Porträt: Maurice Gendron
Erschienen im FONO FORUM im Juni 1963

Celloklänge dringen leise, aber deutlich durch die Hotelzimmertür, an die ich klopfen will. Hurtige Passagen, knifflige Akkorde: Die Kadenz zu Boccherinis Cellokonzert wird geübt. Ich horche einen Augenblick und bin gefangengenommen von der Leichtigkeit, mit der die Finger auf dem Griffbrett von Ton zu Ton eilen. Schon durch fünf Zentimeter Holz hört man den blendenden Virtuosen, der sein Handwerk vollkommen beherrscht. Die Tür öffnet sich. Arbeitsatmosphäre. Ein geöffneter Cellokasten, Noten auf dem Tisch, ein schlanker, hochgewachsener Mann, das Cello noch in der Hand, lädt mich ein, hereinzukommen: Maurice Gendron, zu Gast in Hamburg, Solist der Philharmoniker. Seine vielbejubelte Interpretation des Boccherinischen Konzertes gibt gleich den „Aufhänger" für unser Gespräch: Er spielt ein Stück, das man bis dato nicht gekannt hat. Und eifrig und eindringlich wird er zum Anwalt seiner Version des Konzertes. Die aus mehreren Werken Boccherinis zusammengeleimte Angelegenheit, die dem Hörer meistens vorgesetzt würde, sei abzulehnen. Warum nicht das Original spielen, wenn es existent sei, für jeden erreichbar, einzusehen und zu benutzen? Er habe es getan, er spiele dieses Original seit langer Zeit ausschließlich, und allmählich beginne es sich durchzusetzen. Ich muss zugeben, dass es mich in der von Gendron gespielten Fassung überzeugt und beeindruckt hat. Wenn man natürlich so spielt . . .
Wer Gendron hört, wird gefangengenommen von einer absoluten Überlegenheit über das Griffbrett. Wenn er spielt, klingt es, als wolle er — ein wenig nonchalant — sagen: Jetzt werde ich euch einmal zeigen, wie man auf einem Cello Geige spielt. Das betrifft nicht die Höhe, sondern die schwebende Leichtigkeit, mit der das Prestissimo der Skalen und Arpeggien Gestalt annimmt. Das klingt in den tiefen Regionen so klar, so prall und sauber wie „im ewigen Schnee" des Griffbretts (wie der Musikerjargon das dem weißen Staub des Kolophoniums ausgesetzte Ende an der Strichstelle des Bogens nennt). Der Charme, die Eleganz des Franzosen Gendron tun ein Übriges, aus dem kostbaren Stradivari-Cello, das er spielt, einen samtweichen Klang hervorzuzaubern, der im Verein mit der technischen Souveränität eines Meisters ungeheuer fasziniert.
Man würde ihm jedoch Unrecht tun, ihn ausschließlich als bloßen Virtuosen einzustufen. Hochmusikalisch ist er, es ist an zwei Aufnahmen nachzuprüfen, die Philips herausgebracht hat. Auf der einen spielt er die Konzerte von Boccherini und Haydn, die andere enthält von Tsehaikowsky die Rokoko-Variationen und das fast unbekannte „Pezo capriccioso" sowie das Schumann-Konzert. Hört man die Aufnahmen, enthüllt sich der Musiker Gendron. Hinter dem alle Tricks beherrschenden Hexenmeister kommt der empfindsame Künstler zum Vorschein, der Mensch, der beim Spiel sein Gehirn nicht minder strapaziert als er sein Herz einsetzt für das, was er wiedergeben will.
Aber auch im Gespräch sitzt man einer Persönlichkeit gegenüber. Er weiß genau, was er will, worauf es ankommt. Er spricht wenig, was er aber sagt, ist wesentlich und regt, wenn es den Zuhörer nicht gleich überzeugt, auf jeden Fall zum Nachdenken an. (Übrigens beherrscht Gendron hervorragend die deutsche Sprache.) Wir unterhalten uns über das Repertoire. Gendron meint, dass der Künstler verpflichtet sei, viel zu spielen, vieles zu spielen, ein großes Repertoire zur Verfügung zu haben. Er sei es, der die Musik den Menschen nahebringen müsse, und es gebe so viel schöne und wertvolle Musik . . . Er halt nichts von den Leuten, die mit einem Minimum an Stücken im Koffer herumreisen und sich's dabei wohl sein lassen. Sein Repertoire reicht von den Meistern des Barock bis zum („entsetzlich schweren", wie er sagt und wie ich ihm nach dem Durchblättern der Stimme glaube) Konzert Arnold Schönbergs, dem ein Werk des vorklassischen Meisters Mathias Monn zugrunde liegt und das er gerade studiert. Schostakowitsch spielt er, Bloch, Prokofieff und Malipiero. Er ist interessiert an allem Neuen, wir sprechen über zeitgenössische Musik, über die junge Generation.
Neben dem solistischen Konzertieren, das den größten Teil seiner Zeit beansprucht, spielt er Trio mit Yehudi und Hephzibah Menuhin, und die Anteilnahme, mit der er gerade von diesem kammermusikalischen Musizieren spricht, zeigt, wieviel Freude ihm die Zusammenarbeit mit den beiden hervorragenden Künstlern macht. Gleich wichtig ist ihm sein Duo, in dem seit langer Zeit der Komponist und Pianist Jean Francaix sein Partner ist. Seit 1954 lehrt er an der Staatlichen Musikhochschule in Saarbrücken. Nur wenige, schon fortgeschrittene Schüler unterrichtet er in seiner Meisterklasse („sie müssen fleißig sein").
Was bleibt für das Privatleben? Nur wenig Zeit kann er seiner Familie widmen, nur vierzehn Tage hat er Ferien in diesem Jahr. Dann entspannt er sich und ist mit seiner Frau und seinen Kindern zusammen in seinem schönen Wohnsitz in Fontainebleau bei Paris („Wenn ich zu Haus bin, bin ich nur zu Haus"). Auf seinen Reisen ist er, wie alle großen Künstler, bescheiden in seinen Ansprüchen an Ruhe. „Eine Bach-Suite ist die beste Beruhigung", sagt er. Mit viel Liehe spricht er von Deutschland: „Es ist meine zweite musikalische Heimat." Ich verabschiede mich, schließe die Tür hinter mir. Cellospiel setzt ein: die Boccherini-Kadenz . . .
Ich sprach mit Maurice Gendron, geboren 1920 in Nizza, sein Wunderkinddasein mit fünf Jahren an einem extra für ihn angefertigten Violoncell beginnend, über Studien in Cannes, Nizza und Paris (am Conservatoire bei Gerard Hekking) und nach einer steilen Karriere heute auf dem Gipfel angelangt: in der ersten Reihe der internationalen Elite seines Instruments.
Celloklänge dringen leise, aber deutlich durch die Hotelzimmertür, an die ich klopfen will. Hurtige Passagen, knifflige Akkorde: Die Kadenz zu Boccherinis Cellokonzert wird geübt. Ich horche einen Augenblick und bin gefangengenommen von der Leichtigkeit, mit der die Finger auf dem Griffbrett von Ton zu Ton eilen. Schon durch fünf Zentimeter Holz hört man den blendenden Virtuosen, der sein Handwerk vollkommen beherrscht. Die Tür öffnet sich. Arbeitsatmosphäre. Ein geöffneter Cellokasten, Noten auf dem Tisch, ein schlanker, hochgewachsener Mann, das Cello noch in der Hand, lädt mich ein, hereinzukommen: Maurice Gendron, zu Gast in Hamburg, Solist der Philharmoniker. Seine vielbejubelte Interpretation des Boccherinischen Konzertes gibt gleich den „Aufhänger" für unser Gespräch: Er spielt ein Stück, das man bis dato nicht gekannt hat. Und eifrig und eindringlich wird er zum Anwalt seiner Version des Konzertes. Die aus mehreren Werken Boccherinis zusammengeleimte Angelegenheit, die dem Hörer meistens vorgesetzt würde, sei abzulehnen. Warum nicht das Original spielen, wenn es existent sei, für jeden erreichbar, einzusehen und zu benutzen? Er habe es getan, er spiele dieses Original seit langer Zeit ausschließlich, und allmählich beginne es sich durchzusetzen. Ich muss zugeben, dass es mich in der von Gendron gespielten Fassung überzeugt und beeindruckt hat. Wenn man natürlich so spielt . . .
Wer Gendron hört, wird gefangengenommen von einer absoluten Überlegenheit über das Griffbrett. Wenn er spielt, klingt es, als wolle er — ein wenig nonchalant — sagen: Jetzt werde ich euch einmal zeigen, wie man auf einem Cello Geige spielt. Das betrifft nicht die Höhe, sondern die schwebende Leichtigkeit, mit der das Prestissimo der Skalen und Arpeggien Gestalt annimmt. Das klingt in den tiefen Regionen so klar, so prall und sauber wie „im ewigen Schnee" des Griffbretts (wie der Musikerjargon das dem weißen Staub des Kolophoniums ausgesetzte Ende an der Strichstelle des Bogens nennt). Der Charme, die Eleganz des Franzosen Gendron tun ein Übriges, aus dem kostbaren Stradivari-Cello, das er spielt, einen samtweichen Klang hervorzuzaubern, der im Verein mit der technischen Souveränität eines Meisters ungeheuer fasziniert.
Man würde ihm jedoch Unrecht tun, ihn ausschließlich als bloßen Virtuosen einzustufen. Hochmusikalisch ist er, es ist an zwei Aufnahmen nachzuprüfen, die Philips herausgebracht hat. Auf der einen spielt er die Konzerte von Boccherini und Haydn, die andere enthält von Tsehaikowsky die Rokoko-Variationen und das fast unbekannte „Pezo capriccioso" sowie das Schumann-Konzert. Hört man die Aufnahmen, enthüllt sich der Musiker Gendron. Hinter dem alle Tricks beherrschenden Hexenmeister kommt der empfindsame Künstler zum Vorschein, der Mensch, der beim Spiel sein Gehirn nicht minder strapaziert als er sein Herz einsetzt für das, was er wiedergeben will.
Aber auch im Gespräch sitzt man einer Persönlichkeit gegenüber. Er weiß genau, was er will, worauf es ankommt. Er spricht wenig, was er aber sagt, ist wesentlich und regt, wenn es den Zuhörer nicht gleich überzeugt, auf jeden Fall zum Nachdenken an. (Übrigens beherrscht Gendron hervorragend die deutsche Sprache.) Wir unterhalten uns über das Repertoire. Gendron meint, dass der Künstler verpflichtet sei, viel zu spielen, vieles zu spielen, ein großes Repertoire zur Verfügung zu haben. Er sei es, der die Musik den Menschen nahebringen müsse, und es gebe so viel schöne und wertvolle Musik . . . Er halt nichts von den Leuten, die mit einem Minimum an Stücken im Koffer herumreisen und sich's dabei wohl sein lassen. Sein Repertoire reicht von den Meistern des Barock bis zum („entsetzlich schweren", wie er sagt und wie ich ihm nach dem Durchblättern der Stimme glaube) Konzert Arnold Schönbergs, dem ein Werk des vorklassischen Meisters Mathias Monn zugrunde liegt und das er gerade studiert. Schostakowitsch spielt er, Bloch, Prokofieff und Malipiero. Er ist interessiert an allem Neuen, wir sprechen über zeitgenössische Musik, über die junge Generation.
Neben dem solistischen Konzertieren, das den größten Teil seiner Zeit beansprucht, spielt er Trio mit Yehudi und Hephzibah Menuhin, und die Anteilnahme, mit der er gerade von diesem kammermusikalischen Musizieren spricht, zeigt, wieviel Freude ihm die Zusammenarbeit mit den beiden hervorragenden Künstlern macht. Gleich wichtig ist ihm sein Duo, in dem seit langer Zeit der Komponist und Pianist Jean Francaix sein Partner ist. Seit 1954 lehrt er an der Staatlichen Musikhochschule in Saarbrücken. Nur wenige, schon fortgeschrittene Schüler unterrichtet er in seiner Meisterklasse („sie müssen fleißig sein").
Was bleibt für das Privatleben? Nur wenig Zeit kann er seiner Familie widmen, nur vierzehn Tage hat er Ferien in diesem Jahr. Dann entspannt er sich und ist mit seiner Frau und seinen Kindern zusammen in seinem schönen Wohnsitz in Fontainebleau bei Paris („Wenn ich zu Haus bin, bin ich nur zu Haus"). Auf seinen Reisen ist er, wie alle großen Künstler, bescheiden in seinen Ansprüchen an Ruhe. „Eine Bach-Suite ist die beste Beruhigung", sagt er. Mit viel Liehe spricht er von Deutschland: „Es ist meine zweite musikalische Heimat." Ich verabschiede mich, schließe die Tür hinter mir. Cellospiel setzt ein: die Boccherini-Kadenz . . .
Ich sprach mit Maurice Gendron, geboren 1920 in Nizza, sein Wunderkinddasein mit fünf Jahren an einem extra für ihn angefertigten Violoncell beginnend, über Studien in Cannes, Nizza und Paris (am Conservatoire bei Gerard Hekking) und nach einer steilen Karriere heute auf dem Gipfel angelangt: in der ersten Reihe der internationalen Elite seines Instruments.



