Verabredung hatte ich ein bezwingend eindrucksvolles Gesicht gesehen, ein kluges Gesicht mit einem schmalen Mund, mit prüfenden, wagenden Augen, eine leise, sympathische Stimme sagte wenige, wohlüberlegt gesetzte Worte in gutem Deutsch; ich wusste, ich würde etwas mitnehmen aus dem Konzert, das Gespräch am nächsten Morgen würde nicht umsonst sein.
Das Podium füllt sich. Viele junge Leute, etwa 10 Damen darunter. Der Beifall für Rowicki verebbt und mit dem knappen, entschiedenen Schlag des Taktstocks, der die Streicher durch den Achtel-Galopp der Anfangstakte von Smetanas furiosem Virtuosenstück bis zum aufjauchzenden ersten Thema peitscht, ist das Missvergnügen über das Programm verflogen. Ich bin hingerissen von einem Musiker allerhöchsten Ranges, von einem Dirigenten, wie ich ihn nur selten hörte.
Wer ist dieser Witold Rowicki? Seine Eltern sind Polen, lebten aber 1914, als er geboren wurde, in Russland, in Taganrog. Er studierte am Krakauer Konservatorium bei Artur Malawski. Wie so viele andere Orchesterchefs war er zuerst Geiger und leitete nach seinem Studium eine Violinklasse am Konservatorium in Krakau. 1945 baute er in Kattowitz das Sinfonieorchester des Polnischen Rundfunks wieder auf. 1950 berief man ihn zum Leiter der Warschauer Philharmonie. Nach einem Zwischenspiel als Dirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters von 1956 bis 1958 wurde er endgültig Chefdirigent und künstlerischer Leiter der Warschauer National-Philharmonie, wie sie nun hieß. Neben der ständigen Arbeit in Warschau, den Konzerten und Schallplattenaufnahmen folgten viele Reisen. In England und Russland spielte das Orchester, in Österreich und der Schweiz, in Deutschland, Rumänien, Italien, Südafrika, in Amerika und Kanada.
Und nun attackiert es also mit zündender Brillanz die „Verkaufte-Braut"-Ouvertüre, und der Mann, der am Pult steht, ist ein Hexenmeister. Er beherrscht seine Musiker mit weichen, gelösten Bewegungen des Taktstocks und mit harten, energiegeladenen. Trotzdem merkt man ihnen an, dass sie nicht unter einem Zwang stehen, der sie unter die Knute beugt. Sie stimmen mit ihm und dem was er will, überein. Freiwillig und nur vibrierender Musizierlust geben sie ihm, was sein Herz und sein Gehirn ihnen durch Hand und Taktstock, durch die Bewegung nur eines Fingers, die Korrespondenz der Blicke, des Atems sagen, von ihnen fordern, bitten. Von graziler Eleganz sind alle diese Bewegungen, ob er nun ein melancholisches Adagio, einen verspielten Walzertakt oder aber einen stampfenden, elementaren Rhythmus dirigiert. Seine Kunst zaubert Klänge, hauchzarte, dann wieder solche von geballter Kraft.

Der Mann am Pult musiziert mit einer Intensität, die auf das Publikum überspringt. Es knistert im Saal, die bekannte Stecknadel kann man fallen hören. Der Smetana wird frisch aufpoliert, erhält bislang unerhörte Glanzlichter, bekommt ein neues Gesicht. Böhmische Musizierseligkeit wird ausgekostet, die blitzblank geputzten Läufe funkeln in der Farbenpracht der verschiedenen Streicher- und Bläsergruppen. Eine Modellwiedergabe. Wo man Rowicki einzustufen hat, merkt man z. B. an Übergängen, die in das neue Thema mit einer Selbstverständlichkeit und gleichzeitig so, dass einem der Atem stockt, einmünden. Man merkt es an der unendlichen Ruhe, mit der Melodien ausgesungen werden. Man merkt es nicht zuletzt daran, wie Nebensächlichkeiten, wie kleine Nuancen plötzlich wichtig werden. Stellen in der Partitur, deren Existenz einem bisher verborgen war, gewinnen Leben, atmen plötzlich: hier ein Flöteneinwurf, da ein Cellomotiv oder ein paar bedeutungsvolle Noten der Trompete. Rowicki dirigiert das alles so präzis, so eindeutig, dass man genau merkt, woher die Impulse kommen, und auf einmal kommt einem die Umkehrung der alten Musikerweisheit in den Sinn: Es gibt keine guten Orchester, sondern nur gute Dirigenten.
Damit soll keinesfalls der Ruf dieses Eliteorchesters geschmälert werden. Warschau schickt mit seiner Nation al-Philharmonie eine Vereinigung, die sich mit Fug und Recht zur Welt-Spitzenklasse zahlen darf. Seine instrumentale Perfektion ist hoch zu rühmen, sie erfüllt überlegen alle Forderungen, überwindet spielend alle Hindernisse der Materie. Der spezifische Klang des Orchesters hat nicht die Süße, die Weichheit, die andere Ensembles besitzen. Aber das Fehlen dieser Tugenden ist hier kein Mangel, man entbehrt sie nicht. Im Gegenteil, es ist erfreulich, dass es einen so ganz unsentimentalen, ein wenig herben, schmalen, gleichsam „intelligenten" Klang noch gibt, der nicht allein auf Schönheit gezüchtet ist, auf Schmelz, sondern darauf abgestimmt, dem Ausdrucksgehalt der Musik ,in einer möglichst großen Spannweite dienen zu können. Oho, sie können auch schön spielen, ich denke an das Adagio der Fünften von Tschaikowsky, an den Walzer. Aber das ist nur eine Seite ihrer klanglichen Möglichkeiten, nur eine Brechung des Lichts, das in einem Brennpunkt zusammenschießt, der eine strahlende Helle aussendet, die mit ihrer Kraft unter die Oberfläche der Musik dringt und aufspürt, was hinter der Schönheit verborgen ist.
Das ist natürlich nur möglich durch vollkommene Integration, durch ein Verschmelzen vieler Guter zu einem Besten. Hier ist es verwirklicht worden, hier hat ein glänzender, ein besessener Musiker sich in geduldiger und kluger Arbeit ein Instrument geschaffen, das ihm haargenau das gibt, was er will. Er spielt auf ihm wie ein Geiger, der die „Seele" seiner Stradivari bis in die feinste Schwingung hinein kennt, der die Möglichkeiten seines Tourte-Bogens für jeden Ausdruck zu nutzen weiß.
Am nächsten Morgen treffe ich Rowicki und seine Musiker beim Frühstück im Hotel. Die Koffer sind schon gepackt, der Omnibus wartet bereits, in wenigen Minuten geht es weiter: nach Kassel. Die kurze Zeit ist ausgefüllt mit Frage und Antwort. Rowicki erzählt von sich, von seinem Orchester. Etwa acht Monate des Jahres beansprucht das Reiseleben, er ist ein gefragter Mann, und Termine in den beiden nächsten Jahren sind fast nicht mehr einzuplanen. Etwa sechs Wochen im Jahr gehören der Arbeit in der Bundesrepublik, er dirigierte u. a. die Berliner Philharmoniker, am Kölner Funkhaus ist er ein gern gesehener Gast. Wichtig ist ihm der menschliche Kontakt zu den Musikern, wichtig das Gefühl, dort wo er dirigiert, „zu Haus" zu sein, mit „seinem" Orchester zu musizieren.
Die Zeit in Warschau dann gehört der Philharmonie und ist randvoll angefüllt mit Konzerten und Schallplattenaufnahmen. Ich bemerke, dass mir die vielen jungen Orchestermitglieder aufgefallen seien, und er sagt mir, dass wenige Vereinigungen ein im Durchschnitt so niedriges Alter aufweisen könnten wie die Warschauer Philharmonie. Nachwuchssorgen wie bei uns in Deutschland? Er schüttelt den Kopf, in Polen gäbe es genug junge, begabte Musiker, die solche Probleme — jedenfalls im Augenblick — nicht entstehen ließen.
Neue Musik? Sofort ist er engagiert und erzählt mir (ich staune), wieviel zeitgenössische Werke in Warschau aufgeführt würden. Etwa fünfzig Prozent der Programme bestünde aus modernen Stücken. Jeder (ich staune noch mehr) sei brennend interessiert an neuen Klängen und Formen und dieses Interesse reiche bis zur Avantgarde, bis Boulez, Stockhausen, bis zu den jungen polnischen Komponisten, die dieselbe Grenze erreicht haben. Neue Musik (mein Staunen geht in neidvolle Bewunderung über) ist dort nicht wie bei uns in das Ghetto von Zyklen, Kreisen und Studios ein- oder besser ausgesperrt: In den Abonnementskonzerten der Sinfonieorchester lernt sie das Publikum kennen und verstehen. Und er berichtet (ich habe so etwas noch nie gehört), mit welcher Begeisterung sein Orchester Musik unserer Zeit spiele, wie interessiert seine Musiker seien, Neues aufzuführen, sich mit Neuem auseinanderzusetzen. Zeitgenössische Musik, und zwar solche, die sich mit Recht so nennen darf, ist in Polen ein lebendiger und wichtiger Bestandteil des musikalischen Lebens. Wir haben bis dahin leider noch einen ziemlich weiten Weg zu gehen.
Das Stichwort heißt Schallplatte. Etwas ganz anderes als das spontane Musizieren im unmittelbaren Kontakt mit dem Publikum, meint Rowicki, gegenüber der Unersetzlichkeit des Konzertsaales jedoch ein wichtiges Medium, das seine eigenen Gesetzlichkeiten habe. Das „psychologische Engagement" des Künstlers sei in der Studio-Atmosphäre, in der es auf technische Makellosigkeit ankäme, die in langwieriger Kleinarbeit erreicht würde, ein ganz anderes als im Konzert, wo das Hier und Jetzt gälte, das Resultat des einmaligen, unwiederholbaren Versuchs. Dass jedoch auch die Schallplatte nicht allein von der Perfektion lebe, beweise die Tatsache, dass hin und wieder die besten Ergebnisse beim Musizieren ohne Schnitt erzielt worden seien. (Die Gelegenheit sei wahrgenommen, sich kopfschüttelnd zu verwundern, warum in den Katalogen der Name Rowicki nicht viel öfter auftaucht. Ihn durch die Schallplatte näher kennenzulernen, wäre nun wirklich einmal eine Bereicherung des Repertoires.) Letzte, unvermeidliche Frage: Wer gehört zu Ihren Lieblingskomponisten? Ohne Zögern kommt die Antwort: Haydn und Brahms.
Die Zeit ist um, es heißt Abschied nehmen. Von einem Dirigenten, den man mit seinem Orchester möglichst bald wiedersehen und -hören möchte.



