„Sänger, weil es Spaß macht“
Pioniergeist und Publicity des Hermann Prey, eine Betrachtung von Peter Mario Katona

Es gab Zeiten, in denen Liederabende in unserem Konzertbetrieb ein ziemliches Schattendasein führten. Klein war die Zahl der Interessierten, klein die Zahl der Interpreten von Gewicht — wenn die Sängerprominenz sich in den Konzertsaal begab, so hörte man meist nur das „Nebenprodukt" eines gefeierten Opernsängers: Die Anhänger freuten sich auch darüber, und die Kritik verzieh mit dem Hinweis, „dass die Domäne des Künstlers eben doch die Bühne bleibe" und so weiter. Nur dem Lied war damit wenig gedient.
Das hat sich bekanntlich geändert. Der Niveauanspruch ist heute stark gewachsen, es gibt wieder ausgesprochene Liedersänger von Format, und das Publikum, erstaunlicherweise auch das junge, kommt in Scharen. Diese positive Entwicklung ist vor allem den drei großen Baritonen zu verdanken, die mehr oder weniger den Hauptteil ihrer Mühe dem Liedgesang widmeten und widmen: Fischer-Dieskau, Souzay und Hermann Prey. Vor allem Prey hat in jüngster Zeit eine neue Popularitätswelle ausgelöst, und in Verbindung damit ist es bezeichnend, dass er nicht nur das sozusagen „traditionelle" Medium der Schallplatte erobert hat, sondern auch das Fernsehen. Preys Show „Schaut her, ich bin's" war ein ganz starker Erfolg, und als er an den Weihnachtsfeiertagen 1967 die gesamte „Winterreise" im Fernsehen sang, war dies eine „Pioniertat": Denn wen die Leute auf dem Bildschirm gesehen haben, den wollen sie dann auch einmal „live" sehen, und so werden sehr langsam, aber sicher Schichten gewonnen, die „normalerweise" nie den Weg in einen Konzertsaal gefunden hätten.
Warum dies zuerst? Es scheint, dass hier der entscheidende Punkt in der Erscheinung Preys liegt. Dass er über einen außerordentlich schönen lyrischen Bariton souverän verfügt, dass ihn Musikalität und Gespür für die Texte, die er gestaltet, zum Liedersänger prädestinieren — das ist oft dargelegt worden und erklärt doch nicht ausreichend das Phänomen dieser Karriere, die noch nicht einmal ihren Höhepunkt erreicht haben dürfte. Prey hat, mehr als jeder andere und mit mehr Erfolg als jeder andere, versucht, mit dem Liedgesang ein breites Publikum direkt anzusprechen und zu gewinnen — die Leute davon zu überzeugen, dass (wie man schablonenhaft zu sagen pflegt) auch „in unserer Zeit" das romantische Lied durchaus nichts Antiquiertes, Fremdes zu sein braucht.
So ist denn zu beobachten, dass junge Leute in Liederabende gehen, die sonst eine solche Idee belächelt hätten (Zahl und Inhalt der Verehrerpost lässt dies unschwer erkennen), ihm zujubeln wie sonst einem Star des Show-Geschäfts — und romantische Lieder hören. Das ist durchaus „seriös" und nicht im Illustriertenstil gemeint. Denn obwohl man den Optimismus diesbezüglich auch nicht übertreiben sollte, kann man doch darauf rechnen, dass die Begeisterung für den Sänger, zunächst sicherlich eine ganz oberflächliche, allmählich auch das Kunstwerk einbezieht und Verständnis dafür weckt und vertieft. Dies ist Preys erklärte und ehrliche Absicht, die er mit aller Zielstrebigkeit verfolgt. Sein Weg hat ihn ohne Zweifel sehr populär gemacht — aber er hat auch das Lied populär gemacht (soweit es überhaupt möglich ist). Und darauf kommt es letztlich an.
Ein Beispiel aus dem vergangenen Jahr ist dafür charakteristisch: Prey hat — auf die Gefahr hin, Unverständnis oder gar Heiterkeit zu ernten — eine Tournee mit einem reinen Balladenprogramm gemacht, also einem Genre, dass auch unter den Freunden des Liedes gemeinhin wenig Begeisterung weckt; und es wurde ein fast sensationeller Erfolg. Das dürfte nicht nur ein Erfolg von Preys Interpretation sein, sondern ebenso seiner persönlichen Wirkung und seines Einsatzes. Er zog das für ihn etwas riskante Eintreten für eine Sache dem sicheren Erfolg vor.
Preys Karriere verlief sehr folgerichtig — rasch, aber ohne gefährliche Sprünge. Auf die Frage, warum er Sänger geworden sei, antwortet er wie die meisten seiner Kollegen — dass es sich eben wie selbstverständlich ergeben habe. Prey, 1929 in Berlin geboren, war als Kind im Berliner Mozart-Chor, und während der ganzen Schulzeit {im berühmten „Grauen Kloster", einer Schule mit sehr alter Chortradition) gehörte das Singen einfach „dazu". Als er 1947 aus der Schule kam, lernte er Harry Gottschalk kennen, der seit damals und noch heute sein Lehrer ist, und studierte außerdem an der Musikhochschule in Berlin. 1952 ging er ins erste Engagement nach Wiesbaden, das allerdings nur wenige Monate dauerte: Er gewann nämlich einen Gesangswettbewerb, dessen erster Preis eine Reise nach Amerika mit einer Reihe von Konzerten war. Eine Kieferkrankheit erzwang dann eine unfreiwillige Unterbrechung, so dass das erste echte Anfängerjahr 1953 mit dem Hamburger Engagement begann.
Eigentlich hatte er ja nur Liedersänger werden wollen, und die Oper interessierte ihn erst in zweiter Linie. Doch einerseits merkte er, dass man mit dem Lied allein nichts anfangen kann, und vor allem kam er zu der Überzeugung, die er auch heute leidenschaftlich vertritt, dass die Skala eines Sängers gar nicht breit genug sein kann. Sänger, die vor dem harmlosesten Lied verzagen, oder jene, die beim Wort „Oper" schon die Nase rümpfen, sind ihm ein Unding.
Bis 1957 war er also festes Mitglied der Hamburgischen Staatsoper, und dann kam das, was er den „Sprung ins kalte Wasser" nennt: Er wollte frei sein und ging kein festes Engagement mehr ein... Seit 1960 lebt er in Bayern, in der Nähe von München, wo er an der Staatsoper jedes Jahr in fünf bis sechs Vorstellungen singt. Diese wenigen Auftritte sind dann allerdings immer prägnante Ereignisse gewesen: So sang Prey in den vergangenen Jahren in Neueinstudierungen den Eugen Onegin, den Caesar, den Orest in „Iphigenie", den Guglielmo, den Barbier, den Olivier in „Capriccio", den Grafen im „Figaro", den Vater Germont, Papageno, den Don Giovanni und jetzt in Rennerts neuem „Orpheus".
Prey ist heute vorwiegend Liedersänger — die Oper erscheint nur noch recht selten und nur in speziellen Fällen. In Bayreuth hat er den Wolfram gesungen, bei den Salzburger Festspielen den Papageno, dieses Jahr kommt Rossinis „Barbier" dazu: 1960 sang er zum ersten Mal an der „Met" in New York — doch im ganzen sind es nur wenige Daten. Das liegt einerseits an der Beschränkung des Rollenfachs — international stehen seinem eigentlichen Fach, dem „deutschen Spielbariton", nur wenige Partien offen: außer Mozart eben nur noch der Barbier; dazu kommt für Prey natürlich der Wolfram, aber dann ist es schon bald zu Ende. Außerdem aber scheut er bei aller Liebe zur Oper den von Zufälligkeiten und Halbheiten gefährdeten Repertoire-Betrieb und ganz besonders die Stagione italienischen Musters. „Ich bin in einem Stagione-Betrieb restlos verloren, diese Art von Arbeit ,kann' ich einfach nicht. Ich habe manchmal das Gefühl, es handelt sich hier um zwei völlig verschiedene Berufe: einerseits dieser Kampf ums hohe C, um Lautstärke und ,effetto‘ der mich immer an einen Stierkampf erinnert (ich sage ehrlich, dass diese Spielweise von Kunst mich immer wieder fasziniert, aber selbst so zu arbeiten, liegt mir einfach zu fern) — andererseits der Sänger, der an Bach und am Lied geschult ist. Das sind zwei Welten, die sich meines Erachtens nicht vermischen lassen."
Auf dem Programm dieses Jahres stehen in der Oper nur der Sommer in Salzburg und dann die „Schweigsame Frau" und der Papageno am Teatro Colon. Neue Aufgaben, die ihn reizen würden? Nun, er würde sich gern den Marquis Posa, den er vor zehn Jahren in Hamburg zuletzt sang, italienisch erarbeiten, und als Figur interessiert ihn sehr der Wozzeck.
Die Konzert- und Schallplattenpläne sind dagegen äußerst reichhaltig, und es finden sich einige besonders interessante und reizvolle Vorhaben darunter: nach der h-moll-Messe unter Klemperer Bach-Kantaten mit Menuhin für die Platte, bei den Wiener Festwochen das Brahms-Requiem unter Oistrachs Leitung, in London das Faure-Requiem für Fernsehen und Platte, und zwischen den Liedertourneen kamen und kommen Neuaufnahmen der „Schönen Müllerin" mit Alfred Brendel. der „Figaro" unter Böhm, das Weihnachtsoratorium von Bach, eine Platte mit Händel-Arien, eine weitere mit Alter Musik; im Programm eines dreimonatigen Amerika-Aufenthaltes 1969 finden sich Mahler-Lieder mit dem Bostoner Sinfonieorchester (unter Leinsdorf), Konzerte mit den New Yorker Philharmonikern, dem Philadelphia Orchestra (Matthäus-Passion) und die „Walpurgisnacht" von Mendelssohn für die Schallplatte.
In Amerika ist Prey in den vergangenen Jahren wiederholt auf langen Tourneen durch eine Unzahl von Universitäts-Städten gereist — angefangen bei den kleinsten Orten. Er sieht das als eine Art Pionierarbeit an — denn ebenso wie es für ihn der fundierte Aufbau einer Karriere in den USA war, ist es gleichzeitig eine gar nicht zu überschätzende Arbeit für die Ausbreitung und das Interesse an der deutschen Liedkultur in diesem gewaltigen, zukunftsträchtigen „Reservoir", wie es die USA in dieser Beziehung noch darstellen. Womit wir wieder an dem Punkt wären, von dem wir ausgingen.
Auf die Frage, wie er es sich erkläre, dass die Zahl guter Interpreten des Liedes doch relativ schmal bleibe, meint er: „Zunächst fängt das ja bei den technischen Problemen an. Das A und O des Liedersingens ist es, den Kern der Stimme sehr zurücknehmen zu können, und zwar ohne zu ,säuseln‘ oder Falsett zu singen. Die Italiener zum Beispiel, früher das Muster reinster Gesangskultur, beherrschen das heute fast am wenigsten. Battistini konnte noch im Alter ein hohes Fis in Piano ansetzen, anschwellen lassen und wieder zurücknehmen — wer kann so etwas heute denn noch? Aber das ist eben in etwa beim Lied zu lernen. Brüllen ist leicht. Mein einziges großes Ziel ist es — und danach richtet sich alles, was ich mache —, ich möchte mit 65 noch eine anständige ,Winterreise' singen. Und das soll dann so sein, dass die Leute darüber erfreut sind.
Über das Technische hinaus fängt das Liedersingen für mich mit der Liebe zum Gedicht an. Ich kann mich persönlich immer wieder für diese romantischen Gedichte begeistern, und ich versuche sie vorzutragen, ohne etwas zu ,machen‘. Ich finde es schrecklich, wenn man den ,erhobenen Zeigefinger‘ spürt (Jetzt will ich euch mal vormachen, wie dies oder das zu singen ist"). Der Künstler hat hinter dem Werk zurückzutreten. Ich liebe eher ein gewisses Understatement, gerade bei der Liedkunst.
Ich bin Sänger, weil es mir einfach Spaß macht, und ich könnte mir gar keinen anderen Beruf vorstellen. Die Skala der Möglichkeiten soll dabei aber so breit sein, wie es geht. Darum möchte ich durchaus auch einmal andere Wege gehen, etwas aus dem Rahmen herausbrechen, einmal eine reine Schauspielrolle spielen, zum Beispiel so etwas wie ,Liliom‘ oder auch eine ganz moderne Rolle — oder auch einmal ein richtiges Musical. Das würde mich unerhört reizen — aber bei allem, was ich an ,Seitensprüngen‘ unternehme (eines schließt ja doch das andere nicht aus), verliere ich nie mein Ziel aus den Augen: die Winterreise mit 65!"
Es gab Zeiten, in denen Liederabende in unserem Konzertbetrieb ein ziemliches Schattendasein führten. Klein war die Zahl der Interessierten, klein die Zahl der Interpreten von Gewicht — wenn die Sängerprominenz sich in den Konzertsaal begab, so hörte man meist nur das „Nebenprodukt" eines gefeierten Opernsängers: Die Anhänger freuten sich auch darüber, und die Kritik verzieh mit dem Hinweis, „dass die Domäne des Künstlers eben doch die Bühne bleibe" und so weiter. Nur dem Lied war damit wenig gedient.
Das hat sich bekanntlich geändert. Der Niveauanspruch ist heute stark gewachsen, es gibt wieder ausgesprochene Liedersänger von Format, und das Publikum, erstaunlicherweise auch das junge, kommt in Scharen. Diese positive Entwicklung ist vor allem den drei großen Baritonen zu verdanken, die mehr oder weniger den Hauptteil ihrer Mühe dem Liedgesang widmeten und widmen: Fischer-Dieskau, Souzay und Hermann Prey. Vor allem Prey hat in jüngster Zeit eine neue Popularitätswelle ausgelöst, und in Verbindung damit ist es bezeichnend, dass er nicht nur das sozusagen „traditionelle" Medium der Schallplatte erobert hat, sondern auch das Fernsehen. Preys Show „Schaut her, ich bin's" war ein ganz starker Erfolg, und als er an den Weihnachtsfeiertagen 1967 die gesamte „Winterreise" im Fernsehen sang, war dies eine „Pioniertat": Denn wen die Leute auf dem Bildschirm gesehen haben, den wollen sie dann auch einmal „live" sehen, und so werden sehr langsam, aber sicher Schichten gewonnen, die „normalerweise" nie den Weg in einen Konzertsaal gefunden hätten.
Warum dies zuerst? Es scheint, dass hier der entscheidende Punkt in der Erscheinung Preys liegt. Dass er über einen außerordentlich schönen lyrischen Bariton souverän verfügt, dass ihn Musikalität und Gespür für die Texte, die er gestaltet, zum Liedersänger prädestinieren — das ist oft dargelegt worden und erklärt doch nicht ausreichend das Phänomen dieser Karriere, die noch nicht einmal ihren Höhepunkt erreicht haben dürfte. Prey hat, mehr als jeder andere und mit mehr Erfolg als jeder andere, versucht, mit dem Liedgesang ein breites Publikum direkt anzusprechen und zu gewinnen — die Leute davon zu überzeugen, dass (wie man schablonenhaft zu sagen pflegt) auch „in unserer Zeit" das romantische Lied durchaus nichts Antiquiertes, Fremdes zu sein braucht.
So ist denn zu beobachten, dass junge Leute in Liederabende gehen, die sonst eine solche Idee belächelt hätten (Zahl und Inhalt der Verehrerpost lässt dies unschwer erkennen), ihm zujubeln wie sonst einem Star des Show-Geschäfts — und romantische Lieder hören. Das ist durchaus „seriös" und nicht im Illustriertenstil gemeint. Denn obwohl man den Optimismus diesbezüglich auch nicht übertreiben sollte, kann man doch darauf rechnen, dass die Begeisterung für den Sänger, zunächst sicherlich eine ganz oberflächliche, allmählich auch das Kunstwerk einbezieht und Verständnis dafür weckt und vertieft. Dies ist Preys erklärte und ehrliche Absicht, die er mit aller Zielstrebigkeit verfolgt. Sein Weg hat ihn ohne Zweifel sehr populär gemacht — aber er hat auch das Lied populär gemacht (soweit es überhaupt möglich ist). Und darauf kommt es letztlich an.
Ein Beispiel aus dem vergangenen Jahr ist dafür charakteristisch: Prey hat — auf die Gefahr hin, Unverständnis oder gar Heiterkeit zu ernten — eine Tournee mit einem reinen Balladenprogramm gemacht, also einem Genre, dass auch unter den Freunden des Liedes gemeinhin wenig Begeisterung weckt; und es wurde ein fast sensationeller Erfolg. Das dürfte nicht nur ein Erfolg von Preys Interpretation sein, sondern ebenso seiner persönlichen Wirkung und seines Einsatzes. Er zog das für ihn etwas riskante Eintreten für eine Sache dem sicheren Erfolg vor.
Preys Karriere verlief sehr folgerichtig — rasch, aber ohne gefährliche Sprünge. Auf die Frage, warum er Sänger geworden sei, antwortet er wie die meisten seiner Kollegen — dass es sich eben wie selbstverständlich ergeben habe. Prey, 1929 in Berlin geboren, war als Kind im Berliner Mozart-Chor, und während der ganzen Schulzeit {im berühmten „Grauen Kloster", einer Schule mit sehr alter Chortradition) gehörte das Singen einfach „dazu". Als er 1947 aus der Schule kam, lernte er Harry Gottschalk kennen, der seit damals und noch heute sein Lehrer ist, und studierte außerdem an der Musikhochschule in Berlin. 1952 ging er ins erste Engagement nach Wiesbaden, das allerdings nur wenige Monate dauerte: Er gewann nämlich einen Gesangswettbewerb, dessen erster Preis eine Reise nach Amerika mit einer Reihe von Konzerten war. Eine Kieferkrankheit erzwang dann eine unfreiwillige Unterbrechung, so dass das erste echte Anfängerjahr 1953 mit dem Hamburger Engagement begann.
Eigentlich hatte er ja nur Liedersänger werden wollen, und die Oper interessierte ihn erst in zweiter Linie. Doch einerseits merkte er, dass man mit dem Lied allein nichts anfangen kann, und vor allem kam er zu der Überzeugung, die er auch heute leidenschaftlich vertritt, dass die Skala eines Sängers gar nicht breit genug sein kann. Sänger, die vor dem harmlosesten Lied verzagen, oder jene, die beim Wort „Oper" schon die Nase rümpfen, sind ihm ein Unding.
Bis 1957 war er also festes Mitglied der Hamburgischen Staatsoper, und dann kam das, was er den „Sprung ins kalte Wasser" nennt: Er wollte frei sein und ging kein festes Engagement mehr ein... Seit 1960 lebt er in Bayern, in der Nähe von München, wo er an der Staatsoper jedes Jahr in fünf bis sechs Vorstellungen singt. Diese wenigen Auftritte sind dann allerdings immer prägnante Ereignisse gewesen: So sang Prey in den vergangenen Jahren in Neueinstudierungen den Eugen Onegin, den Caesar, den Orest in „Iphigenie", den Guglielmo, den Barbier, den Olivier in „Capriccio", den Grafen im „Figaro", den Vater Germont, Papageno, den Don Giovanni und jetzt in Rennerts neuem „Orpheus".
Prey ist heute vorwiegend Liedersänger — die Oper erscheint nur noch recht selten und nur in speziellen Fällen. In Bayreuth hat er den Wolfram gesungen, bei den Salzburger Festspielen den Papageno, dieses Jahr kommt Rossinis „Barbier" dazu: 1960 sang er zum ersten Mal an der „Met" in New York — doch im ganzen sind es nur wenige Daten. Das liegt einerseits an der Beschränkung des Rollenfachs — international stehen seinem eigentlichen Fach, dem „deutschen Spielbariton", nur wenige Partien offen: außer Mozart eben nur noch der Barbier; dazu kommt für Prey natürlich der Wolfram, aber dann ist es schon bald zu Ende. Außerdem aber scheut er bei aller Liebe zur Oper den von Zufälligkeiten und Halbheiten gefährdeten Repertoire-Betrieb und ganz besonders die Stagione italienischen Musters. „Ich bin in einem Stagione-Betrieb restlos verloren, diese Art von Arbeit ,kann' ich einfach nicht. Ich habe manchmal das Gefühl, es handelt sich hier um zwei völlig verschiedene Berufe: einerseits dieser Kampf ums hohe C, um Lautstärke und ,effetto‘ der mich immer an einen Stierkampf erinnert (ich sage ehrlich, dass diese Spielweise von Kunst mich immer wieder fasziniert, aber selbst so zu arbeiten, liegt mir einfach zu fern) — andererseits der Sänger, der an Bach und am Lied geschult ist. Das sind zwei Welten, die sich meines Erachtens nicht vermischen lassen."
Auf dem Programm dieses Jahres stehen in der Oper nur der Sommer in Salzburg und dann die „Schweigsame Frau" und der Papageno am Teatro Colon. Neue Aufgaben, die ihn reizen würden? Nun, er würde sich gern den Marquis Posa, den er vor zehn Jahren in Hamburg zuletzt sang, italienisch erarbeiten, und als Figur interessiert ihn sehr der Wozzeck.
Die Konzert- und Schallplattenpläne sind dagegen äußerst reichhaltig, und es finden sich einige besonders interessante und reizvolle Vorhaben darunter: nach der h-moll-Messe unter Klemperer Bach-Kantaten mit Menuhin für die Platte, bei den Wiener Festwochen das Brahms-Requiem unter Oistrachs Leitung, in London das Faure-Requiem für Fernsehen und Platte, und zwischen den Liedertourneen kamen und kommen Neuaufnahmen der „Schönen Müllerin" mit Alfred Brendel. der „Figaro" unter Böhm, das Weihnachtsoratorium von Bach, eine Platte mit Händel-Arien, eine weitere mit Alter Musik; im Programm eines dreimonatigen Amerika-Aufenthaltes 1969 finden sich Mahler-Lieder mit dem Bostoner Sinfonieorchester (unter Leinsdorf), Konzerte mit den New Yorker Philharmonikern, dem Philadelphia Orchestra (Matthäus-Passion) und die „Walpurgisnacht" von Mendelssohn für die Schallplatte.
In Amerika ist Prey in den vergangenen Jahren wiederholt auf langen Tourneen durch eine Unzahl von Universitäts-Städten gereist — angefangen bei den kleinsten Orten. Er sieht das als eine Art Pionierarbeit an — denn ebenso wie es für ihn der fundierte Aufbau einer Karriere in den USA war, ist es gleichzeitig eine gar nicht zu überschätzende Arbeit für die Ausbreitung und das Interesse an der deutschen Liedkultur in diesem gewaltigen, zukunftsträchtigen „Reservoir", wie es die USA in dieser Beziehung noch darstellen. Womit wir wieder an dem Punkt wären, von dem wir ausgingen.
Auf die Frage, wie er es sich erkläre, dass die Zahl guter Interpreten des Liedes doch relativ schmal bleibe, meint er: „Zunächst fängt das ja bei den technischen Problemen an. Das A und O des Liedersingens ist es, den Kern der Stimme sehr zurücknehmen zu können, und zwar ohne zu ,säuseln‘ oder Falsett zu singen. Die Italiener zum Beispiel, früher das Muster reinster Gesangskultur, beherrschen das heute fast am wenigsten. Battistini konnte noch im Alter ein hohes Fis in Piano ansetzen, anschwellen lassen und wieder zurücknehmen — wer kann so etwas heute denn noch? Aber das ist eben in etwa beim Lied zu lernen. Brüllen ist leicht. Mein einziges großes Ziel ist es — und danach richtet sich alles, was ich mache —, ich möchte mit 65 noch eine anständige ,Winterreise' singen. Und das soll dann so sein, dass die Leute darüber erfreut sind.
Über das Technische hinaus fängt das Liedersingen für mich mit der Liebe zum Gedicht an. Ich kann mich persönlich immer wieder für diese romantischen Gedichte begeistern, und ich versuche sie vorzutragen, ohne etwas zu ,machen‘. Ich finde es schrecklich, wenn man den ,erhobenen Zeigefinger‘ spürt (Jetzt will ich euch mal vormachen, wie dies oder das zu singen ist"). Der Künstler hat hinter dem Werk zurückzutreten. Ich liebe eher ein gewisses Understatement, gerade bei der Liedkunst.
Ich bin Sänger, weil es mir einfach Spaß macht, und ich könnte mir gar keinen anderen Beruf vorstellen. Die Skala der Möglichkeiten soll dabei aber so breit sein, wie es geht. Darum möchte ich durchaus auch einmal andere Wege gehen, etwas aus dem Rahmen herausbrechen, einmal eine reine Schauspielrolle spielen, zum Beispiel so etwas wie ,Liliom‘ oder auch eine ganz moderne Rolle — oder auch einmal ein richtiges Musical. Das würde mich unerhört reizen — aber bei allem, was ich an ,Seitensprüngen‘ unternehme (eines schließt ja doch das andere nicht aus), verliere ich nie mein Ziel aus den Augen: die Winterreise mit 65!"



