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Lauritz Melchior

Von
Theodor Mühlen
Erschienen in der Printausgabe im
November 1962
Lesezeit ca.
Minuten

Der erste sogenannte Wagner-Sänger des 19. Jahrhunderts war zweifellos Albert Niemann. 1861 hat er zum ersten Mal den Tannhäuser, 1876 den Siegfried gesungen. Von Albert Niemann führt über Hermann Winkelmann, Karl Burrian, Erik Schmedes, Ernst Kraus, Heinrich Knote, um hier nur einige zu nennen, ein direkter Weg zu Lauritz Melchior.

Melchior ist am 20. März 1890 in Kopenhagen geboren. Über seine Kinder- und Anfängerjahre schrieb er einmal: „Ich stamme aus einer sehr musikliebenden Kopenhagener Schulrektors-Familie. Als Kind sang ich als Sopran des Chores der Englischen Kirche. Nach ein paar Jahren Gesangsstudium wurde ich an die Königliche Oper Kopenhagen als lyrischer Bariton engagiert."

Sein Debüt fand am 2. April 1913 als Silvio in „Bajazzo" statt, aber vorher hatte er bereits zwei Spielzeiten lang an kleineren Bühnen gesungen und sich damit eine gewisse Routine erworben. Seine allererste Partie überhaupt war der Vater Germont in „La Traviata" von Verdi.

Auf einer Tournee, die er mit der bekannten Sängerin Madame Cahier machte, reifte in Melchior der Entschluss, Tenor zu werden. Er sattelte um, und. sein Tenordebut fand ebenfalls in Kopenhagen im Oktober 1918 als Tannhäuser statt.

Als er 1919 in London ein Konzert gab, hörte ihn der englische Romanschriftsteller Hugh Walpole und förderte ihn in jeder Weise. Diese sowohl künstlerische als auch pekuniäre Hilfe hat Lauritz Melchior seinem alten Freund nie vergessen.

Die Laufbahn dieses Tenors wurde sehr schnell zu einer Weltkarriere. 1924 sang er zum ersten Mal in Bayreuth den Siegmund und den Parsifal, beide Partien unter der Regie von Cosima und Siegfried Wagner. Er war also einer der letzten Tenöre, die noch von der Witwe Richard Wagners selbst unterwiesen wurden. Um sich als Wagner-Sänger immer mehr zu vervollkommnen, arbeitete er mit Viktor Beigel und der berühmten Anna Bahr-Mildenburg. 1932 sang Melchior zum letzten Mal in Bayreuth.

1926 erschien er zum ersten Mal als gefeierter Gast an der Metropolitan in der Oper „Tannhäuser". Er ahnte damals wohl noch nicht, dass er in diesem Hause bis zum Jahre 1950 immer wieder auftreten sollte.

Doch bleiben wir noch bei der Zeit des Aufstiegs. In den zwanziger Jahren sang Lauritz Melchior in London, Hamburg, Berlin, in Wien, Madrid und Warschau, in Prag, in San Franzisko, in Chicago, im Teatro Colon in Argentinien und immer wieder in Paris. Besonders für das Publikum der Pariser Oper war Lauritz Melchior ein immer gern gesehener und stürmisch umjubelter Gast. Wenn er dort den Tristan sang, war die Isolde meist Frida Leider und der Kurwenal Herbert Janssen. Sang er den Siegmund in der „Walküre", so war die herrliche Lotte Lehmann seine Sieglinde und den Wotan sang der 1953 in New York verstorbene großartige Bariton Friedrich Schorr. Alle diese Künstler bildeten damals so etwas wie eine große Familie. Und wenn Melchior in dem norwegischen Lokal „Wiking" speiste, dann nahm das Staunen seiner Kollegen kein Ende, denn Melchior aß nicht nur gern und gut, sondern auch viel. Darin glich er seinem berühmten Fachkollegen, dem unvergessenen Leo Slezak.

Nach dem schon oben erwähnten Debüt Lauritz Melchiors an der Metropolitan im Jahre 1926 kursierte in New York folgendes Gerücht: „Die Direktion der Metropolitan plant das Haus um ein oder zwei oder sogar drei Ränge aufzustocken, damit Mr. Melchior nicht gezwungen ist, dauernd nur Piano singen zu müssen."

Dieser witzige Satz sagt vielleicht mehr über die Qualität und den Umfang der Stimme aus als manche Kritik. Melchiors Stimme war von ungewöhnlicher Kraft, und doch konnte er ein so zartes Piano singen, dass es für einen dramatischen, für einen Helden-Tenor geradezu ein Phänomen war. Wären die gesangstechnischen Grundlagen nicht so hervorragend gewesen, er hätte wohl kaum ein halbes Jahrhundert im Rampenlicht gestanden. Er hatte wohl auch kaum an die tausend Wagneropern-Aufführungen gesungen, von seinen anderen Partien ganz zu schweigen.

Dieser Wagner-Sänger war jedoch nicht nur Wagner-Sänger. Er war ein glänzender Radames in „Aida" und einer der besten Vertreter der Titelpartie in Meyerbeers Oper „Der Prophet". In Amerika sang er dann auch den Florestan in „Fidelio" und den Samson in Saint-Saens „Samson und Dalila". 1929 erlebten wir ihn als erschütternden Bajazzo.

Neben seinen Opern Verpflichtungen trat Melchior in über 1500 Konzerten und Veranstaltungen auf, die Fernseh- und Radioübertragungen nicht mitgerechnet, die sich auch auf einige hundert belaufen dürften. Seine erste Rundfunksendung hatte er übrigens 1920, zusammen mit Nellie Melba. Hier reichten sich zwei Generationen die Hand.

Neue Aufgaben brachten immer neue künstlerische Saiten bei Melchior zum Klingen. So erlebten wir ihn als Othello. In dieser Partie bekam seine Stimme plötzlich einen italienischen Klang, ein italienisches Feuer, wie wir es nie bei ihm vermutet hätten. Seit der Blütezeit Slezaks haben wir keinen Nicht-Italiener mehr gehört, der diese Rolle so großartig gesungen und so packend gestaltet hat.

Nach Ausbruch des zweiten "Weltkrieges, also seit 1939, hat Lauritz Melchior fast nur noch in Amerika gesungen. Er, der geborene Däne, und seine Frau, eine geborene Deutsche aus München, waren Amerikaner geworden. Von seinem Opernpublikum verabschiedete sich Melchior am 2. Februar 1950 an der Metropolitan mit der Rolle des Lohengrin. Es war eigentlich gar kein Abschied, denn er blieb ja auch noch weiterhin im Scheinwerferlicht, und hier bietet sich wieder ein Vergleich mit seinem großen Tenor-Kollegen Leo Slezak an. Auch Melchior spielte genau wie Slezak im Film heitere Rollen.

Schon ziemlich bald nach Beendigung des zweiten Weltkrieges besuchte er Europa. Es war keine Sensationslust, die ihn dabei auch nach Deutschland führte, sondern es war alte Liebe. Als er 1951 auch nach Berlin kam, konnten wir damals zu unserer großen Freude feststellen, dass der berühmte Lauritz Melchior noch derselbe bescheidene und liebenswerte Mensch geblieben war, als den wir ihn seinerzeit kennengelernt hatten.

Er, der zahlreiche Orden und Ehrenzeichen fast aller Lander besitzt, in denen er gesungen hat, feierte seinen 70. Geburtstag — auch das ist bezeichnend für ihn — in seinem Heimatland, in Dänemark. Ihm zu Ehren gab es im dänischen Rundfunk im März 1960 eine Feierstunde, bei der der 70jährige noch den Siegmund in der „Walküre" sang, und aus demselben Jahr besitzen wir eine Othello-Aufnahme, die uns zeigt, dass Lauritz Melchior eigentlich ein Stimmwunder ist, das bisher kaum seinesgleichen hatte. Wo gibt es einen Tenor — einen Bariton, und zwar Mattia Battistini, hat es einmal gegeben — aber wo gibt es einen Tenor, der mit 70 Jahren noch über solche Othello- Töne verfügt?

Die Aufnahmen, die es von Lauritz Melchior noch gibt, sind kostbarster Besitz aller Schallplatten freunde, und wenn der bekannte Kritiker Adolf Weißmann 1928 über Melchiors Siegmund schrieb: „Seit Ernst Kraus' Glanztagen hat man ähnliches nicht gehört", so können wir heute diesen Satz abwandeln und sagen, seit Lauritz Melchiors Glanztagen haben wir so etwas nicht mehr gehört.

Der erste sogenannte Wagner-Sänger des 19. Jahrhunderts war zweifellos Albert Niemann. 1861 hat er zum ersten Mal den Tannhäuser, 1876 den Siegfried gesungen. Von Albert Niemann führt über Hermann Winkelmann, Karl Burrian, Erik Schmedes, Ernst Kraus, Heinrich Knote, um hier nur einige zu nennen, ein direkter Weg zu Lauritz Melchior.

Melchior ist am 20. März 1890 in Kopenhagen geboren. Über seine Kinder- und Anfängerjahre schrieb er einmal: „Ich stamme aus einer sehr musikliebenden Kopenhagener Schulrektors-Familie. Als Kind sang ich als Sopran des Chores der Englischen Kirche. Nach ein paar Jahren Gesangsstudium wurde ich an die Königliche Oper Kopenhagen als lyrischer Bariton engagiert."

Sein Debüt fand am 2. April 1913 als Silvio in „Bajazzo" statt, aber vorher hatte er bereits zwei Spielzeiten lang an kleineren Bühnen gesungen und sich damit eine gewisse Routine erworben. Seine allererste Partie überhaupt war der Vater Germont in „La Traviata" von Verdi.

Auf einer Tournee, die er mit der bekannten Sängerin Madame Cahier machte, reifte in Melchior der Entschluss, Tenor zu werden. Er sattelte um, und. sein Tenordebut fand ebenfalls in Kopenhagen im Oktober 1918 als Tannhäuser statt.

Als er 1919 in London ein Konzert gab, hörte ihn der englische Romanschriftsteller Hugh Walpole und förderte ihn in jeder Weise. Diese sowohl künstlerische als auch pekuniäre Hilfe hat Lauritz Melchior seinem alten Freund nie vergessen.

Die Laufbahn dieses Tenors wurde sehr schnell zu einer Weltkarriere. 1924 sang er zum ersten Mal in Bayreuth den Siegmund und den Parsifal, beide Partien unter der Regie von Cosima und Siegfried Wagner. Er war also einer der letzten Tenöre, die noch von der Witwe Richard Wagners selbst unterwiesen wurden. Um sich als Wagner-Sänger immer mehr zu vervollkommnen, arbeitete er mit Viktor Beigel und der berühmten Anna Bahr-Mildenburg. 1932 sang Melchior zum letzten Mal in Bayreuth.

1926 erschien er zum ersten Mal als gefeierter Gast an der Metropolitan in der Oper „Tannhäuser". Er ahnte damals wohl noch nicht, dass er in diesem Hause bis zum Jahre 1950 immer wieder auftreten sollte.

Doch bleiben wir noch bei der Zeit des Aufstiegs. In den zwanziger Jahren sang Lauritz Melchior in London, Hamburg, Berlin, in Wien, Madrid und Warschau, in Prag, in San Franzisko, in Chicago, im Teatro Colon in Argentinien und immer wieder in Paris. Besonders für das Publikum der Pariser Oper war Lauritz Melchior ein immer gern gesehener und stürmisch umjubelter Gast. Wenn er dort den Tristan sang, war die Isolde meist Frida Leider und der Kurwenal Herbert Janssen. Sang er den Siegmund in der „Walküre", so war die herrliche Lotte Lehmann seine Sieglinde und den Wotan sang der 1953 in New York verstorbene großartige Bariton Friedrich Schorr. Alle diese Künstler bildeten damals so etwas wie eine große Familie. Und wenn Melchior in dem norwegischen Lokal „Wiking" speiste, dann nahm das Staunen seiner Kollegen kein Ende, denn Melchior aß nicht nur gern und gut, sondern auch viel. Darin glich er seinem berühmten Fachkollegen, dem unvergessenen Leo Slezak.

Nach dem schon oben erwähnten Debüt Lauritz Melchiors an der Metropolitan im Jahre 1926 kursierte in New York folgendes Gerücht: „Die Direktion der Metropolitan plant das Haus um ein oder zwei oder sogar drei Ränge aufzustocken, damit Mr. Melchior nicht gezwungen ist, dauernd nur Piano singen zu müssen."

Dieser witzige Satz sagt vielleicht mehr über die Qualität und den Umfang der Stimme aus als manche Kritik. Melchiors Stimme war von ungewöhnlicher Kraft, und doch konnte er ein so zartes Piano singen, dass es für einen dramatischen, für einen Helden-Tenor geradezu ein Phänomen war. Wären die gesangstechnischen Grundlagen nicht so hervorragend gewesen, er hätte wohl kaum ein halbes Jahrhundert im Rampenlicht gestanden. Er hatte wohl auch kaum an die tausend Wagneropern-Aufführungen gesungen, von seinen anderen Partien ganz zu schweigen.

Dieser Wagner-Sänger war jedoch nicht nur Wagner-Sänger. Er war ein glänzender Radames in „Aida" und einer der besten Vertreter der Titelpartie in Meyerbeers Oper „Der Prophet". In Amerika sang er dann auch den Florestan in „Fidelio" und den Samson in Saint-Saens „Samson und Dalila". 1929 erlebten wir ihn als erschütternden Bajazzo.

Neben seinen Opern Verpflichtungen trat Melchior in über 1500 Konzerten und Veranstaltungen auf, die Fernseh- und Radioübertragungen nicht mitgerechnet, die sich auch auf einige hundert belaufen dürften. Seine erste Rundfunksendung hatte er übrigens 1920, zusammen mit Nellie Melba. Hier reichten sich zwei Generationen die Hand.

Neue Aufgaben brachten immer neue künstlerische Saiten bei Melchior zum Klingen. So erlebten wir ihn als Othello. In dieser Partie bekam seine Stimme plötzlich einen italienischen Klang, ein italienisches Feuer, wie wir es nie bei ihm vermutet hätten. Seit der Blütezeit Slezaks haben wir keinen Nicht-Italiener mehr gehört, der diese Rolle so großartig gesungen und so packend gestaltet hat.

Nach Ausbruch des zweiten "Weltkrieges, also seit 1939, hat Lauritz Melchior fast nur noch in Amerika gesungen. Er, der geborene Däne, und seine Frau, eine geborene Deutsche aus München, waren Amerikaner geworden. Von seinem Opernpublikum verabschiedete sich Melchior am 2. Februar 1950 an der Metropolitan mit der Rolle des Lohengrin. Es war eigentlich gar kein Abschied, denn er blieb ja auch noch weiterhin im Scheinwerferlicht, und hier bietet sich wieder ein Vergleich mit seinem großen Tenor-Kollegen Leo Slezak an. Auch Melchior spielte genau wie Slezak im Film heitere Rollen.

Schon ziemlich bald nach Beendigung des zweiten Weltkrieges besuchte er Europa. Es war keine Sensationslust, die ihn dabei auch nach Deutschland führte, sondern es war alte Liebe. Als er 1951 auch nach Berlin kam, konnten wir damals zu unserer großen Freude feststellen, dass der berühmte Lauritz Melchior noch derselbe bescheidene und liebenswerte Mensch geblieben war, als den wir ihn seinerzeit kennengelernt hatten.

Er, der zahlreiche Orden und Ehrenzeichen fast aller Lander besitzt, in denen er gesungen hat, feierte seinen 70. Geburtstag — auch das ist bezeichnend für ihn — in seinem Heimatland, in Dänemark. Ihm zu Ehren gab es im dänischen Rundfunk im März 1960 eine Feierstunde, bei der der 70jährige noch den Siegmund in der „Walküre" sang, und aus demselben Jahr besitzen wir eine Othello-Aufnahme, die uns zeigt, dass Lauritz Melchior eigentlich ein Stimmwunder ist, das bisher kaum seinesgleichen hatte. Wo gibt es einen Tenor — einen Bariton, und zwar Mattia Battistini, hat es einmal gegeben — aber wo gibt es einen Tenor, der mit 70 Jahren noch über solche Othello- Töne verfügt?

Die Aufnahmen, die es von Lauritz Melchior noch gibt, sind kostbarster Besitz aller Schallplatten freunde, und wenn der bekannte Kritiker Adolf Weißmann 1928 über Melchiors Siegmund schrieb: „Seit Ernst Kraus' Glanztagen hat man ähnliches nicht gehört", so können wir heute diesen Satz abwandeln und sagen, seit Lauritz Melchiors Glanztagen haben wir so etwas nicht mehr gehört.