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Ich sprach mit Svjatoslav Richter

Von
Gottfried Kraus
Erschienen in der Printausgabe im
Mai 1963
Lesezeit ca.
Minuten

Mit Svjatoslav Richter ein Interview zu machen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben, die ein Journalist sich stellen kann. Denn der sowjetische Pianist, den viele heute zu den größten lebenden Künstlern zählen, ist sehr darauf bedacht, allein gelassen zu werden. Einmal, weil seiner sehr sensiblen Natur aller Rummel zuwider ist, zum anderen wohl auch, weil Richter, der zu seinem ersten Wiener Konzert im Juni 1962 das erste Mal ohne „Begleitung" reisen durfte, weiß, dass ihn eine unbedachte Äußerung, ein voreiliges Wort in einer Zeitung, um diese, seine Freiheit, bringen kann.

Svjatoslav Richter, der am 1. und 3. März im Wiener Musikverein zwei Klavierabende geben sollte, war bereits am 26. Februar in Wien angekommen. Obwohl sein Betreuer mir versprochen hatte, ein Treffen zu arrangieren, ergab sich vor den Konzerten keine Gelegenheit, und als ich am Tag nach dem zweiten Konzert im Hotel anrief, war mein Mittelsmann abgereist, Richter jedoch war weiterhin für niemanden zu sprechen. Also schrieb ich ihm einen Brief, bat um eine Audienz von ein paar Minuten und versicherte, dass ich keinerlei für ihn unangenehme Fragen stellen wollte. Mein Anruf am folgenden Morgen zeitigte wieder kein Resultat, da Richter seinen Telefonanschluss hatte abmontieren lassen; die Dame in der Hoteldirektion riet mir jedoch, es persönlich zu versuchen. Dies tat ich, und nachdem ich durch einen Pagen Svjatoslav Richter neuerdings meiner Harmlosigkeit hatte versichern lassen, da ich lediglich die Absicht hätte, für „fono foruni" über seine Schallplatten zu plaudern, wurde ich endlich vorgelassen.

Richter empfing midi in seinem Appartement im Wiener Hotel Ambassador. Er war sichtlich gerade bei der Arbeit gewesen, denn auf dem aufgeklappten Stutzflügel (wie bei Richters Wiener Konzerten übrigens ein Instrument der Wiener Firma „Bösendorfer") lagen aufgeschlagen Noten, auf einem Tischchen standen ein Glas Juice und eine Flasche Mineralwasser. Daneben lag, ausgeschnitten und absatzweise angezeichnet, eine Kritik der beiden Wiener Konzerte.

Richter sieht sehr anders aus, als man ihn von Bildern, und eigentlich auch, als man ihn vom Podium kennt. In engen, schwarzglänzenden Hosen und einem grünen Pullover mit Kragen schien er mir wesentlich weniger groß zu sein, sein breites, ein wenig kantiges Gesicht wirkte um vieles offener, als ich erwartet hatte. Nur die Augen sind schwer zu fassen; sie sind sehr hell und scheu, bekommen nur ganz selten etwas Bestimmtes. Unser Gespräch begann zögernd. Auf die Frage, ob Richter vor und nach jedem Konzert so lange in einer Stadt bleibe, wie diesmal in Wien, reagiert Richter erstaunt: „Es sieht mit meinen Konzertterminen so aus: Ich gehe von hier nach Polen, in eine Stadt, die ich noch nicht kenne. Hier ist es sehr schön und ruhig, ich kann arbeiten."

Dass die Stars der westlichen Welt kaum je Zeit haben, für nur zwei Abende etwa 10 Tage an einem Ort zuzubringen oder gar in Ruhe zu arbeiten, diese Tatsache scheint für ihn nicht existent. Schließlich reist er auch lieber mit dem Zug als mit dem Flugzeug. Trotzdem kommt auch Richter bald darauf zu sprechen, dass das viele Reisen all zu sehr an seiner Kraft zehre. Und er bedauert, dass ihm so wenig Zeit bleibt, zu Hause in Moskau zu sein, wo seine Frau, die Sopranistin Nina Lvorna Dorliak, lebt, und auch, dass er so selten Zeit hat, Kammermusik zu spielen. Wie gern er dies tut, erfährt die Welt nur aus seinen Schall platten; so sind Ende März, wiederum in Wien, die Aufnahmen der Cellosonaten Beethovens mit Richter und Rostropovitsch für Philips fertiggestellt worden.

Die nächste Frage gilt der Tatsache, dass Richter, von dem heute doch schon unzählige Schallplattenaufnahmen im Handel sind, erst relativ spät angefangen hat, Aufnahmen zu machen. Die Legende will wissen, dass daran die schlechte Qualität der russischen Aufnahmetechnik Schuld trage. Doch Richter antwortet: „Ich habe alles spät angefangen, auch das Klavierspiel. Meine erste Schallplatte machte ich etwa 1950 in Moskau, später dann auch in Prag und Warschau, wo meine ersten Aufnahmen für die Deutsche Grammophon-Gesellschaft entstanden. Ich arbeite jetzt viel mit der DGG, weil ich dort gute Freunde habe. Aber ich mache auch für andere Firmen gerne Aufnahmen.“ – Wiederum diese Scheu, sich festzulegen, irgendetwas zu sagen, was vielleicht Anstoß erregen könnte.

Die sowjetischen Musiker internationaler Geltung sind bekannt dafür, dass sie sich an keine westliche Firma exklusiv binden. Ihre Aufnahmetermine werden auf dem Weg über das sowjetische Kultusministerium weise dosiert. In Russland gibt es zudem nur eine einzige Schallplattenfirma, und daher fehlt den russischen Künstlern jedes Verständnis für die üblichen Konkurrenzmethoden der westlichen Welt. Daraus erklärt sich auch, dass Svjatoslav Richter im Vorjahr das Kunststück zuwege brachte, zwei der größten westlichen Schallplattenfirmen, die Deutsche Grammophon-Gesellschaft und den englischen EMI-Konzern, zu gemeinsamer Arbeit zu bewegen. Es ging um die Ehre, bei Richters siebenwöchiger Italientournee im Herbst 1962 Life-Aufnahmen herstellen zu dürfen. Die DGG stellte das Aufnahmeteam, EMI die schwierige Organisation; die beträchtlichen Kosten dieser Aktion, bei der zahllosen Städten Italiens insgesamt 40 Stunden von Richters Spiel „life“ festgehalten worden waren, wurden geteilt. Das Ergebnis dieses wohl bisher eimaligen Unternehmens war eine Platte mit Werken von Chopin, Debussy und Skrjabin. Richter meinte zwar, er wisse noch nicht genau, ob er die Platte freigeben werde, kam kann sie jedoch mittlerweile kaufen.

Auf jeden Fall aber schätzt Svjatoslav Richter „Life-Aufnahmen“ besonders, weil er, wie so viele seiner sensiblen Kollegen, der Meinung ist, im Konzert besser zu spielen als im Studio. Unter seinen Lieblingsplatten nennt er nach der kürzlich erschienenen Neuaufnahme des b-moll-Konzertes mit Herbert von Karajan auch eine in Rumänien bei einem Konzert aufgenommene Platte mit Werken von Skrjabin, die aber im Westen nicht im Handel ist.

Ich frage nach Richters nächsten Plänen. Auf das Konzert in Polen folgen Plattenaufnahmen für die französische Columbia – eine Platte mit Schuberts A-Dur-Sonate und der Wanderer-Fantasie –, dann nach den Aufnahmen für Philips in Wien im Frühjahr dann wiederum Amerika. Es ist die dritte Amerikareise Richters, und anscheinend bedeutet, in den USA Erfolg zu haben, bei allen politischen und weltanschaulichen Gegensätzen auch für einen sowjetischen Künstler höchste Bewährung. Richter musste auf diese Bewährung allerdings relativ lange warten.

Er wurde am 20. März 1915 in Shitomir in der Ukraine geboren. Seine Eltern, der aus einer in Polen ansässigen volksdeutschen Familie stammende Vater und die bereits in der Ukraine geborene deutschrussische Mutter, waren beide sehr musikalisch. Richters Vater halt in Shitomir und in Odessa, wohin die Familie sehr bald übersiedelte, als hervorragender Pianist und Organist. Er hatte in seiner Jugend in Wien gelebt und hier am Konservatorium unter anderem bei Robert Fuchs studiert. Als ich Svjatoslav Richter frage, ob aus dieser Zeit noch irgendwelche Verbindungen seiner Familie an Wien existieren, lacht er sein breites, gutmütiges Lachen: „Nein, das ist doch zu lange her. Das war lange vor dem ersten Weltkrieg.“ – Richters Vater war, als sein einziger Sohn zur Welt kam, bereits 42 Jahre alt.

Es war also eine intensive Musikatmosphäre, in der Svjatoslav Richter heranwuchs, und frühzeitig schon lernte er Klavier spielen, ohne allerdings zunächst an eine Pianistenlaufbahn zu denken. Im Gegenteil, es zog den jungen Musiker zur Oper, und bereits mit 16 Jahren war Richter Korrepetitor an der Oper von Odessa, brachte sich selbst das Dirigieren bei und avancierte auch bald zum zweiten Kapellmeister. Richter träumte damals nur von einer Karriere als Dirigent und Komponist.

22jährig ging der junge Kapellmeister nach Moskau, und hier war es der berühmte Klavierpädagoge Heinrich Neuhaus, der Richters Begabung für das Klavier entdeckte und ihn bewog, Pianist zu werden. Es folgten sieben Jahre intensiven Studiums, und während dieser Zeit entwickelte sich Richter zu einem der erstaunlichsten Klavierphänomene unserer Zeit. Er begann zu konzertieren, hatte in Russland, später auch in den anderen Ostblockstaaten große Erfolge und machte seine ersten Schallplatten.

Seine Schallplatten waren es auch, die Richters legendären Ruf in der westlichen Welt gründeten und nährten, lange bevor er sein erstes Konzert im Westen geben durfte. Denn anders als seine Kollegen, die Geiger David Oistrach und Leonid Kogan, der Cellist Rostropovitsch und sein Studienkollege Emil Gilels, die im Westen wahre Triumphzüge feiern durften, verweigerte man Richter die Erlaubnis, außerhalb der kommunistischen Länder zu konzertieren. Der Grund ist nach wie vor ungeklärt, doch spricht viel dafür, dass die sowjetischen Stellen befürchteten, Richter, dessen Mutter in Westdeutschland lebt, könnte nicht mehr nach Moskau zurückkehren.

Doch sein Ruhm breitete sich unaufhaltsam aus. Von Emil Gilels wird erzählt, dass er ein Kompliment des amerikanischen Dirigenten Eugene Ormandy über sein brillantes Spiel bescheiden zurückwies: Warten Sie ab, bis Sie Richter gehört haben.“ – Ormandy war dann auch einer der ersten, die Richter in Moskau hören konnten, und er versuchte sogleich, eine Einladung Richters nach den USA bei den sowjetischen Stellen durchzusetzen. Die Erlaubnis, im Westen zu konzertieren, erhielt Richter aber erst auf eine Intervention seiner Kollegen Oistrach und Rostropovitsch; quasi als Versuch wurde Richter im Mai 1960 mit „Begleitung“ nach Finnland geschickt, wo er drei Abende in Helsinki absolvierte.

Nun schien das Eis gebrochen, und Richter durfte im Herbst des gleichen Jahres zu seiner ersten Amerika-Tournee aufbrechen. Sie wurde, obwohl der Pianist so aufgeregt war, dass er Tage vor seinem ersten Konzert nichts essen konnte, zu einem überwältigenden Erfolg. Das amerikanische Nachrichtenmagazin „Newsweek“ schilderte Richters Tournee als einen „fast unglaublichen persönlichen Triumph“. Selbst die kritischsten Zuhörer „kapitulierten bedingungslos vor dem poetischen Geist und der technischen Kühnheit von Richters Spiel.“

Auf Amerika folgten Konzerte in England und Frankreich sowie zahllose Plattenaufnahmen, die Richters Name in aller Welt zu einem Begriff werden ließen. Nur in Deutschland durfte Richter bisher noch nicht auftreten.

Das Wiener Publikum, das durch Legende und Platten gebührend auf Richter vorbereitet war, reagierte bei seinem Debüt im Juni 1962 mit endlosem Jubel und Enthusiasmus, die Kritik feierte ihn als eine überaus faszinierende Persönlichkeit, meldete jedoch auch Einwände an, die – etwa bei dem Nur-Schubert-Programm im März 1963 – die hemmungslose Eigenwilligkeit und den romantischen Gefühlsüberschwang in Richters Spiel betrafen. Denn Richter ist auf dem Podium ein hundertprozentiger Romantiker. Der äußerlich wie aus dem Kleinbürgermilieu Dostojewskys stammende, sich mit hektischer Verlegenheit verbeugende Künstler vergisst, wenn er am Flügel sitzt, die Welt um sich her. Er ist, nicht nur auf dem Podium, von einer Aura der Einsamkeit umgeben, er träumt am Klavier, indem er der Musik, die er gestaltet, das Äußerste an Gefühlsintensität entlockt. Es mag sein, dass darin auch der Grund für Richters Liebe zu den kleinen Werken der Romantik und des Impressionismus liegt, dass er es wagt, eine ganze Konzerthälfte nur Klavierstücke, Walzer und Märsche von Schubert zu spielen.

Als ich Richter zum ersten Male erlebte – nicht während eines Konzertes, sondern während der Aufnahmen zum Tschaikowskykonzert – war der Eindruck von überwältigender Eindringlichkeit. Ich war eingeladen worden, einen Bericht über die Aufnahme zu schreiben, und kam gerade zu den Kadenzen zurecht, die Richter, allein inmitten der Kabel und Mikrophone auf dem Podium des großen Wiener Musikvereinssaales sitzend, immer und immer wiederholte. Aufnahmeleiter und Techniker waren längst zufriedengestellt, doch Richter begann immer wieder mit den vielgriffigen Akkorden. So einen Klavierton, so eine runde Kraft im Forte, so eine Brillanz in den Läufen und ein so zartes, singendes Pianissimo hatte ich noch nie gehört. Und selbst in der mechanischen Wiedergabe, nachher, in dem zum Tonstudio umgewandelten Künstlerzimmer, blieb dieser Eindruck eines nie gehörten Klavierspieles.

Es mag vielleicht voreilig sein, Richter als den größten lebenden Pianisten zu bezeichnen, ganz ohne Zweifel aber ist er ein Künstler von faszinierender Eigenart – im Gespräch ebenso wie auf dem Podium.

Mit Svjatoslav Richter ein Interview zu machen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben, die ein Journalist sich stellen kann. Denn der sowjetische Pianist, den viele heute zu den größten lebenden Künstlern zählen, ist sehr darauf bedacht, allein gelassen zu werden. Einmal, weil seiner sehr sensiblen Natur aller Rummel zuwider ist, zum anderen wohl auch, weil Richter, der zu seinem ersten Wiener Konzert im Juni 1962 das erste Mal ohne „Begleitung" reisen durfte, weiß, dass ihn eine unbedachte Äußerung, ein voreiliges Wort in einer Zeitung, um diese, seine Freiheit, bringen kann.

Svjatoslav Richter, der am 1. und 3. März im Wiener Musikverein zwei Klavierabende geben sollte, war bereits am 26. Februar in Wien angekommen. Obwohl sein Betreuer mir versprochen hatte, ein Treffen zu arrangieren, ergab sich vor den Konzerten keine Gelegenheit, und als ich am Tag nach dem zweiten Konzert im Hotel anrief, war mein Mittelsmann abgereist, Richter jedoch war weiterhin für niemanden zu sprechen. Also schrieb ich ihm einen Brief, bat um eine Audienz von ein paar Minuten und versicherte, dass ich keinerlei für ihn unangenehme Fragen stellen wollte. Mein Anruf am folgenden Morgen zeitigte wieder kein Resultat, da Richter seinen Telefonanschluss hatte abmontieren lassen; die Dame in der Hoteldirektion riet mir jedoch, es persönlich zu versuchen. Dies tat ich, und nachdem ich durch einen Pagen Svjatoslav Richter neuerdings meiner Harmlosigkeit hatte versichern lassen, da ich lediglich die Absicht hätte, für „fono foruni" über seine Schallplatten zu plaudern, wurde ich endlich vorgelassen.

Richter empfing midi in seinem Appartement im Wiener Hotel Ambassador. Er war sichtlich gerade bei der Arbeit gewesen, denn auf dem aufgeklappten Stutzflügel (wie bei Richters Wiener Konzerten übrigens ein Instrument der Wiener Firma „Bösendorfer") lagen aufgeschlagen Noten, auf einem Tischchen standen ein Glas Juice und eine Flasche Mineralwasser. Daneben lag, ausgeschnitten und absatzweise angezeichnet, eine Kritik der beiden Wiener Konzerte.

Richter sieht sehr anders aus, als man ihn von Bildern, und eigentlich auch, als man ihn vom Podium kennt. In engen, schwarzglänzenden Hosen und einem grünen Pullover mit Kragen schien er mir wesentlich weniger groß zu sein, sein breites, ein wenig kantiges Gesicht wirkte um vieles offener, als ich erwartet hatte. Nur die Augen sind schwer zu fassen; sie sind sehr hell und scheu, bekommen nur ganz selten etwas Bestimmtes. Unser Gespräch begann zögernd. Auf die Frage, ob Richter vor und nach jedem Konzert so lange in einer Stadt bleibe, wie diesmal in Wien, reagiert Richter erstaunt: „Es sieht mit meinen Konzertterminen so aus: Ich gehe von hier nach Polen, in eine Stadt, die ich noch nicht kenne. Hier ist es sehr schön und ruhig, ich kann arbeiten."

Dass die Stars der westlichen Welt kaum je Zeit haben, für nur zwei Abende etwa 10 Tage an einem Ort zuzubringen oder gar in Ruhe zu arbeiten, diese Tatsache scheint für ihn nicht existent. Schließlich reist er auch lieber mit dem Zug als mit dem Flugzeug. Trotzdem kommt auch Richter bald darauf zu sprechen, dass das viele Reisen all zu sehr an seiner Kraft zehre. Und er bedauert, dass ihm so wenig Zeit bleibt, zu Hause in Moskau zu sein, wo seine Frau, die Sopranistin Nina Lvorna Dorliak, lebt, und auch, dass er so selten Zeit hat, Kammermusik zu spielen. Wie gern er dies tut, erfährt die Welt nur aus seinen Schall platten; so sind Ende März, wiederum in Wien, die Aufnahmen der Cellosonaten Beethovens mit Richter und Rostropovitsch für Philips fertiggestellt worden.

Die nächste Frage gilt der Tatsache, dass Richter, von dem heute doch schon unzählige Schallplattenaufnahmen im Handel sind, erst relativ spät angefangen hat, Aufnahmen zu machen. Die Legende will wissen, dass daran die schlechte Qualität der russischen Aufnahmetechnik Schuld trage. Doch Richter antwortet: „Ich habe alles spät angefangen, auch das Klavierspiel. Meine erste Schallplatte machte ich etwa 1950 in Moskau, später dann auch in Prag und Warschau, wo meine ersten Aufnahmen für die Deutsche Grammophon-Gesellschaft entstanden. Ich arbeite jetzt viel mit der DGG, weil ich dort gute Freunde habe. Aber ich mache auch für andere Firmen gerne Aufnahmen.“ – Wiederum diese Scheu, sich festzulegen, irgendetwas zu sagen, was vielleicht Anstoß erregen könnte.

Die sowjetischen Musiker internationaler Geltung sind bekannt dafür, dass sie sich an keine westliche Firma exklusiv binden. Ihre Aufnahmetermine werden auf dem Weg über das sowjetische Kultusministerium weise dosiert. In Russland gibt es zudem nur eine einzige Schallplattenfirma, und daher fehlt den russischen Künstlern jedes Verständnis für die üblichen Konkurrenzmethoden der westlichen Welt. Daraus erklärt sich auch, dass Svjatoslav Richter im Vorjahr das Kunststück zuwege brachte, zwei der größten westlichen Schallplattenfirmen, die Deutsche Grammophon-Gesellschaft und den englischen EMI-Konzern, zu gemeinsamer Arbeit zu bewegen. Es ging um die Ehre, bei Richters siebenwöchiger Italientournee im Herbst 1962 Life-Aufnahmen herstellen zu dürfen. Die DGG stellte das Aufnahmeteam, EMI die schwierige Organisation; die beträchtlichen Kosten dieser Aktion, bei der zahllosen Städten Italiens insgesamt 40 Stunden von Richters Spiel „life“ festgehalten worden waren, wurden geteilt. Das Ergebnis dieses wohl bisher eimaligen Unternehmens war eine Platte mit Werken von Chopin, Debussy und Skrjabin. Richter meinte zwar, er wisse noch nicht genau, ob er die Platte freigeben werde, kam kann sie jedoch mittlerweile kaufen.

Auf jeden Fall aber schätzt Svjatoslav Richter „Life-Aufnahmen“ besonders, weil er, wie so viele seiner sensiblen Kollegen, der Meinung ist, im Konzert besser zu spielen als im Studio. Unter seinen Lieblingsplatten nennt er nach der kürzlich erschienenen Neuaufnahme des b-moll-Konzertes mit Herbert von Karajan auch eine in Rumänien bei einem Konzert aufgenommene Platte mit Werken von Skrjabin, die aber im Westen nicht im Handel ist.

Ich frage nach Richters nächsten Plänen. Auf das Konzert in Polen folgen Plattenaufnahmen für die französische Columbia – eine Platte mit Schuberts A-Dur-Sonate und der Wanderer-Fantasie –, dann nach den Aufnahmen für Philips in Wien im Frühjahr dann wiederum Amerika. Es ist die dritte Amerikareise Richters, und anscheinend bedeutet, in den USA Erfolg zu haben, bei allen politischen und weltanschaulichen Gegensätzen auch für einen sowjetischen Künstler höchste Bewährung. Richter musste auf diese Bewährung allerdings relativ lange warten.

Er wurde am 20. März 1915 in Shitomir in der Ukraine geboren. Seine Eltern, der aus einer in Polen ansässigen volksdeutschen Familie stammende Vater und die bereits in der Ukraine geborene deutschrussische Mutter, waren beide sehr musikalisch. Richters Vater halt in Shitomir und in Odessa, wohin die Familie sehr bald übersiedelte, als hervorragender Pianist und Organist. Er hatte in seiner Jugend in Wien gelebt und hier am Konservatorium unter anderem bei Robert Fuchs studiert. Als ich Svjatoslav Richter frage, ob aus dieser Zeit noch irgendwelche Verbindungen seiner Familie an Wien existieren, lacht er sein breites, gutmütiges Lachen: „Nein, das ist doch zu lange her. Das war lange vor dem ersten Weltkrieg.“ – Richters Vater war, als sein einziger Sohn zur Welt kam, bereits 42 Jahre alt.

Es war also eine intensive Musikatmosphäre, in der Svjatoslav Richter heranwuchs, und frühzeitig schon lernte er Klavier spielen, ohne allerdings zunächst an eine Pianistenlaufbahn zu denken. Im Gegenteil, es zog den jungen Musiker zur Oper, und bereits mit 16 Jahren war Richter Korrepetitor an der Oper von Odessa, brachte sich selbst das Dirigieren bei und avancierte auch bald zum zweiten Kapellmeister. Richter träumte damals nur von einer Karriere als Dirigent und Komponist.

22jährig ging der junge Kapellmeister nach Moskau, und hier war es der berühmte Klavierpädagoge Heinrich Neuhaus, der Richters Begabung für das Klavier entdeckte und ihn bewog, Pianist zu werden. Es folgten sieben Jahre intensiven Studiums, und während dieser Zeit entwickelte sich Richter zu einem der erstaunlichsten Klavierphänomene unserer Zeit. Er begann zu konzertieren, hatte in Russland, später auch in den anderen Ostblockstaaten große Erfolge und machte seine ersten Schallplatten.

Seine Schallplatten waren es auch, die Richters legendären Ruf in der westlichen Welt gründeten und nährten, lange bevor er sein erstes Konzert im Westen geben durfte. Denn anders als seine Kollegen, die Geiger David Oistrach und Leonid Kogan, der Cellist Rostropovitsch und sein Studienkollege Emil Gilels, die im Westen wahre Triumphzüge feiern durften, verweigerte man Richter die Erlaubnis, außerhalb der kommunistischen Länder zu konzertieren. Der Grund ist nach wie vor ungeklärt, doch spricht viel dafür, dass die sowjetischen Stellen befürchteten, Richter, dessen Mutter in Westdeutschland lebt, könnte nicht mehr nach Moskau zurückkehren.

Doch sein Ruhm breitete sich unaufhaltsam aus. Von Emil Gilels wird erzählt, dass er ein Kompliment des amerikanischen Dirigenten Eugene Ormandy über sein brillantes Spiel bescheiden zurückwies: Warten Sie ab, bis Sie Richter gehört haben.“ – Ormandy war dann auch einer der ersten, die Richter in Moskau hören konnten, und er versuchte sogleich, eine Einladung Richters nach den USA bei den sowjetischen Stellen durchzusetzen. Die Erlaubnis, im Westen zu konzertieren, erhielt Richter aber erst auf eine Intervention seiner Kollegen Oistrach und Rostropovitsch; quasi als Versuch wurde Richter im Mai 1960 mit „Begleitung“ nach Finnland geschickt, wo er drei Abende in Helsinki absolvierte.

Nun schien das Eis gebrochen, und Richter durfte im Herbst des gleichen Jahres zu seiner ersten Amerika-Tournee aufbrechen. Sie wurde, obwohl der Pianist so aufgeregt war, dass er Tage vor seinem ersten Konzert nichts essen konnte, zu einem überwältigenden Erfolg. Das amerikanische Nachrichtenmagazin „Newsweek“ schilderte Richters Tournee als einen „fast unglaublichen persönlichen Triumph“. Selbst die kritischsten Zuhörer „kapitulierten bedingungslos vor dem poetischen Geist und der technischen Kühnheit von Richters Spiel.“

Auf Amerika folgten Konzerte in England und Frankreich sowie zahllose Plattenaufnahmen, die Richters Name in aller Welt zu einem Begriff werden ließen. Nur in Deutschland durfte Richter bisher noch nicht auftreten.

Das Wiener Publikum, das durch Legende und Platten gebührend auf Richter vorbereitet war, reagierte bei seinem Debüt im Juni 1962 mit endlosem Jubel und Enthusiasmus, die Kritik feierte ihn als eine überaus faszinierende Persönlichkeit, meldete jedoch auch Einwände an, die – etwa bei dem Nur-Schubert-Programm im März 1963 – die hemmungslose Eigenwilligkeit und den romantischen Gefühlsüberschwang in Richters Spiel betrafen. Denn Richter ist auf dem Podium ein hundertprozentiger Romantiker. Der äußerlich wie aus dem Kleinbürgermilieu Dostojewskys stammende, sich mit hektischer Verlegenheit verbeugende Künstler vergisst, wenn er am Flügel sitzt, die Welt um sich her. Er ist, nicht nur auf dem Podium, von einer Aura der Einsamkeit umgeben, er träumt am Klavier, indem er der Musik, die er gestaltet, das Äußerste an Gefühlsintensität entlockt. Es mag sein, dass darin auch der Grund für Richters Liebe zu den kleinen Werken der Romantik und des Impressionismus liegt, dass er es wagt, eine ganze Konzerthälfte nur Klavierstücke, Walzer und Märsche von Schubert zu spielen.

Als ich Richter zum ersten Male erlebte – nicht während eines Konzertes, sondern während der Aufnahmen zum Tschaikowskykonzert – war der Eindruck von überwältigender Eindringlichkeit. Ich war eingeladen worden, einen Bericht über die Aufnahme zu schreiben, und kam gerade zu den Kadenzen zurecht, die Richter, allein inmitten der Kabel und Mikrophone auf dem Podium des großen Wiener Musikvereinssaales sitzend, immer und immer wiederholte. Aufnahmeleiter und Techniker waren längst zufriedengestellt, doch Richter begann immer wieder mit den vielgriffigen Akkorden. So einen Klavierton, so eine runde Kraft im Forte, so eine Brillanz in den Läufen und ein so zartes, singendes Pianissimo hatte ich noch nie gehört. Und selbst in der mechanischen Wiedergabe, nachher, in dem zum Tonstudio umgewandelten Künstlerzimmer, blieb dieser Eindruck eines nie gehörten Klavierspieles.

Es mag vielleicht voreilig sein, Richter als den größten lebenden Pianisten zu bezeichnen, ganz ohne Zweifel aber ist er ein Künstler von faszinierender Eigenart – im Gespräch ebenso wie auf dem Podium.