Porträt: Grace Bumbry
Erschienen im FONO FORUM im April 1963

Seit zwei Jahren heißt sie „Schwarze Venus". Damit ist sie in der internationalen Musikweit zum Begriff, ist sie populär geworden. Das Bayreuther Debüt von 1961 hat Grace Bumbry diesen verlockenden Rufnamen eingebracht. Sie war damals 24 Jahre alt. Es ist seither kein Wort über die Sängerin gesagt oder geschrieben worden, in dem auf die Charakterisierung „Schwarze Venus" verzichtet worden wäre.
„Finden Sie das nicht töricht?" habe ich sie nach einem Liederabend gefragt. „Ist Ihnen das auf die Dauer nicht unangenehm?" Über diese Fragen war sie sehr erstaunt. Sie findet es sehr in der Ordnung, „Schwarze Venus" genannt zu werden, sie ist sogar stolz darauf. Einmal, weil sie damit auf ihre Rasse angesprochen. wird, und zum anderen, weil über die Beziehung zum „Tannhäuser" hinaus mit der Liebesgöttin Schönheit und Reiz des Weiblichen schlechthin gemeint sind. Tatsächlich trägt sie ihre dunkle Hautfarbe und die faszinierende Eleganz ihrer attraktiven Erscheinung mit einer Würde zur Schau, die diesen Namen voll rechtfertigen. Aber als Künstlerin, als Sängerin ist Grace Bumbry weit mehr als eine schwarze Venus.
Hatte man ihre Wagnerstimme im Ohr und auch noch ein paar andere ihrer Opernaufnahmen, so war ihr Liederabend — der als Direktsendung aus dem Funkhaus Hannover übertragen wurde — wirklich eine Sensation. Da stand eine mit dem deutschen Lied aufs innigste vertraute Sängerin auf dem Podium, die Schubert und Schumann, Strauss und vor allem Wolf nicht nur hinreißend schön sang (und dabei den deutschen Text vorzüglich deklamierte), sondern vor allem mit erstaunlicher Reife und Ausdrucksintensität gestaltete. Damit ist die Bumbry eine würdige künstlerische Nachfahrin der großen Lotte Lehmann, deren Meisterschülerin sie in Amerika war — nachdem die in St. Louis Geborene bereits an der Boston- und Northwestern-University studiert hatte, um sich dann später noch den letzten Schliff in Paris, Salzburg und Wien zu holen. Das war alles vor 1960, ehe sie als Mezzosopran an das Stadttheater Basel engagiert wurde (privat lebt sie heute noch dort), ehe sie im gleichen Jahre an der Großen Oper von Paris Triumphe als Amneris und Carmen feierte, ehe die Bayreuther Erfolge kamen und sie sich nun seit den letztjährigen Luzerner Festwochen auch als Liedinterpretin in die allererste Reihe gesungen hat. In Sebastian Peschko hat sie seitdem einen idealen Mitgestalter am Klavier gefunden.
Grace Bumbry ist eine Künstlerin, die alles, was sie singt, unmittelbar erlebt, die sich durch Gesang ganz spontan äußert. Da ist nichts äußerlich aufgesetzt — selbst die große Schau, die selbstsichere Art ihres Auftretens (Naturkind und Grande Dame in einem), ist ein Teil ihres Wesens. Die Inbrunst, das elementare Sich-Ausgeben, sind unverkennbare Merkmale ihrer Rasse.
Sie hat ein traumhaft schönes Organ, einen satten, ganz gleichmäßig strömenden Mezzosopran von strahlender Kraft und leuchtender Biegsamkeit. Das tragende Piano ihrer Mittellage sucht seines gleichen. Bei aller Ursprünglichkeit singt sie höchst kultiviert; da ist kein unschöner, kein übertriebener Ton zu entdecken.
Ein Erlebnis für sich ist ihr Vortrag von Negro Spirituals. (Es passt hierher, am Rande zu bemerken, dass sie Trägerin des Marian-Anderson-Preises ist, gestiftet von der großen amerikanischen Altistin, der berühmten Spiritual-Sängerin.) Mit welcher zärtlichen, liebenden Verehrung zelebriert Grace Bumbry etwa „Sweet little Jesusboy" mit einer hingebenden Verinnerlichung, die den Konzertsaal in ein Gotteshaus verwandelt. „Spirituals sind ja auch Choräle", hat sie nach dem Konzert gesagt.
Ein Gegenstück zum „Jesusboy" im Bereich des deutschen Kunstliedes ist Wolfs Mörike-Vertonung des „Schlafenden Jesuskindes". Inniger, zarter als Grace Bumbry kann man das gar nicht singen. Überhaupt, die getragenen, stillen Lieder — Schumanns „Wenn ich in deine Augen seh" — gehören zum Eindrucksvollsten, was die Sängerin zu geben hat. Natürlich reißt sie dann immer wieder' auch mit der Urgewalt ihrer Stimme hin, in Schuberts „Aufenthalt", Schumanns „Ich grolle nicht", Wolfs „Gesang Weylas" oder Straussens „Cäcilie". Majestätisch und mit eherner Gelassenheit singt sie das alles.
Der Ernst und die Ausdruckskraft ihres Liedgesangs sind in einer Auswahl auf der Schallplatte ebenso festgehalten wie einige ihrer Parade-Arien aus der Welt der Oper. Die edle Größe, mit der sie Glucks Orpheus singt, die dramatische Durchschlagskraft in Verdis großer Eboli-Arie, das erregte Timbre in Samuzzas Romanze, das erotische Fluidum von Bizets „Venus", der Carmen — das alles sind Anzeichen einer unaufhaltsamen Bühnenkarriere. Was Grace Bumbry auf diesem Gebiete vorhat? Die Eboli an der Metropolitan Opera, die Carmen an der Mailänder Scala, und auch bei der Eröffnung der wiederaufgebauten Münchner Staatsoper im Herbst wird sie dabei sein und eine Hauptrolle in der Uraufführung von Werner Egks „Verlobung in San Domingo" singen.
Grace Bumbry, von deutschem Malzbier sehr begeistert, ist auch im privaten Gespräch eine überaus temperamentvolle Persönlichkeit. Spontaneität wünscht sie sich aber auch von ihrem Publikum. Für unsere (wohl ausgesprochen deutsche) Sitte, erst nach jeder Liedgruppe, nicht aber nach jedem einzelnen Lied zu klatschen, hat sie kein Verständnis. Das lasst sie nur für geschlossene Liedzyklen gelten. „Ich brauche den Beifall als Entspannung, um mich auf das nächste Lied umstellen zu können." Diesen Gefallen wollen wir ihr in Zukunft gern tun.
Seit zwei Jahren heißt sie „Schwarze Venus". Damit ist sie in der internationalen Musikweit zum Begriff, ist sie populär geworden. Das Bayreuther Debüt von 1961 hat Grace Bumbry diesen verlockenden Rufnamen eingebracht. Sie war damals 24 Jahre alt. Es ist seither kein Wort über die Sängerin gesagt oder geschrieben worden, in dem auf die Charakterisierung „Schwarze Venus" verzichtet worden wäre.
„Finden Sie das nicht töricht?" habe ich sie nach einem Liederabend gefragt. „Ist Ihnen das auf die Dauer nicht unangenehm?" Über diese Fragen war sie sehr erstaunt. Sie findet es sehr in der Ordnung, „Schwarze Venus" genannt zu werden, sie ist sogar stolz darauf. Einmal, weil sie damit auf ihre Rasse angesprochen. wird, und zum anderen, weil über die Beziehung zum „Tannhäuser" hinaus mit der Liebesgöttin Schönheit und Reiz des Weiblichen schlechthin gemeint sind. Tatsächlich trägt sie ihre dunkle Hautfarbe und die faszinierende Eleganz ihrer attraktiven Erscheinung mit einer Würde zur Schau, die diesen Namen voll rechtfertigen. Aber als Künstlerin, als Sängerin ist Grace Bumbry weit mehr als eine schwarze Venus.
Hatte man ihre Wagnerstimme im Ohr und auch noch ein paar andere ihrer Opernaufnahmen, so war ihr Liederabend — der als Direktsendung aus dem Funkhaus Hannover übertragen wurde — wirklich eine Sensation. Da stand eine mit dem deutschen Lied aufs innigste vertraute Sängerin auf dem Podium, die Schubert und Schumann, Strauss und vor allem Wolf nicht nur hinreißend schön sang (und dabei den deutschen Text vorzüglich deklamierte), sondern vor allem mit erstaunlicher Reife und Ausdrucksintensität gestaltete. Damit ist die Bumbry eine würdige künstlerische Nachfahrin der großen Lotte Lehmann, deren Meisterschülerin sie in Amerika war — nachdem die in St. Louis Geborene bereits an der Boston- und Northwestern-University studiert hatte, um sich dann später noch den letzten Schliff in Paris, Salzburg und Wien zu holen. Das war alles vor 1960, ehe sie als Mezzosopran an das Stadttheater Basel engagiert wurde (privat lebt sie heute noch dort), ehe sie im gleichen Jahre an der Großen Oper von Paris Triumphe als Amneris und Carmen feierte, ehe die Bayreuther Erfolge kamen und sie sich nun seit den letztjährigen Luzerner Festwochen auch als Liedinterpretin in die allererste Reihe gesungen hat. In Sebastian Peschko hat sie seitdem einen idealen Mitgestalter am Klavier gefunden.
Grace Bumbry ist eine Künstlerin, die alles, was sie singt, unmittelbar erlebt, die sich durch Gesang ganz spontan äußert. Da ist nichts äußerlich aufgesetzt — selbst die große Schau, die selbstsichere Art ihres Auftretens (Naturkind und Grande Dame in einem), ist ein Teil ihres Wesens. Die Inbrunst, das elementare Sich-Ausgeben, sind unverkennbare Merkmale ihrer Rasse.
Sie hat ein traumhaft schönes Organ, einen satten, ganz gleichmäßig strömenden Mezzosopran von strahlender Kraft und leuchtender Biegsamkeit. Das tragende Piano ihrer Mittellage sucht seines gleichen. Bei aller Ursprünglichkeit singt sie höchst kultiviert; da ist kein unschöner, kein übertriebener Ton zu entdecken.
Ein Erlebnis für sich ist ihr Vortrag von Negro Spirituals. (Es passt hierher, am Rande zu bemerken, dass sie Trägerin des Marian-Anderson-Preises ist, gestiftet von der großen amerikanischen Altistin, der berühmten Spiritual-Sängerin.) Mit welcher zärtlichen, liebenden Verehrung zelebriert Grace Bumbry etwa „Sweet little Jesusboy" mit einer hingebenden Verinnerlichung, die den Konzertsaal in ein Gotteshaus verwandelt. „Spirituals sind ja auch Choräle", hat sie nach dem Konzert gesagt.
Ein Gegenstück zum „Jesusboy" im Bereich des deutschen Kunstliedes ist Wolfs Mörike-Vertonung des „Schlafenden Jesuskindes". Inniger, zarter als Grace Bumbry kann man das gar nicht singen. Überhaupt, die getragenen, stillen Lieder — Schumanns „Wenn ich in deine Augen seh" — gehören zum Eindrucksvollsten, was die Sängerin zu geben hat. Natürlich reißt sie dann immer wieder' auch mit der Urgewalt ihrer Stimme hin, in Schuberts „Aufenthalt", Schumanns „Ich grolle nicht", Wolfs „Gesang Weylas" oder Straussens „Cäcilie". Majestätisch und mit eherner Gelassenheit singt sie das alles.
Der Ernst und die Ausdruckskraft ihres Liedgesangs sind in einer Auswahl auf der Schallplatte ebenso festgehalten wie einige ihrer Parade-Arien aus der Welt der Oper. Die edle Größe, mit der sie Glucks Orpheus singt, die dramatische Durchschlagskraft in Verdis großer Eboli-Arie, das erregte Timbre in Samuzzas Romanze, das erotische Fluidum von Bizets „Venus", der Carmen — das alles sind Anzeichen einer unaufhaltsamen Bühnenkarriere. Was Grace Bumbry auf diesem Gebiete vorhat? Die Eboli an der Metropolitan Opera, die Carmen an der Mailänder Scala, und auch bei der Eröffnung der wiederaufgebauten Münchner Staatsoper im Herbst wird sie dabei sein und eine Hauptrolle in der Uraufführung von Werner Egks „Verlobung in San Domingo" singen.
Grace Bumbry, von deutschem Malzbier sehr begeistert, ist auch im privaten Gespräch eine überaus temperamentvolle Persönlichkeit. Spontaneität wünscht sie sich aber auch von ihrem Publikum. Für unsere (wohl ausgesprochen deutsche) Sitte, erst nach jeder Liedgruppe, nicht aber nach jedem einzelnen Lied zu klatschen, hat sie kein Verständnis. Das lasst sie nur für geschlossene Liedzyklen gelten. „Ich brauche den Beifall als Entspannung, um mich auf das nächste Lied umstellen zu können." Diesen Gefallen wollen wir ihr in Zukunft gern tun.



