Der neue Mozart-Tenor
Peter Schreier – ein FONO FORUM-Porträt von Wolf-Eberhard von Lewinski

Es lag nahe, Peter Schreier als „den neuen Wunderlich" anzusehen und zu bezeichnen: Sein Stern begann aufzugehen, als Fritz Wunderlich so tragisch und unfassbar ums Leben kam. Aber es spricht für Schreier, dass er sich gegen diesen Vergleich wehrt — mit Argumenten, die exakt treffen. Er meint, dass er viel lyrischer sei, als es Wunderlich war, ein anderes Timbre mitbringe und die Oper keineswegs so sehr schätze, wie es bei Wunderlich zumindest zuletzt der Fall gewesen sein dürfte.
Wenn wir also sogleich festhalten, dass Peter Schreier kein neuer Wunderlich ist oder sein will, dann auch deshalb, weil zu wünschen ist, dass dieser verständliche, aber fragwürdige Vergleich so schnell und entschieden wie möglich beiseitegelassen wird, wo immer man über Peter Schreier spricht. Letzten Endes ist es ja doch so, dass man über das Auftauchen eines Tenors von einigen Qualitätsgraden ohnedies erfreut ist, da dergleichen nicht an der Tagesordnung zu sein pflegt, besonders dann nicht, wenn es sich um einen typisch deutschen Tenor handelt.
Und das ist Schreier in vielfacher Hinsicht, nicht nur stimmcharakterlich: Er hat eine bezeichnende Ausbildung als Sängerknabe (Kruzianer) hinter sich, liebt Oratorium und Konzert und zeigt auch noch im Wesen den deutschen Habitus. Er sieht ein wenig wie ein junger Lehrer, nicht wie ein Künstler aus. Dazu bestätigt er deutsche Tragödie von heute: Hat man einen guten deutschen Tenor, so wohnt er in Dresden, ist in Ost-Berlins Staatsoper engagiert und darf nicht mehr an westdeutschen Bühnen auftreten, obwohl — oder weil — er von dort (zum Beispiel von Rennert) bedeutsame Gastangebote erhalten hat.
Er darf in Wien und an der Met gastieren, aber nicht in Westdeutschland. Und wenn er in Salzburg zu den Festspielen singt, darf er seine Familie nicht mitnehmen, da die Ostbühnen diesen Mann nicht verlieren wollen, der sich am liebsten in Wien niederließe. Im Grunde ist ein solches Verhalten von Bürokraten töricht: Ließe man Schreier nach Wien ziehen, so gewänne man ihn als einen sich noch stärker entfaltenden, noch besseren Tenor zurück, denn fraglos sind diese persönlichen Probleme ein Hindernis für die weitere Entwicklung des Sängers, da seelische Belastungen für ein so empfindliches Organ wie die Stimme nicht Balsam genannt werden können. Und es wäre sicher, dass Schreier in seine sächsische Heimat häufig als Gast zurückkehrte, ebenso oft in Dresden und Berlin sänge wie heute. Man muss in der Tat dafür plädieren, dass jene Einengung der Bewegungsfreiheit im eigenen Interesse revidiert wird — sofern man in der Lage ist, diesen eigenen Vorteil überhaupt zu erkennen. Nicht zuletzt bestünde er in einer besseren politischen Optik, die man in der DDR dabei einhandelte.
Zurück zum Singen Peter Schreiers. Es begann früh bei ihm. Sein Vater war Organist und Kantor, zuerst in Gauernitz bei Dresden, wo Schreier 1936 geboren wurde, dann in der Elbestadt Meißen. Kaum hatte Peter Schreier die ersten musikalischen Unterweisungen bei seinem Vater erhalten, wandte er sich nach Dresden zum Kreuzchor. Schreier sollte der erste wieder neu aufgenommene Alumnus werden, den es 1945 gab. Die Ausbildung, musikalischer wie allgemeiner Art, die Schreier in dieser ehrwürdigen Schule erhielt, prägte sein Wesen und seinen Weg.
Nach dem Abitur folgte Schreier dem Rat des Kreuzkantors Mauersberger und wurde Sänger. Diesen Wunsch hatte Schreier selbst. Nach kurzen privaten Studien ging er auf die Musikhochschulen von Dresden und Leipzig. Hier wollte er, dem man nach einer achtjährigen Kreuzchor-Tätigkeit weder stimmlich noch musikalisch viel Neues auf einen Sängerweg mitgeben konnte, Dirigent werden, da seinen geistigen Anforderungen das Singen nicht zu genügen schien. Doch die Entscheidung fiel bald in anderer Richtung: Das Studio der Dresdener Staatsoper engagierte ihn im Jahre 1959, und nach zwei „Lehrjahren" auf der Bühne wurde er ständiges Mitglied des Ensembles. Nach zwei weiteren Jahren holte ihn bereits die Berliner Staatsoper, ohne dass die Bindungen an Dresden aufgegeben wurden.
Als „erster Gefangener" im „Fidelio" hatte Schreier auf der Bühne debütiert. Deutsche Opernrollen und Verdi folgten schnell. Allerdings behauptet Schreier, die italienische Oper interessiere ihn wenig, da er vom Sakralen herkomme und am liebsten Evangelisten-Partien singe, da er überhaupt die Oper nicht für eine ideale Musikstätte ansähe, da auf der Bühne zu wenig musiziert werden könne. Dennoch hat er auch „La Traviata" gesungen. Allerdings nicht schmelzend und seufzend, sondern kantig-klar, mehr auf Lied als auf Arie bedacht, nicht vital-gefühlvoll, sondern verhalten, dynamisch reduziert. Kritiker haben ihm das sehr verübelt, weil sie einseitige Traditionen im Ohr zu haben scheinen. Aber wer die Oper nicht von nur einer Perspektive, sondern auch von den Forderungen der Gegenwart her erkennt, muss erstaunt und erfreut aufhorchen, wenn mit Peter Schreier das Unglaubwürdige, weil Manierierte des italienischen Theatergesangs zurückgedrängt wird.
So nimmt sich auch ein Don Jose plötzlich viel französisch-schlanker und sympathisch-unpathetischer aus, wenn er nicht mit knödelndem Heldenjargon, sondern schlichtunsentimental ertönt — wie eben bei Peter Schreier. Da hören wir plötzlich die musikalische Form, ja die Musik heraus, nichts mehr von schematischen Bühnenvorstellungen oder überkommenen Stimm-Prinzipien, mit denen die Musik so oft zugedeckt wird. Es gibt Kritiker, die Stimmen so hören wie einige Musikfreunde Schallplatten: allein vom technischen Aspekt her, über den sie den musikalischen versäumen oder auch eine neue Perspektive des Singens nicht erkennen.
Immer zwangsläufiger kam Schreier zum Mozart-Singen. Nicht umsonst hat ein Karl Böhm ihn für den besten Mozart-Tenor von heute erklärt, als er mit ihm zusammen „Don Giovanni" in Prag aufnahm, nicht ohne Grund holte man Schreier als Belmonte und als Tamino nach Salzburg. Über Wien, Glyndebourne, Buenos Aires, New York, Bayreuth, Rom und Warschau hat er das Konzert- und Uedersingen nicht vergessen oder vernachlässigt: In Europa kennt man Peter Schreier von hierher sehr genau — nicht zuletzt durch die Schallplatte. Händel-, Schütz- und Bach-Festbesuchern war Peter Schreier schon längst ein Begriff. Es kann der Oper keineswegs schaden, wenn ein solcher Sänger auftaucht, der das Musizieren an die erste Stelle rückt — auch auf Kosten der theatralischen Aktion, die Peter Schreier zugegebenermaßen schwerfällt, was auch konstitutionell ein wenig mitbedingt ist.
Dem kräftigen großen Körper ist ein langer und souverän geführter Atem möglich, dem Kehlkopf ein Resonanzboden geboten, wie er nicht häufig anzutreffen ist. So robust Schreier auf den ersten Eindruck hin wirkt, so empfindsam singt er. Dabei ist der Klang seines Tenors nie weichlich, mag er auch weich sein. Die Höhe strahlt klar und mühelos, wenn auch nicht betont kraftvoll oder brillant. Die Tiefe ist eigen baritonal gefärbt, aber nie qualstrig. Die Klarheit bleibt gewahrt — wohl auch deshalb, weil bei Schreier zu einem vorzüglich geschulten Kehlkopf ein kluger Kopf hinzukommt. Und dieser Eindruck entsteht nicht nur wegen seiner Intelligenz-Brille, die auf dem etwas kindlich wirkenden Gesicht sitzt. Man spürt ihn eher an dem sympathisch-unprätentiösen Auftreten, dem offen-uneitlen Sprechen, der Freude am Durchdenken und Gestalten der Rollen oder Partien. So kommt es, dass ihm eine beachtliche Deklamationsfähigkeit zu eigen ist, die sogar Richard-Strauss-Rollen „verständlich" werden lässt, ohne dass ein zukommender Schmelz vermisst werden müsste.
Vor allem muss wirklich Mozart zitiert werden, wie Schreier ihn singt: innig und gescheit zugleich, nach der Situation der Handlung akzentuiert, stilsauber und durchgeistigt, zauberisch schwebend und musikalisch fesselnd, stets emotionell verhalten. Es ist erfreulich, dass nun nach einer nicht immer vollauf überzeugenden allgemeinen Arien-Platte mit Schreier eine neue, auf Mozart konzentrierte Aufnahme erschienen ist. Die Zuverlässigkeit seines Singens ist da noch entschiedener zu erfahren, natürlich auch die spezifische Schönheit und Souveränität seiner markanten Tonbildung.
Die großen Erfolge, die der junge Schreier so schnell in der Welt errungen hat, machten ihn nicht unbescheiden-arrogant. Er ist auch frei von Star-Allüren geblieben, wie seine kurze Laufbahn ohne sensationelle Arabesken auskam. Es dürfte so bleiben, denn Schreier bekennt: „Es wird mir schwer gemacht, da man von mir nun immer erwartet, dass ich gut bin. Aber ich will nicht Sklave des Berufs werden. Ich will schon noch ein Mensch bleiben. Obwohl ich Tenor bin." Mit soviel Sinn für Humor und Musik, mit einer so bezwingenden Begabung für Lyrik, Meditation und Distanz, für konzentriertes Schweben der Stimme und hintergründigen, glaubwürdigen Ausdruck der Gestaltung, vor allem auch für das reine Musizieren, hat Peter Schreier noch viele Möglichkeiten eines reichen Weges offen, zumal wir wissen, wie sehr er an sich weiter arbeitet, wie wenig er sich von den Angeboten, die er annehmen darf, sein Leben diktieren lässt.
Für die westdeutschen Musikfreunde, die nicht nach Salzburg reisen, bleibt die Hoffnung, dass es möglich wird, Peter Schreier noch häufig über die Schallplatte erleben zu können. Womit die Hoffnung, ihn auch auf unseren Konzertpodien und Opernbühnen eines Tages gastieren zu sehen und zu hören, nie aufgegeben ist.
Es lag nahe, Peter Schreier als „den neuen Wunderlich" anzusehen und zu bezeichnen: Sein Stern begann aufzugehen, als Fritz Wunderlich so tragisch und unfassbar ums Leben kam. Aber es spricht für Schreier, dass er sich gegen diesen Vergleich wehrt — mit Argumenten, die exakt treffen. Er meint, dass er viel lyrischer sei, als es Wunderlich war, ein anderes Timbre mitbringe und die Oper keineswegs so sehr schätze, wie es bei Wunderlich zumindest zuletzt der Fall gewesen sein dürfte.
Wenn wir also sogleich festhalten, dass Peter Schreier kein neuer Wunderlich ist oder sein will, dann auch deshalb, weil zu wünschen ist, dass dieser verständliche, aber fragwürdige Vergleich so schnell und entschieden wie möglich beiseitegelassen wird, wo immer man über Peter Schreier spricht. Letzten Endes ist es ja doch so, dass man über das Auftauchen eines Tenors von einigen Qualitätsgraden ohnedies erfreut ist, da dergleichen nicht an der Tagesordnung zu sein pflegt, besonders dann nicht, wenn es sich um einen typisch deutschen Tenor handelt.
Und das ist Schreier in vielfacher Hinsicht, nicht nur stimmcharakterlich: Er hat eine bezeichnende Ausbildung als Sängerknabe (Kruzianer) hinter sich, liebt Oratorium und Konzert und zeigt auch noch im Wesen den deutschen Habitus. Er sieht ein wenig wie ein junger Lehrer, nicht wie ein Künstler aus. Dazu bestätigt er deutsche Tragödie von heute: Hat man einen guten deutschen Tenor, so wohnt er in Dresden, ist in Ost-Berlins Staatsoper engagiert und darf nicht mehr an westdeutschen Bühnen auftreten, obwohl — oder weil — er von dort (zum Beispiel von Rennert) bedeutsame Gastangebote erhalten hat.
Er darf in Wien und an der Met gastieren, aber nicht in Westdeutschland. Und wenn er in Salzburg zu den Festspielen singt, darf er seine Familie nicht mitnehmen, da die Ostbühnen diesen Mann nicht verlieren wollen, der sich am liebsten in Wien niederließe. Im Grunde ist ein solches Verhalten von Bürokraten töricht: Ließe man Schreier nach Wien ziehen, so gewänne man ihn als einen sich noch stärker entfaltenden, noch besseren Tenor zurück, denn fraglos sind diese persönlichen Probleme ein Hindernis für die weitere Entwicklung des Sängers, da seelische Belastungen für ein so empfindliches Organ wie die Stimme nicht Balsam genannt werden können. Und es wäre sicher, dass Schreier in seine sächsische Heimat häufig als Gast zurückkehrte, ebenso oft in Dresden und Berlin sänge wie heute. Man muss in der Tat dafür plädieren, dass jene Einengung der Bewegungsfreiheit im eigenen Interesse revidiert wird — sofern man in der Lage ist, diesen eigenen Vorteil überhaupt zu erkennen. Nicht zuletzt bestünde er in einer besseren politischen Optik, die man in der DDR dabei einhandelte.
Zurück zum Singen Peter Schreiers. Es begann früh bei ihm. Sein Vater war Organist und Kantor, zuerst in Gauernitz bei Dresden, wo Schreier 1936 geboren wurde, dann in der Elbestadt Meißen. Kaum hatte Peter Schreier die ersten musikalischen Unterweisungen bei seinem Vater erhalten, wandte er sich nach Dresden zum Kreuzchor. Schreier sollte der erste wieder neu aufgenommene Alumnus werden, den es 1945 gab. Die Ausbildung, musikalischer wie allgemeiner Art, die Schreier in dieser ehrwürdigen Schule erhielt, prägte sein Wesen und seinen Weg.
Nach dem Abitur folgte Schreier dem Rat des Kreuzkantors Mauersberger und wurde Sänger. Diesen Wunsch hatte Schreier selbst. Nach kurzen privaten Studien ging er auf die Musikhochschulen von Dresden und Leipzig. Hier wollte er, dem man nach einer achtjährigen Kreuzchor-Tätigkeit weder stimmlich noch musikalisch viel Neues auf einen Sängerweg mitgeben konnte, Dirigent werden, da seinen geistigen Anforderungen das Singen nicht zu genügen schien. Doch die Entscheidung fiel bald in anderer Richtung: Das Studio der Dresdener Staatsoper engagierte ihn im Jahre 1959, und nach zwei „Lehrjahren" auf der Bühne wurde er ständiges Mitglied des Ensembles. Nach zwei weiteren Jahren holte ihn bereits die Berliner Staatsoper, ohne dass die Bindungen an Dresden aufgegeben wurden.
Als „erster Gefangener" im „Fidelio" hatte Schreier auf der Bühne debütiert. Deutsche Opernrollen und Verdi folgten schnell. Allerdings behauptet Schreier, die italienische Oper interessiere ihn wenig, da er vom Sakralen herkomme und am liebsten Evangelisten-Partien singe, da er überhaupt die Oper nicht für eine ideale Musikstätte ansähe, da auf der Bühne zu wenig musiziert werden könne. Dennoch hat er auch „La Traviata" gesungen. Allerdings nicht schmelzend und seufzend, sondern kantig-klar, mehr auf Lied als auf Arie bedacht, nicht vital-gefühlvoll, sondern verhalten, dynamisch reduziert. Kritiker haben ihm das sehr verübelt, weil sie einseitige Traditionen im Ohr zu haben scheinen. Aber wer die Oper nicht von nur einer Perspektive, sondern auch von den Forderungen der Gegenwart her erkennt, muss erstaunt und erfreut aufhorchen, wenn mit Peter Schreier das Unglaubwürdige, weil Manierierte des italienischen Theatergesangs zurückgedrängt wird.
So nimmt sich auch ein Don Jose plötzlich viel französisch-schlanker und sympathisch-unpathetischer aus, wenn er nicht mit knödelndem Heldenjargon, sondern schlichtunsentimental ertönt — wie eben bei Peter Schreier. Da hören wir plötzlich die musikalische Form, ja die Musik heraus, nichts mehr von schematischen Bühnenvorstellungen oder überkommenen Stimm-Prinzipien, mit denen die Musik so oft zugedeckt wird. Es gibt Kritiker, die Stimmen so hören wie einige Musikfreunde Schallplatten: allein vom technischen Aspekt her, über den sie den musikalischen versäumen oder auch eine neue Perspektive des Singens nicht erkennen.
Immer zwangsläufiger kam Schreier zum Mozart-Singen. Nicht umsonst hat ein Karl Böhm ihn für den besten Mozart-Tenor von heute erklärt, als er mit ihm zusammen „Don Giovanni" in Prag aufnahm, nicht ohne Grund holte man Schreier als Belmonte und als Tamino nach Salzburg. Über Wien, Glyndebourne, Buenos Aires, New York, Bayreuth, Rom und Warschau hat er das Konzert- und Uedersingen nicht vergessen oder vernachlässigt: In Europa kennt man Peter Schreier von hierher sehr genau — nicht zuletzt durch die Schallplatte. Händel-, Schütz- und Bach-Festbesuchern war Peter Schreier schon längst ein Begriff. Es kann der Oper keineswegs schaden, wenn ein solcher Sänger auftaucht, der das Musizieren an die erste Stelle rückt — auch auf Kosten der theatralischen Aktion, die Peter Schreier zugegebenermaßen schwerfällt, was auch konstitutionell ein wenig mitbedingt ist.
Dem kräftigen großen Körper ist ein langer und souverän geführter Atem möglich, dem Kehlkopf ein Resonanzboden geboten, wie er nicht häufig anzutreffen ist. So robust Schreier auf den ersten Eindruck hin wirkt, so empfindsam singt er. Dabei ist der Klang seines Tenors nie weichlich, mag er auch weich sein. Die Höhe strahlt klar und mühelos, wenn auch nicht betont kraftvoll oder brillant. Die Tiefe ist eigen baritonal gefärbt, aber nie qualstrig. Die Klarheit bleibt gewahrt — wohl auch deshalb, weil bei Schreier zu einem vorzüglich geschulten Kehlkopf ein kluger Kopf hinzukommt. Und dieser Eindruck entsteht nicht nur wegen seiner Intelligenz-Brille, die auf dem etwas kindlich wirkenden Gesicht sitzt. Man spürt ihn eher an dem sympathisch-unprätentiösen Auftreten, dem offen-uneitlen Sprechen, der Freude am Durchdenken und Gestalten der Rollen oder Partien. So kommt es, dass ihm eine beachtliche Deklamationsfähigkeit zu eigen ist, die sogar Richard-Strauss-Rollen „verständlich" werden lässt, ohne dass ein zukommender Schmelz vermisst werden müsste.
Vor allem muss wirklich Mozart zitiert werden, wie Schreier ihn singt: innig und gescheit zugleich, nach der Situation der Handlung akzentuiert, stilsauber und durchgeistigt, zauberisch schwebend und musikalisch fesselnd, stets emotionell verhalten. Es ist erfreulich, dass nun nach einer nicht immer vollauf überzeugenden allgemeinen Arien-Platte mit Schreier eine neue, auf Mozart konzentrierte Aufnahme erschienen ist. Die Zuverlässigkeit seines Singens ist da noch entschiedener zu erfahren, natürlich auch die spezifische Schönheit und Souveränität seiner markanten Tonbildung.
Die großen Erfolge, die der junge Schreier so schnell in der Welt errungen hat, machten ihn nicht unbescheiden-arrogant. Er ist auch frei von Star-Allüren geblieben, wie seine kurze Laufbahn ohne sensationelle Arabesken auskam. Es dürfte so bleiben, denn Schreier bekennt: „Es wird mir schwer gemacht, da man von mir nun immer erwartet, dass ich gut bin. Aber ich will nicht Sklave des Berufs werden. Ich will schon noch ein Mensch bleiben. Obwohl ich Tenor bin." Mit soviel Sinn für Humor und Musik, mit einer so bezwingenden Begabung für Lyrik, Meditation und Distanz, für konzentriertes Schweben der Stimme und hintergründigen, glaubwürdigen Ausdruck der Gestaltung, vor allem auch für das reine Musizieren, hat Peter Schreier noch viele Möglichkeiten eines reichen Weges offen, zumal wir wissen, wie sehr er an sich weiter arbeitet, wie wenig er sich von den Angeboten, die er annehmen darf, sein Leben diktieren lässt.
Für die westdeutschen Musikfreunde, die nicht nach Salzburg reisen, bleibt die Hoffnung, dass es möglich wird, Peter Schreier noch häufig über die Schallplatte erleben zu können. Womit die Hoffnung, ihn auch auf unseren Konzertpodien und Opernbühnen eines Tages gastieren zu sehen und zu hören, nie aufgegeben ist.



