Glück mit Helen Donath
Ein FONO FORUM-Porträt von Werner Bollert

Auf den ersten Blick war's eine Disko-Liebe: Vor zwei Jahren veröffentlichte Bärenreiter Bachs Jagdkantate unter Helmuth Rillings Leitung; die Partie der Diana sang Helen Donath, die stimmlich überlegen disponierte und trotz sprühendem Temperament den Forderungen des Bach-Stils gerecht wurde. Abgesehen von der undoktrinären Auffassung des Dirigenten geht hier von der jungen Sopranistin die stärkste Wirkung aus.
Auf den zweiten Blick war's eine Konzert-Liebe: Bei den Berliner Festwochen 1966 musizierte Helen Donath mit Reinhard Peters und den Philharmonikern Arie und Schlussworte der Eleonore aus Ernst Kreneks Bühnenwerk „Karl V.". Von den eminenten stimmlichen Schwierigkeiten war ihrer Darstellung nichts anzumerken, Gesang war ganz Ausdruck, ganz Innerlichkeit geworden — eine bewundernswerte Leistung, die zu einem vokalen Gipfelpunkt des Festivals emporwuchs.
Auf den dritten Blick war's eine Opern-Liebe: zur Pamina der Salzburger Festspiele 1967. Da war wirklich einmal alles vorhanden, was diese Bühnengestalt, die Helen Donath anderwärts schon häufig — sogar bei illustren Gelegenheiten wie auf dem Deutschen Mozart-Fest zu Hannover oder beim Dresdner Theaterjubiläum 1967 — gesungen hatte, glaubhaft und zudem unverwechselbar macht: die Jugend, die Fähigkeit zum Frohsinn (mit Papageno), der Weg ins Leiden (g-moll-Arie) und endlich die Sicherheit des Glücks mit Tamino.
Als wir uns Ende 1967 in Salzburg zu einem Gespräch verabredeten, hatte ihre Stimme am Telefon 'einen etwas österreichischen Beiklang, als sei sie seit langem im Salzkammergut heimisch; und das Dirndlkleid, das ihr geradezu prachtvoll stand, verstärkte diesen Eindruck bei der Begegnung. Niemand könnte Helen Donath heute noch anmerken, dass sie Amerikanerin ist und aus der texanischen Stadt Corpus Christi stammt. Kaum eine der vielen in Europa engagierten USA-Sängerinnen hat sich so sehr in die deutsche Mentalität eingefühlt wie sie. Dies liegt nicht allein in ihrer speziellen Sprachenbegabung begründet, die sie neben Englisch und Deutsch auch Arabisch, Spanisch, Italienisch und ein wenig Schwedisch lernen ließ. Als sie vor knapp sieben Jahren nach Deutschland kam, betrachtete sie dieses Land von Anfang an als so etwas wie ihre Wahlheimat. Das hinderte sie nicht, sich nach wie vor mit ihren Angehörigen drüben in Texas, die mütterlicherseits syrischer Herkunft sind, eng verbunden zu fühlen. Von Mutter und Großmutter scheint sie überhaupt mancherlei ererbt zu haben: nicht nur die äußere Ähnlichkeit, sondern obendrein das reizvoll originelle, völlig uneitle Wesen und die tiefe Musikalität. Während die Mutter eine dunklere Stimme besitzt, singt die Großmutter mit ihren 68 Jahren noch heute sehr gut Koloraturen und beherrscht noch immer die gesamte, recht zahlreich zusammenwohnende Familie.
Dies alles muss man wissen, um Helen Donath zu begreifen, die von Kindheit an nichts anderes gewollt hat, als ihr Singtalent zum Lebensberuf werden zu lassen. „Fast schon als Säugling war ich Sängerin", meint sie; und schon mit der zweijährigen Helen machte die Familie kleine Hausschallplatten mit Liedern in englischer, spanischer und syrischer Sprache. Als „Erwachsene" sang die Zehnjährige im Kirchenchor mit und bekam alle anfallenden Soli. Im Alter von vierzehn Jahren begann sie ihr eigentliches Gesangsstudium am Del Mar College, an dem Carl Duckwall ihr erster Lehrer wurde.
Nach dem Abitur und einem anschließenden zweijährigen Musikstudium an der Universität verließ sie, gerade zwanzig Jahre alt geworden, 1960 ihre Vaterstadt und ging nach New York, um dort Geld für ihr weiteres Studium zu verdienen. Es gab gefährliche, durch falschen Unterricht bewirkte stimmliche Rückschläge. Ihr Sopran entwickelte sich dennoch ziemlich schnell, und schon nach kurzer Zeit riskierte sie einen kurzen Europa-Trip, der immerhin zu einem Engagement am Kölner Opernhaus führte. Die anderthalb Spielzeiten in Köln brachten ihr einige wichtige Fundamente ein, auf denen sie dann in Hannover, wo sie ab Herbst 1963 sang, weiter aufbauen konnte. Im Opernstudio bekam sie es damals schon mit der Brangäne aus Frank Martins Zaubertrank und mit Blachers Julia zu tun — und auf der großen Bühne zudem mit Prokofieffs Smeraldina aus der „Liebe zu den drei Orangen", mit Rimsky-Korssakows Schwanenprinzessin aus dem „Zaren Saltan" und insbesondere mit Wagners Wellgunde in der „Ring"-Erneuerung durch Wieland Wagner und Wolfgang Sawallisch. Durch diese Rolle kam sie zu den Proben für die Bayreuther Festspiele 1962, und dort begegnete ihr George London, der die junge Debütantin seiner Lehrerin Paola Novikowa empfahl. Für Helen Donath war dieser Unterricht, der sich bis zum kürzlichen Tode von Frau Novikowa fortsetzte, einer der ausgesprochenen Glücksfälle ihrer künstlerischen Existenz.
Für die junge Sopranistin konnte es gar kein besseres Sprungbrett geben als eben das Landestheater Hannover mit der Mannigfaltigkeit seines Spielplans und seinem bemerkenswert guten Arbeitsklima; ein so kontaktfreudiger und lernbegieriger Mensch wie sie musste sich unter den dortigen Bühnenkollegen wohlfühlen. In einem Vierjahresvertrag hat sie alle ihre Chancen hervorragend zu nutzen verstanden. Außer ihren Lieblingspartien der Pamina, Micaela, Mimi und der Sophie aus dem „Rosenkavalier" hat sie in dieser Zeit auch Rollen wie die Liu, das Ännchen, Marzelline (Fidelio), Marie (Verkaufte Braut) und Rossinis Fulvia (Liebesprobe) gespielt. Mit Händel machte sie bei einem konzertant dargebotenen „Tamerlano" Bekanntschaft, und in der Herrenhäuser Aufführung von Glucks letztem Bühnenwerk „Echo und Narciss" sang sie den ausführlichen Prolog des Amor. Sie ist auch die erste Luise in der hannoverschen Premiere von Henzes „Jungem Lord" gewesen. Ausdrucksmäßig entscheidender jedoch sind, was das Opernschaffen unseres Jahrhunderts angeht, für sie zwei andere Rollen geworden: die Julietta in Martinus gleichnamigem, ins seltsam Irreale weisendem Werk sowie die Jeanne in Werner Egks „Verlobung in San Domingo", die ihr zu entsprechen scheint und in der sie im Vormonat auch auf dem Bildschirm zu, sehen war.
Doch das Operntheater allein, so sehr es sie beanspruchte, konnte ihrem musikalischen Bildungsdrang auf die Dauer nicht genügen; sie ging gleichzeitig entschlossen daran, die Standard-Vokalwerke des heutigen Konzertrepertoires gründlich zu studieren. Neben Mozart trat von nun an als zweiter erklärter Lieblingskomponist Bach. Von ihm hat sie, abgesehen von einzelnen Kantaten, inzwischen die Sopranpartien sämtlicher größerer Werke erprobt: die beiden Passionen, die h-moll-Messe, das Weihnachtsoratorium, das Magnificat und die wiederhergestellte Markuspassion. Die Hanne in Haydns „Jahreszeiten" bewältigt sie ebenso souverän wie die Sopranpartien in Mozarts „Requiem", seiner c-moll-Messe und in der Krönungsmesse, bei deren römischer Sonderdarbietung vor dem Papst im Mai 1967 sie mitgewirkt hat. Auch in Aufführungen der Missa solemnis und der Neunten von Beethoven, des Brahms-Requiems und weiterer Chorwerke bis hin zu Honeggers „König David" (dessen Part sie innerhalb von zwei Tagen lernte) und zu Brittens „War Requiem" stand sie schon auf dem Podium.
Die Freunde ihres Singens werden es zu schätzen wissen, dass Helen Donath sich gerade in diesen Wochen dem Publikum erstmalig — nach langer und reiflicher Überlegung — mit eigenen Liederabenden stellen möchte; dies übrigens in künstlerischer Gemeinschaft mit ihrem Mann, der sie am Flügel begleiten wird. Hier ist vielleicht der rechte Ort, einige Worte über Klaus Donath zu sagen, mit dem sie seit zweieinhalb Jahren verheiratet ist: Er ist von Geburt Hannoveraner, Musiker, war in seiner Vaterstadt bereits seit längerer Zeit als Theater-Dirigent tätig und ist kürzlich zum ersten Kapellmeister am Landestheater Darmstadt avanciert.
Für Helen Donath läuft der Vertrag mit Hannover ebenfalls aus; seit Herbst 1967 zählt sie bereits zu den Mitgliedern der Bayerischen Staatsoper, mit der zunächst auf drei Jahre abgeschlossen wurde. Ihren Einstand am Nationaltheater hatte sie mit der winzigen Rolle des Amor in der Neuinszenierung von Glucks „Orpheus", in der sie danach die Eurydike übernehmen wird. Hoffentlich werden auch die Münchener bald erkennen, was sie an dieser jungen Kraft haben, die im März bei Rennert Mozarts Susanna ist. Ihre Pläne für die laufende Saison sind hauptsächlich im Konzertbereich interessant: Neben den Liederabenden singt sie das Sopransolo im Brahms-Requiem sowohl in Rom unter Sawallisch als auch zu Ostern in Salzburg unter Karajan, wo sie zudem in der „Rheingold"-Inszenierung als Woglinde auftritt. In Hannover will sie zum ersten Mal die Antonia aus „Hoffmanns Erzählungen" darstellen. Zwei lockende neue Aufgaben hat sie für den Rundfunk übernommen: Im WDR wird sie in der ersten Gesamtaufnahme von Haydns „Armida-Oper die Rolle der Zelmira, bei der BBC im Mai unter Colin Davis die noch weit schönere Partie der llia in Mozarts „Idomeneo" singen. Im selben Monat ist sie auf dem Festival zu Brighton in Bachs Magnificat zu hören, das Daniel Barenboim leitet. Im Juli und August wird sie bei den Münchener Festspielen mitwirken und in Salzburg wiederum die Pamina sein; mit dieser Rolle soll sie dann im September ein Gastspiel in Buenos Aires absolvieren. Auf dem Gebiet der Schallplatte sind bei Helen Donath die Wege noch ziemlich offen; einer bestimmten Firma hat sie sich bislang nicht exklusiv verpflichtet. Aber es liegen — außer der schon erwähnten „Jagdkantate" von Bach - von ihr einige gute Aufzeichnungen vor: eine Solo-Kantate von Buxtehude (Can 658 214), die Markus-Passion (Col SMC 95 041) und das Oster-Oratorium von Bach (Phi 802 731 LY) und nicht zuletzt die CBS-Serie „Die Reisen des jungen Mozart", in der sie auf drei Platten Konzertarien der Frühzeit zu interpretieren hat (S 71 010/12). Als vorläufige Krönung darf wohl ihre Wiedergabe in Bachs Magnificat (Can 651 222) gelten, die im Stilgefühl wie im Durchtönen des persönlichen Timbres unübertrefflich ist. Dasselbe Opus will Electrola in England nochmals mit ihr einspielen (Mai/Juni 1968, unter Barenboim). Wagners „Rheingold" in der Karajan-Serie wurde schon im Dezember aufgezeichnet; das Mozart-Requiem, von Colin Davis geleitet, steht unmittelbar vor der Veröffentlichung. Bei den Mendelssohn-Neuproduktionen der Firma Philips wird Frau Donath bestimmt im „Elias" (Aufnahme im Juni) und im „Lobgesang" mitwirken (beide Mal dirigiert Sawallisch). Wichtigere Lied- und Opernplatten, die man bisher vermissen musste, sind immerhin geplant.
Vielleicht das auffälligste Merkmal des Musizierens von Helen Donath ist eine unauffällige, aber durchaus nicht unentschiedene Prägung, die sie ihren Partien gibt. Ihr schöner lyrischer Sopran besitzt, wie er sich bis heute entwickelt hat, vielerlei Möglichkeiten; er ist sowohl der leichteren Koloratur als auch größerer dramatischer Aufschwünge fähig. Hervorstechend sind schon jetzt die Kraft der Beseelung – mag sie nun Bach, Mozart oder Puccinis Mimi zugutekommen — und die leidenschaftliche innere Beteiligung, ohne die sie nicht zu musizieren vermag. Jeder, der ihr begegnet, wird sofort die Herzlichkeit der Atmosphäre spüren, die sie schützend umgibt und die zu ihr ebenso gehört wie die Ursprünglichkeit ihres Naturells: Sie zählt zu den seltenen Menschen, die imstande sind, von sich aus Glück auszustrahlen.
Auf den ersten Blick war's eine Disko-Liebe: Vor zwei Jahren veröffentlichte Bärenreiter Bachs Jagdkantate unter Helmuth Rillings Leitung; die Partie der Diana sang Helen Donath, die stimmlich überlegen disponierte und trotz sprühendem Temperament den Forderungen des Bach-Stils gerecht wurde. Abgesehen von der undoktrinären Auffassung des Dirigenten geht hier von der jungen Sopranistin die stärkste Wirkung aus.
Auf den zweiten Blick war's eine Konzert-Liebe: Bei den Berliner Festwochen 1966 musizierte Helen Donath mit Reinhard Peters und den Philharmonikern Arie und Schlussworte der Eleonore aus Ernst Kreneks Bühnenwerk „Karl V.". Von den eminenten stimmlichen Schwierigkeiten war ihrer Darstellung nichts anzumerken, Gesang war ganz Ausdruck, ganz Innerlichkeit geworden — eine bewundernswerte Leistung, die zu einem vokalen Gipfelpunkt des Festivals emporwuchs.
Auf den dritten Blick war's eine Opern-Liebe: zur Pamina der Salzburger Festspiele 1967. Da war wirklich einmal alles vorhanden, was diese Bühnengestalt, die Helen Donath anderwärts schon häufig — sogar bei illustren Gelegenheiten wie auf dem Deutschen Mozart-Fest zu Hannover oder beim Dresdner Theaterjubiläum 1967 — gesungen hatte, glaubhaft und zudem unverwechselbar macht: die Jugend, die Fähigkeit zum Frohsinn (mit Papageno), der Weg ins Leiden (g-moll-Arie) und endlich die Sicherheit des Glücks mit Tamino.
Als wir uns Ende 1967 in Salzburg zu einem Gespräch verabredeten, hatte ihre Stimme am Telefon 'einen etwas österreichischen Beiklang, als sei sie seit langem im Salzkammergut heimisch; und das Dirndlkleid, das ihr geradezu prachtvoll stand, verstärkte diesen Eindruck bei der Begegnung. Niemand könnte Helen Donath heute noch anmerken, dass sie Amerikanerin ist und aus der texanischen Stadt Corpus Christi stammt. Kaum eine der vielen in Europa engagierten USA-Sängerinnen hat sich so sehr in die deutsche Mentalität eingefühlt wie sie. Dies liegt nicht allein in ihrer speziellen Sprachenbegabung begründet, die sie neben Englisch und Deutsch auch Arabisch, Spanisch, Italienisch und ein wenig Schwedisch lernen ließ. Als sie vor knapp sieben Jahren nach Deutschland kam, betrachtete sie dieses Land von Anfang an als so etwas wie ihre Wahlheimat. Das hinderte sie nicht, sich nach wie vor mit ihren Angehörigen drüben in Texas, die mütterlicherseits syrischer Herkunft sind, eng verbunden zu fühlen. Von Mutter und Großmutter scheint sie überhaupt mancherlei ererbt zu haben: nicht nur die äußere Ähnlichkeit, sondern obendrein das reizvoll originelle, völlig uneitle Wesen und die tiefe Musikalität. Während die Mutter eine dunklere Stimme besitzt, singt die Großmutter mit ihren 68 Jahren noch heute sehr gut Koloraturen und beherrscht noch immer die gesamte, recht zahlreich zusammenwohnende Familie.
Dies alles muss man wissen, um Helen Donath zu begreifen, die von Kindheit an nichts anderes gewollt hat, als ihr Singtalent zum Lebensberuf werden zu lassen. „Fast schon als Säugling war ich Sängerin", meint sie; und schon mit der zweijährigen Helen machte die Familie kleine Hausschallplatten mit Liedern in englischer, spanischer und syrischer Sprache. Als „Erwachsene" sang die Zehnjährige im Kirchenchor mit und bekam alle anfallenden Soli. Im Alter von vierzehn Jahren begann sie ihr eigentliches Gesangsstudium am Del Mar College, an dem Carl Duckwall ihr erster Lehrer wurde.
Nach dem Abitur und einem anschließenden zweijährigen Musikstudium an der Universität verließ sie, gerade zwanzig Jahre alt geworden, 1960 ihre Vaterstadt und ging nach New York, um dort Geld für ihr weiteres Studium zu verdienen. Es gab gefährliche, durch falschen Unterricht bewirkte stimmliche Rückschläge. Ihr Sopran entwickelte sich dennoch ziemlich schnell, und schon nach kurzer Zeit riskierte sie einen kurzen Europa-Trip, der immerhin zu einem Engagement am Kölner Opernhaus führte. Die anderthalb Spielzeiten in Köln brachten ihr einige wichtige Fundamente ein, auf denen sie dann in Hannover, wo sie ab Herbst 1963 sang, weiter aufbauen konnte. Im Opernstudio bekam sie es damals schon mit der Brangäne aus Frank Martins Zaubertrank und mit Blachers Julia zu tun — und auf der großen Bühne zudem mit Prokofieffs Smeraldina aus der „Liebe zu den drei Orangen", mit Rimsky-Korssakows Schwanenprinzessin aus dem „Zaren Saltan" und insbesondere mit Wagners Wellgunde in der „Ring"-Erneuerung durch Wieland Wagner und Wolfgang Sawallisch. Durch diese Rolle kam sie zu den Proben für die Bayreuther Festspiele 1962, und dort begegnete ihr George London, der die junge Debütantin seiner Lehrerin Paola Novikowa empfahl. Für Helen Donath war dieser Unterricht, der sich bis zum kürzlichen Tode von Frau Novikowa fortsetzte, einer der ausgesprochenen Glücksfälle ihrer künstlerischen Existenz.
Für die junge Sopranistin konnte es gar kein besseres Sprungbrett geben als eben das Landestheater Hannover mit der Mannigfaltigkeit seines Spielplans und seinem bemerkenswert guten Arbeitsklima; ein so kontaktfreudiger und lernbegieriger Mensch wie sie musste sich unter den dortigen Bühnenkollegen wohlfühlen. In einem Vierjahresvertrag hat sie alle ihre Chancen hervorragend zu nutzen verstanden. Außer ihren Lieblingspartien der Pamina, Micaela, Mimi und der Sophie aus dem „Rosenkavalier" hat sie in dieser Zeit auch Rollen wie die Liu, das Ännchen, Marzelline (Fidelio), Marie (Verkaufte Braut) und Rossinis Fulvia (Liebesprobe) gespielt. Mit Händel machte sie bei einem konzertant dargebotenen „Tamerlano" Bekanntschaft, und in der Herrenhäuser Aufführung von Glucks letztem Bühnenwerk „Echo und Narciss" sang sie den ausführlichen Prolog des Amor. Sie ist auch die erste Luise in der hannoverschen Premiere von Henzes „Jungem Lord" gewesen. Ausdrucksmäßig entscheidender jedoch sind, was das Opernschaffen unseres Jahrhunderts angeht, für sie zwei andere Rollen geworden: die Julietta in Martinus gleichnamigem, ins seltsam Irreale weisendem Werk sowie die Jeanne in Werner Egks „Verlobung in San Domingo", die ihr zu entsprechen scheint und in der sie im Vormonat auch auf dem Bildschirm zu, sehen war.
Doch das Operntheater allein, so sehr es sie beanspruchte, konnte ihrem musikalischen Bildungsdrang auf die Dauer nicht genügen; sie ging gleichzeitig entschlossen daran, die Standard-Vokalwerke des heutigen Konzertrepertoires gründlich zu studieren. Neben Mozart trat von nun an als zweiter erklärter Lieblingskomponist Bach. Von ihm hat sie, abgesehen von einzelnen Kantaten, inzwischen die Sopranpartien sämtlicher größerer Werke erprobt: die beiden Passionen, die h-moll-Messe, das Weihnachtsoratorium, das Magnificat und die wiederhergestellte Markuspassion. Die Hanne in Haydns „Jahreszeiten" bewältigt sie ebenso souverän wie die Sopranpartien in Mozarts „Requiem", seiner c-moll-Messe und in der Krönungsmesse, bei deren römischer Sonderdarbietung vor dem Papst im Mai 1967 sie mitgewirkt hat. Auch in Aufführungen der Missa solemnis und der Neunten von Beethoven, des Brahms-Requiems und weiterer Chorwerke bis hin zu Honeggers „König David" (dessen Part sie innerhalb von zwei Tagen lernte) und zu Brittens „War Requiem" stand sie schon auf dem Podium.
Die Freunde ihres Singens werden es zu schätzen wissen, dass Helen Donath sich gerade in diesen Wochen dem Publikum erstmalig — nach langer und reiflicher Überlegung — mit eigenen Liederabenden stellen möchte; dies übrigens in künstlerischer Gemeinschaft mit ihrem Mann, der sie am Flügel begleiten wird. Hier ist vielleicht der rechte Ort, einige Worte über Klaus Donath zu sagen, mit dem sie seit zweieinhalb Jahren verheiratet ist: Er ist von Geburt Hannoveraner, Musiker, war in seiner Vaterstadt bereits seit längerer Zeit als Theater-Dirigent tätig und ist kürzlich zum ersten Kapellmeister am Landestheater Darmstadt avanciert.
Für Helen Donath läuft der Vertrag mit Hannover ebenfalls aus; seit Herbst 1967 zählt sie bereits zu den Mitgliedern der Bayerischen Staatsoper, mit der zunächst auf drei Jahre abgeschlossen wurde. Ihren Einstand am Nationaltheater hatte sie mit der winzigen Rolle des Amor in der Neuinszenierung von Glucks „Orpheus", in der sie danach die Eurydike übernehmen wird. Hoffentlich werden auch die Münchener bald erkennen, was sie an dieser jungen Kraft haben, die im März bei Rennert Mozarts Susanna ist. Ihre Pläne für die laufende Saison sind hauptsächlich im Konzertbereich interessant: Neben den Liederabenden singt sie das Sopransolo im Brahms-Requiem sowohl in Rom unter Sawallisch als auch zu Ostern in Salzburg unter Karajan, wo sie zudem in der „Rheingold"-Inszenierung als Woglinde auftritt. In Hannover will sie zum ersten Mal die Antonia aus „Hoffmanns Erzählungen" darstellen. Zwei lockende neue Aufgaben hat sie für den Rundfunk übernommen: Im WDR wird sie in der ersten Gesamtaufnahme von Haydns „Armida-Oper die Rolle der Zelmira, bei der BBC im Mai unter Colin Davis die noch weit schönere Partie der llia in Mozarts „Idomeneo" singen. Im selben Monat ist sie auf dem Festival zu Brighton in Bachs Magnificat zu hören, das Daniel Barenboim leitet. Im Juli und August wird sie bei den Münchener Festspielen mitwirken und in Salzburg wiederum die Pamina sein; mit dieser Rolle soll sie dann im September ein Gastspiel in Buenos Aires absolvieren. Auf dem Gebiet der Schallplatte sind bei Helen Donath die Wege noch ziemlich offen; einer bestimmten Firma hat sie sich bislang nicht exklusiv verpflichtet. Aber es liegen — außer der schon erwähnten „Jagdkantate" von Bach - von ihr einige gute Aufzeichnungen vor: eine Solo-Kantate von Buxtehude (Can 658 214), die Markus-Passion (Col SMC 95 041) und das Oster-Oratorium von Bach (Phi 802 731 LY) und nicht zuletzt die CBS-Serie „Die Reisen des jungen Mozart", in der sie auf drei Platten Konzertarien der Frühzeit zu interpretieren hat (S 71 010/12). Als vorläufige Krönung darf wohl ihre Wiedergabe in Bachs Magnificat (Can 651 222) gelten, die im Stilgefühl wie im Durchtönen des persönlichen Timbres unübertrefflich ist. Dasselbe Opus will Electrola in England nochmals mit ihr einspielen (Mai/Juni 1968, unter Barenboim). Wagners „Rheingold" in der Karajan-Serie wurde schon im Dezember aufgezeichnet; das Mozart-Requiem, von Colin Davis geleitet, steht unmittelbar vor der Veröffentlichung. Bei den Mendelssohn-Neuproduktionen der Firma Philips wird Frau Donath bestimmt im „Elias" (Aufnahme im Juni) und im „Lobgesang" mitwirken (beide Mal dirigiert Sawallisch). Wichtigere Lied- und Opernplatten, die man bisher vermissen musste, sind immerhin geplant.
Vielleicht das auffälligste Merkmal des Musizierens von Helen Donath ist eine unauffällige, aber durchaus nicht unentschiedene Prägung, die sie ihren Partien gibt. Ihr schöner lyrischer Sopran besitzt, wie er sich bis heute entwickelt hat, vielerlei Möglichkeiten; er ist sowohl der leichteren Koloratur als auch größerer dramatischer Aufschwünge fähig. Hervorstechend sind schon jetzt die Kraft der Beseelung – mag sie nun Bach, Mozart oder Puccinis Mimi zugutekommen — und die leidenschaftliche innere Beteiligung, ohne die sie nicht zu musizieren vermag. Jeder, der ihr begegnet, wird sofort die Herzlichkeit der Atmosphäre spüren, die sie schützend umgibt und die zu ihr ebenso gehört wie die Ursprünglichkeit ihres Naturells: Sie zählt zu den seltenen Menschen, die imstande sind, von sich aus Glück auszustrahlen.



