Alfred Piccaver
Alex Natan berichtet über den berühmten Tenor der Zwischenkiregzeit

Am 27. September 1958 bewegte sich ein langer Trauerzug durch die Straßen Wiens. Vor der Staatsoper machte er Halt, und ein Sarg wurde zu den Klängen des Trauermarsches aus der Eroica auf einen lorbeergeschmückten Katafalk gesetzt. Das ganze offizielle Österreich nahm an der Trauerfeier teil, während eine gewaltige Menge von Trauergästen den Platz vor der Oper füllte. Keinem berühmten Staatsmann wurden die letzten Ehren erwiesen. Sie galten einem Sänger: Alfred Piccaver, dem langjährigen Idol der Wiener Oper, einem der letzten singenden Zeugen der Zeit der goldenen Stimmen.
In Wien gilt ein großer Sänger immer mehr als der Protagonist der politischen Arena. Er gehört allerdings erst dann zu den populärsten Wienern, wenn man ihn ehrenhalber nur mit einer Kurzform seines Namens nennt. Der gebürtige Engländer, der diese Staatsangehörigkeit bis zu seinem Lebensende beibehielt, war stolz, „der" Piccaver oder kurz „Picci" genannt zu werden. Dabei hatte der „feindliche Ausländer" im Ersten Weltkrieg zweimal versucht, das neutrale Ausland zu erreichen, wurde aber an der Grenze festgehalten und zur Aufgabe seiner Pläne gezwungen. Der Wiener Polizeipräsident, der Piccaver für die Dauer des Krieges internieren sollte, ließ sich von ihm das Ehrenwort geben, keine weiteren Fluchtversuche mehr zu unternehmen. Es spricht für die grenzenlose Popularität des Sängers, dass er den ganzen Krieg über ungehindert an der Hofoper auftreten konnte. Mitten im Kriege ernannte ihn Kaiser Franz Joseph zu seinem letzten Kammersänger, und Hans Gregor übersandte ihm das Dekret „mit devotester Gratulation" am 11. Februar 1917. Am 23. September 1918 wurde der feindliche Brite vom „Festkomitee für das Allerhöchste Namensfest Sr. Majestät Kaiser Karl I." eingeladen, in einem Festkonzert vor den österreichisch-ungarischen Majestäten aufzutreten. (Ich bin Mrs. Ria Piccaver, der charmanten Witwe, überaus dankbar, mir Einblick in diese und in eine Reihe anderer, unveröffentlichter Dokumente gewährt zu haben.) Piccavers glänzendes Aussehen hatte ihn während der letzten Dekade des sterbenden walzerseligen Wien zu einem anerkannten „Beau" der Gesellschaft gemacht.
Die Karriere dieses bedeutenden lyrischen Tenors begann abenteuerlich genug. Er war am 24. Februar 1884 als Sohn des englischen Chemikers Frederic Peckover in dem kleinen Provinzstädtchen Long Sutton in Uincolnshire geboren. Später rückübersetzte der Sänger seinen Namen in „Piccaver", da seine spanischen Vorfahren den Namen „Piccaverdi" trugen. In jungen Jahren begleitete er die Familie nach Amerika, wo er auch seine Schulbildung erhielt. Der Vater ließ sich in Albany nieder, um dort eine Brauerei zu begründen. Nach Schulabschluss ging Piccaver nach New York, um dort Elektrotechnik zu studieren, aber auch seine Stimme zu pflegen, die bereits im Schul- und Kirchenchor aufgefallen war, obwohl der Junge selbst sich stets weigerte, Tenorpartien zu singen, weil er an seine Baritonstimme glaubte. In New York wurde er ein Freund des Sohnes von Heinrich Conried, damals Manager der Metropolitan Opera, der ihn zum ersten Mal in die Oper nahm. Es war anlässlich der ersten Aufführung von „Parsifal", und der spätere große Tenor verschlief den größeren Teil der Aufführung. Er lehnte alle weiteren Einladungen in die Oper ab, bis ihn der Freund zu einem Besuch eines Gastspiels Carusos fast zwingen musste.
Es war der entscheidende Wendepunkt. Nun folgte ein Opernbesuch nach dem anderen. Der junge Mann rang mit sich. Eines Tages nahm ihn sein Vater nach New Jersey zu Thomas Edison mit, der dort eine seiner Fabriken besaß. Piccaver, der sich stets eine große Vorliebe für alles Technische bewahrte, sollte dort angestellt werden. Edison liebte es, seine jungen Ingenieure nach Europa zu senden, um ihnen ein Spezialtraining zu verschaffen, bevor er sie fest anstellte. So wurde Piccaver bestimmt, nach Wien zu gehen und dort an der Technischen Hochschule zu studieren. Eine musikalische Fee hatte in sein Leben eingegriffen. Da der 24jährige junge Mann 1908 vor Semestereröffnung in Österreich eintraf, fuhr er stracks nach Ischl, wo der ausnehmend hübsche Adonis aus USA sofort Anschluss an die dortige Gesellschaft fand, zumal er sie so reizend mit seiner Stimme zu unterhalten vermochte. Dort hörte ihn Angelo Neumann, damals Direktor des Prager Stadttheaters. Er ließ sich vorsingen und machte ihm den Vorschlag, ihn als Eleven nach Prag zu begleiten. Piccaver lehnte aus Angst vor der väterlichen Strafe ab. Neumann überredete ihn jedoch, den Fenton in Nicolais „Lustigen Weibern" zu studieren, die bereits für Anfang September 1908 angesetzt waren, während das Semester erst gegen Ende des Monats einsetzte. Ohne jemals richtigen Gesangsunterricht gehabt zu haben, debütierte Piccaver mit Hilfe eines Korrepetitors in Prag mit einem solchen Erfolg, dass er beschloss, Opernsänger zu werden. Darüber kam es zu einem Bruch mit dem Vater, der ihm den Berufswechsel niemals verzieh und dem Sohn in seinem Testament nur den vom amerikanischen Gesetz vorgeschriebenen einzigen Pflicht-Dollar hinterließ. Sein Prager Studentenvertrag erlaubte ihm, ein Jahr nach Mailand zu gehen, wo er seine Stimme von Maestro Rosario schulen ließ. Piccaver blieb fast fünf Jahre lang in Prag, wo er die beliebtesten Partien des lyrischen Tenors erlernte, ohne jedoch die deutsche Sprache jemals fließend zu beherrschen. In Wien nannte man seinen „Dialekt" schlicht „vola-piccaverisch". Mit „Du" und „Sie" stand er dauernd auf dem Kriegsfuß. Noch in späteren Jahren schrie er seinen Buben Peter im Garten von St. Gilgen an: „Ich hab Ihnen doch gesagt, Sie sollen nicht zu die Brennesseln gehen!"
Angelo Neumann vermittelte auch Piccavers nächsten Schritt zur Berühmtheit. Im Mai 1910 gastierte eine italienische Stagione in Prag, zu der der berühmte Bariton Battistini und die spätere Lehrerin der Maria Callas, Elvira del Hidalgo, gehörten. Battistini hörte Piccaver als Herzog von Mantua und als Riccardo und verpflichtete ihn für sein Gastspiel in Wien im Juni 1910, wenige Wochen nach dem dortigen Auftreten Carusos. Piccavers Debüt in Wien wurde zu einem rauschenden Erfolg, und 1912 wurde er als lyrischer Tenor an die Wiener Hofoper verpflichtet. Schwierige Kritiker wie Korngold, Kralik und Karpath begrüßten die Verpflichtung als eine Bereicherung des reichen Wiener Ensembles durch einen jungen Sänger, dessen ungewöhnliche stimmliche Qualitäten sogar in Wien Aufsehen erregten. Sehr schnell wurde „Picci" zum erklärten Liebling des Wiener Opernpublikums.
Piccaver sang den Johnson in der europäischen Uraufführung des „Mädchens aus dem goldenen Westen" und den Luigi in der des „Tabarro". Nach dem Tode Carusos hielt Puccini Piccaver für den besten Repräsentanten seiner Tenorrollen. So schrieb er ihm einmal handschriftlich: „Mille ringraziamenti per la sua bella ed efficace interpretazione di Des Grieux. Le sono veramente e vivamente grato per la sua cooperazione al successo di Manon Lescaut! Tanto cordiali e saluti di Giacomo Puccini." Wenn Piccaver in Wien sang, waren Parkett und Galerien überfüllt. Piccaver beherrschte das ganze lyrische Fach, wie Massenets und Puccinis Des Grieux, Massenets Werther, Giordanos Andre Chenier, Verdis Herzog und Alfredo, Puccinis Rodolfo und Linkerton. Er sang aber auch hervorragend den Florestan, den Tamino, Belmonte und Hoffmann und versuchte sich mit dem gleichen Erfolg in dem weniger lyrischen Fach des Faust, Turiddu, Bajazzo, Schwanda und Don Jose. „Wie der König in England war der Piccaver in Wien", berichten noch heute die Wiener über den lebensfreudigen und verwöhnten Sänger. Obwohl er zwei Jahre lang Triumphe in London feierte — von 1923 bis 1925 —, luden ihn die Briten doch nicht noch einmal ein, nicht einmal, als er sich nach dem „Anschluss" in London niederließ und in Covent Garden ein großer Mangel an erstklassigen Tenören herrschte. Der Prophet gilt halt nichts im eigenen Vaterland.
Siebenundzwanzig Jahre lang blieb Alfred Piccaver Mitglied der Wiener Oper, wohl der verhätschelteste Liebling, den dieses Institut jemals gehabt hatte. Seine durchaus lyrisch timbrierte, biegsame und glänzende Stimme mit ihrem tragenden Piano, schöner Mezza voce und müheloser, leicht angesetzter Höhe blieb unvergesslich. Freilich war mit dem Sänger nicht leicht umzugehen — er war stets sehr besorgt um die Erhaltung seiner Stimme und immer zur Absage einer Vorstellung bereit, wenn er sich nicht ganz auf der Höhe fühlte. Das Witzwort, Piccaver habe zu Beginn des Jahres bereits seine Indispositionen für die Saison getroffen, kam bei aller boshaften Übertreibung der Situation doch nahe. In späteren Jahren drückte er sich gern vor schweren Rollen oder gar neuen Partien: „Alf, ich glaube, Du trainierst schon wieder auf Heiserkeit", hieß es unter Freunden. Piccavers Antwort lautete dann stets: „Ich will meinem Publikum das Beste bieten, und wenn ich fühle, ich kann es nicht, dann sage ich lieber ab." Vor allen Dingen mochte er die Kritik nicht, die man ja in Wien ernster nimmt, als sie es verdient. Als ihm die Metropolitan Opera nach dem Tode Carusos antrug, dort sein Nachfolger zu werden, lehnte er offiziell mit dem Hinweis ab, noch nicht für diese Nachfolge reif zu sein, bemerkte jedoch zu seiner Gattin: „Ich würde dort nie singen. Weißt Du, dass dort bei jeder Vorstellung Kritiker im Haus sind?"
Alfred Piccaver pflegte seine Fehden mit Maria Jeritza auf offener Bühne auszufechten, so dass Wien oft Skandälchen aufgetischt bekam. Mit der Operndirektion kam es oft zu Zusammenstößen. Als ihm Clemens Krauss einmal sogar die Kündigung seines Vertrags ins Haus senden musste, wurde sie eingerahmt auf einem stillen Örtchen aufgehängt. Und der Herr Generalmusikdirektor Richard Strauss musste sich selbst hinsetzen und schreiben: „Lieber Herr Kammersänger! Ich bin hoch erfreut, dass Ihre künstlerische Einsicht über ein berechtigtes Gefühl von Kränkung gesiegt hat, eine Kränkung, die von Seite der Direktion der Staatsoper zwar verstanden wird, aber ebenso unbeabsichtigt wie unverschuldet war. Ich habe nun leider keine Auszeichnungen zu verleihen, möchte aber doch Sie bitten, als bescheidenes Äquivalent für eine solche beiliegendes Bild zur Erinnerung freundlichst anzunehmen. In aufrichtigster Wertschätzung verehrungsvoll ergebener Richard Strauss." Als Piccaver, der nur ungern Wien verließ und lieber Fußball gegen das Burgtheater spielte, als zu Proben sich einzustellen, seine Teilnahme an den Salzburger Festspielen einmal absagte, schrieb Richard Strauss: „Sie müssen kommen!... Sie sind einer der wirklichen Mozart-Sänger, die es heute gibt... Ich bin blamiert, wenn Sie nicht kommen!"
Zweifelsohne war Piccaver eine starke Persönlichkeit. Wie war es nun um die Stimme bestellt, die selbst heute noch alte Wiener in helles Entzücken zu versetzen mag? Warum sich stets der Vergleich mit Caruso aufdrängen muss, wenn sich ein anderer, berühmter Tenor der kritischen Betrachtung stellt, bleibt deswegen nicht mehr ganz verständlich, als die Zahl der Menschen, die Caruso auf der Bühne gehört haben, stetig geringer wird. Wenn man akustische Aufnahmen beider Sänger heranzieht, dann ist, wie stets bemerkt worden ist, die Ähnlichkeit im Timbre auffallend, aber auch eine gewisse baritonale Färbung. Wer jedoch weiß, dass Piccaver niemals Partien heldischen Charakters versucht hat, wie etwa Othello, Eleazar, Vasco da Gama oder Raoul oder Erik, weiß sofort, wo der Vergleich aufhört. Wo indessen ein Vergleich berechtigt ist, weiß die Stimme Piccavers glänzend den Vergleich zu bestehen. Helge Rosvaenge schreibt in seinen Erinnerungen, dass seine Stimme wie ein Goldregen gewesen ist, der sachte auf das Publikum herniederrieselte. Es ist eben die unvorstellbare Weichheit der Tonbildung und Tonproduktion, die noch heute bestechend ist. Sein Legato in manchen Passagen Puccinis übertraf in ihrer ausgesponnenen Gesangslinie die gleiche Tonführung Carusos. Piccavers Stimme, die einmal mit einem teuren Nerzmantel verglichen wurde, in den sich der Hörer einwickeln könne, besaß in der Höhe ein unvergesslich strahlendes Vibrato und in allen anderen Lagen die Ruhe eines Wohlklangs, der ausgesprochen individueller Natur war. Sein eleganter Stil machte wett, was der Stimme an Volumen fehlte, an dem ihn Caruso erheblich übertraf. Die Traumerzählung aus „Manon", so wie sie Piccaver vorgetragen hatte, ist auch heute noch unübertrefflich" „Die vertraulichen Geheimnisse, die Des Grieux seiner Manon zuflüsterte, schwebten wie vom Zephyr getragener Hauch auf seiner goldenen Mezza-voce-Stimme." War Piccaver bei Stimme, dann war sein „Addio fiorito asil" aus „Madame Butterfly" eine der großen vokalen Sensationen, die über ein Vierteljahrhundert die Wiener Oper gefangen hielt. Ein Plattenvergleich mit Caruso fällt hier gleichfalls zugunsten des Wieners aus. Er forcierte nicht diesen „Abschied", sondern ließ die Töne aus den schmerzlichen Worten aufsteigen, wie Piccaver es überhaupt ausgezeichnet verstand, instinktiv herzergreifende Zärtlichkeit oder tiefen Schmerz mit seiner Stimme verschmelzen zu lassen.
Ich vermag Piccavers Schauspielkunst nicht zu beurteilen, da ich ihn nur einmal als Cavaradossi gehört habe — und jene Aufführung war zudem die einzige Aufführung, in der ich jemals Maria Jeritza hören durfte, die natürlich den gesamten Rampenzauber stahl. Indessen heißt es, dass Piccaver als Schauspieler recht zurückhaltend gewesen wäre und es vorgezogen hätte, aus einer ruhenden Position zu singen. Vor allen Dingen soll er eben immer Piccaver geblieben sein, der guterzogene Sohn aus bürgerlichem Hause, der sich nur selten durch Temperamentsausbrüche hinreißen ließ, Vorstellungen zu geben, die zu den seltenen „Picci-Nächten" Wiens gehört haben.
Als Alfred Piccaver nach Wien zurückkehrte, um als Ehrengast der Eröffnung der neuen Staatsoper beizuwohnen, bereiteten ihm seine Anhänger reiche Ovationen. Er blieb in seiner Wahlheimat bis zu seinem Tode. Piccaver. dessen Deklamation zuweilen unter Undeutlichkeiten litt, der Englisch und Deutsch mit einem amerikanischen Akzent sprach, wirkte dort als Gesangslehrer: „Your voice will never carry if you keep your Mund tight zu ..." Seine eigene herrliche Stimme wird noch lange nachklingen, wie jene erwähnte sehnsüchtige Erinnerung an ein verlorenes Blütenparadies, das ihm mit seinem geliebten, versunkenen Wien identisch geworden war.
Am 27. September 1958 bewegte sich ein langer Trauerzug durch die Straßen Wiens. Vor der Staatsoper machte er Halt, und ein Sarg wurde zu den Klängen des Trauermarsches aus der Eroica auf einen lorbeergeschmückten Katafalk gesetzt. Das ganze offizielle Österreich nahm an der Trauerfeier teil, während eine gewaltige Menge von Trauergästen den Platz vor der Oper füllte. Keinem berühmten Staatsmann wurden die letzten Ehren erwiesen. Sie galten einem Sänger: Alfred Piccaver, dem langjährigen Idol der Wiener Oper, einem der letzten singenden Zeugen der Zeit der goldenen Stimmen.
In Wien gilt ein großer Sänger immer mehr als der Protagonist der politischen Arena. Er gehört allerdings erst dann zu den populärsten Wienern, wenn man ihn ehrenhalber nur mit einer Kurzform seines Namens nennt. Der gebürtige Engländer, der diese Staatsangehörigkeit bis zu seinem Lebensende beibehielt, war stolz, „der" Piccaver oder kurz „Picci" genannt zu werden. Dabei hatte der „feindliche Ausländer" im Ersten Weltkrieg zweimal versucht, das neutrale Ausland zu erreichen, wurde aber an der Grenze festgehalten und zur Aufgabe seiner Pläne gezwungen. Der Wiener Polizeipräsident, der Piccaver für die Dauer des Krieges internieren sollte, ließ sich von ihm das Ehrenwort geben, keine weiteren Fluchtversuche mehr zu unternehmen. Es spricht für die grenzenlose Popularität des Sängers, dass er den ganzen Krieg über ungehindert an der Hofoper auftreten konnte. Mitten im Kriege ernannte ihn Kaiser Franz Joseph zu seinem letzten Kammersänger, und Hans Gregor übersandte ihm das Dekret „mit devotester Gratulation" am 11. Februar 1917. Am 23. September 1918 wurde der feindliche Brite vom „Festkomitee für das Allerhöchste Namensfest Sr. Majestät Kaiser Karl I." eingeladen, in einem Festkonzert vor den österreichisch-ungarischen Majestäten aufzutreten. (Ich bin Mrs. Ria Piccaver, der charmanten Witwe, überaus dankbar, mir Einblick in diese und in eine Reihe anderer, unveröffentlichter Dokumente gewährt zu haben.) Piccavers glänzendes Aussehen hatte ihn während der letzten Dekade des sterbenden walzerseligen Wien zu einem anerkannten „Beau" der Gesellschaft gemacht.
Die Karriere dieses bedeutenden lyrischen Tenors begann abenteuerlich genug. Er war am 24. Februar 1884 als Sohn des englischen Chemikers Frederic Peckover in dem kleinen Provinzstädtchen Long Sutton in Uincolnshire geboren. Später rückübersetzte der Sänger seinen Namen in „Piccaver", da seine spanischen Vorfahren den Namen „Piccaverdi" trugen. In jungen Jahren begleitete er die Familie nach Amerika, wo er auch seine Schulbildung erhielt. Der Vater ließ sich in Albany nieder, um dort eine Brauerei zu begründen. Nach Schulabschluss ging Piccaver nach New York, um dort Elektrotechnik zu studieren, aber auch seine Stimme zu pflegen, die bereits im Schul- und Kirchenchor aufgefallen war, obwohl der Junge selbst sich stets weigerte, Tenorpartien zu singen, weil er an seine Baritonstimme glaubte. In New York wurde er ein Freund des Sohnes von Heinrich Conried, damals Manager der Metropolitan Opera, der ihn zum ersten Mal in die Oper nahm. Es war anlässlich der ersten Aufführung von „Parsifal", und der spätere große Tenor verschlief den größeren Teil der Aufführung. Er lehnte alle weiteren Einladungen in die Oper ab, bis ihn der Freund zu einem Besuch eines Gastspiels Carusos fast zwingen musste.
Es war der entscheidende Wendepunkt. Nun folgte ein Opernbesuch nach dem anderen. Der junge Mann rang mit sich. Eines Tages nahm ihn sein Vater nach New Jersey zu Thomas Edison mit, der dort eine seiner Fabriken besaß. Piccaver, der sich stets eine große Vorliebe für alles Technische bewahrte, sollte dort angestellt werden. Edison liebte es, seine jungen Ingenieure nach Europa zu senden, um ihnen ein Spezialtraining zu verschaffen, bevor er sie fest anstellte. So wurde Piccaver bestimmt, nach Wien zu gehen und dort an der Technischen Hochschule zu studieren. Eine musikalische Fee hatte in sein Leben eingegriffen. Da der 24jährige junge Mann 1908 vor Semestereröffnung in Österreich eintraf, fuhr er stracks nach Ischl, wo der ausnehmend hübsche Adonis aus USA sofort Anschluss an die dortige Gesellschaft fand, zumal er sie so reizend mit seiner Stimme zu unterhalten vermochte. Dort hörte ihn Angelo Neumann, damals Direktor des Prager Stadttheaters. Er ließ sich vorsingen und machte ihm den Vorschlag, ihn als Eleven nach Prag zu begleiten. Piccaver lehnte aus Angst vor der väterlichen Strafe ab. Neumann überredete ihn jedoch, den Fenton in Nicolais „Lustigen Weibern" zu studieren, die bereits für Anfang September 1908 angesetzt waren, während das Semester erst gegen Ende des Monats einsetzte. Ohne jemals richtigen Gesangsunterricht gehabt zu haben, debütierte Piccaver mit Hilfe eines Korrepetitors in Prag mit einem solchen Erfolg, dass er beschloss, Opernsänger zu werden. Darüber kam es zu einem Bruch mit dem Vater, der ihm den Berufswechsel niemals verzieh und dem Sohn in seinem Testament nur den vom amerikanischen Gesetz vorgeschriebenen einzigen Pflicht-Dollar hinterließ. Sein Prager Studentenvertrag erlaubte ihm, ein Jahr nach Mailand zu gehen, wo er seine Stimme von Maestro Rosario schulen ließ. Piccaver blieb fast fünf Jahre lang in Prag, wo er die beliebtesten Partien des lyrischen Tenors erlernte, ohne jedoch die deutsche Sprache jemals fließend zu beherrschen. In Wien nannte man seinen „Dialekt" schlicht „vola-piccaverisch". Mit „Du" und „Sie" stand er dauernd auf dem Kriegsfuß. Noch in späteren Jahren schrie er seinen Buben Peter im Garten von St. Gilgen an: „Ich hab Ihnen doch gesagt, Sie sollen nicht zu die Brennesseln gehen!"
Angelo Neumann vermittelte auch Piccavers nächsten Schritt zur Berühmtheit. Im Mai 1910 gastierte eine italienische Stagione in Prag, zu der der berühmte Bariton Battistini und die spätere Lehrerin der Maria Callas, Elvira del Hidalgo, gehörten. Battistini hörte Piccaver als Herzog von Mantua und als Riccardo und verpflichtete ihn für sein Gastspiel in Wien im Juni 1910, wenige Wochen nach dem dortigen Auftreten Carusos. Piccavers Debüt in Wien wurde zu einem rauschenden Erfolg, und 1912 wurde er als lyrischer Tenor an die Wiener Hofoper verpflichtet. Schwierige Kritiker wie Korngold, Kralik und Karpath begrüßten die Verpflichtung als eine Bereicherung des reichen Wiener Ensembles durch einen jungen Sänger, dessen ungewöhnliche stimmliche Qualitäten sogar in Wien Aufsehen erregten. Sehr schnell wurde „Picci" zum erklärten Liebling des Wiener Opernpublikums.
Piccaver sang den Johnson in der europäischen Uraufführung des „Mädchens aus dem goldenen Westen" und den Luigi in der des „Tabarro". Nach dem Tode Carusos hielt Puccini Piccaver für den besten Repräsentanten seiner Tenorrollen. So schrieb er ihm einmal handschriftlich: „Mille ringraziamenti per la sua bella ed efficace interpretazione di Des Grieux. Le sono veramente e vivamente grato per la sua cooperazione al successo di Manon Lescaut! Tanto cordiali e saluti di Giacomo Puccini." Wenn Piccaver in Wien sang, waren Parkett und Galerien überfüllt. Piccaver beherrschte das ganze lyrische Fach, wie Massenets und Puccinis Des Grieux, Massenets Werther, Giordanos Andre Chenier, Verdis Herzog und Alfredo, Puccinis Rodolfo und Linkerton. Er sang aber auch hervorragend den Florestan, den Tamino, Belmonte und Hoffmann und versuchte sich mit dem gleichen Erfolg in dem weniger lyrischen Fach des Faust, Turiddu, Bajazzo, Schwanda und Don Jose. „Wie der König in England war der Piccaver in Wien", berichten noch heute die Wiener über den lebensfreudigen und verwöhnten Sänger. Obwohl er zwei Jahre lang Triumphe in London feierte — von 1923 bis 1925 —, luden ihn die Briten doch nicht noch einmal ein, nicht einmal, als er sich nach dem „Anschluss" in London niederließ und in Covent Garden ein großer Mangel an erstklassigen Tenören herrschte. Der Prophet gilt halt nichts im eigenen Vaterland.
Siebenundzwanzig Jahre lang blieb Alfred Piccaver Mitglied der Wiener Oper, wohl der verhätschelteste Liebling, den dieses Institut jemals gehabt hatte. Seine durchaus lyrisch timbrierte, biegsame und glänzende Stimme mit ihrem tragenden Piano, schöner Mezza voce und müheloser, leicht angesetzter Höhe blieb unvergesslich. Freilich war mit dem Sänger nicht leicht umzugehen — er war stets sehr besorgt um die Erhaltung seiner Stimme und immer zur Absage einer Vorstellung bereit, wenn er sich nicht ganz auf der Höhe fühlte. Das Witzwort, Piccaver habe zu Beginn des Jahres bereits seine Indispositionen für die Saison getroffen, kam bei aller boshaften Übertreibung der Situation doch nahe. In späteren Jahren drückte er sich gern vor schweren Rollen oder gar neuen Partien: „Alf, ich glaube, Du trainierst schon wieder auf Heiserkeit", hieß es unter Freunden. Piccavers Antwort lautete dann stets: „Ich will meinem Publikum das Beste bieten, und wenn ich fühle, ich kann es nicht, dann sage ich lieber ab." Vor allen Dingen mochte er die Kritik nicht, die man ja in Wien ernster nimmt, als sie es verdient. Als ihm die Metropolitan Opera nach dem Tode Carusos antrug, dort sein Nachfolger zu werden, lehnte er offiziell mit dem Hinweis ab, noch nicht für diese Nachfolge reif zu sein, bemerkte jedoch zu seiner Gattin: „Ich würde dort nie singen. Weißt Du, dass dort bei jeder Vorstellung Kritiker im Haus sind?"
Alfred Piccaver pflegte seine Fehden mit Maria Jeritza auf offener Bühne auszufechten, so dass Wien oft Skandälchen aufgetischt bekam. Mit der Operndirektion kam es oft zu Zusammenstößen. Als ihm Clemens Krauss einmal sogar die Kündigung seines Vertrags ins Haus senden musste, wurde sie eingerahmt auf einem stillen Örtchen aufgehängt. Und der Herr Generalmusikdirektor Richard Strauss musste sich selbst hinsetzen und schreiben: „Lieber Herr Kammersänger! Ich bin hoch erfreut, dass Ihre künstlerische Einsicht über ein berechtigtes Gefühl von Kränkung gesiegt hat, eine Kränkung, die von Seite der Direktion der Staatsoper zwar verstanden wird, aber ebenso unbeabsichtigt wie unverschuldet war. Ich habe nun leider keine Auszeichnungen zu verleihen, möchte aber doch Sie bitten, als bescheidenes Äquivalent für eine solche beiliegendes Bild zur Erinnerung freundlichst anzunehmen. In aufrichtigster Wertschätzung verehrungsvoll ergebener Richard Strauss." Als Piccaver, der nur ungern Wien verließ und lieber Fußball gegen das Burgtheater spielte, als zu Proben sich einzustellen, seine Teilnahme an den Salzburger Festspielen einmal absagte, schrieb Richard Strauss: „Sie müssen kommen!... Sie sind einer der wirklichen Mozart-Sänger, die es heute gibt... Ich bin blamiert, wenn Sie nicht kommen!"
Zweifelsohne war Piccaver eine starke Persönlichkeit. Wie war es nun um die Stimme bestellt, die selbst heute noch alte Wiener in helles Entzücken zu versetzen mag? Warum sich stets der Vergleich mit Caruso aufdrängen muss, wenn sich ein anderer, berühmter Tenor der kritischen Betrachtung stellt, bleibt deswegen nicht mehr ganz verständlich, als die Zahl der Menschen, die Caruso auf der Bühne gehört haben, stetig geringer wird. Wenn man akustische Aufnahmen beider Sänger heranzieht, dann ist, wie stets bemerkt worden ist, die Ähnlichkeit im Timbre auffallend, aber auch eine gewisse baritonale Färbung. Wer jedoch weiß, dass Piccaver niemals Partien heldischen Charakters versucht hat, wie etwa Othello, Eleazar, Vasco da Gama oder Raoul oder Erik, weiß sofort, wo der Vergleich aufhört. Wo indessen ein Vergleich berechtigt ist, weiß die Stimme Piccavers glänzend den Vergleich zu bestehen. Helge Rosvaenge schreibt in seinen Erinnerungen, dass seine Stimme wie ein Goldregen gewesen ist, der sachte auf das Publikum herniederrieselte. Es ist eben die unvorstellbare Weichheit der Tonbildung und Tonproduktion, die noch heute bestechend ist. Sein Legato in manchen Passagen Puccinis übertraf in ihrer ausgesponnenen Gesangslinie die gleiche Tonführung Carusos. Piccavers Stimme, die einmal mit einem teuren Nerzmantel verglichen wurde, in den sich der Hörer einwickeln könne, besaß in der Höhe ein unvergesslich strahlendes Vibrato und in allen anderen Lagen die Ruhe eines Wohlklangs, der ausgesprochen individueller Natur war. Sein eleganter Stil machte wett, was der Stimme an Volumen fehlte, an dem ihn Caruso erheblich übertraf. Die Traumerzählung aus „Manon", so wie sie Piccaver vorgetragen hatte, ist auch heute noch unübertrefflich" „Die vertraulichen Geheimnisse, die Des Grieux seiner Manon zuflüsterte, schwebten wie vom Zephyr getragener Hauch auf seiner goldenen Mezza-voce-Stimme." War Piccaver bei Stimme, dann war sein „Addio fiorito asil" aus „Madame Butterfly" eine der großen vokalen Sensationen, die über ein Vierteljahrhundert die Wiener Oper gefangen hielt. Ein Plattenvergleich mit Caruso fällt hier gleichfalls zugunsten des Wieners aus. Er forcierte nicht diesen „Abschied", sondern ließ die Töne aus den schmerzlichen Worten aufsteigen, wie Piccaver es überhaupt ausgezeichnet verstand, instinktiv herzergreifende Zärtlichkeit oder tiefen Schmerz mit seiner Stimme verschmelzen zu lassen.
Ich vermag Piccavers Schauspielkunst nicht zu beurteilen, da ich ihn nur einmal als Cavaradossi gehört habe — und jene Aufführung war zudem die einzige Aufführung, in der ich jemals Maria Jeritza hören durfte, die natürlich den gesamten Rampenzauber stahl. Indessen heißt es, dass Piccaver als Schauspieler recht zurückhaltend gewesen wäre und es vorgezogen hätte, aus einer ruhenden Position zu singen. Vor allen Dingen soll er eben immer Piccaver geblieben sein, der guterzogene Sohn aus bürgerlichem Hause, der sich nur selten durch Temperamentsausbrüche hinreißen ließ, Vorstellungen zu geben, die zu den seltenen „Picci-Nächten" Wiens gehört haben.
Als Alfred Piccaver nach Wien zurückkehrte, um als Ehrengast der Eröffnung der neuen Staatsoper beizuwohnen, bereiteten ihm seine Anhänger reiche Ovationen. Er blieb in seiner Wahlheimat bis zu seinem Tode. Piccaver. dessen Deklamation zuweilen unter Undeutlichkeiten litt, der Englisch und Deutsch mit einem amerikanischen Akzent sprach, wirkte dort als Gesangslehrer: „Your voice will never carry if you keep your Mund tight zu ..." Seine eigene herrliche Stimme wird noch lange nachklingen, wie jene erwähnte sehnsüchtige Erinnerung an ein verlorenes Blütenparadies, das ihm mit seinem geliebten, versunkenen Wien identisch geworden war.



