Archiv

FONO FORUM sprach mit: Stefania Woytowicz

Von
Hans Otto Spingel
Erschienen in der Printausgabe im
Januar 1963
Lesezeit ca.
Minuten

Betritt sie das Podium, beherrscht sie es. Eine Persönlichkeit von großem Format spürt man, Sicherheit ausstrahlend und zugleich spannungsvolle Unruhe verbreitend. Und beim ersten Einsatz, mit dem Stefania Woytowicz beginnt, weiß man, dass da oben eine Künstlerin steht, der von den Göttern so viele gute Geschenke in die Wiege gelegt worden sind, wie man sich nur wünschen kann: eine glänzende stimmliche Begabung und eine musikalische Substanz, die allem gerecht wird, was sie gestaltet.

Natürlich hat sie viel und hart gearbeitet, um das Niveau zu erreichen, das sie heute zu den Besten gehören lässt: Man merkt im Gespräch mit ihr, eine wie intelligente, bewusste Kraft sie eingesetzt hat, um ihr Ziel zu erreichen, mit welcher unbeirrbaren Zähigkeit sie daran festgehalten hat, das zu werden, was sie heute ist: ein umjubelter Liebling des Publikums in — man darf das hier einmal mit ganz reinem Gewissen sagen — der ganzen Welt.

Ich wollte von ihr wissen, wo überall sie schon gesungen hätte, und schon bald stockte sie in der Aufzählung der Länder und Städte, lachte, schüttelte den Kopf und meinte, es sei leichter, zu erzählen, wo sie noch nicht gewesen sei. Ihr Terminkalender ist für das nächste Jahr so randvoll besetzt mit Verpflichtungen im Ausland, dass ihr keine Zeit bleibt, auch nur ein Konzert in ihrer Heimat zu geben.

Aber bitte schön, gehen wir der Reihe nach. In Orynin ist sie geboren, einem kleinen Ort in Ostpolen, der schon deswegen keine größere Bedeutung für sie hat, als sie nur die ersten sieben Tage ihres Lebens dort blieb. Ihre Kindheit verlebte sie in Brest-Litowsk, 1943 kam sie nach Warschau und begann 1945 ihr Studium in Krakau. Die vielseitig interessierte junge Dame belegte an der Universität Romanistik und Musikwissenschaft, am Konservatorium ließ sie ihre Stimme ausbilden. Sie hatte Glück bei der Wahl ihrer Lehrerin: Stanislawa Zawadska unterwies sie in der Kunst des Gesangs so erfolgreich, dass sie ihre Studien 1951 mit Auszeichnung abschließen konnte. Auch weiterhin wachte ihre Lehrerin — übrigens Dr. med. — über die stimmliche „Gesundheit" ihres Schützlings, und noch heute sucht Frau Woytowicz während der wenigen Konzertpausen in Warschau, wo beide heute nahe beieinander wohnen, sie auf, um sich von ihr beraten zu lassen.

Steil ging es von nun an aufwärts. Schon 1950 hatte sie in Posen bei einem Wettbewerb den ersten Preis gewonnen, 1951 wurde ihr beim Leipziger Bach-Wettbewerb der erste Preis zuerkannt, 1954 gewann sie einen der ersten Preise beim Sänger-Wettbewerb des „Prager Frühlings".

Damit war der Weg für die internationale Karriere geebnet. 1955 konzertierte sie zum ersten Mal u. a. in Russland, China und Österreich, und damit hatte sich der große Erfolg eingestellt, der ihr von nun an treu bleiben sollte. Als sie 1959 als Solistin beim „Prager Frühling" mitwirkte, verpflichtete sie Andre Mertens, der Vertreter der großen Agentur „Columbia Artists Management", für eine Amerika-Tournee, die sie 1960 mit größtem Erfolg absolvierte. Auf dieser Reise sang sie u. a. Werke von Ravel, Mahler und Britten.

Und damit sind wir beim Repertoire. Sie bekennt ihre Liebe zur alten Musik, in der sie sich zu Hause fühlt und die sie am liebsten singt. Aber auch für die Musik dieses Jahrhunderts setzt sie sich ein, ihr Repertoire enthält z. B. Bergs Lieder auf Ansichtspostkartentexte, sie hat die Liebeslieder ihres Landsmannes Tadeusz Baird in Warschau und in London aufgeführt. Aber immer wieder landen wir in unserem Gespräch bei den alten Meistern, die ihr am meisten bedeuten. Sie erzählt, welche Freude es ihr gemacht habe, zusammen mit Wanda Wilkomirska eine Reihe von Arien des Barock für Sopran und Violine für den polnischen Rundfunk aufzunehmen und wie gern sie von solchen Stücken einmal eine Schallplatte besingen würde. Man kann es nur hoffen . . .

Opern? Nein, niemals auf der Bühne, nur in Ausnahmefällen für die Schallplatte. Für die Deutsche Grammophon Gesellschaft hat sie Puccinis „Tosca" gesungen, die jetzt in einer Gesamtaufnahme vorliegt. Sie macht auch das großartig, und ohne Einschränkung bewundert man sie hier wie in Dvoraks Stabat mater: eine Ausdruckskraft von größter Intensität, eine bruchlos durch alle Register geführte herrliche Sopranstimme.

Ihr großes Können führte im letzten Jähr zu Engagements in Holland und England (u. a. beim Fest der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in London und beim Edinburgh-Festival). In München sang sie und reiste als Solistin mit der Warschauer Nationalphilharmonie unter Witold Rowicki durch Österreich und Frankreich. In Frankfurt sang sie in Bachs Matthäuspassion und in Wien Brittens „Les illuminations". In diesem Jahr wird sie hier die vier letzten Lieder von Richard Strauss singen. In Montreux wirkte sie mit (unter Markevitch' Leitung) und beim Warschauer Herbst, anschließend sang sie in London und im Dezember in Moskau.

Und in diesem Jahr? Stockholm, Hamburg, Hannover (Aufnahmen für die Archiv-Produktion der DG), Dresden, Leipzig, eine Frankreich-Tournee, eine mit der National-Philharmonie nach Dänemark und England. Dann folgen der „Prager Frühling" und Liederabende. Im September nach dem wohlverdienten Urlaub wieder Aufnahmen für die Deutsche Grammophon Gesellschaft (Haydn: Theresienmesse, Gounod: Caecilienmesse), dann wirkt sie beim Bonner Beethovenfest mit, eine Italien-Tournee folgt, und den Abschluss des Jahres bildet eine mehrwöchige Amerika-Reise.

Familienleben? Ihren Mann, der Nervenchirurg ist, muss sie einen großen Teil des Jahres entbehren. Ein solches Opfer lässt sich eben nur damit erklären, dass das größte Hobby, ja eigentlich der Lebensinhalt von Stefania Woytowicz der Gesang, die Musik ist.

Betritt sie das Podium, beherrscht sie es. Eine Persönlichkeit von großem Format spürt man, Sicherheit ausstrahlend und zugleich spannungsvolle Unruhe verbreitend. Und beim ersten Einsatz, mit dem Stefania Woytowicz beginnt, weiß man, dass da oben eine Künstlerin steht, der von den Göttern so viele gute Geschenke in die Wiege gelegt worden sind, wie man sich nur wünschen kann: eine glänzende stimmliche Begabung und eine musikalische Substanz, die allem gerecht wird, was sie gestaltet.

Natürlich hat sie viel und hart gearbeitet, um das Niveau zu erreichen, das sie heute zu den Besten gehören lässt: Man merkt im Gespräch mit ihr, eine wie intelligente, bewusste Kraft sie eingesetzt hat, um ihr Ziel zu erreichen, mit welcher unbeirrbaren Zähigkeit sie daran festgehalten hat, das zu werden, was sie heute ist: ein umjubelter Liebling des Publikums in — man darf das hier einmal mit ganz reinem Gewissen sagen — der ganzen Welt.

Ich wollte von ihr wissen, wo überall sie schon gesungen hätte, und schon bald stockte sie in der Aufzählung der Länder und Städte, lachte, schüttelte den Kopf und meinte, es sei leichter, zu erzählen, wo sie noch nicht gewesen sei. Ihr Terminkalender ist für das nächste Jahr so randvoll besetzt mit Verpflichtungen im Ausland, dass ihr keine Zeit bleibt, auch nur ein Konzert in ihrer Heimat zu geben.

Aber bitte schön, gehen wir der Reihe nach. In Orynin ist sie geboren, einem kleinen Ort in Ostpolen, der schon deswegen keine größere Bedeutung für sie hat, als sie nur die ersten sieben Tage ihres Lebens dort blieb. Ihre Kindheit verlebte sie in Brest-Litowsk, 1943 kam sie nach Warschau und begann 1945 ihr Studium in Krakau. Die vielseitig interessierte junge Dame belegte an der Universität Romanistik und Musikwissenschaft, am Konservatorium ließ sie ihre Stimme ausbilden. Sie hatte Glück bei der Wahl ihrer Lehrerin: Stanislawa Zawadska unterwies sie in der Kunst des Gesangs so erfolgreich, dass sie ihre Studien 1951 mit Auszeichnung abschließen konnte. Auch weiterhin wachte ihre Lehrerin — übrigens Dr. med. — über die stimmliche „Gesundheit" ihres Schützlings, und noch heute sucht Frau Woytowicz während der wenigen Konzertpausen in Warschau, wo beide heute nahe beieinander wohnen, sie auf, um sich von ihr beraten zu lassen.

Steil ging es von nun an aufwärts. Schon 1950 hatte sie in Posen bei einem Wettbewerb den ersten Preis gewonnen, 1951 wurde ihr beim Leipziger Bach-Wettbewerb der erste Preis zuerkannt, 1954 gewann sie einen der ersten Preise beim Sänger-Wettbewerb des „Prager Frühlings".

Damit war der Weg für die internationale Karriere geebnet. 1955 konzertierte sie zum ersten Mal u. a. in Russland, China und Österreich, und damit hatte sich der große Erfolg eingestellt, der ihr von nun an treu bleiben sollte. Als sie 1959 als Solistin beim „Prager Frühling" mitwirkte, verpflichtete sie Andre Mertens, der Vertreter der großen Agentur „Columbia Artists Management", für eine Amerika-Tournee, die sie 1960 mit größtem Erfolg absolvierte. Auf dieser Reise sang sie u. a. Werke von Ravel, Mahler und Britten.

Und damit sind wir beim Repertoire. Sie bekennt ihre Liebe zur alten Musik, in der sie sich zu Hause fühlt und die sie am liebsten singt. Aber auch für die Musik dieses Jahrhunderts setzt sie sich ein, ihr Repertoire enthält z. B. Bergs Lieder auf Ansichtspostkartentexte, sie hat die Liebeslieder ihres Landsmannes Tadeusz Baird in Warschau und in London aufgeführt. Aber immer wieder landen wir in unserem Gespräch bei den alten Meistern, die ihr am meisten bedeuten. Sie erzählt, welche Freude es ihr gemacht habe, zusammen mit Wanda Wilkomirska eine Reihe von Arien des Barock für Sopran und Violine für den polnischen Rundfunk aufzunehmen und wie gern sie von solchen Stücken einmal eine Schallplatte besingen würde. Man kann es nur hoffen . . .

Opern? Nein, niemals auf der Bühne, nur in Ausnahmefällen für die Schallplatte. Für die Deutsche Grammophon Gesellschaft hat sie Puccinis „Tosca" gesungen, die jetzt in einer Gesamtaufnahme vorliegt. Sie macht auch das großartig, und ohne Einschränkung bewundert man sie hier wie in Dvoraks Stabat mater: eine Ausdruckskraft von größter Intensität, eine bruchlos durch alle Register geführte herrliche Sopranstimme.

Ihr großes Können führte im letzten Jähr zu Engagements in Holland und England (u. a. beim Fest der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in London und beim Edinburgh-Festival). In München sang sie und reiste als Solistin mit der Warschauer Nationalphilharmonie unter Witold Rowicki durch Österreich und Frankreich. In Frankfurt sang sie in Bachs Matthäuspassion und in Wien Brittens „Les illuminations". In diesem Jahr wird sie hier die vier letzten Lieder von Richard Strauss singen. In Montreux wirkte sie mit (unter Markevitch' Leitung) und beim Warschauer Herbst, anschließend sang sie in London und im Dezember in Moskau.

Und in diesem Jahr? Stockholm, Hamburg, Hannover (Aufnahmen für die Archiv-Produktion der DG), Dresden, Leipzig, eine Frankreich-Tournee, eine mit der National-Philharmonie nach Dänemark und England. Dann folgen der „Prager Frühling" und Liederabende. Im September nach dem wohlverdienten Urlaub wieder Aufnahmen für die Deutsche Grammophon Gesellschaft (Haydn: Theresienmesse, Gounod: Caecilienmesse), dann wirkt sie beim Bonner Beethovenfest mit, eine Italien-Tournee folgt, und den Abschluss des Jahres bildet eine mehrwöchige Amerika-Reise.

Familienleben? Ihren Mann, der Nervenchirurg ist, muss sie einen großen Teil des Jahres entbehren. Ein solches Opfer lässt sich eben nur damit erklären, dass das größte Hobby, ja eigentlich der Lebensinhalt von Stefania Woytowicz der Gesang, die Musik ist.