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Porträt: Ralph Kirkpatrick

Von
Hans Otto Spingel
Erschienen in der Printausgabe im
August 1963
Lesezeit ca.
Minuten

Es gibt heute im Konzert der Instrumentalisten eine Reihe von Cembalisten, denen man ohne Bedenken das Attribut „hervorragend" verleihen kann. Ralph Kirkpatrick gehört zu ihnen und wenn man ihn nicht als „den Besten" bezeichnen kann (weil eine Rangordnung in dieser höchsten Klasse unsinnig ist), so ist er ganz gewiss der prominenteste. Sein Name ist durch unendlich viele Konzerte und nicht zuletzt durch die Schallplatte so bekannt geworden, dass vor allen anderen an ihn gedacht wird, ist von Cembalomusik die Rede. Nun bewegt sich der Ruhm zwar oft auf sehr schwachen Beinen, aber in diesem Fall hat er wirklich die Substanz einer großen musikalischen und technischen Qualität auf seiner Seite.

Wenn fono forum diesmal Ralph Kirkpatrick porträtiert, so ist das nur die Bestätigung einer künstlerischen Meisterschaft, die viele unserer Leser sicher schon selbst erfahren haben. Sie war auch wieder bei seinem letzten Hamburger Gastspiel zu spüren, das in drei Konzerten den ersten Teil des „Wohltemperierten Klaviers" und die sechs englischen Suiten brachte. Bachs Werk steht natürlich im Mittelpunkt seiner Interpretation und seit Jahren schon arbeitet er daran, das gesamte Cembalo werk für die Archiv-Produktion der Deutschen Grammophon Gesellschaft einzuspielen. Die Diskografie zeigt, was inzwischen davon vorliegt. Strahlend erzählt er mir während unseres Gespräches, dass er dabei sei, einen lang gehegten Wunsch zu verwirklichen: die Aufzeichnung des „Wohltemperierten Klaviers1' sowohl auf dem Cembalo als auch auf dem von ihm besonders geliebten Clavichord. Der erste Teil der Clavichord-Version ist bereits angekündigt und dürfte bald erhältlich sein.

Man darf diese neue Ausgabe des Riesenwerkes, die als dritte zu den bereits vorliegenden Gesamtaufnahmen von Helmut Walcha und Wanda Landowska tritt, mit Spannung erwarten, legen doch die in der Diskografie angeführten Platten, von denen mir einige zum Anhören zur Verfügung standen, Zeugnis ab von der Kraft einer Persönlichkeit, die in ihrem Musizieren Reflektives und Spontanes überzeugend miteinander verbindet, die die Elemente des Musikalischen und des Musikantischen spannungsvoll zu mischen weiß. Er spielt bewusst, weiß genau, was er macht und warum er es so und nicht anders macht (denn es gibt auch den Wissenschaftler, den Forscher Kirkpatrick, von dem noch zu berichten sein wird). Intelligenz ist spürbar im Aufbau, in der Anlage seiner Interpretation. Aber wenn das Stück es erlaubt oder verlangt, lässt er sein Cembalo eine Melodie singen, einen langsamen Satz träumen, nuanciert in vielen Farben, lässt Funken sprühen aus den rhythmischen Schlägen und das Amüsement, das ihm das Feuerwerk galoppierender Sechzehntel-Läufe in einer temperamentvoll-galanten Nichtigkeit bereitet, auf den Zuhörer überspringen. Bei Electrola gibt es zwei kleine 17-cm-Platten, auf denen Stücke von Couperin, Rameau, Froberger, Sweelinck, Byrd und Pachelbel zu hören sind. Im Miniaturdonner von Rameaus „Zyklopen" z. B. zeigt Kirkpatrick soviel brillante Virtuosität, wie man auf diesem Instrument nur entfalten kann und soviel Lust am unkomplizierten Musizieren, wie es nur zu wünschen ist.

Zwischen den beiden Polen ernster Versenkung und ausgelassener Spiellaune spannt sich der Bogen des Ausdrucks, der alles, was unter seinen Händen Klang und Form annimmt, mit dem rechten Sinn erfüllt und dem die Bestimmtheit einer kraftvollen Persönlichkeit den letzten Schliff gibt. Am 10. Juni 1911 ist Ralph Kirkpatrick in Amerika geboren, in Leominster im Staate Massachusetts. Natürlich begann er zuerst auf den Klaviertasten herumzuwandern, den ersten Unterricht gab ihm die Mutter. Bald jedoch erwachte die Liebe zum Cembalo und schon als Student auf der Harvard-Universität trat er zum ersten Mal öffentlich auf. Ein Stipendium einer Stiftung ermöglichte es ihm, zwei Jahre, von 1931 —1933, in Europa zu studieren. Seine Lehrer waren in dieser Zeit u. a. Nadia Boulanger, Wanda Landowska und Günther Ramin. 1933 begann er zu konzertieren, vor allem auf dem Cembalo und dem Clavicord. Seit 1940 hält er Vortrage an der Yale-Universität, der er seit 1956 auch als „associate Professor" verbunden ist.

Kirkpatricks wissenschaftliche Arbeit hat sich vor allem auf einen Komponisten konzentriert, dessen Oeuvre eine wahre Fundgrube für die Cembalisten ist: auf Domenico Scarlatti. Die Frucht dieser intensiven Beschäftigung  war ein grundlegendes Werk, das 1953 erschien und das auch eine neue Nummerierung des gesamten Werks einführte, der man sich heute bereits allgemein neben der von Longo bedient. Im nächsten Frühjahr wird er sechs Vorträge über das „Wohltemperierte Klavier" in Kalifornien halten.

Er spricht temperamentvoll, ist interessiert und engagiert an allen Dingen, sei es die Diskussion über die Entscheidung für's Cembalo oder Clavichord (bei der er sich, ganz undogmatisch, als echter Musiker erweist: „Schwer zu entscheiden"), sei es die ganz bestimmte und fundierte Entgegnung auf meine Frage nach der Tempowahl in Präludium und Fuge Fis-dur des „Wohltemperierten Klaviers", die mir fragwürdig erschien. Er spricht von der zeitgenössischen Cembalomusik, von der er einiges mit derselben Liebe pflegt wie die alten Meister, er erzählt von dem großen Interesse, das in Amerika der Barock-Musik entgegengebracht wird, von einer heute bereits außerordentlich verfeinerten Kultur des Cembalobaus dort. Der Eindruck seines Spiels und der des interessierten kenntnisreichen Gesprächspartners verschmelzen in meiner Erinnerung zu dem einer bedeutenden künstlerischen Persönlichkeit.

Es gibt heute im Konzert der Instrumentalisten eine Reihe von Cembalisten, denen man ohne Bedenken das Attribut „hervorragend" verleihen kann. Ralph Kirkpatrick gehört zu ihnen und wenn man ihn nicht als „den Besten" bezeichnen kann (weil eine Rangordnung in dieser höchsten Klasse unsinnig ist), so ist er ganz gewiss der prominenteste. Sein Name ist durch unendlich viele Konzerte und nicht zuletzt durch die Schallplatte so bekannt geworden, dass vor allen anderen an ihn gedacht wird, ist von Cembalomusik die Rede. Nun bewegt sich der Ruhm zwar oft auf sehr schwachen Beinen, aber in diesem Fall hat er wirklich die Substanz einer großen musikalischen und technischen Qualität auf seiner Seite.

Wenn fono forum diesmal Ralph Kirkpatrick porträtiert, so ist das nur die Bestätigung einer künstlerischen Meisterschaft, die viele unserer Leser sicher schon selbst erfahren haben. Sie war auch wieder bei seinem letzten Hamburger Gastspiel zu spüren, das in drei Konzerten den ersten Teil des „Wohltemperierten Klaviers" und die sechs englischen Suiten brachte. Bachs Werk steht natürlich im Mittelpunkt seiner Interpretation und seit Jahren schon arbeitet er daran, das gesamte Cembalo werk für die Archiv-Produktion der Deutschen Grammophon Gesellschaft einzuspielen. Die Diskografie zeigt, was inzwischen davon vorliegt. Strahlend erzählt er mir während unseres Gespräches, dass er dabei sei, einen lang gehegten Wunsch zu verwirklichen: die Aufzeichnung des „Wohltemperierten Klaviers1' sowohl auf dem Cembalo als auch auf dem von ihm besonders geliebten Clavichord. Der erste Teil der Clavichord-Version ist bereits angekündigt und dürfte bald erhältlich sein.

Man darf diese neue Ausgabe des Riesenwerkes, die als dritte zu den bereits vorliegenden Gesamtaufnahmen von Helmut Walcha und Wanda Landowska tritt, mit Spannung erwarten, legen doch die in der Diskografie angeführten Platten, von denen mir einige zum Anhören zur Verfügung standen, Zeugnis ab von der Kraft einer Persönlichkeit, die in ihrem Musizieren Reflektives und Spontanes überzeugend miteinander verbindet, die die Elemente des Musikalischen und des Musikantischen spannungsvoll zu mischen weiß. Er spielt bewusst, weiß genau, was er macht und warum er es so und nicht anders macht (denn es gibt auch den Wissenschaftler, den Forscher Kirkpatrick, von dem noch zu berichten sein wird). Intelligenz ist spürbar im Aufbau, in der Anlage seiner Interpretation. Aber wenn das Stück es erlaubt oder verlangt, lässt er sein Cembalo eine Melodie singen, einen langsamen Satz träumen, nuanciert in vielen Farben, lässt Funken sprühen aus den rhythmischen Schlägen und das Amüsement, das ihm das Feuerwerk galoppierender Sechzehntel-Läufe in einer temperamentvoll-galanten Nichtigkeit bereitet, auf den Zuhörer überspringen. Bei Electrola gibt es zwei kleine 17-cm-Platten, auf denen Stücke von Couperin, Rameau, Froberger, Sweelinck, Byrd und Pachelbel zu hören sind. Im Miniaturdonner von Rameaus „Zyklopen" z. B. zeigt Kirkpatrick soviel brillante Virtuosität, wie man auf diesem Instrument nur entfalten kann und soviel Lust am unkomplizierten Musizieren, wie es nur zu wünschen ist.

Zwischen den beiden Polen ernster Versenkung und ausgelassener Spiellaune spannt sich der Bogen des Ausdrucks, der alles, was unter seinen Händen Klang und Form annimmt, mit dem rechten Sinn erfüllt und dem die Bestimmtheit einer kraftvollen Persönlichkeit den letzten Schliff gibt. Am 10. Juni 1911 ist Ralph Kirkpatrick in Amerika geboren, in Leominster im Staate Massachusetts. Natürlich begann er zuerst auf den Klaviertasten herumzuwandern, den ersten Unterricht gab ihm die Mutter. Bald jedoch erwachte die Liebe zum Cembalo und schon als Student auf der Harvard-Universität trat er zum ersten Mal öffentlich auf. Ein Stipendium einer Stiftung ermöglichte es ihm, zwei Jahre, von 1931 —1933, in Europa zu studieren. Seine Lehrer waren in dieser Zeit u. a. Nadia Boulanger, Wanda Landowska und Günther Ramin. 1933 begann er zu konzertieren, vor allem auf dem Cembalo und dem Clavicord. Seit 1940 hält er Vortrage an der Yale-Universität, der er seit 1956 auch als „associate Professor" verbunden ist.

Kirkpatricks wissenschaftliche Arbeit hat sich vor allem auf einen Komponisten konzentriert, dessen Oeuvre eine wahre Fundgrube für die Cembalisten ist: auf Domenico Scarlatti. Die Frucht dieser intensiven Beschäftigung  war ein grundlegendes Werk, das 1953 erschien und das auch eine neue Nummerierung des gesamten Werks einführte, der man sich heute bereits allgemein neben der von Longo bedient. Im nächsten Frühjahr wird er sechs Vorträge über das „Wohltemperierte Klavier" in Kalifornien halten.

Er spricht temperamentvoll, ist interessiert und engagiert an allen Dingen, sei es die Diskussion über die Entscheidung für's Cembalo oder Clavichord (bei der er sich, ganz undogmatisch, als echter Musiker erweist: „Schwer zu entscheiden"), sei es die ganz bestimmte und fundierte Entgegnung auf meine Frage nach der Tempowahl in Präludium und Fuge Fis-dur des „Wohltemperierten Klaviers", die mir fragwürdig erschien. Er spricht von der zeitgenössischen Cembalomusik, von der er einiges mit derselben Liebe pflegt wie die alten Meister, er erzählt von dem großen Interesse, das in Amerika der Barock-Musik entgegengebracht wird, von einer heute bereits außerordentlich verfeinerten Kultur des Cembalobaus dort. Der Eindruck seines Spiels und der des interessierten kenntnisreichen Gesprächspartners verschmelzen in meiner Erinnerung zu dem einer bedeutenden künstlerischen Persönlichkeit.