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Porträt: Das Vlach-Quartett

Von
Pavel Eckstein
Erschienen in der Printausgabe im
Dezember 1962
Lesezeit ca.
Minuten

Zweimal verhalf Mut und Zufall dem Vlach-Quartett zum Durchbruch. Zu Beginn des Jahres 1954 wusste kaum jemand in Prag, dass es ein Vlach-Quartett gab, noch weniger dass seine Mitglieder schon seit vier Jahren — und zwar mit freiwilligen Pausen und erzwungenen Unterbrechungen — um die künstlerische Formung eines Ensembles bemüht waren. Für die alljährliche Woche zeitgenössischer tschechoslowakischer Musik, die stets nur Erstaufführungen neuer Werke bringt, war damals auch das Zweite Streichquartett von Isa Krejci angenommen worden. Der renommierte Autor hatte keine Interpreten, die in Frage kommenden bekannten Quartettvereinigungen waren besetzt. Jemand gab den Tipp, die Veranstalter akzeptierten und das Konzert brachte die Sensation. So reifes, durchdachtes, musikantisches Quartettspiel hatte man schon lange nicht gehört. Von diesem Tag an war die tschechische Musik um ein erstklassiges Künstlerkollektiv reicher.

Ähnlich ging es ein Jahr später auf internationalem Forum zu. Begleitet von allen guten Wünschen und insgeheimen Hoffnungen fuhr das Vlach-Quartett immerhin als Außenseiter nach Lüttich zum internationalen Wettbewerb. Die vier jungen Musiker hatten noch nie im Ausland gespielt, die fünf Pflichtkompositionen mussten sie in kürzester Zeit erarbeiten. Zweitausend begeisterte Zuhörer der letzten Wettbewerbsrunde wussten noch vor der Siegerverkündung das Ergebnis. Und die internationale Jury fügte dem ersten Preis einmütig die ehrenden Worte „avec grande distinction" hinzu. Schon wenige Monate später begann die internationale Karriere des Vlach-Quartetts. Ungewöhnlich wie alles zuvor: mit Konzerten im Iran, Libanon, in Griechenland, der Schweiz und Südafrika. Erst dann kamen die „klassischen" europäischen Konzertländer — mit der Sowjetunion, Deutschland, Holland, England, Österreich, Belgien, Ungarn, Polen und Italien.

Mag Zufall und Glück die Mitglieder des Vlach-Quartetts an entscheidenden Stellen ihrer Laufbahn für ihre Arbeit belohnt haben, an der Wiege des Ensembles stand feste Absicht und Zielstrebigkeit. Als im Jahre 1948 das von Vaclav Talich gegründete und zu höchsten Leistungen geführte Tschechische Kammerorchester seine Tätigkeit einstellte, suchte einer seiner Konzertmeister, der Student der Musikhochschule Josef Vlach, eine adäquate Fortsetzung seiner Tätigkeit. Mit seinem Kollegen aus dem Kammerorchester, dem Violoncellisten Viktor Moucka, beschloss er, ein Streichquartett zu gründen. Auch der Violapartner war bald gefunden — Sobeslav Soukup, ebenfalls ein Mitglied des Orchesters. Als zweiter Geiger trat der etwas jüngere, sehr begabte Geiger und Komponist Vaclav Snitil dem Ensemble bei.

Bescheiden und still widmeten sich die vier jungen Musiker ab Januar 1950 dem Probieren. Lange Zeit nahm die Verschmelzung ihrer technischen Fertigkeiten in Anspruch, dann kamen Interpretationsfragen an die Reihe und die Erarbeitung des grundlegenden Repertoires. In jeder Hinsicht vorbereitet und fertig, konnte das Vlach-Quartett dann einige Jahre später seine Konzerttätigkeit beginnen.

Nur am Violapult war die Zusammensetzung des Quartetts einem Wechsel unterworfen. Als Soukup infolge Krankheit ausscheiden musste, übernahm der Solobratscher der Tschechischen Philharmonie Jaroslav Motlik für kurze Zeit seinen Posten. Seit Oktober 1954 wirkt hier ständig Josef Kodousek.

Stärker als bei anderen ähnlichen Ensembles wurde der Charakter des Vlach-Quartetts von der starken künstlerischen Persönlichkeit seines Primarius geprägt. Seine bescheidene Zurückhaltung und seine nach innen gerichtete Musikalität bestimmten Studium und Spiel des Quartetts nicht weniger als sein gesundes, elementares Musikanten turn, sein natürliches Wesen und eine zähe Ausdauer. Dienst am Werk ist für Josef Vlach und seine Kollegen oberstes Gesetz. Furcht vor jeder Äußerlichkeit und jedem Effekt ließ sie die Möglichkeit des Auswendigspielens verwerfen. Für das Vlach-Quartett ist Disziplin in der individuellen Vorbereitung, der gemeinsamen Probe und dem Konzert im Saal oder Rundfunkstudio die beste Voraussetzung, das Spiel der vier Instrumente zum natürlichen Gesang einer Stimme werden zu lassen. Selten hatte ein Quartett mehr ursprüngliche Musikalität und gepflegte Kultur zu bieten.

Das Repertoire des Vlach-Quartetts weist einerseits Dušek, Kramář, Mysliveček, Skroup, die großen tschechischen Klassiker und überraschend viele Namen der heimischen Moderne auf, andererseits sind Beethoven elfmal, Mozart neunmal, Haydn fünfmal, Schubert dreimal, ferner Brahms, Borodin, Tschaikowsky, Glinka, Debussy und Ravel sowie Bartók, Prokofieff und Schostakowitsch vertreten.

Im Vergleich mit den anderen führenden tschechoslowakischen Kammermusikensembles weist das Vlach-Quartett im Jahresdurchschnitt weniger öffentliche Konzerte aus. Das hängt mit zwei Umständen zusammen. Seit 1957 ist das Ensemble durch einen festen Vertrag an den Tschechoslowakischen Rundfunk gebunden, der mindestens eine Aufnahme monatlich durchführt. Und dann teilt insbesondere Josef Vlach seine künstlerische Tätigkeit immer mehr zwischen seinem Quartett und dem von ihm wieder ins Leben gerufenen und vom ersten Pult geleiteten Tschechischen Kammerorchester, dem nach dem Festival in Osaka und im August 1962 bei den Salzburger Festspielen ein internationales Publikum und mit ihm u. a. Herbert von Karajan und Wilhelm Backhaus nach dem Konzert höchste Anerkennung zollten. Und Václav Snítil hat sich immer Zeit gespart für Soloabende und Konzerte mit den führenden tschechoslowakischen Orchestern. Den Bratscher Koďousek finden wir unter den Mitgliedern des Kammerorchesters.

Von der Schallplatte war bisher noch nicht die Rede. Nun, die beigefügte Diskografie ist beredt genug. Gleichviel welche der Platten man nimmt, jede von ihnen ist durchpulst von echtem musikalischem Erlebnis, tiefer Deutung und ausgewogenem Klang.

Zweimal verhalf Mut und Zufall dem Vlach-Quartett zum Durchbruch. Zu Beginn des Jahres 1954 wusste kaum jemand in Prag, dass es ein Vlach-Quartett gab, noch weniger dass seine Mitglieder schon seit vier Jahren — und zwar mit freiwilligen Pausen und erzwungenen Unterbrechungen — um die künstlerische Formung eines Ensembles bemüht waren. Für die alljährliche Woche zeitgenössischer tschechoslowakischer Musik, die stets nur Erstaufführungen neuer Werke bringt, war damals auch das Zweite Streichquartett von Isa Krejci angenommen worden. Der renommierte Autor hatte keine Interpreten, die in Frage kommenden bekannten Quartettvereinigungen waren besetzt. Jemand gab den Tipp, die Veranstalter akzeptierten und das Konzert brachte die Sensation. So reifes, durchdachtes, musikantisches Quartettspiel hatte man schon lange nicht gehört. Von diesem Tag an war die tschechische Musik um ein erstklassiges Künstlerkollektiv reicher.

Ähnlich ging es ein Jahr später auf internationalem Forum zu. Begleitet von allen guten Wünschen und insgeheimen Hoffnungen fuhr das Vlach-Quartett immerhin als Außenseiter nach Lüttich zum internationalen Wettbewerb. Die vier jungen Musiker hatten noch nie im Ausland gespielt, die fünf Pflichtkompositionen mussten sie in kürzester Zeit erarbeiten. Zweitausend begeisterte Zuhörer der letzten Wettbewerbsrunde wussten noch vor der Siegerverkündung das Ergebnis. Und die internationale Jury fügte dem ersten Preis einmütig die ehrenden Worte „avec grande distinction" hinzu. Schon wenige Monate später begann die internationale Karriere des Vlach-Quartetts. Ungewöhnlich wie alles zuvor: mit Konzerten im Iran, Libanon, in Griechenland, der Schweiz und Südafrika. Erst dann kamen die „klassischen" europäischen Konzertländer — mit der Sowjetunion, Deutschland, Holland, England, Österreich, Belgien, Ungarn, Polen und Italien.

Mag Zufall und Glück die Mitglieder des Vlach-Quartetts an entscheidenden Stellen ihrer Laufbahn für ihre Arbeit belohnt haben, an der Wiege des Ensembles stand feste Absicht und Zielstrebigkeit. Als im Jahre 1948 das von Vaclav Talich gegründete und zu höchsten Leistungen geführte Tschechische Kammerorchester seine Tätigkeit einstellte, suchte einer seiner Konzertmeister, der Student der Musikhochschule Josef Vlach, eine adäquate Fortsetzung seiner Tätigkeit. Mit seinem Kollegen aus dem Kammerorchester, dem Violoncellisten Viktor Moucka, beschloss er, ein Streichquartett zu gründen. Auch der Violapartner war bald gefunden — Sobeslav Soukup, ebenfalls ein Mitglied des Orchesters. Als zweiter Geiger trat der etwas jüngere, sehr begabte Geiger und Komponist Vaclav Snitil dem Ensemble bei.

Bescheiden und still widmeten sich die vier jungen Musiker ab Januar 1950 dem Probieren. Lange Zeit nahm die Verschmelzung ihrer technischen Fertigkeiten in Anspruch, dann kamen Interpretationsfragen an die Reihe und die Erarbeitung des grundlegenden Repertoires. In jeder Hinsicht vorbereitet und fertig, konnte das Vlach-Quartett dann einige Jahre später seine Konzerttätigkeit beginnen.

Nur am Violapult war die Zusammensetzung des Quartetts einem Wechsel unterworfen. Als Soukup infolge Krankheit ausscheiden musste, übernahm der Solobratscher der Tschechischen Philharmonie Jaroslav Motlik für kurze Zeit seinen Posten. Seit Oktober 1954 wirkt hier ständig Josef Kodousek.

Stärker als bei anderen ähnlichen Ensembles wurde der Charakter des Vlach-Quartetts von der starken künstlerischen Persönlichkeit seines Primarius geprägt. Seine bescheidene Zurückhaltung und seine nach innen gerichtete Musikalität bestimmten Studium und Spiel des Quartetts nicht weniger als sein gesundes, elementares Musikanten turn, sein natürliches Wesen und eine zähe Ausdauer. Dienst am Werk ist für Josef Vlach und seine Kollegen oberstes Gesetz. Furcht vor jeder Äußerlichkeit und jedem Effekt ließ sie die Möglichkeit des Auswendigspielens verwerfen. Für das Vlach-Quartett ist Disziplin in der individuellen Vorbereitung, der gemeinsamen Probe und dem Konzert im Saal oder Rundfunkstudio die beste Voraussetzung, das Spiel der vier Instrumente zum natürlichen Gesang einer Stimme werden zu lassen. Selten hatte ein Quartett mehr ursprüngliche Musikalität und gepflegte Kultur zu bieten.

Das Repertoire des Vlach-Quartetts weist einerseits Dušek, Kramář, Mysliveček, Skroup, die großen tschechischen Klassiker und überraschend viele Namen der heimischen Moderne auf, andererseits sind Beethoven elfmal, Mozart neunmal, Haydn fünfmal, Schubert dreimal, ferner Brahms, Borodin, Tschaikowsky, Glinka, Debussy und Ravel sowie Bartók, Prokofieff und Schostakowitsch vertreten.

Im Vergleich mit den anderen führenden tschechoslowakischen Kammermusikensembles weist das Vlach-Quartett im Jahresdurchschnitt weniger öffentliche Konzerte aus. Das hängt mit zwei Umständen zusammen. Seit 1957 ist das Ensemble durch einen festen Vertrag an den Tschechoslowakischen Rundfunk gebunden, der mindestens eine Aufnahme monatlich durchführt. Und dann teilt insbesondere Josef Vlach seine künstlerische Tätigkeit immer mehr zwischen seinem Quartett und dem von ihm wieder ins Leben gerufenen und vom ersten Pult geleiteten Tschechischen Kammerorchester, dem nach dem Festival in Osaka und im August 1962 bei den Salzburger Festspielen ein internationales Publikum und mit ihm u. a. Herbert von Karajan und Wilhelm Backhaus nach dem Konzert höchste Anerkennung zollten. Und Václav Snítil hat sich immer Zeit gespart für Soloabende und Konzerte mit den führenden tschechoslowakischen Orchestern. Den Bratscher Koďousek finden wir unter den Mitgliedern des Kammerorchesters.

Von der Schallplatte war bisher noch nicht die Rede. Nun, die beigefügte Diskografie ist beredt genug. Gleichviel welche der Platten man nimmt, jede von ihnen ist durchpulst von echtem musikalischem Erlebnis, tiefer Deutung und ausgewogenem Klang.